Unsere Gedanken zur Ausgliederung

In dieser Woche steht einer der wichtigsten Mitgliederversammlungen der jüngeren VfB-Geschichte an. Wir haben unsere Gedanken zur Ausgliederung niedergeschrieben.

Vorab eines: Dies sind unsere Gedanken und Gründe, warum wir wie am Donnerstag abstimmen werden. Wir wollen mit diesem Blogbeitrag niemanden missionieren, sondern einfach einen weiteren Teil zur Debatte beitragen. Das werden wir auch noch in einer Podcast-Folge tun. Uns ist wichtig, dass in dieser Debatte langsam mal wieder eine Sachlichkeit und ein menschlicher Umgang miteinander eintritt. Der VfB wird auch nach dem 1. Juni noch unser Verein sein, ob als AG oder als e.V.

Warum ich gegen die Ausgliederung stimmen werde (Lennart):

Vieles wird derzeit zur außerordentlichen Mitgliederversammlung am kommenden Donnerstag und der Abstimmung über die Ausgliederung der Fußballabteilung in eine VfB Stuttgart AG geschrieben. Auch ich habe mir in den letzten Monaten und eigentlich schon Jahren meine Gedanken dazu gemacht, denn es war klar, dass diese Diskussion irgendwann auch beim VfB Fahrt aufnehmen würde. Jetzt rast sie auf das Ziel zu und ich möchte mein schon länger bestehendes Unbehagen und meine Ablehnung für den Vorschlag des Vorstands des VfB zu Papier bringen.

Eines vorneweg: Für mich ist diese Entscheidung kein Disput zwischen Tradition und Zukunft oder zwischen Fake und Fakt. Ich kann die Argumente derjenigen, die für die Ausgliederung stimmen werden, gut nachvollziehen. Ich stimme ihnen nur nicht zu. Für mich ist die Entscheidung, die am nächsten Donnerstag ansteht, ein Abwägen von Chancen und Risiken. Und für mich überwiegen in diesem Fall die Risiken die Chancen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der VfB würde mit einer Ausgliederung eine Büchse der Pandora öffnen, die er hinterher nie wieder zu kriegen würde. Hier ein weiterer Einschub: Irgendwann wird das Konzept e.V. im Profifußball sowieso nicht mehr zu halten sein, dessen bin ich mir bewusst. Entweder Martin Kind erfüllt sich seinen Kindheitstraum (höhö) und kippt 50+1 oder es wird aus juristischer Perspektive erfolgreich argumentiert, dass die im Profifußball kursierenden Geldsummen nichts mehr mit der Gemeinnützigkeit eines eingetragenen Vereins zu tun haben. Aber muss man deshalb den gleichen Weg wie alle anderen gehen?

Was aber ist aus meiner Sicht so schlimm daran, diese Büchse aufzumachen? Nun, ich fürchte, dass das Geld, das der VfB durchs Büchsenöffnen einnehmen wird, verpufft. Angesichts der Finanzstärke der Bayern und der Dortmunder sowie der Wettbewerbsverzerrung, die Konzerne wie Red Bull, Bayer und Volkswagen sowie ein Mäzen wie Dietmar Hopp betreiben, wird es für den VfB extrem schwer, sich wieder in die Top 6 der Bundesliga vorzuarbeiten. Sicherlich, die Fußballabteilungen von VW und Bayer arbeiten derzeit unter ihren Möglichkeiten, haben aber prinzipiell ganz andere finanzielle Möglichkeiten als der VfB, denn sie erhalten von ihren Investoren/Mutterkonzernen keine einmalige Anschubfinanzierung, sondern regelmäßige Unterstützung in Millionenhöhe.

Wollte der VfB mit diesen Vereinen, bzw. Konzernen also mithalten, müsste er selber regelmäßig ähnliche Einnahmen verbuchen können. Denn machen wir uns nichts vor: Selbst wenn der VfB in der Jugendarbeit wieder den Platz an der Spitze einnimmt, den er lange innehatte, wird er damit alleine nicht in die Bundesliga-Spitze vorstoßen. Woher sollen also die regelmäßigen Einnahmen kommen, um mit den oben genannten Vereinen mithalten zu können? Sicherlich, der VfB bekommt mehr Fernsehgeld, aber es ist davon auszugehen, dass die anderen Spitzenteams dies genauso kriegen. Zwar will Daimler das Sponsoring im Falle der Ausgliederung erhöhen, aber auch das wird nicht ausreichen. Eigentlich können solche Summen wie bei den anderen Vereinen nur dann regelmäßig reinkommen, wenn man regelmäßig Champions League spielt. Wie will man auch sonst den teureren Kader refinanzieren, mit dem man ursprünglich oben angegriffen hat? Dass ein Kader mit Gehältern auf CL-Niveau den Verein in Bedrängnis bringen kann, hat die jüngere Vergangenheit gezeigt.

Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Um oben mithalten zu können, braucht der VfB die Champions League-Teilnahme, um an der Champions League teilnehmen zu können, muss der VfB mehrmals in Folge Vereine mit viel größeren finanziellen Mitteln hinter sich lassen. Das halte ich für unrealistisch. Übrigens sind die Top 6 der Bundesliga nicht die Erwartungshaltung eines nach dem Aufstieg über-euphorischen Fans, sondern das formulierte Ziel des VfB-Vorstands.

Natürlich ist mir auch klar, dass mehr Geld besser ist als weniger Geld. Aber man kriegt das Geld ja nicht geschenkt. Der VfB-Vorstand hat betont, dass der Worst Case jener wäre, dass man da stünde, wo man jetzt auch steht. Und dann? Der Logik des Vorstands folgend müsste man dann erneut Anteile verkaufen, denn der jetzige Zustand ist nach einhelliger Meinung von Vorstand und Ausgliederungs-Befürwortern nicht tragbar und führt dazu, dass der VfB in Zukunft wie ein Halbtoter zwischen erster und zweiter Liga pendelt. Wenn der Verkauf von Anteilen jetzt alternativlos ist, wieso sollte er es nicht auch sein, wenn die erste Charge von 24,9 % erfolglos verpufft wäre. Das ist das, was ich mit der Büchse der Pandora meine. Die AG existiert sowieso schon, von da ist es, mit der richtigen Überzeugungsarbeit, nur ein kleiner Schritt, weitere Anteile zu veräußern, bis der Vorstand des e.V. und damit die Mitglieder, also das, was den Verein VfB Stuttgart ausmacht, eben nicht mehr die Kontrolle hat.

Ich will jetzt gar nicht auf Details der Mitbestimmung der Mitglieder eingehen, weil das von beiden Seiten größtenteils eine Scheindiskussion ist. De facto hat man als Mitglied derzeit auch nicht viel zu bestimmen, de jure ist aber gleichzeitig die Aussage des VfB-Vorstands, die Mitgliederrechte würden im Bezug auf die AG (!) mit der Ausgliederung gestärkt, völliger Blödsinn.

Kommen wir zurück zur Konkurrenzsituation in der Bundesliga: Es gibt ja nur noch wenige eingetragene Vereine in der Bundesliga. Nehmen wir mal Schalke außen vor, die seit Jahren trotz Verbindlichkeiten in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe munter Geld ausgeben, haben diese natürlich einen finanziellen Nachteil gegenüber Vereinen mit externen Geldgebern oder Konzernen. Dann gibt es Vereine, die zwar ihren Profifußballbetrieb ausgegliedert haben, aber keine Anteile veräußert haben. Und dann gibt es die Vereine, die in den letzten Jahren Anteile an externe Investoren verkauft haben, in der Hoffnung, dadurch sportlich weiter nach vorne zu kommen. Keiner dieser als e.V. gestarteten Vereine hat es mit Ausgliederung und Anteilsverkauf geschafft, seine Position in der Tabelle nachhaltig zu verbessern. Die Bayern standen schon immer oben, Dortmund hätte der Börsengang fast die Lizenz und die Liga gekostet, sowohl als e.V. in den 90ern als auch ausgegliedert in den 2010er Jahren waren sie erfolgreich. Vielleicht könnte man mit Abstrichen noch Hertha BSC nehmen, die aber das von einem Investment-Fonds erhaltene Geld angeblich eher in Steine als in Beine investiert haben. Warum sollte der VfB als einziger mit einer externen Anschubfinanzierung einen riesigen Sprung nach vorne machen?

Das also sind meine Bedenken, die dazu führen, dass ich am Donnerstag mit Nein stimmen werde. Ich werde aber auch einen ausgegliederten VfB weiterhin unterstützen, aber die handelnden Personen umso kritischer beäugen schließlich heißt es dann erst recht mit dem Geld verantwortungsvoll umzugehen.

Für mich überwiegt also das langfristige Risiko, den Verein aus der Hand zu geben. Wer kommt als Investor außer dem Ankerinvestor Daimler ins Boot? Halten die sich auch aus der Vereinspolitik raus? Halten sich Investoren auch noch raus, wenn dem e.V.  irgendwann nur noch 50,1 Prozent der VfB-AG gehören? Das mögen zum jetzigen Zeitpunkt diffuse Ängste sein, aber sie sind da und nicht ganz unrealistisch.

Aber vielleicht kommt auch alles ganz anderes. Zum Schluss ein Appell: Egal ob man für oder gegen eine Ausgliederung ist, ist man VfB-Fan oder -Mitglied. Leuten, die gegen die Ausgliederung stimmen, liegt der VfB nicht mehr oder weniger am Herzen als jenen, die dafür stimmen. Genauso wenig sollte man dem jeweils anderen hinterher vorwerfen, dass er Schuld am kurz- oder langfristigen Misserfolg des VfB sei, sollte dieser eintreten.

Denn unabhängig von den inhaltlichen Aspekten der Diskussion ist der Ton, in dem diese geführt wird, das, was mir am Meisten Sorgen macht. Und daran ist auch der Vorstand des VfB schuld. Denn dieser fährt nichts anderes als eine subtile Nestbeschmutzer-Kampagne. “Ja zum Erfolg” heißt nämlich auch: Wer mit Nein stimmt, ist gegen den Erfolg. Und wenn die Ausgliederung abgelehnt wird und der Erfolg beim VfB ausbleibt, dann sind die Schuldigen auch schon gefunden: Die Nein-Sager. Das wird der Verein natürlich nicht aktiv befeuern. Aber wer sich die Diskussionen in einer beliebigen Facebook-Gruppe durchliest, sieht, dass es so kommen wird. Also: Geht zur MV, stimmt ab, und redet auch hinterher noch miteinander!

Warum ich noch unentschlossen bin (Tom):

Eine längst überfällige Diskussion und Entscheidung über die Zukunft des VfB Stuttgart wird an diesem Donnerstag endlich gefällt werden. Wie ich mich entscheiden werde, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht, weil mir Argumente von beiden Seiten einleuchten.

Die Argumente der Gegner – “100 Millionen Euro sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, wir brauchen regelmäßig das Geld, außerdem ist eine Ausgliederung nicht nachhaltig” – teile ich nur bedingt. Ich halte 100 Millionen Euro für sehr viel Geld, auch im Umfeld des Profifußballs – zumindest wenn man es richtig einsetzt. Und da sehe ich bei den Verantwortlichen momentan eine klare Vision und Idee: Kontinuität, junge entwicklungsfähige Spieler und eine gewisse Idee den VfB wieder voran zu bringen. Der vielleicht größte Fehler des VfB nach 2007 war, dass er nicht mehr nach seinem Credo “junge, hungrige, entwicklungsfähige Spieler” eingekauft hat, sondern meinte, man müsse im Zuge der Champions League-Teilnahme auf alte, erfahrene Spieler ohne jeglichen Wiederverkaufswert setzen. Ich gehe davon aus, dass man daraus gelernt hat und wenn wir nur einen Teil des Geldes vernünftig einsetzen, wird man wieder mehr Geld durch Weiterverkäufe einnehmen und man hätte die sogenannte Anschubfinanzierung genützt. Ich sehe das als Investition in die Zukunft, die natürlich ein gewisses Risiko birgt. Ich vertraue den handelnden Personen. Ob ihr das auch tut? Müsst ihr selbst entscheiden. Ich sehe die Ausgliederung und die Möglichkeit auf diese Summe als riesige Chance für uns. Soviel zur Chance.

Zur Chance gehört aber leider auch ein Risiko, das die Verantwortlichen selbstverständlich in in ihrer Wahlkampftour nicht beleuchten. Lennart hat das oben schon beleuchtet: Was passiert wenn alles Geld verpufft? Stehen wir dann wirklich wieder so da wie vorher, laut Dietrich? Da bin ich mir ehrlich gesagt sehr unsicher. Die Anteile sind weg, um an neues Geld zu kommen müsste man definitiv mehr Anteile verkaufen und wir stünden sehr sicher nicht so da wie vorher, weil wir nun einmal Anteile verkauft hätten, diese wären nun mal “weg”. Das ist ein Risiko das sich nicht wegdiskutieren lässt. Ich halte es allerdings für geringer als die Chance die wir durch eine Ausgliederung bekommen würden. Die Verantwortlichen sind durchaus in der Lage den Freistoß aus knapp 20 Metern zu mindestens 70 % zu verwandeln.

Was mir an der Ausgliederung dennoch Bauchschmerzen bereitet ist, dass wir als Mitglieder nachweislich Einflussmöglichkeiten verlieren werden. Wie hoch die aktuell sind, sei mal dahin gestellt, nach einer möglichen Ausgliederung sind sie definitiv “nur” für den Verein größer, nicht für die AG. An wen werden eigentlich die weiteren Anteile verkauft? Ich würde dem Vorstand blind ein “Mandat” ausstellen und müsste mit dem zufrieden sein, was kommt. Wer sagt mir, dass Anteile nur an regionale Unternehmen verkauft werden? Fühle ich mich nach der Ausgliederung “dem Verein” noch genauso verbunden wie zuvor?

Dazu kommt die Alternativlosigkeit die mir der VfB im Moment suggeriert: “Ja zum Erfolg”, das impliziert fast, dass wir den Laden dicht machen können wenn wir nicht ausgliedern. Ich kann es nachvollziehen, sie sind überzeugt und haben einen Weg – wie viele Vorstände beim VfB hatten so etwas schon in den letzten 15 Jahren? – dennoch erzeugt es bei mir ein mulmiges Gefühl, weil sie doch durch mein “Ja” einen extremen Vertrauensvorschuss bekommen würden. Was passiert eigentlich, wenn mehr als 25 % mit “Nein” stimmen? Was ist der Alternativplan? Leider gibt es vom Verein keine oder kaum Aussagen dazu.

Und nun sitze ich nach wie vor hier und weiß nicht für was ich am Donnerstag stimmen soll. Mit “allen” Mitteln im Haifischbecken Profifußball mitspielen, einen “Teil” von uns abgeben und das Geld von einem Investor einsacken, wie es Timo Hildebrand in unserem Interview so schön gesagt hat, oder reiner e.V. bleiben, kleinere Brötchen backen und hoffentlich langsam wieder Anschluss nach oben bekommen? Mein Kopf sagt ganz rational Variante 1, der Fußballromantiker in mir sagt Variante 2.

Was uns wichtig ist (Tom & Lennart):

Geht zur Mitgliederversammlung und stimmt ab! Und akzeptiert das Ergebnis der demokratischen Abstimmung!

Bild: Flickr / Dennis Skley (Lizenz)

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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