Rund um das Spiel in Berlin

Zum Auftakt der Bundesliga-Saison tritt der VfB morgen in Berlin an. Wir haben mit Hertha-Fan Steffen vom Podcast Damenwahl über seinen Verein und das Spiel gesprochen.

Rund um den Brustring: Hi! Erzähl mal was über Euch und Euren Podcast. Wie seid ihr auf den Namen “Damenwahl” gekommen?

Steffen: Damenwahl, das sind Henry (@sirhenry33), Micha (@delann77) und meine Wenigkeit, Steffen (@faase). Unseren Podcast gibt es seit 2015 und das Warum ist auch schnell erklärt: Wir sind nicht nur Herthaner, sondern auch selbst langjährige Podcast-Hörer. Mit der Idee, einen eigenen Podcast auf die Beine zu stellen, rannte Henry dann eine sperrangelweit geöffnete Tür ein. Da wir uns sowieso regelmäßig bei diversen Tweetpässen über Fußball im Allgemeinen und Hertha im Speziellen unterhalten haben, mussten wir diese Gespräche nur noch an den heimischen Küchentisch verlegen, ein Mikro dazu stellen – und fertig war der Podcast.

Der Titel “Damenwahl” spielt zum Einen auf Herthas Spitznamen “Die alte Dame” an. Dazu noch ein wenig Popkultur in Form von Nick Hornbys Fußball-Weisheit “Fußballfans suchen sich ihren Verein nicht aus, sondern werden von ihrem Verein erwählt”, und schon stand auch der Name fest.

Wer Interesse hat, mal über den Tellerrand zu gucken oder zu hören, kann gerne unter www.damenwahl-podcast.de vorbei schauen. Oder ladet euch eine Episode des Podcasts mit eurer Podcast-App.

Rund um den Brustring: Hertha hat die Ehre, der erste Bundesliga-Gegner des VfB nach dessen Wiederaufstieg zu sein. Hand aufs Herz: Habt Ihr uns vermisst letztes Jahr? 😉

Steffen: “Vermisst” ist vielleicht das falsche Wort 😉 

Mir persönlich ist ein Verein wie der VfB Stuttgart in der ersten Liga lieber als Vereine wie Ingolstadt oder Paderborn. Dennoch waren die Abstiege des VfB und der Hannoveraner gut für Hertha. Nach unseren beiden Abstiegen zu Beginn des Jahrzehnts hatten wir einiges an Boden verloren. Da hilft jede Zweitliga-Ehrenrunde eines Konkurrenten dabei, das Feld wieder auszugleichen. Meinetwegen könnt ihr die Liga diese Saison auch gerne halten und wir schicken einen anderen “Großen” in die Ehrenrunde. Ich hab gehört, der HSV hat Interesse angemeldet.

Rund um den Brustring: Platz 6 und die direkte Qualifikation für den UEFA-Cup ist die beste Platzierung seit 2009. Überrascht Dich diese Platzierung oder ist sie das Ergebnis eines längeren Prozesses seit dem Wiederaufstieg vor vier Jahren?

Steffen: Platz 6 hat mich sehr wohl überrascht. Zwar wird bei Hertha inzwischen kontinuierlich und seriös gearbeitet. Aber mein Realismus, manch einer meint es wäre eher Pessimismus, sagt mir, dass wir so gut arbeiten können wie wir wollen – wenn Wolfsburg, Schalke oder Gladbach das Maximale aus ihren Mitteln rausholen, dann stehen sie in der Tabelle auch vor uns. Haben sie aber nicht. Hertha hingegen hat letzte Saison das Optimum aus dem Kader gekitzelt und somit findet man sich dann eben im oberen Tabellendrittel wieder.

Vorletzte Saison sind wir am 34. Spieltag noch aufgrund der schlechteren Tordifferenz auf den 7. Platz zurück gefallen, ein Jahr später hat es dann gereicht. Keiner bei Hertha zieht daraus den Schluss, dass wir die sechstbeste Mannschaft in Deutschland haben. Herthas Aufgabe ist eher, nicht durch eine frühe Negativserie in Abstiegsnöte zu geraten. Schön in sicheren Gefilden Punkte sammeln – und wenn dann einer der üblichen Verdächtigen für die Europapokal-Plätze strauchelt, müssen wir da sein und unsere Chance nutzen. Letzte Saison hat’s geklappt und wir dürfen endlich mal wieder Europapokal-Luft schnuppern (tun wir einfach mal so, als hätte der Ausflug zu Bröndby im letzten Sommer nicht stattgefunden).

Rund um den Brustring: Der VfB hat seine Fußballabteilung im Sommer in eine AG ausgegliedert und 11,5 Prozent der Anteile für 41,5 Millionen Euro an Daimler verkauft. Hertha ist diesen Schritt bereits 2014 gegangen und erhielt 61,2 Millionen für 9,7 Prozent der Anteile von KKR. Hat der Höhenflug Eures Vereins auch etwas mit diesen Investitionen zu tun?

Steffen: Zunächst einmal ist der Deal mit dem amerikanischen Finanzinvestor KKR ein wenig komplexer als “Geld gegen Anteile”. Es führt zu weit, da jetzt zu sehr ins Detail zu gehen. Nur soviel: Spätestens 2021, wenn die vertraglich vereinbarte Mindestlaufzeit des Deals abgelaufen ist, werden wir erfahren, was da noch alles an Optionen und Nebenabreden mit vereinbart wurde. Für die reinen Anteile hätten wir jedenfalls deutlich weniger Geld bekommen. Die letztlich überwiesene Summe wurde jedoch nicht zufällig gewählt. Die 61,2 Millionen Euro entsprachen genau der Summe, die benötigt wurde, um auf der einen Seite sämtliche Bankverbindlichkeiten abzulösen und auf der anderen Seite die bis zum Sankt-Nimmerleinstag vorveräußerten Rechte (Merchandising, Catering etc.) zurückzukaufen.

Somit hat der Deal dem Sanierungsfall Hertha (fast) einen Neustart ermöglicht und überhaupt wieder Handlungsspielräume eröffnet. Und ja, es macht einen erheblichen Unterschied, ob man von Zinszahlungen an die Banken langsam erdrosselt wird oder ob man die freigewordenen Einnahmen aus dem Spielbetrieb in die Mannschaft reinvestieren kann. Es macht auch einen Unterschied, ob man zu jedem Angebot für einen eigenen Spieler “ja” sagen muss oder ob man im Sommer 2016 ein Angebot über 13 Millionen Euro für Vladimir Darida auch mal ausschlagen kann. In jedem Fall würde ohne diese Entschuldung nicht ansatzweise die Mannschaft auf dem Feld stehen, die uns in den vergangenen beiden Saisons doch so einige Freude bereitet hat.

Rund um den Brustring: Ihr habt ja zwei ehemalige Brustringträger in Euren Reihen. Während Julian Schieber bereits seit 2014 in der Hauptstadt spielt, ist dies die erste Saison, in der ihr Vedad Ibisevic komplett selber bezahlen müsst. 😉 Wie wichtig sind die beiden für Euch?

Steffen: Julian Schieber ist in meinen Augen ein fantastischer Spieler, dessen Körper leider größere Heldentaten verhindert hat. Sein Knie macht nicht mit. Er hat jetzt noch ein Jahr Vertrag und ich wünsche ihm von Herzen, dass er nochmal zurück auf den Platz kommt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und Vedad? Tja, was soll man zu Vedad Ibisevic sagen. Ein Spieler, den ihr so dringend loswerden wolltet, dass ihr ernsthaft noch zwei Jahre lang die Hälfte seines Gehaltes gezahlt habt. Eine Hochrisiko-Verpflichtung, die eigentlich nicht gut gehen konnte. Zwei Saisons später ist er nicht nur unser zuverlässigster Torschütze, sondern auch noch Kapitän. Letzteres halte ich für einen dardaischen Geniestreich, da er die Leader-Qualitäten von Vedad genutzt und zugleich noch die immer mal wieder aufflammenden Disziplinlosigkeiten eindämmt hat. Vedad ist gerade 33 geworden und kann hoffentlich noch 1-2 Jahre auf diesem Niveau weiterspielen. In jedem Fall dürfte es sehr schwer werden, ihn gleichwertig zu ersetzen.

Rund um den Brustring: Von welchem Eurer bisherigen fünf Neuzugänge (Leckie, Selke, Rekik, Klinsmann, Lazaro) versprichst Du Dir  am Meisten? Welcher Abgang schmerzt?

Steffen: Ich fange mal mit der zweiten Frage an. Von den bislang sechs Abgängen ist der entscheidende Transfer mit Sicherheit der von John Anthony Brooks zum VfL Wolfsburg. John wollte eigentlich nach England, aber dann ist ihm auf der A2 kurz nach Helmstedt der Diesel ausgegangen und so ist er eben in Wolfsburg gelandet. Brooks war Stammspieler und an guten Tagen einer der besten Innenverteidiger der Liga. Ernsthaft! Wenn er allerdings abseits der Topspiele mal nicht Lewandowski oder Aubameyang abkochen durfte, dann spielte er nicht selten unkonzentriert und leistete sich immer mal wieder einen Schnitzer. Seinen Abgang hat man uns mit einem dicken Koffer voller Geld versüßt, mit dem Michael Preetz ein paar sehr vielversprechende Zugänge finanzieren konnte. 

Die Transfers ergeben in meinen Augen alle einen Sinn und gehen die Schwachstellen der Mannschaft an. Der Top-Transfer war aber ohne Frage Davie Selke von Leipzig. Selke ist jung, schnell, torgefährlich, technisch stark – und noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung. Er konnte sich in Leipzig nicht gegen Timo Werner durchsetzen, was aber keine Schande ist.

Arne Maier aus dem eigenen Nachwuchs soll nicht unerwähnt bleiben. Arne ist ein Sechser und gilt vereinsintern als größtes Talent seit langer Zeit. Ich bin gespannt und hoffe, dass er dem Erwartungsdruck standhalten kann.

Vielleicht noch interessant zu erwähnen, dass Davie Selke, Valentino Lazaro und Jonathan Klinsmann gegen euch verletzungsbedingt fehlen werden. Die beiden Erstgenannten werden voraussichtlich noch im August wieder ins Training einsteigen, bei Klinsmann hingegen könnte es etwas langwieriger werden.

Rund um den Brustring: Was sind die Stärken des derzeitigen Hertha-Teams und wo siehst Du Euch am Ende der Saison?

Steffen: Die Saison-Prognose ist jedes Jahr aufs Neue große Kaffeesatz-Leserei. Ich denke, wir haben ein homogenes Team mit einer Menge guter Spieler, die an guten Tagen auch die Bayern oder Dortmund ärgern können. Wir müssen uns mit unserem Kader sicherlich nicht verstecken. Im Tor haben wir mit Rune Jarstein einen ruhigen, verlässlichen, mitspielenden Torwart. Die Defensive dürfte auch nach dem Abgang von Brooks stabil stehen und die Offensive wurde sinnvoll verstärkt. Auf dem Papier sieht das gut aus und sollte uns, je nachdem wie gut wir die vielen Europapokal bedingten englischen Wochen in der Hinrunde überstehen, auf die Plätze 8 bis 12 führen. 

Ob das alles in der Praxis funktioniert, werden wir sehen. Diese Saison wird lang und sehr schwer. 

Rund um den Brustring: Und wo habt Ihr Schwächen? Wie könnte der VfB seine Außenseiterchance als Aufsteiger nutzen?

Steffen: Die Schwachstelle der letzten Saison war die Schaltstelle zwischen Defensive und Offensive. Wenn wir Chancen hatten, dann war die Verwertungsquote sehr gut. Nur die Zahl der Chancen ließ oft zu wünschen übrig. Auch ein Vedad Ibisevic kann eben nicht jeden Ball rein machen. 

Außerdem sahen wir in englischen Wochen in den letzten Jahren oftmals nicht gut aus. Habe ich bereits erwähnt, dass wir davon bis zur Winterpause bis zu 10 Stück haben? Daraus wird allerdings der VfB noch keinen Vorteil ziehen können, ich kann euch also leider nur wenig Hoffnung machen! 😉

Rund um den Brustring: Was kann man an einem Wochenende in Berlin machen, außer den VfB anfeuern, wenn man schon alles gesehen hat, was Touristen halt so kennen? Habt Ihr einen Geheimtipp für die Gästefans, die nicht vom Prenzlauer Berg aus anreisen?

Steffen: Oje, die Berlin-Reiseführer sind recht dick und ich habe keine Ahnung, was da inzwischen so alles seinen Weg hinein gefunden hat. Ich habe zuletzt zweimal die “Berliner Unterwelten” (berliner-unterwelten.de) empfohlen und bekam nur positive Rückmeldungen. Ich glaube aber nicht, dass das noch als Geheimtipp durchgeht. Fragt einfach im Rössle nach, da wird man euch sicher noch einige Tipps geben können.

Rund um den Brustring: Was ist Dein Tipp fürs Spiel?

Steffen: Heimspiele werden gewonnen. 2:0. Willkommen zurück in der 1. Bundesliga.

Rund um den Brustring: Steffen, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: © VfB-Bilder.de

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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  • Annegret Seidel

    Freu mich schon auf die Partie! Man sollte noch anmerken, dass das von Steffen erwähnte Rössle die Vereinskneipe des Berliner VfB-Fanklubs ist – immer einen Besuch wert, wenn man in der Hauptstadt mit anderen Stuttgartanhängern ein Spiel schauen möchte 🙂

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