Rund um die Mitgliederversammlung: Im Gespräch mit Präsidentschaftskandidat Pierre-Enric Steiger

Der Ver­eins­fuß­ball pau­siert und der VfB nutzt die­se Pau­se für sei­ne Mit­glie­der­ver­samm­lung. Am Sams­tag wäh­len die Mit­glie­der einen Prä­si­den­ten und ein Prä­si­di­um. Wir haben mit Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat Pierre-Enric Stei­ger über sei­ne Kan­di­da­tur und sei­ne Zie­le gespro­chen.

Rund um den Brust­ring: Wie ist der Ent­schluss ent­stan­den, für das Amt des VfB-Prä­si­den­ten zu kan­di­die­ren?

Pierre-Enric Stei­ger: In den ver­gan­ge­nen Jah­ren habe ich durch mei­ne Kon­tak­te und Freund­schaf­ten zu den sport­li­chen Abtei­lungs­lei­tern zahl­rei­che Ideen zur Wei­ter­ent­wick­lung des VfB ent­wi­ckelt. Wer sich über einen län­ge­ren Zeit­raum so inten­siv mit dem Ver­ein aus­ein­an­der­setzt, ver­spürt schließ­lich auch den Wunsch, die­se Kon­zep­te selbst umzu­set­zen, zumal mir bewusst wur­de, dass die Umset­zung mei­ner Ideen, vor allem die Mit­glie­der-Aktie als Mit­tel der Ein­wir­kung auf die AG, in die­sem Fall höchst­wahr­schein­lich aus­blei­ben wür­de. Die­se Erkennt­nis hat mich zusätz­lich moti­viert, mei­nen Weg kon­se­quent wei­ter­zu­ver­fol­gen.

Was wol­len Sie anders und/oder bes­ser machen als der letz­te gewähl­te Prä­si­dent, Claus Vogt?

Für mich steht nicht die Fra­ge im Mit­tel­punkt, was ich anders oder bes­ser machen will, son­dern was ich kon­kret tun möch­te. Mein Ziel ist es, den Ver­ein wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Dazu gehört, die finan­zi­el­le Situa­ti­on der Abtei­lun­gen zu ver­bes­sern, um ihr Wachs­tum zu för­dern. Eben­so ist es mir wich­tig, die Mit­be­stim­mung und Betei­li­gung der Mit­glie­der – sowohl im Ver­ein als auch in der AG – zu stär­ken. Ein zen­tra­ler Punkt ist zudem die Ver­bes­se­rung der ver­eins­in­ter­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on: Mit­glie­der sol­len nicht erst am Ende über Ent­schei­dun­gen infor­miert wer­den, son­dern bereits wäh­rend des Ent­schei­dungs­pro­zes­ses ein­ge­bun­den wer­den. So ent­steht mehr Trans­pa­renz und ein bes­se­res Ver­ständ­nis für die Ent­wick­lung unse­res Ver­eins.

Wo sehen Sie die wich­tigs­ten Hand­lungs­fel­der im VfB e.V. in den nächs­ten Jah­ren?

Im e.V. geht es in ers­ter Linie dar­um, alle Abtei­lun­gen in ihrer Bedeu­tung zu stär­ken und sie finan­zi­ell auf ein neu­es Niveau zu heben. Die inhalt­li­che Wei­ter­ent­wick­lung fin­det in den Abtei­lun­gen selbst statt – dort gibt es bereits zahl­rei­che Ideen. Daher liegt die Auf­ga­be des Prä­si­di­ums vor allem dar­in, die rich­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, damit die­se Ideen auch umge­setzt wer­den kön­nen. Ein ent­schei­den­der Schritt ist die Ver­bes­se­rung der Ein­nah­men­sei­te des e.V., denn erst dann kön­nen wir uns leis­ten, zusätz­lich benö­tig­tes Fach­per­so­nal in den Abtei­lun­gen ein­zu­stel­len.

Ein zen­tra­ler Schwer­punkt ist des­halb die Neu­aus­rich­tung der Spon­so­ring-Struk­tu­ren inner­halb der Abtei­lun­gen. Dabei geht es nicht nur um den Sport, son­dern auch um ande­re wich­ti­ge Berei­che, wie die Gar­de oder den lang geheg­ten Wunsch, ein wür­di­ges Ver­eins­mu­se­um zu schaf­fen, das die Geschich­te und Erfol­ge des VfB ange­mes­sen dar­stellt. Die­se The­men­fel­der sind essen­zi­ell und ergän­zen das Haupt­the­ma Fuß­ball um wich­ti­ge Aspek­te der Ver­eins­ent­wick­lung.

Und was sind Ihre Zie­le für die Prä­si­dent­schaft?

Natür­lich wünscht sich jeder Prä­si­dent – genau wie jedes Mit­glied und jeder Fan des VfB – Titel­ge­win­ne. Doch die­ses Ziel allein aus­zu­ge­ben, wäre zu kurz gegrif­fen. Mein Anspruch ist es, den Ver­ein in sei­ner gesam­ten Brei­te nach­hal­tig wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Ein Groß­teil der Auf­ga­be wird auch dar­in lie­gen Ver­trau­en zwi­schen den unter­schied­lichs­ten Strö­mun­gen im und um den Ver­ein auf­zu­bau­en, ver­su­chen Brü­cken zwi­schen unter­schied­lichs­ten Grup­pen zu bau­en und am Ende ein­fach ein Prä­si­dent zu sein, der, als jemand wahr­ge­nom­men wird, der für sei­ne Wer­te und Hal­tung von allen Mit­glie­dern, Fans und Anhän­gern im gan­zen Sta­di­on­rund akzep­tiert wird.

Dar­über hin­aus möch­te ich am Ende mei­ner ers­ten Amts­zeit sagen kön­nen, dass alle Abtei­lun­gen signi­fi­kant gewach­sen sind – sowohl sport­lich als auch in ihrer gesell­schaft­li­chen Bedeu­tung und Wahr­neh­mung unter den Mit­glie­dern. Die Plä­ne für einen moder­nen Neckar-Sport­park für alle Sport­ar­ten sowie der Neu­bau der VfB-Geschäfts­stel­le sol­len nicht nur bau­recht­lich geneh­migt, son­dern bereits mit dem ers­ten Spa­ten­stich in die Umset­zung gegan­gen sein. Das VfB-Muse­um nimmt Gestalt an und bie­tet einen wür­di­gen Ort für unse­re tra­di­ti­ons­rei­che Geschich­te.

Ein wei­te­res Ziel ist, dass alle ver­füg­ba­ren Akti­en an VfB-Mit­glie­der ver­kauft wur­den, sodass die Zuge­hö­rig­keit der Mit­glie­der zur AG spür­bar gewach­sen ist. Zudem soll die ver­eins­in­ter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on ein neu­es Niveau erreicht haben – so trans­pa­rent und mit­glie­der­ori­en­tiert, dass sie liga­weit als Vor­bild gilt. Und nicht zuletzt freue ich mich als Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der der AG, nach der Ver­trags­ver­län­ge­rung mit Sebas­ti­an Hoe­neß von 2027 nun auch für 2030 grü­nes Licht geben zu kön­nen, weil damit eine lan­ge Kon­ti­nui­tät im Auf­bau der Pro­fi­mann­schaft wei­ter gewähr­leis­tet wer­den kann.

Mit wel­chen Maß­nah­men wol­len sie die Abtei­lun­gen des VfB e.V. — abge­se­hen vom Jugend­fuß­ball — wei­ter stär­ken?

Jede Maß­nah­me steht und fällt mit der finan­zi­el­len Situa­ti­on des Ver­eins. Des­halb ist es essen­zi­ell, ein umfas­sen­des Kon­zept zu ent­wi­ckeln, das den VfB e.V. nach­hal­tig und breit auf­stellt. Kei­ne Idee kann ohne eine soli­de Finan­zie­rung umge­setzt wer­den. Sobald die Finanz­bud­gets klar struk­tu­riert und signi­fi­kant erhöht wur­den, muss der nächs­te Schritt fol­gen: die per­so­nel­le Stär­kung der Abtei­lun­gen – sei es durch zusätz­li­che Trai­ner, bes­se­re Trai­nings­aus­stat­tung oder opti­mier­te Rah­men­be­din­gun­gen für den Sport­be­trieb.

Ein wei­te­res zen­tra­les The­ma sind Schul­ko­ope­ra­tio­nen. Vie­le Abtei­lun­gen wün­schen sich eine enge­re Zusam­men­ar­beit mit Schu­len, um mehr Jugend­li­che früh­zei­tig für unter­schied­li­che Sport­ar­ten zu begeis­tern. Doch auch hier­für müs­sen geziel­te Struk­tu­ren geschaf­fen wer­den. Die­ser gesam­te Bereich wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­nach­läs­sigt und erfor­dert nicht nur finan­zi­el­le Mit­tel, son­dern auch viel Zeit und Arbeit – gera­de vom Prä­si­di­um selbst.

Wenn wir das gemein­sam wol­len, dann kön­nen wir es auch umset­zen und den VfB auf eine neue, erfolg­rei­che Ebe­ne heben. Denn in die­sen Struk­tu­ren steckt enor­mes gesell­schafts­po­li­ti­sches Poten­zi­al, das weit über den Sport hin­aus­geht. Bis­her wur­de nur ein Bruch­teil der Mög­lich­kei­ten und Chan­cen genutzt – es ist an der Zeit, den VfB in sei­ner Gesamt­heit wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und sein vol­les Poten­zi­al aus­zu­schöp­fen.

Hal­ten Sie die Ein­rich­tung eines fes­ten Ver­eins­mu­se­ums für sinn­voll und umsetz­bar?

Ich bin ein gro­ßer Befür­wor­ter der Idee, einen Ort zu schaf­fen, an dem die Geschich­te unse­res Ver­eins, sei­ne Erfol­ge und die Hel­den der Ver­gan­gen­heit in wür­di­ger Wei­se geehrt wer­den. Ein ange­mes­se­nes Muse­um wäre der per­fek­te Rah­men, um die per­sön­li­chen Geschich­ten, die den VfB geprägt haben, leben­dig zu hal­ten.

Der VfB ist ein tra­di­ti­ons­rei­cher Ver­ein mit einer beweg­ten Ver­gan­gen­heit – und gera­de in einer Zeit, die immer schnell­le­bi­ger und ver­gess­li­cher wird, macht uns die­se Geschich­te ein­zig­ar­tig. Unse­re Iden­ti­tät schöp­fen wir aus unse­rer Ver­gan­gen­heit, und es gibt kei­nen bes­se­ren Ort, um die­se zu bewah­ren und erleb­bar zu machen, als ein Ver­eins­mu­se­um. Es kann nicht nur den her­an­wach­sen­den Gene­ra­tio­nen unse­re Tra­di­ti­on und Emo­tio­nen ver­mit­teln, son­dern auch den älte­ren Gene­ra­tio­nen zei­gen, dass ihre Zeit nicht ver­ges­sen wur­de und ihre Ver­diens­te in Ehren gehal­ten wer­den.

Ganz nach dem Mot­to: Nur wer sei­ne Ver­gan­gen­heit kennt, hat auch eine Zukunft.

Der VfB hat über 120.000 Mit­glie­der. Wie wol­len Sie die­se in das Ver­eins­le­ben ein­bin­den?

Ich den­ke, wir soll­ten dis­ku­tie­ren, wie der VfB über die bis­he­ri­gen Ange­bo­te wie den ‘Dun­kel­ro­ten Tisch’, ‘VfB im Länd­le’ oder die Regio­nal­ver­samm­lun­gen hin­aus noch mehr Mög­lich­kei­ten zur inhalt­li­chen Betei­li­gung und Ein­bin­dung der Mit­glie­der schaf­fen kann.

Ein wich­ti­ger Schritt wäre den §17 Abs. 7 der Sat­zung wie­der mit Leben zu fül­len, der die Mög­lich­keit eröff­net, Mit­glie­der­aus­schüs­se ein­zu­set­zen. Vie­le Mit­glie­der möch­ten sich gezielt für bestimm­te The­men im Ver­ein enga­gie­ren, doch seit die Mit­glie­der­aus­schüs­se 2019 durch den dama­li­gen Prä­si­den­ten auf­ge­löst wur­den, fehlt eine ent­spre­chen­de Platt­form. Ihre Wie­der­ein­füh­rung wäre eine wert­vol­le Ergän­zung zur bis­he­ri­gen Mit­glie­der­be­tei­li­gung.

Dar­über hin­aus sehe ich gro­ßes Poten­zi­al in der Wei­ter­ent­wick­lung der Mit­glie­der­be­fra­gun­gen als fes­tes Instru­ment der Mit­be­stim­mung. Es wäre sogar denk­bar, die Sat­zung so zu erwei­tern, dass bei beson­ders drin­gen­den und wich­ti­gen The­men eine nament­li­che Abstim­mung unter den Mit­glie­dern mög­lich wird – mit einem ver­bind­li­chen Votum für das Prä­si­di­um. Selbst­ver­ständ­lich müss­te dafür zunächst ein kon­kre­ter Sat­zungs­an­trag erar­bei­tet und zur Abstim­mung gestellt wer­den. Doch grund­sätz­lich gilt: Je mehr wir die Mit­glie­der aktiv in Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein­bin­den, des­to stär­ker wird das Gemein­schafts­ge­fühl und die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem VfB. Wich­tig ist hier aller­dings, das wir wirk­lich von wich­ti­gen und nicht von The­men mit gerin­ge­rer Bedeu­tung spre­chen. Zu vie­le Befra­gun­gen sen­ken dann auch ganz schnell das Inter­es­se wie­der.

Wie ste­hen Sie zur Mög­lich­keit einer hybri­den Mit­glie­der­ver­samm­lung?

Zu die­sem The­ma habe ich eine kla­re und dezi­dier­te Mei­nung. Grund­sätz­lich glau­be ich nicht, dass sich wesent­lich mehr als 3.000 Mit­glie­der aktiv für die Ver­eins­po­li­tik des VfB inter­es­sie­ren – unab­hän­gig von der Gesamt­zahl der Mit­glie­der. Selbst wenn der VfB eine Mil­li­on Mit­glie­der hät­te, wür­de die­se Zahl ver­mut­lich nicht signi­fi­kant stei­gen. Die­ses Phä­no­men ist nicht ein­zig­ar­tig für unse­ren Ver­ein, son­dern zeigt sich auch bei ande­ren gro­ßen Klubs.

Trotz­dem bin ich der Mei­nung, dass der VfB eine hybri­de Mit­glie­der­ver­samm­lung mit vol­lem Stimm­recht als Ver­suchs­pro­jekt durch­füh­ren soll­te. Aktu­ell gibt es vie­le Spe­ku­la­tio­nen dar­über, wie groß das Inter­es­se an einer Online-Teil­nah­me tat­säch­lich wäre – die Schät­zun­gen rei­chen von 200 bis 10.000 Teil­neh­mern. Soll­ten sich jedoch online deut­lich weni­ger Mit­glie­der betei­li­gen als bei der Prä­senz­ver­an­stal­tung, wür­de ich es bei die­sem ein­ma­li­gen Ver­such belas­sen.

Ein Blick auf bis­he­ri­ge Zah­len unter­stützt mei­ne Ein­schät­zung: Bei der Kan­di­da­ten­vor­stel­lung am 6. Febru­ar 2025 waren in der Spit­ze 390 Per­so­nen online live dabei, mut­maß­lich auch vie­le Nicht­mit­glie­der, weil es ein offe­ner Link war. Auch der STR-Pod­cast zeigt, dass rein ver­eins­po­li­ti­sche The­men im Ver­gleich zu spiel­be­zo­ge­nen Inhal­ten deut­lich weni­ger Inter­es­se wecken. Es gibt daher vie­le Indi­zi­en, die dar­auf hin­deu­ten, dass das Poten­zi­al hybri­der Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen über­schätzt wird.

Letzt­lich wer­den wir es aber erst wis­sen, wenn wir es aus­pro­biert haben. Des­halb plä­die­re ich für einen Ver­such – auch wenn ich per­sön­lich davon aus­ge­he, dass die rea­le Teil­neh­mer­zahl unter 500 blei­ben wird. Soll­te sich das bestä­ti­gen, wäre für mich die Dis­kus­si­on um eine dau­er­haf­te Ein­füh­rung dann auch been­det.

Wel­ches Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al sehen Sie noch bei der Sat­zung des e.V.?

Ich bin der Mei­nung, dass in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so vie­le Ände­run­gen an der Sat­zung vor­ge­nom­men wur­den, dass sie mitt­ler­wei­le einem Fli­cken­tep­pich gleicht. Beson­ders deut­lich wird das an den unter­schied­li­chen Wahl­ver­fah­ren für die Prä­si­den­ten- und Prä­si­di­ums­wahl. Teil­wei­se gibt es Para­gra­fen, bei denen man sich nicht ein­mal mehr sicher sein kann, ob sie sich nicht gegen­sei­tig auf­he­ben.

Aus mei­ner Sicht wäre es daher sinn­voll, wenn ein erfah­re­ner Fach­mann die Sat­zung des VfB von Grund auf neu for­mu­liert – als ein­heit­li­ches, klar struk­tu­rier­tes Regel­werk, das aus einem Guss kommt. Die Inten­tio­nen, Inter­es­sen und der Wil­le der Mit­glie­der sind allen Ver­ant­wort­li­chen bekannt, sodass es mög­lich sein soll­te, eine sau­be­re und kon­sis­ten­te Sat­zung zu erstel­len, die nicht stän­dig nach­ge­bes­sert wer­den muss.

Jetzt wäre der idea­le Zeit­punkt, die­sen Pro­zess ohne Zeit­druck anzu­ge­hen, da wir vor­aus­sicht­lich in den nächs­ten zwei Jah­ren kei­ne Wah­len für ein Gre­mi­um haben wer­den. Mit aus­rei­chend Vor­lauf könn­te eine über­ar­bei­te­te Sat­zung ent­ste­hen, die lang­fris­tig Bestand hat. Am Ende ent­schei­det natür­lich – wie immer – die Mit­glie­der­ver­samm­lung dar­über, ob sie die­sen Vor­schlag annimmt.

Wie ist Ihre Hal­tung zum Auf­sichts­rats­vor­sitz der VfB AG: Soll­te die­ser nur vom Prä­si­den­ten des e.V. gestellt wer­den oder kann es auch ein Prä­si­di­ums-Mit­glied sein? Oder muss es über­haupt ein/e Vertreter/in des Ver­eins sein?

Für mich ist die Sach­la­ge ein­deu­tig: Der Prä­si­dent des Ver­eins ist zugleich Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­rats. Das ent­spricht dem bis­he­ri­gen, unum­stöß­li­chen Wil­len der Mit­glie­der. Soll­te es – aus wel­chen Grün­den auch immer – Über­le­gun­gen geben, von die­ser Rege­lung abzu­wei­chen, dann darf das nicht ohne die Zustim­mung der Mit­glie­der­ver­samm­lung gesche­hen. In mei­nem Ver­ständ­nis der Ver­hält­nis­se zwi­schen Ver­ein und AG müss­te eine sol­che Aus­nah­me durch eine 75% Mehr­heit der Mit­glie­der­ver­samm­lung geneh­migt wer­den.

Zwar mag die­se For­de­rung juris­tisch nicht aus dem Akti­en­recht abzu­lei­ten sein, doch hier geht es um weit mehr als nur for­ma­le recht­li­che Aspek­te. Es geht um die mora­li­sche Ver­pflich­tung gegen­über den Mit­glie­dern, die nach der Aus­glie­de­rung des Pro­fi­fuß­balls wei­ter­hin einen maß­geb­li­chen Ein­fluss auf ihren Fuß­ball behal­ten wol­len. Die­ses Ver­trau­ens­ver­hält­nis darf nicht und nie­mals leicht­fer­tig aufs Spiel gesetzt wer­den.

Aktu­ell ist der Auf­sichts­rat der VfB AG mit 10 Per­so­nen besetzt, wovon fünf den VfB e.V. ver­tre­ten (Diet­mar All­gai­er, Andre­as Grupp, Bea­te Beck-Dehar­de, Tan­ja Gön­ner und Alex­an­der Klä­ger) je zwei den Inves­tor Mer­ce­des (Peter Schy­mon und Franz Rei­ner), je zwei den Inves­tor Por­sche (Lutz Mesch­ke und Albrecht Rei­mold) sowie mit Tobi­as Rös­chl ein Ver­tre­ter des Inves­tors JAKO. Ein wei­te­rer Platz ist noch frei. Wie ist Ihre Hal­tung zur Sitz-Ver­tei­lung im Auf­sichts­rat? Soll­te die­ser dem Ver­hält­nis der Antei­le an der VfB AG ent­spre­chen (78,2 Pro­zent VfB e.V., 10,4 Pro­zent Por­sche, 10,4 Pro­zent Mer­ce­des, 1 Pro­zent JAKO) oder reicht eine ein­fa­che Mehr­heit des e.V.?

Offi­zi­ell wur­de Herr Rös­chl auch über das „Ver­eins­ti­cket“ in den Auf­sichts­rat ent­sandt. Nach mei­nem Wis­sen wur­de Jako im Betei­li­gungs­ver­trag kein fes­ter Sitz garan­tiert, da der Akti­en­an­teil dafür zu gering ist. Rein theo­re­tisch ergibt sich dar­aus ein aktu­el­les Ver­hält­nis von 6 zu 4. Vie­le Mit­glie­der emp­fin­den die Beset­zung jedoch eher als 2 zu 8.

Juris­tisch gibt es kein fest­ge­schrie­be­nes Anrecht auf eine Ver­tei­lung der Sit­ze im Auf­sichts­rat gemäß Stim­men­an­tei­len. Ich habe jedoch bereits in mei­nem Posi­ti­ons­pa­pier deut­lich gemacht, dass ich für ein Ver­hält­nis von 8 zu 4 zuguns­ten des Ver­eins plä­die­re. Auch wenn dies nicht ganz den 75 % der Stim­men­an­tei­le ent­spricht, hal­te ich eine Ver­tei­lung von zwei Drit­teln für den Ver­ein und einem Drit­tel für die Inves­to­ren für ange­mes­sen und gerecht­fer­tigt – ins­be­son­de­re im Ver­hält­nis zur finan­zi­el­len Betei­li­gung der Inves­to­ren.

Wich­tig ist mir dabei, dass die­se acht Ver­eins­ver­tre­ter eine kla­re Ver­bun­den­heit zum VfB auf­wei­sen. Neben den drei Prä­si­di­ums­mit­glie­dern soll­ten die wei­te­ren fünf Auf­sichts­rä­te ein deut­li­ches Bekennt­nis zum Ver­ein mit­brin­gen. Zudem bin ich über­zeugt, dass die vom Ver­ein nomi­nier­ten Auf­sichts­rats­kan­di­da­ten im Vor­feld den Mit­glie­dern vor­ge­stellt und zur Dis­kus­si­on gestellt wer­den müs­sen. Idea­ler­wei­se geschieht dies auf einer Mit­glie­der­ver­samm­lung mit einer ein­fa­chen Mehr­heit der Zustim­mung. Falls dies zeit­lich nicht umsetz­bar ist, könn­te eine alter­na­ti­ve Vor­stel­lung über den „Dun­kel­ro­ten Tisch“ oder ein ähn­li­ches For­mat erfol­gen, ver­gleich­bar mit der aktu­el­len Kan­di­da­ten­vor­stel­lung.

Hin­sicht­lich der inhalt­li­chen Zusam­men­set­zung sehe ich unter den fünf wei­te­ren Ver­eins­ver­tre­tern fol­gen­de Pro­fi­le als not­wen­dig an: Zwei Per­so­nen mit kla­rer fuß­bal­le­ri­scher Fach­kom­pe­tenz, eine Per­son mit kla­rem Fan-Bezug und eine Per­son mit nach­ge­wie­se­ner Fach­kom­pe­tenz in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die Finanz­kom­pe­tenz wird übli­cher­wei­se durch die Ver­tre­ter der Inves­to­ren­sei­te abge­deckt. Somit blie­be eine wei­te­re Posi­ti­on auf Ver­eins­sei­te zur fle­xi­blen Beset­zung offen. Das sind mei­ne kon­kre­ten Vor­stel­lun­gen für eine aus­ge­wo­ge­ne und zukunfts­fä­hi­ge Auf­sichts­rats­be­set­zung.

Dar­an anschlie­ßend: Soll­te der Auf­sichts­rat in sei­ner jet­zi­gen Grö­ße bei­be­hal­ten, ver­grö­ßert oder ver­klei­nert wer­den?

Die­se Fra­ge wur­de bereits in der vor­he­ri­gen Ant­wort beant­wor­tet. Nein, der Auf­sichts­rat soll auf 12 Mit­glie­der erwei­tert wer­den – mit einer Ver­tei­lung von 8 zu 4 zuguns­ten des Ver­eins, wie zuvor erläu­tert

Soll­te der Prä­si­di­al­aus­schuss die Mehr­heits­ver­hält­nis­se eben­so wider­spie­geln oder sind Sie mit der der­zei­ti­gen Beset­zung (zwei e.V.-Vertreter, je ein Inves­to­ren-Ver­tre­ter, Mehr­heit des e.V. ist durch dop­pel­tes Stimm­recht des Prä­si­den­ten gewahrt) zufrie­den?

Die­se Fra­ge ist für mich schwer zu beant­wor­ten, da mir die ver­trag­li­chen Details der bei­den Betei­li­gungs­ver­trä­ge nicht bekannt sind. Theo­re­tisch könn­te ich mir jedoch vor­stel­len, dass der Sitz der Inves­to­ren­sei­te im Prä­si­di­al­aus­schuss rotie­rend besetzt wird – etwa jähr­lich oder alle zwei Jah­re zwi­schen Mer­ce­des und Por­sche. Eine ande­re Mög­lich­keit wäre, dass nur einer der bei­den das Stimm­recht aus­übt oder dass sie gemein­sam nur eine Stim­me haben.

Ein wei­te­rer Ansatz könn­te sein, den Aus­schuss auf alle drei Prä­si­di­ums­mit­glie­der aus­zu­deh­nen, wobei der Prä­si­dent wei­ter­hin eine Dop­pel­stim­me behält. Dadurch wür­de das Gewicht der Ver­eins­sei­te etwas gestärkt.

Aller­dings blei­ben die­se Über­le­gun­gen rei­ne Gedan­ken­spie­le, da die genau­en ver­trag­li­chen Rege­lun­gen nicht öffent­lich bekannt sind. Ohne die­se Infor­ma­tio­nen lässt sich kei­ne fun­dier­te Ein­schät­zung tref­fen, son­dern nur spe­ku­lie­ren.

Sehen Sie die Not­wen­dig­keit, den Auf­sichts­rat vor Ablauf der Amts­zeit 2027 neu zu beset­zen, was die Ver­tre­tung des VfB e.V. angeht?

Ich weiß, dass die­se Erwar­tungs­hal­tung bei vie­len Mit­glie­dern besteht, und daher muss ein neu gewähl­tes Prä­si­di­um die­se The­ma­tik zumin­dest in Betracht zie­hen. Ob eine Ver­än­de­rung im Auf­sichts­rat alle oder nur ein­zel­ne Per­so­nen betrifft und ob dies über eine neu­er­li­che Haupt­ver­samm­lung gere­gelt wer­den soll­te, muss in Gesprä­chen geklärt wer­den.

Für mich gibt es jedoch eine unver­rück­ba­re Grund­hal­tung: Jeg­li­che Ver­än­de­rung bei den Ver­tre­tern, die über das „Ver­eins­ti­cket“ in den Auf­sichts­rat beru­fen wur­den, muss den Mit­glie­dern aus­führ­lich zur Dis­kus­si­on gestellt wer­den. Eine Ent­schei­dung ohne vor­he­ri­ge Ein­bin­dung oder Vor­stel­lung der betrof­fe­nen Kan­di­da­ten gegen­über den Mit­glie­dern ist für mich nicht vor­stell­bar und ent­spricht nicht mei­nem Ver­ständ­nis einer akti­ven und trans­pa­ren­ten Mit­glie­der­be­tei­li­gung.

Sehen Sie die Not­wen­dig­keit, die Mit­glie­der über einen Ver­kauf von Antei­len über die 2017 beschlos­se­nen 24,9 Pro­zent abstim­men zu las­sen? War­um oder war­um nicht? 

Ich sehe abso­lut kei­ne Not­wen­dig­keit, über­haupt Antei­le über die 24,9 % hin­aus zu ver­kau­fen. Ich bin über­zeugt, dass es alter­na­ti­ve Finan­zie­rungs­in­stru­men­te gibt, mit denen sich der VfB – falls erfor­der­lich – Kapi­tal beschaf­fen kann, ohne zusätz­li­che Akti­en­an­tei­le abzu­ge­ben. Daher hal­te ich die­se Fra­ge grund­sätz­lich für sehr abwe­gig.

Soll­te die­ser für mich äußerst unwahr­schein­li­che Fall den­noch ein­tre­ten, dann kann dies nur mit einer kla­ren 75 %-Zustim­mung der Mit­glie­der­ver­samm­lung gesche­hen. Das ist für mich unver­rück­bar.

 Wel­che The­men, die Fans abseits des sport­li­chen Erfolgs bewe­gen, hal­ten Sie für am wich­tigs­ten?

Abseits des sport­li­chen Erfolgs geht es vor allem um Trans­pa­renz, Kom­mu­ni­ka­ti­on und eine ehr­li­che Mit­glie­der­be­tei­li­gung. Die­se Aspek­te sind im Kon­text der Ver­eins­po­li­tik fast noch wich­ti­ger als sport­li­cher Erfolg, denn sie sind das Fun­da­ment für den Zusam­men­halt des Ver­eins. Wenn alle an einem Strang zie­hen, stellt sich der sport­li­che Erfolg lang­fris­tig oft von selbst ein. Doch die­ses Zusam­men­ste­hen gelingt nur, wenn der Ver­ein so trans­pa­rent wie mög­lich kom­mu­ni­ziert – und genau hier liegt eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen.

Gute Kom­mu­ni­ka­ti­on ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, son­dern eine anspruchs­vol­le Auf­ga­be, die weit schwie­ri­ger ist, als vie­le Men­schen anneh­men. Der VfB ist hier – wie fast alle Bun­des­li­ga-Ver­ei­ne – ein Bei­spiel dafür, dass es Ver­bes­se­rungs­be­darf gibt. Das ist kei­ne Kri­tik an den aktu­ell han­deln­den Per­so­nen, son­dern eine Erkennt­nis, dass exzel­len­te Kom­mu­ni­ka­ti­on ech­te Fach­kom­pe­tenz und erfah­re­ne Voll­pro­fis erfor­dert – und die­se sind auf dem Markt rar.

Eine ver­stärk­te Mit­glie­der­be­tei­li­gung ist letzt­lich eine direk­te Fol­ge guter Kom­mu­ni­ka­ti­on. Nur wenn die Mit­glie­der umfas­send und trans­pa­rent infor­miert sind, kön­nen sie sich aktiv ein­brin­gen und eine fun­dier­te Mei­nung äußern. Genau das soll­te unser Ziel sein. Unter­schied­li­che Mei­nun­gen und Strö­mun­gen im Ver­ein sind kein Stör­fak­tor – im Gegen­teil: Sie sind eine Berei­che­rung, die wir gezielt zum Nut­zen des VfB ein­set­zen soll­ten.

Wel­che Lösun­gen sehen Sie für eine nach­voll­zieh­ba­re Ver­tei­lung von Ein­tritts­kar­ten?

Trans­pa­renz ist der Schlüs­sel! Es muss für jedes Mit­glied nach­voll­zieh­bar sein, wie der Algo­rith­mus zur Ticket­ver­tei­lung funk­tio­niert. Das Sys­tem muss klar erklärt wer­den, inklu­si­ve der Para­me­ter, die bei der Zutei­lung eine Rol­le spie­len. Es soll­te ver­ständ­lich sein, war­um man­che Mit­glie­der gefühlt immer Kar­ten bekom­men und ande­re schein­bar nie.

Ein mög­li­cher Ansatz wäre die Ein­rich­tung eines Mit­glie­der­aus­schus­ses, der gemein­sam Regeln für die Ver­tei­lung erar­bei­tet. Die­se könn­ten spä­ter der Mit­glie­der­ver­samm­lung zur Dis­kus­si­on und Abstim­mung vor­ge­legt wer­den. Dabei könn­ten Fak­to­ren wie Ver­eins­zu­ge­hö­rig­keit, Häu­fig­keit der bis­he­ri­gen Ticket­zu­tei­lung, der Anteil an Heim- und Aus­wärts­ti­ckets oder eine Sper­re nach einer bestimm­ten Anzahl erhal­te­ner Tickets berück­sich­tigt wer­den. Es gibt vie­le Stell­schrau­ben, die man in einem aus­ge­wo­ge­nen Ver­teil­schlüs­sel fest­le­gen könn­te.

Als Prä­si­dent oder Prä­si­di­um wür­de ich eine sol­che Ent­schei­dung nicht allein tref­fen wol­len – hier braucht es eine brei­te Betei­li­gung der betrof­fe­nen Mit­glie­der. Aller­dings muss man auch rea­lis­tisch blei­ben: Eine hun­dert­pro­zen­tig gerech­te Lösung wird es ver­mut­lich nie geben. Es wird immer Mit­glie­der geben, die sich benach­tei­ligt füh­len, und das lässt sich lei­der nicht voll­stän­dig ver­mei­den. Den­noch soll­te unser Ziel sein, ein so fai­res, trans­pa­ren­tes und nach­voll­zieh­ba­res Sys­tem wie mög­lich zu schaf­fen.

Wel­che Rol­le kön­nen Sie als Prä­si­dent des e.V. im Span­nungs­feld zwi­schen orga­ni­sier­ten Fans, der Poli­zei und der Liga spie­len?

Als Prä­si­dent sehe ich mei­ne vor­ran­gigs­te Auf­ga­be dar­in, zwi­schen allen Sei­ten zu ver­mit­teln. Das größ­te Pro­blem der­zeit ist das tief­grei­fen­de Miss­trau­en – und das auf allen Sei­ten. Jede Sei­te sagt im Grun­de das­sel­be über die ande­re, was die Situa­ti­on zusätz­lich ver­kom­pli­ziert.

Ich habe bereits ers­te Gesprä­che mit allen drei Par­tei­en geführt und schnell erkannt, dass dies eine der schwie­rigs­ten Her­aus­for­de­run­gen mei­nes Lebens sein wird – und ich dach­te, ich hät­te schon vie­le poli­tisch ver­här­te­te Kon­flik­te erlebt. Mein Vor­teil ist, dass ich beruf­lich sowohl mit der Poli­zei­füh­rung als auch mit der DFB-Füh­rung bereits inten­siv zu tun habe. Gleich­zei­tig habe ich auch meh­re­re Gesprä­che mit der orga­ni­sier­ten Fan­sze­ne geführt. In vie­len Punk­ten kann ich ihre Argu­men­te gut nach­voll­zie­hen, in ande­ren wie­der­um ver­ste­he ich die Posi­tio­nen der ande­ren Betei­lig­ten.

Als Prä­si­dent kann und darf ich mich nicht ein­sei­tig posi­tio­nie­ren oder nur eine Par­tei ver­tei­di­gen – das wür­de die Kon­flik­te nur wei­ter ver­schär­fen. Viel­mehr muss ich ver­su­chen, ein ehr­li­cher und von allen Sei­ten respek­tier­ter Ver­mitt­ler zu sein. Ohne Ver­trau­en von allen Sei­ten wird es kei­ne Chan­ce geben, nach­hal­ti­ge Lösun­gen zu fin­den. Dabei ist es ent­schei­dend, dass ich mir selbst treu blei­be, eine kla­re Hal­tung bewah­re und für jede Sei­te ver­bind­lich bin.

Soll­te es mir gelin­gen, die­ses Ver­trau­en über einen sehr lan­gen Zeit­raum zu hal­ten, gebe ich die Hoff­nung nicht auf, lang­fris­tig zumin­dest schritt­wei­se Lösun­gen für die aktu­ell explo­si­ve Kon­flikt­si­tua­ti­on zu fin­den. Ob eine fünf­jäh­ri­ge Amts­zeit dafür aus­reicht, bezweif­le ich zwar, aber am Ende zählt der Weg – und die Hoff­nung stirbt bekannt­lich zuletzt.

Sie pla­nen, die ver­blie­be­nen Antei­le an der VfB AG an die Mit­glie­der zu ver­kau­fen. Wie ist das recht­lich und prak­tisch umsetz­bar?

Rein recht­lich ist der Ver­kauf von Akti­en ein ein­fa­cher Pro­zess: Er benö­tigt ledig­lich eine mehr­heit­li­che Zustim­mung in der Haupt­ver­samm­lung der AG. Mer­ce­des und Por­sche haben in die­sem Punkt kein ver­trag­li­ches Veto­recht, sodass das Votum des Ver­eins in der Haupt­ver­samm­lung aus­reicht.

Die prak­ti­sche Umset­zung erfolgt übli­cher­wei­se über eine der VfB Haus­ban­ken. Die­se könn­te ein zen­tra­les Sam­mel­de­pot für die VfB-Mit­glie­der-Aktio­nä­re ein­rich­ten und die Ver­wal­tung der Stimm­rechts­ak­ti­en über­neh­men. Dadurch bleibt der Ver­wal­tungs­auf­wand schlank und effi­zi­ent.

Kon­kret bedeu­tet das: Als Mit­glied stellt man über eine dafür ein­ge­rich­te­te Inter­net­sei­te einen Antrag auf Erwerb des ange­bo­te­nen Akti­en­pa­kets. Nach der Anmel­dung wird der Kauf­preis vom Kon­to abge­bucht, und für alle, die ihre Aktie als Erin­ne­rungs­stück behal­ten möch­ten, gibt es die Mög­lich­keit, eine soge­nann­te Schmuck­ak­tie zu erhal­ten, die dann nach Hau­se geschickt wird.

Das ist natür­lich eine stark ver­ein­fach­te Dar­stel­lung des Pro­zes­ses, aber grund­sätz­lich lässt sich der gesam­te Ablauf sehr schlank hal­ten. Alter­na­tiv könn­te man auch jedem Mit­glied die Mög­lich­keit ein­räu­men, die Depot­ver­wal­tung über die eige­ne Haus­bank abzu­wi­ckeln – aller­dings wür­de das ein unnö­ti­ges Ver­wal­tungs­mons­ter schaf­fen. Eine zen­tra­le Ver­wal­tung ist daher der ein­zi­ge prak­ti­ka­ble, ein­fachs­te und effi­zi­en­tes­te Weg.

Im Novem­ber gaben Diet­mar All­gai­er und Andre­as Grupp über die Ver­eins­web­sei­te und in einem Pres­se­ter­min des VfB ihre Kan­di­da­tur bekannt. Sehen Sie es als legi­tim an, dass Amts­in­ha­ber die kom­mu­ni­ka­ti­ve Infra­struk­tur ihres Amtes für eine erneu­te Kan­di­da­tur nut­zen, wäh­rend Sie und ande­ree Bewer­ber zu die­sem Zeit­punkt noch nicht dar­auf zurück­grei­fen kön­nen?

Amts­in­ha­ber haben grund­sätz­lich immer gewis­se Vor­tei­le gegen­über wei­te­ren Kan­di­da­ten – dar­über kann man sicher­lich dis­ku­tie­ren. Ich mache den bei­den jedoch kei­nen Vor­wurf, dass sie die­sen Weg genutzt haben, da sie sich im wei­te­ren Ver­lauf sehr zurück­hal­tend mit den VfB-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len gezeigt haben.

Per­sön­lich hät­te ich wahr­schein­lich eine eige­ne, vom VfB unab­hän­gi­ge Pres­se­kon­fe­renz abge­hal­ten, um mei­ne Kan­di­da­tur zu erklä­ren. Die­sen Weg hät­te grund­sätz­lich jeder ande­re Kan­di­dat eben­falls wäh­len kön­nen.

Letzt­lich liegt es in der Natur der Sache, dass die Auf­merk­sam­keit pri­mär auf den amtie­ren­den Prä­si­den­ten gerich­tet ist, wäh­rend es für Her­aus­for­de­rer deut­lich schwie­ri­ger ist, sich Gehör zu ver­schaf­fen. Das hat weni­ger mit den han­deln­den Per­so­nen zu tun, son­dern viel­mehr mit der Posi­ti­on selbst

Was ist der Vor­teil eines Ver­kaufs an Mit­glie­der im Ver­gleich zu einem Ver­kauf an einen wei­te­ren Ein­zel-Inves­tor?

  1. Vor­ran­gig sehe ich kei­nen ernst­zu­neh­men­den Inves­tor, der mit einem Anteil von ledig­lich 3,9 % wirk­lich beim VfB ein­stei­gen will. Die bis­her gehan­del­ten poten­zi­el­len Inves­to­ren stre­ben eine Betei­li­gung auf Augen­hö­he mit Por­sche und Mer­ce­des an, da ein gerin­ge­rer Anteil kaum einen ech­ten Mehr­wert bie­tet. Mit 3,9 % erhält man nur schwer­lich einen Sitz im Auf­sichts­rat und hat somit kei­nen rele­van­ten Ein­fluss – was für Inves­to­ren in der Regel essen­zi­ell ist. Daher hal­te ich einen tat­säch­li­chen Ver­kauf unter den aktu­el­len Gege­ben­hei­ten für unwahr­schein­lich.
  2. Eine alter­na­ti­ve Mög­lich­keit wäre, drei mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men zu fin­den, die jeweils 1,3 % der Antei­le über­neh­men. Dies wür­de das bereits in der Ver­gan­gen­heit dis­ku­tier­te „Mit­tel­stands­bünd­nis“ rea­li­sie­ren. Aller­dings wür­de auch hier kei­ner der Betei­lig­ten einen Sitz im Auf­sichts­rat erhal­ten, womit das­sel­be Pro­blem wie in Punkt 1 bestehen bleibt. Noch zur Klar­stel­lung: Jako sitzt nicht als Inves­tor im Auf­sichts­rat, son­dern als Ver­eins­ver­tre­ter des VfB e.V.
  3. Die Mit­glie­der sind bereits durch das Prä­si­di­um im Auf­sichts­rat ver­tre­ten, was man als aus­rei­chend betrach­ten könn­te. Ich per­sön­lich fin­de jedoch, dass dies ange­sichts des beson­de­ren Ver­hält­nis­ses zwi­schen Ver­eins­mit­glie­dern und AG nicht genügt. Die Mit­glie­der soll­ten ihr Recht auf Infor­ma­ti­on und Dis­kus­si­on auch direkt inner­halb der AG wahr­neh­men kön­nen – und das wäre nur über eine Mit­glie­der-Aktie recht­lich mög­lich. Zudem erle­be ich, dass es vie­len Mit­glie­dern ein emo­tio­nal wich­ti­ges Bedürf­nis ist, ein ech­tes Stück VfB zu besit­zen. Durch die Aus­ga­be von Mit­glie­der-Akti­en wür­de man ihnen die Mög­lich­keit geben, sich ein Stück des Ver­eins zurück­zu­ho­len, von dem sie bis­her glaub­ten, es durch die Aus­glie­de­rung ver­lo­ren zu haben.

Ich bin über­zeugt, dass nahe­zu alle VfB-Mit­glie­der eine Aktie kau­fen wür­den, auch wenn – ähn­lich wie bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung – nur ein gerin­ger Anteil tat­säch­lich zur Haupt­ver­samm­lung erschei­nen wird. Gleich­zei­tig hät­te das Prä­si­di­um den Vor­teil, eine direk­te Rück­mel­dung von den anwe­sen­den VfB-Klein­ak­tio­nä­ren zu den anste­hen­den Abstim­mun­gen zu erhal­ten und die­se in die für den e.V. not­wen­di­gen Ent­schei­dun­gen ein­flie­ßen zu las­sen. Dadurch wür­de ein Stück Basis­de­mo­kra­tie in die AG ein­zie­hen – ein Schritt, der die Ver­bin­dung zwi­schen Ver­ein und Mit­glie­dern stär­ken wür­de.

Wie wol­len Sie kon­kret die infra­struk­tu­rel­le Situa­ti­on rund um den Neckar­park ver­bes­sern?

Das ist eine kur­ze Fra­ge für ein äußerst kom­ple­xes The­ma. Zunächst muss man ver­ste­hen, dass die Grund­stü­cke im Neckar­park unter­schied­li­chen Eigen­tü­mern gehö­ren. Tei­le gehö­ren dem VfB, ande­re der Stadt Stutt­gart, wei­te­re Flä­chen sind im Besitz von Mer­ce­des-Benz und dem PSV. Eine infra­struk­tu­rel­le Ver­bes­se­rung des gesam­ten Gelän­des macht nur Sinn, wenn es als Gan­zes betrach­tet und geplant wird. Das bedeu­tet, dass sowohl für Mer­ce­des als auch für den PSV trag­fä­hi­ge Lösun­gen gefun­den wer­den müs­sen. Beson­ders für den PSV ist es ent­schei­dend, dass er nicht als Ver­lie­rer aus die­sem Pro­zess her­vor­geht. Hier braucht es die Unter­stüt­zung der Stadt Stutt­gart, um dem PSV attrak­ti­ve Ersatz­flä­chen bereit­zu­stel­len, damit der Ver­ein sein Ver­eins­le­ben unein­ge­schränkt fort­füh­ren kann.

Bei den Mer­ce­des-Flä­chen han­delt es sich um Grund­stü­cke, die bis­her nicht bebaut sind und nach mei­nem aktu­el­len Kennt­nis­stand auch auf abseh­ba­re Zeit nicht zur Bebau­ung vor­ge­se­hen sind. Wenn die Eigen­tums- und Nut­zungs­fra­gen mit allen Betei­lig­ten geklärt sind, muss das gesam­te Gelän­de als Ein­heit neu beplant wer­den. In den Pla­nun­gen gibt es bereits detail­lier­te Auf­stel­lun­gen dar­über, wel­che Trai­nings­flä­chen für wel­che Sport­ar­ten – sowohl für Som­mer- als auch für Win­ter­trai­ning – benö­tigt wer­den. Das bedeu­tet, dass auch der Bau einer oder sogar zwei­er Sport­hal­len mit­ge­dacht wer­den muss.

Ein wei­te­rer zen­tra­ler Aspekt ist die Park­platz­si­tua­ti­on. Ein mög­li­ches Sze­na­rio wäre die Errich­tung eines mehr­ge­schos­si­gen Park­hau­ses auf P9, das sich durch Park­ge­büh­ren bei Ver­an­stal­tun­gen refi­nan­zie­ren könn­te. Bereits 2021 hat­te ich mit Tho­mas Krü­cken, dem ehe­ma­li­gen Lei­ter des NLZ, über krea­ti­ve Lösun­gen nach­ge­dacht – unter ande­rem über die Mög­lich­keit, auf den obers­ten Eta­gen der angren­zen­den Park­häu­sern zusätz­li­che Trai­nings­plät­ze zu schaf­fen, eine Pra­xis, die in ande­ren Län­dern bereits erfolg­reich umge­setzt wur­de.

Neben den pla­ne­ri­schen Über­le­gun­gen ist die Finan­zie­rung der wohl ent­schei­dends­te Fak­tor. Es braucht ein soli­des Finan­zie­rungs- und vor allem Refi­nan­zie­rungs­kon­zept. Mei­ne aktu­el­le Ein­schät­zung ist, dass ein rea­lis­ti­scher Min­dest­be­trag von 50 Mil­lio­nen Euro für eine sinn­vol­le Umset­zung erfor­der­lich wäre – mit einer Ten­denz zu noch höhe­ren Kos­ten.

Die Erar­bei­tung eines trag­fä­hi­gen Finanz­plans ist somit einer der zen­tra­len Bau­stei­ne die­ses hoch­kom­ple­xen Pro­jekts. Ich habe bereits zahl­rei­che Ideen und Kon­zep­te im Kopf, deren detail­lier­te Aus­füh­rung hier den Rah­men spren­gen wür­de. Doch eines kann ich mit Über­zeu­gung sagen: Ich habe mich inten­siv mit die­sem The­ma befasst und bin fest davon über­zeugt, dass eine Umset­zung im Sin­ne des VfB rea­li­sier­bar ist – wenn man, wie ich, genau weiß, wel­che Finan­zie­rungs­we­ge für ein sol­ches Groß­pro­jekt in Fra­ge kom­men.

Bei Ihrer ers­ten Kan­di­da­tur 2021 wur­den Sie stark als Kan­di­dat des Freun­des­krei­ses wahr­ge­nom­men. Wie sehen Sie des­sen Rol­le im Ver­eins­le­ben des VfB und wel­che Rol­le spiel­te und spielt die­ser bei Ihrer Kan­di­da­tur?

Ich bin nach wie vor Mit­glied im Freun­des­kreis, auch wenn ich seit eini­gen Jah­ren kei­ne „akti­ve“ Rol­le mehr dort ein­neh­me. In die­ser Sai­son sit­ze ich nicht ein­mal mehr in der Loge des Freun­des­krei­ses, son­dern habe mei­nen Platz im regu­lä­ren Busi­ness Cen­ter Bereich – genau wie rund 3.000 wei­te­re Kar­ten­in­ha­ber auf der Haupt­tri­bü­ne.

Der Freun­des­kreis spielt eine wich­ti­ge Rol­le als Spon­sor inner­halb des Ver­eins. Nach dem VfB e.V. ist er der größ­te Geld­ge­ber der Leicht­ath­le­tik-Abtei­lung und gehört auch zu den bedeu­ten­den För­de­rern des Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trums. In finan­zi­el­ler Hin­sicht hat er also eine kla­re Berech­ti­gung und Funk­ti­on.

Für mei­ne Kan­di­da­tur hat mei­ne – eher pas­si­ve – Mit­glied­schaft im Freun­des­kreis kei­ner­lei Rol­le gespielt. Tat­säch­lich habe ich mei­ne Kan­di­da­tur sogar vor dem Freun­des­kreis ande­ren offi­zi­el­len Fan­clubs (OFCs), in denen ich eben­falls seit Jah­ren Mit­glied bin, mit­ge­teilt – dar­un­ter ‘RW Berk­heim’ und ‘OFC Cou­ra­ge’, die weit vor dem Freun­des­kreis von mir Infor­miert wur­den.

Vie­len Dank für das Gespräch!

Titel­bild: © Pierre-Enric Stei­ger

1 Gedanke zu „Rund um die Mitgliederversammlung: Im Gespräch mit Präsidentschaftskandidat Pierre-Enric Steiger“

  1. Vie­len Dank für das Inter­view.
    Da Pierre-Enric Stei­ger mehr­fach die The­men „Trans­pa­renz, Kom­mu­ni­ka­ti­on und eine ehr­li­che Mit­glie­der­be­tei­li­gung“ anspricht, hät­te ich mir von ihm schon noch­mal einen selbst­kri­ti­schen Schwenk zu sei­nem letz­ten Wahl­kampf gewünscht. Was hat er dar­aus gelernt? Ins­ge­samt waren sei­ne Auf­trit­te, Äuße­run­gen und sein Kon­zept zur Sat­zungs­än­de­rung sei­ner­zeit mei­ner Wahr­neh­mung nach sehr weit weg von offe­ner und trans­pa­ren­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on. Statt­des­sen muss­te er sich mehr­fach nach­träg­lich erneut erklä­ren (Stich­wor­te z.B. Frau­en­quo­te oder Chris­ten­tum. Und gab es nicht auch eine Geschich­te, wo bei einer Vor­stel­lungs-Ver­an­stal­tung der Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten eine Fra­ge durch eine Mit­ar­bei­te­rin sei­ner Stif­tung gestellt wur­de, ohne dass die­se Ver­bin­dung offen­ge­legt wur­de?).

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