Rund um das Spiel in Mönchengladbach

Nach dem Heimsieg gegen Wolfsburg geht es direkt am Dienstag auswärts in Gladbach weiter. Wir haben Christoph (@ullrich001), einen der Borussia-Experten beim Halbangst-Blog, zum Spiel interviewt.

Rund um den Brustring: Hallo Christoph, danke, dass Du dir Zeit für uns genommen bist. Erzähl mal kurz was über Dich und den Halbangst-Blog.

Christoph: Ich bin seit über 25 Jahren als Fan dabei, hatte meine erste Dauerkarte am Bökelberg mit 14 (Nordkurve, Block 17) Da spielten so Typen wie Effenberg, Dahlin, Andersson, Hochstätter, Neun, Pflipsen, Wynhoff, Kamps in der Mannschaft. Das klingt zwar wie ein bisschen “Oppa erzählt vom Bökelberg”, aber ist im Hinblick auf die aktuelle Mannschaft nicht unwichtig. Aber da kommen wir später sicher noch drauf zu sprechen. Ich sitze übrigens inzwischen jenseits der Nordkurve, aber bin immer noch mit der Dauerkarte dabei.

Was den Halbangst-Blog angeht, ist es ein Versuch, einen meinungsstarken Kontrapunkt gegen die sportjournalistischen Platzhalter zu setzen. Als wir vor über fünf Jahren angefangen hatten, haben wir uns über das hohe Maß an Fanjournalismus in RP, NRZ, WZ, Express und Bild geärgert. Ihr müsst wissen, wir sind alle ebenfalls Journalisten bei großen Sendern und machen daher aktuelle politische Berichterstattung. Und das wollten wir einbringen. Wenn auch in einer zugegeben interessanten Kombi aus der Borussia, Fortuna Düsseldorf und der DEG. Aber ich denke, dass hat sich als kritisches Medium etabliert. Inzwischen haben wir uns mit anderen Bloggern und Podcastern zusammengeschlossen und testen gerne mal an neuen Projekten rum. Im Moment versuchen wir einen wöchentlichen Eishockey-Podcast zu etablieren, was auch ganz gut angelaufen ist.

Rund um den Brustring: In der vergangenen Saison stand die Borussia zur Winterpause im Tabellenkeller, schloss die Saison auf Platz 9 ab und kam außerdem ins UEFA-Pokal-Achtelfinale und ins Pokal-Halbfinale. Was hat Dieter Hecking besser gemacht als Andre Schubert?

Christoph: Ich war ja einer der frühen Gegner Andre Schuberts. Insofern, wollte ich polemisch antworten, fällt die Antwort leicht: Hecking macht alles anders!

Aber so leicht ist es dann doch nicht. Schubert hat die Mannschaft durchaus reifer gemacht, ihr Freiheiten verordnet, die sie zwingend brauchte. Allerdings war er am Ende zu wechselhaft und hat das Team mit seinem Fußball überfordert. Ist bei einem der spielintelligentesten Kader in Europa (jenseits der ganz großen Topper) ne Leistung. Hecking hat der Mannschaft wieder eine gerade Linie gegeben und baut so langsam wieder eine Hierarchie auf. Das gefällt mir, da die Mannschaft wieder stabiler wirkt. Allerdings um den Preis, dass Hecking doch oft arg konservativ agieren lässt. Du weißt dadurch oft nach ein paar Minuten Spielzeit, ob es Sinn ergibt, auf ein gutes Ergebnis zu hoffen.

Rund um den Brustring: Zum ersten Mal seit 2012 ist Mönchengladbach in diesem Jahr nicht international vertreten. Gehört die Europapokalteilnahme für Gladbach-Fans mittlerweile zur Routine, oder kommt Ihr auch das Jahr über ohne Entzugserscheinungen durch?

Christoph: Das geht schon. So schön Europapokal ist, aber es sind auch viele Spiele. Und gerade als junger Vater ist es schön, Dienstags, Mittwochs und Donnerstags auch mal wieder häufiger daheim zu sein.

Und was die Mannschaft angeht: Ich denke, ein Jahr mal ohne gibt mal etwas Luft, die Dinge neu zu justieren und einen neuen Anlauf zu nehmen. Die letzten Jahre waren auch für den Fan ein wilder Ritt durch den Wahnsinn. Wenn ich daran denke, dass 2004 noch Marcelo Pletsch und Jeff Strasser unsere Innenverteidiger waren… Wobei, hätte Pletsch gegen den VfB 2003 nicht so ein Kackspiel hingelegt, wer weiß… Bis dahin hatte der einen Lauf. Vielleicht hätten wir dann die skurrilste Einbürgerung für den DFB hingelegt und nicht Leverkusen mit Paulo Rink.

Rund um den Brustring: Der prominenteste Neuzugang ist sicherlich Matthias Ginter von Borussia Dortmund. Hat es Dich überrascht, dass Ginter von einem Champions-League-Teilnehmer zur Borussia kommt? Und wie hat er sich in den ersten fünf Pflichtspielen eingeführt?

Christoph: Ich finde den Transfer gut, da er eine dauerhafte Perspektive bietet und damit die Innenverteidigung erst einmal – mit Vestergaard – für ein paar Jahre steht. Aber – damit wären wir bei den eingangs angesprochenen Typen: Auch Ginter ist eher aus der Abteilung “brav”. Da sehe ich Probleme, immer wenn es mal im Spiel nicht läuft. Auch er ist dann kein Antreiber, das zeigt sich nach den ersten Spielen. Aber ich halte ihn technisch und taktisch für einen richtig guten Spieler. Ich gehöre dazu nicht zu denen, die sich über die Transfersumme aufregen. Borussia kann das inzwischen problemlos zahlen. Und sind wir ehrlich: Nach dem Abgang von Andreas Christensen gab es auf dem Markt keinen besseren Innenverteidiger.

Rund um den Brustring: Wie bewertest Du die anderen Transfers von Max Eberl? Ist bei den Abgängen jemand dabei, den Du vermisst?

Christoph: Bei den Zugängen ist klar seine Handschrift zu erkennen. Das passt schon, auch wenn Vincenzo Grifo aktuell verletzt ausfällt und ich ihn somit nicht bewerten kann. Aber Zakaria ist schon stark, fast der beste Transfer der letzten Jahre, wenn er diese Form bestätigen kann. Und die neuen, jungen Spieler wie Cuisiance, Oxford oder Villalba werden wir sicher erst in den kommenden Partien gegen den VfB sehen. Ein Transfer, den ich überragend finde ist Florian Neuhaus – auch wenn er direkt zu Fortuna Düsseldorf weiter verliehen wurde. Aber was er dort aktuell spielt, das ist schon beachtlich. So ein bisschen aus dem Rahmen fällt für mich Raul Bobadilla. Da musste ich mich mehrfach kneifen, als das kam. Der hatte ja auch neben des Platzes in seiner ersten Zeit bei der Borussia einige Auftritte (über die ich jetzt hier schweige). Aber gut, wenn er sich menschlich entwickelt hat und seine Leistung wie in Augsburg abruft, dann kann er eine gute Option von der Bank sein.

Was die Abgänge angeht – da kann ich nicht viel schlechtes sagen. Natürlich, ich hätte gerne Andreas Christensen behalten. Aber das ist utopisch. Mo Dahoud war mir am Ende ein Unsicherheitsfaktor, weil er zu schludrig unterwegs war. Und Andre Hahn? Das er sich umschauen wollte und dann ging, das ist verständlich. Ansonsten gibt es keinen Spieler im Kader, den ich umgehend vom Hof jagen wollte. Die Zeiten sind in Gladbach schon etwas länger vorbei.

Rund um den Brustring: Sechs Spieler sind derzeit verletzt und werden wohl auch gegen den VfB ausfallen. Wie sehr schwächen diese Ausfälle die Mannschaft?

Christoph: Es ist ein blödes Signal, weil der Verein die Verletzungsmisere, die unter Schubert begonnen hatte, ja endlich in den Griff bekommen wollte. Das gestaltet sich schwierig, und ich frage mich auch, woran das liegt. Zumindest was Regeneration und Trainingsbelastung angeht glaube ich da nicht an Zusammenhänge. Da ist der Verein sehr professionell aufgestellt. Es wirkt verhext. Von den Ausfällen selber fehlt ganz besonders Traoré. Der hat unserem Daddel-Ballbesitz-Fußball zuletzt etwas mehr Tiefe verliehen. Das fehlt als Komponente aktuell doch sehr. War zumindest ein Punkt, warum die Mannschaft beim 0:1 gegen Frankfurt keine Antwort auf das defensiv kompakte und robuste Frankfurter Spiel fand.

Rund um den Brustring: Wo wir gerade dabei sind: Wo liegen die Stärken der aktuellen Fohlenelf, vor wem müssen wir uns in acht nehmen?

Christoph: Wir werden Euch über den Ballbesitz in den Schlaf dudeln und dann eiskalt zuschlagen. Nein, im Ernst: Die Gladbacher Mannschaft bleibt spielstark, ballsicher und spielintelligent. Die inzwischen bekannten Stärken.

Rund um den Brustring: Und wie könnte der VfB am Dienstag einen oder mehrere Punkte aus dem Borussia-Park entführen?

Christoph: Weil wir das Tor nicht treffen. Und ein Ball oder einer von Euch den Weg ins Tor findet. Zudem könnte der VfB auf sein Karma in Gladbach setzen. Gut, die letzten beiden Heimspiele haben wir relativ humorlos gewonnen. (4:0 in der Liga, 2:0 im Pokal). Aber sonst galt lange: Stuttgart zu Hause – braucht kein Mensch. Immer diese furchtbaren Unentschieden oder knappen Niederlagen. Könnte ich morgen gut drauf verzichten.

Rund um den Brustring: Ihr seid mit zwei Unentschieden, einem Sieg und einer Niederlage in die Saison gestartet. Wie ist aktuell die Stimmungslage am Niederrhein und was traust Du der Mannschaft in dieser Saison zu?

Christoph: Europa-League sollte es schon werden. Das Potential ist da. Mal schauen, ob die Mannschaft das auch auf die Strecke bekommt. Das Spiel in Leipzig hat zumindest etwas Hoffnung gemacht, dass die blöde Niederlage gegen Frankfurt nur ein Ausrutscher war.

Rund um den Brustring: Am Dienstag wird dafür wahrscheinlich nicht viel Zeit sein, aber falls es uns mal wieder an einem Wochenende nach Mönchengladbach verschlägt: Hast Du ein paar Reise- bzw. Sightseeing-Tips für uns? Was gibt es dort außer der Borussia noch Sehenswertes?

Christoph: Dazu habe ich mich unlängst im Blog geäußert. Fahrt am Besten nach Düsseldorf. Mehr kann ich zu meiner Heimatstadt Mönchengladbach leider nicht mehr sagen…

Rund um den Brustring: Und was ist dein Tipp fürs Spiel?

Christoph: Ohne historische Zusammenhänge, machen wir es der Ansetzung entsprechend. Dienstagabend, 18:30 Uhr? Kann nur ein dusseliges 1:0 werden…

Rund um den Brustring: Vielen Dank fürs Gespräch!

Bild: © VfB-Bilder.de

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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