Rund um das Spiel in Frankfurt

Rund um das Spiel in Frankfurt

Die Bundesliga biegt nach der Länderspielpause auf die Zielgerade ein. Was ist für den VfB bei Europapokal-Viertelfinalist Eintracht Frankfurt drin? Darüber haben wir mit SGE-Fan Pia (@Pia_Zorn) gesprochen.

Rund um den Brustring: Hallo Pia und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für dieses Gespräch nimmst. Stell Dich zunächst bitte kurz vor: Wie bist Du Eintracht-Fan geworden?

Pia: Richtig Eintracht Fan bin ich Anfang der 90er Jahre geworden, habe die Eintracht aber schon vorher verfolgt. Mit dem Umzug nach Frankfurt ergab sich dann die Gelegenheit öfter vor Ort im Stadion zu sein. Nach dem ersten Abstieg 1996 habe ich mir aus Trotz die erste Dauerkarte geholt. Ich habe seitdem viele Höhen und Tiefen miterlebt.
2007 hat das Eintracht Museum seine Pforten geöffnet. Ich bin seit Anfang an Teil des Museumsteams, mittlerweile auch schon unfassbare 11,5 Jahre. Die Arbeit im Museum macht mir viel Spaß und hat mich natürlich noch enger an die Eintracht gebunden. Seit 2011 machen wir die Waldtribüne an Heimspieltagen der Eintracht. Zuerst war ich dort vor der Bühne zu finden und habe mich um die Gäste gekümmert, mittlerweile bin ich Teil des Moderatoren-Teams.

Nachdem die SGE Ende der letzten Saison sogar noch hinter den VfB rutschte, nehmt Ihr auch dieses Jahr wieder Kurs auf den Europapokal. Hättest Du das vor der Saison erwartet und glaubst Du, die Eintracht erobert am Ende sogar Platz 4?

Nein, das hätte ich so nicht erwartet. Letzte Saison war ich ziemlich sauer, dass wir so leichtfertig den Euroleague Platz verspielt haben. Das war wirklich mein Traum. Wer konnte ahnen, dass wir dieses Ziel noch mit dem Gewinn des DFB-Pokals erreichen würden. Das Pokalfinale war der Hammer. Diese ganzen Emotionen, die heute noch beim puren Gedanken daran eine Gänsehaut bei mir hervorrufen.
Ich hätte nie gedacht, dass wir den Abgang Kovacs und einiger Spieler so kompensieren können. Aber mit Adi Hütter haben wir einen Toptrainer, sowohl fachlich als auch menschlich. Und fast alle Neuzugänge haben eingeschlagen. Wahnsinn. Ein solches Teamgefüge habe ich lange nicht mehr erlebt. Ob die Eintracht Platz 4 erreicht!? Darüber mache ich mir keine Gedanken. Erstmal können wir nicht mehr absteigen. Aber nächste Saison wieder international zu spielen wäre natürlich sensationell.

Apropos Europapokal: Nach der letzten Runde der europäischen Ausscheidungsspiele seid Ihr die letzte Bundesliga-Mannschaft, die noch international aktiv ist und steht zum ersten Mal seit knapp 20 Jahren wieder im Viertelfinale des UEFA-Pokals. Kannst Du Deine Gefühle über die aktuelle sportliche Situation in Worte fassen?

Es ist sogar schon ein Vierteljahrhundert her, seit wir das letzte Mal im Viertelfinale des UEFA-Cups waren. Es fällt wirklich schwer, das Ganze in Worte zu fassen. Wir schweben seit dem Pokalsieg auf einer Wolke, die Begeisterung und die Bereitschaft für Europa ist so groß wie noch nie. Keine andere Mannschaft bringt in der Euroleague so viele Fans mit. Es ist einfach unglaublich, was im Moment hier abgeht. Man muss das einfach genießen. Wir alle wissen, wo wir herkommen, dass wir 2016 noch Relegation gespielt haben. Das, was wir hier gerade erleben, ist wie ein Geschenk, dessen Kostbarkeit wir sehr zu schätzen wissen. Etwas ganz Besonderes.

Ein Wermutstropfen ist sicherlich, dass das Auswärtsspiel beim Viertelfinal-Gegner Benfica Lissabon mit ziemlicher Sicherheit ohne Eintracht-Fans stattfinden wird. Wie bewertest Du die Ereignisse rund um das Rückspiel gegen Inter und die Stellungnahme der Ultras Frankfurt?

Dieser Tag in Mailand hatte alles, aber auch wirklich alles zum perfekten Tag. Im Vorfeld haben wir schon mehr Karten zugestanden bekommen, die ganze Situation am Spieltag in der Stadt war sehr entspannt. Es gab keinen Stress mit der Polizei, der Marsch zum Stadion verlief ohne Komplikationen. Beim Einlass ins Stadion war es zwar voll, aber die Einlasskontrollen waren überschaubar. Eintracht-Fans, die sich Karten über andere Kanäle für andere Blöcke besorgt hatten wurden einfach zu den Gästeblöcken geschickt. Kurzum, Inter und die Stadt Mailand waren ein großartiger Gastgeber.
Andererseits war jedem klar, dass wir auf Bewährung sind. Die UEFA hatte uns diese letzte Chance gegeben. Umso weniger kann ich dann verstehen, was in den Köpfen einiger Irrer vorging. Du gehst gegen Inter Mailand, im ehrwürdigen San Siro Stadion in Führung, bereitest dir die besten Ausgangsmöglichkeiten für ein Weiterkommen, kollektives Ausrasten in den Eintracht-Blöcken, und dann – Bengalos flammen auf und eine Rakete fliegt …

Das hat mir leider total den Stecker gezogen und ich denke, dass es vielen ähnlich ging. Du stehst im Stadion und bist hilflos, machtlos und verstehst es einfach nicht. Der Traum, ein mögliches weiteres Spiel auswärts in Europa im Stadion erleben zu dürfen, droht wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Und eigentlich solltest du dich im Moment doch freuen. Man hat im Stadion gemerkt, dass es keine konzertierte Aktion war. Ich fand die Stellungnahme der UF97 in Ordnung und notwendig. Und ungewöhnlich. Eine glasklare Entschuldigung, und dass intern Konsequenzen gezogen werden. Das wird sicher auch von der UEFA zur Kenntnis genommen. Was es bringt, werden wir sehen. Wir alle erwarten gespannt die Entscheidung der UEFA am Donnerstag. Die Eintracht wird auf jeden Fall darum kämpfen, dass die Fans mit nach Lissabon dürfen. Die UEFA sieht ja auch, dass die Eintracht diesen Wettbewerb lebt und bereichert. 

Die Zusammenarbeit der Eintracht mit den einzelnen Fangruppen fußt auf gegenseitigem Vertrauen. Auch hier greift die Haltung von Eintracht Frankfurt, den modernen Profifußball unter dem Gesichtspunkt seiner gesellschafts- und sozialpolitischen Verantwortung zu begreifen. Und sie kommunizieren mit den Fans. Das finde ich auch den richtigen Weg. Wir müssen zusehen, dass einige Idioten das nicht kaputt machen.

(Anmerkung: Das Gespräch haben wir vor der Entscheidung der UEFA geführt, gegen die Eintracht nur eine Geldstrafe, aber keinen Zuschauerausschluss zu verhängen)

Zurück zum Sportlichen. Die Eintracht hat in der Rückrunde noch kein Spiel verloren. Was macht die Mannschaft derzeit so stark?

Derzeit passt einfach alles. Hervorzuheben ist sicher der große Teamgeist, der die Mannschaft trägt. Jeder kämpft und rennt für den anderen. Die Spieler haben Spaß am Fußballspielen. Die Stimmung im Team ist großartig, das sagt jeder, der ein bisschen näher an der Mannschaft ist. Und dann haben wir mit Adi Hütter und seinem Trainerteam hervorragende Leute, die anscheinend ein Händchen dafür haben, die Leine mal ein bisschen lockerer zu lassen und im richtigen Moment auch wieder anzuziehen.

Das Hinspiel in Stuttgart gewann Frankfurt deutlich mit 3:0, in der Vergangenheit konnte der VfB jedoch durchaus den einen oder anderen Sieg in Frankfurt feiern – unvergessen ist sicherlich das 4:5 im Oktober 2014. Welche Schwächen der Eintracht-Elf könnte der VfB am Sonntag nutzen?

Puh, 2014, das war hart. Ein packendes Spiel, vermeintlich das Spiel gedreht und am Ende guckt man blöd in die Röhre. Aber, das war die alte Eintracht. Früher war es für die Eintracht typisch, gegen große Gegner ein tolles Spiel zu machen und gegen vermeintlich schwächere Gegner abzukacken. Das hat sich zum Glück gelegt.
Die einzige Schwäche, die ich im Moment sehe, ist die Doppelbelastung durch die Euroleague. Da nun Länderspielpause war, sollten einige ihren Akku wieder aufgeladen haben. Nicht wenige waren jedoch auch mit ihren Nationalmannschaften unterwegs, da muss man abwarten, wie fit sie bei der Rückkehr sind.

Wie zufrieden bist Du eigentlich mit den Winterneuzugängen? Hattest Du bei Martin Hinteregger, der Augsburg im Streit verließ, deswegen Bedenken?

Ich bin mit allen Winterneuzugängen mehr als zufrieden. Bei Sebastian Rode hatte ich zuerst Bedenken, dass er zu verletzungsanfällig sein könnte, aber toll, wie er sich in die Mannschaft eingefügt hat. Vom Bankdrücker zum Führungsspieler. Almany Touré, von dem ich vorher noch gar nichts gehört habe, hat sich bisher ganz gut geschlagen. Hier glaube ich auch, dass die Multikulti-Truppe einem das Eingewöhnen leichter macht. Hier werden alle Sprachen gesprochen, jeder hilft bei der Integration der Spieler.
Tja, und von Martin Hinteregger bin ich am meisten begeistert. Wahnsinn, wie der sich in die Mannschaft integriert hat und welche Leistungen er von Anfang an gezeigt hat. Bedenken und Vorbehalte hatte ich keine, habe da auf Adi Hütters Urteil vertraut, der hätte bestimmt keinen Stinkstiefel in die Mannschaft geholt. Hinteregger hat sich in die Herzen der Fans gespielt, der Eintracht-Videopodcast Fußball2000 hat ja sogar schon die #HintiArmy gegründet, Aufkleber sind in der Stadt verteilt und es gibt bereits #HintiArmy Shirts. Er wurde von einem österreichischen Reporter ja darauf angesprochen und man hat gemerkt, dass ihn das gefreut hat, dass er nach kurzer Zeit hier bereits ein so großes Standing hat. Ich hoffe doch sehr, dass die Eintracht ihn fest verpflichten wird, auch wenn schon Klubs aus der Premier League anklopfen.

Startet bei der SGE durch: Filip Kostic. Bild: © VfB-exklusiv.de unter CC BY-SA 3.0
Startet bei der SGE durch: Filip Kostic. Bild: © VfB-exklusiv.de unter CC BY-SA 3.0

Wir VfB-Fans reiben uns ja immr noch verwundert die Augen, was Filip Kostic im SGE-Trikot leistet. Erklär uns doch bitte mal, wie er sich so gut bei Euch entwickeln konnte.

Da seid ihr sicher nicht alleine. Auch HSV-Fans reiben sich sicher verwundert die Augen. Wir allerdings auch, aber ob der Tatsache, welche Leistung er hier bringt. Es gab hier schon Vorbehalte gegen den Mann mit zwei Abstiegen im Gepäck.
Chapeau, was der Typ bei seinen rasanten Flügelläufen an Kilometern abspult. Es scheint einfach zu passen. Kostic spielt bei der Eintracht ja Außenverteidiger und hat vorher eher offensiv gespielt. Ihm scheint das zu liegen, er schöpft sein Potenzial voll aus, hat sich zum Teamplayer entwickelt. Auch hier hat Hütter mit Kostics räumlicher Rückversetzung ein glückliches Händchen bewiesen.

Abgesehen von der wahrscheinlichen Auswärtssperre im Europapokal: Welche Themen abseits des Rasens beschäftigen die Eintracht-Fans sonst noch so derzeit?

Zu erwähnen ist hier sicherlich der Stadionausbau, bei dem eine Erweiterung auf 60.000 Plätzen (bei etwa 20.000 Stehplätzen) im Raum steht. Hier sind jedoch die Stadt Frankfurt als Besitzer und die Eintracht als Nutzer sich nicht einig, wer welche Kosten tragen soll.
Weiterhin Thema ist immer noch der umstrittene Polizeieinsatz im Stadion vor dem Spiel gegen Donezk, wo Lagerräume der Ultras durchsucht wurden. Beim anschließenden Versuch der Polizei ein Banner zu konfiszieren, wurde ein Eintracht-Anhänger von einem Polizisten über die Bande gestoßen und hat sich dabei verletzt. Nun erwarten diesen Fan juristische Konsequenzen, da die Polizei ihn wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angezeigt hat. Das erhitzt natürlich immer noch die Gemüter und wird weiterhin für Gesprächsstoff sorgen. Peter Beuth und die Eintracht werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr.

Wenn Du die derzeitige Situation von Eintracht Frankfurt mit einem Song beschreiben müsstest, welcher wäre das und warum?

Da wir seit dem Pokalsieg durch Europa schweben:

Never let me down again (Depeche Mode)

We’re flying high
We’re watching the world pass us by
Never want to come down
Never want to put my feet back down
On the ground

Abschließend: Dein Tipp fürs Spiel?

3:1 für die Eintracht. Auch wenn bei Stuttgart ein Aufwärtstrend zu verzeichnen ist, hoffe ich auf das neue Gesicht der Eintracht und bin optimistisch.

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