Die Drei-Minuten-Mannschaft

Der VfB schlägt in Darm­stadt direkt vor der Pau­se dop­pelt zu und ret­tet somit aus dem Abstiegs­du­ell immer­hin einen Punkt. Der Rest des Spiels offen­bar­te immer noch eine gewis­sen Zurück­hal­tung, den Abstiegs­kampf wirk­lich anzu­neh­men, indi­vi­du­el­le Feh­ler inklu­si­ve. War­um man mit einem Punkt in Darm­stadt eben nicht zufrie­den sein kann.

Die Aus­gangs­la­ge war eigent­lich so klar, wie sie es schon gegen Han­no­ver und in Ingol­stadt gewe­sen war. Der Geg­ner wür­de einem in die­sem Spiel nichts schen­ken, man muss­te die Zwei­kämp­fe anneh­men und dre­ckig spie­len um dre­ckig zu gewin­nen. Vor allem ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Abstiegs­plät­ze mitt­ler­wei­le auf fünf Punk­te her­an­ge­rückt sind, konn­te gegen den vier Punk­te schlech­te­ren und extrem heim­schwa­chen Gast­ge­ber die Devi­se eigent­lich nur lau­ten: Alles raus­hau­en.

Der VfB muss­te auf den gelb­ge­sperr­ten Georg Nie­der­mei­er ver­zich­ten, statt­des­sen bil­de­ten Toni Sun­jic und Timo Baum­gartl, bei­de ohne gro­ße Spiel­pra­xis, die Innen­ver­tei­di­gung. Vor­ne setz­te Kram­ny auf Artem Kra­vets statt auf Timo Wer­ner. Dass Darm­stadt ein schwer zu spie­len­der Geg­ner ist, braucht man in der Bun­des­li­ga nie­man­dem mehr zu erzäh­len. Vor allem Mar­cel Hel­ler mit sei­ner Kom­bi­na­ti­on aus schnell ren­nen und viel rekla­mie­ren mach­te dem VfB zu schaf­fen. Den­noch inves­tier­te die Mann­schaft gera­de so viel, um die Lili­en vom eige­nen Tor fern­zu­hal­ten, ohne offen­siv selbst groß Ideen zu haben. Die Mise­re lei­te­te dann ein­mal mehr Serey Dié mit einem völ­lig undurch­dach­ten Rück­pass ein, der dem zwei­ten Darm­städ­ter Unru­he­stif­ter, San­dro Wag­ner, genau in den Lauf roll­te.

Kein Ball, keine Verantwortung

In die­sem Fehl­pass mani­fes­tier­te sich eine Ver­hal­tens­wei­se, die der VfB jetzt schon seit Jah­ren an den Tag legt, wenn man sich nicht mehr zu hel­fen weiß: Bloß nicht zu lan­ge den Ball hal­ten, die Kugel gleich wei­ter­lei­ten an den nächs­ten Spie­ler. Dabei ist es offen­sicht­lich egal, ob man den Platz hät­te, um das Spiel auf­zu­bau­en. Selbst lan­ge Bäl­le Rich­tung VfB-Straf­raum wer­den von unse­ren Ver­tei­di­gern ohne Bedräng­nis wie­der zurück Rich­tung Mit­tel­feld geköpft. So auch Dié, der den Quer­pass vom Mit­spie­ler ansatz­los nach hin­ten wei­ter­lei­te­te, ohne sich Gedan­ken dar­über zu machen, ob es da über­haupt eine Anspiel­sta­ti­on gibt. Spielt man die­se schnel­len Päs­se durch­dacht, nennt sich das Tiki-Taka. Beim VfB ist es Hara­ki­ri.

Man hat­te es ja bereits vor­her erahnt. Was den VfB momen­tan noch von Darm­stadt unter­schei­den und ihn ein paar Plät­ze höher ein­lau­fen las­sen soll­te, ist die Qua­li­tät der Ein­zel­spie­ler. Von wahr­schein­lich-Neu-Wolf Dani­el Dida­vi war an die­sem Tag lei­der wie schon gegen Lever­ku­sen nichts zu sehen, viel­leicht soll­te man mit dem Wech­sel nicht erst nach dem Klas­sen­er­halt des VfB an die Öffent­lich­keit gehen son­dern jetzt, damit Dida, wie ange­kün­digt, bis zur letz­ten Minu­te alles für den VfB geben kann. Wobei er mit sei­ner momen­ta­nen Leis­tung eigent­lich ganz gut nach Wolfs­burg passt. Es waren dann Chris­ti­an Gent­ner — den ich, abge­se­hen vom Tor, erst bei der Dis­kus­si­on vorm Gäs­te­block wie­der wahr­nahm — und Lukas Rupp, die das Spiel dreh­ten, als Darm­stadt sich wohl schon gedank­lich in der Kabi­ne befand.

In der zweiten Halbzeit abgeschenkt

Die Mannschaft schafft es nicht, die Spannung lange genug hochzuhalten. Bild © VfB-Bilder.de
Die Mann­schaft schafft es nicht, die Span­nung lan­ge genug hoch­zu­hal­ten. Bild © VfB-Bilder.de

War es das also wie­der? Der VfB kriegt einen Schuss vor den Bug, merkt, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kann, berap­pelt sich und dreht das Spiel? Schön wär es gewe­sen. Denn natür­lich tritt in einem sol­chen Spiel noch das ein, wovor alle gewarnt hat­ten: Der VfB kas­siert ein Tor nach einer Frei­stoß­flan­ke. Was auch immer in Vor­be­rei­tung auf die­ses Spiel trai­niert wur­de, dass Offen­sicht­li­che war es schein­bar nicht. Auch Tyton mach­te hier kei­ne gute Figur, mach­te erst drei Schrit­te vor, um dann, als der Ball schon im Straf­raum schweb­te, wie­der zurück zu stol­pern. Der VfB, allen vor­an Dani­el Dida­vi, waren von die­ser Frei­stoß­va­ri­an­te (Ball hoch aus dem Halb­feld direkt an den Fün­fer) so über­rascht, dass sie Nie­mey­er unbe­drängt ein­köp­fen lie­ßen.

Nun stand es also wie­der Unent­schie­den und das tat es auch nach 90 Minu­ten, wobei der VfB am Ende von Glück reden konn­te, den einen Punkt noch mit­zu­neh­men. Das Auf­tre­ten in der zwei­ten Halb­zeit ist aus meh­re­ren Grün­den unver­ständ­lich. Zum einen darf man, wenn man aus­wärts bei einer heim­schwa­chen Mann­schaft zum psy­cho­lo­gisch güns­ti­gen Zeit­punkt direkt vor der Pau­se das Spiel dreht, die­ses nach der Halb­zeit nicht wie­der abschen­ken. Man hat­te zu kei­nem Zeit­punkt in den zwei­ten 45 Minu­ten das Gefühl, der VfB kön­ne hier erneut in Füh­rung gehen. Zu behä­big, zu unko­or­di­niert waren die Offen­siv­ak­tio­nen. Es waren wie so häu­fig eben nur die 90 Pro­zent und nicht die 110, die man braucht, um ein Kampf­spiel zu gewin­nen.

Viele Punkte kommen nicht mehr dazu

Viel gra­vie­ren­der ist aber, dass sich der VfB die­sen Punkt­ver­lust eigent­lich nicht leis­ten kann. Ja, die ande­ren müs­sen auch noch gegen schwe­re Geg­ner ran, aber auch der VfB kann in den letz­ten sechs Spie­len nicht mehr mit all­zu vie­len Punk­ten rech­nen. Zum einen geht es gegen Mün­chen, Dort­mund und eine Wolfs­bur­ger Mann­schaft, die am letz­ten Spiel­tag im Kampf um Euro­pa sicher­lich auch nicht so ein­fach zu besie­gen ist. Zum ande­ren bekommt man es mit den direk­ten Kon­kur­ren­ten Augs­burg und Bre­men sowie einem Mainz 05 auf Euro­pa-Kurs zu tun. Bre­men und Augs­burg haben schon bewie­sen, dass sie im Kampf um den Klas­sen­er­halt nichts abschen­ken. Auch des­halb ist ein Punkt gegen einen direk­ten Kon­kur­ren­ten ein­fach viel zu wenig. Rea­lis­tisch kann der VfB im Sai­son­end­spurt noch auf sechs bis höchs­tens neun Punk­te hof­fen. Ob das reicht, wird man am Ende sehen, aber es ist ein­fach frus­trie­rend zu beob­ach­ten, wie die Mann­schaft die Punk­te gegen Kon­kur­ren­ten auf Augen­hö­he ver­schenkt. Die Bilanz seit dem Her­tha-Spiel — nur ein Sieg aus sie­ben Spie­len — setzt auch

Die Aussicht auf Punkte in den nächsten Spielen: Trübe. Bild © VfB-Bilder.de
Die Aus­sicht auf Punk­te in den nächs­ten Spie­len: Trü­be. Bild © VfB-Bilder.de

die vor­an­ge­gan­ge­ne Sie­ges­se­rie wie­der in Rela­ti­on. Nach einem kur­zen Auf­bäu­men, um nicht völ­lig abzu­sau­fen, wursch­telt man sich wie­der so durch und hofft, dass es wie jedes Jahr wie­der drei Mann­schaf­ten gibt, die am Ende grö­ße­res Pech haben.

Und so übten sich nach dem Spiel wie­der alle im Beschwich­ti­gen. Bei­de Mann­schaf­ten hät­ten alles gege­ben, man müs­se mit dem Punkt zufrie­den sein. Die­se State­ments erzäh­len von einem dre­cki­gen Abstiegs­kampf, für den man Geduld braucht. Wenn die Mann­schaft die­sen Kampf anneh­men wür­de, könn­te man auch die dafür nöti­ge Geduld auf­brin­gen. Lei­der ist das Durch­wursch­teln beim VfB seit drei Jah­ren Hand­lungs­ma­xi­me, unter­bro­chen nur von unter­schied­lich lan­gen Pha­sen herz­er­wei­chend schlech­ten Fuß­balls, gepaart mit haar­sträu­ben­den Feh­lern. Frü­her konn­te man die Span­nung wenigs­tens noch über die gesam­te Rück­run­de hoch­hal­ten, selbst das funk­tio­niert nicht mehr. Wahr­schein­lich wird es am Ende erneut für den Klas­sen­er­halt rei­chen. Aber damit man mal ein Jahr lang ein­fach ent­spannt im Tabel­len­mit­tel­feld rum­gur­ken kann, muss in die­sem Ver­ein und vor allem in der Mann­schaft noch eini­ges pas­sie­ren.

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