Unreif

Auch das Heim­spiel gegen Lever­ku­sen ver­liert der VfB trotz einer über wei­te Stre­cken ange­sichts des Geg­ners anspre­chen­den Leis­tung. Der spä­te Nacken­schlag ist erneut das Ergeb­nis eines dra­ma­ti­schen Kon­troll­ver­lusts. Dabei ist die Nie­der­la­ge gegen den Meis­ter vor allem des­we­gen so ärger­lich, weil man sie sich nicht leis­ten konn­te.

Ja, der Rück­blick auf die­ses Spiel kommt die­se Woche etwas spä­ter. Das hat zum Einen damit zu tun, dass ich am Sonn­tag­abend am Liebs­ten irgend­et­was kurz und klein geschla­gen hät­te — und damit bin ich ver­mut­lich nicht der Ein­zi­ge. Ter­min­be­dingt kam ich dann erst spä­ter dazu, mir die 3:4‑Niederlage noch­mal in Ruhe anzu­schau­en. Und was soll ich sagen: Was mich live noch wahn­sin­nig mach­te, näm­lich dass der VfB eine 2:0‑Führung und dann eine 3:1‑Führung noch ver­spiel­te, dass es bis kurz vor Schluss immer noch 3:2 für uns stand und ich schon wuss­te, was gleich pas­sie­ren wird, das trieb mir auch re-live noch­mal den Puls in die Höhe. Was ich aber auch sah: Die Mann­schaft mit dem Brust­ring mach­te über wei­te Stre­cken gegen zwar durch den Aus­fall von Wirtz ersatz­ge­schwäch­te, aber den­noch immer gefähr­li­che Lever­ku­se­ner ein ziem­lich gutes Spiel. Bis sie am Ende immer mehr Zwei­kämp­fe in ent­schei­den­den Situa­ti­on und damit kom­plett die Spiel­kon­trol­le ver­lor. Wie ein Kind, dass sich sei­ne Kräf­te nicht ein­tei­len kann, sich müde spielt und plötz­lich über den Bau­klöt­zen weg­nickt. Das weckt Erin­ne­run­gen an den Super­cup gegen den glei­chen Geg­ner, aber auch an Par­tien wie das Heim­spiel gegen Mainz. So reif sich die Mann­schaft in einer ähn­li­chen Situa­ti­on in Dort­mund zeig­te, so unreif agier­te sie gegen den Meis­ter.

In der Luft

Ben­ni Hof­mann hat es in sei­nem Arti­kel im kicker auf den Punkt gebracht: “In der­ar­ti­gen Situa­tio­nen fehlt ein Anker­spie­ler, wie ihn Bay­er bei­spiels­wei­se in Gra­nit Xha­ka hat. Ein Pro­fi, der per­ma­nent Ruhe aus­strahlt, die Gewiss­heit des Sie­ges im Kopf, der auch mal auf den Ball tritt, das Tem­po ver­schleppt.” Der VfB spiel­te ein­fach immer wei­ter und ließ sich bei eige­ner Füh­rung immer regel­mä­ßi­ger von den schnel­len Gäs­ten über­spie­len. So waren die Gegen­to­re unab­hän­gig von indi­vi­du­el­len Miss­ge­schi­cken wie dem von Stil­ler oder Abwehr­feh­lern wie denen von Füh­rich und Kara­zor, irgend­wann unver­meid­bar, denn der VfB bekam kein Bein mehr auf den Boden. Dabei muss sich auch Sebas­ti­an Hoe­neß fra­gen las­sen, ob es in die­ser Situa­ti­on ziel­füh­rend war, mit Joshua Vagno­man, Chris Füh­rich und Deniz Undav drei Spie­ler in der Form­kri­se ein­zu­wech­seln. Vagno­man scheint sich immer noch nicht von sei­nem Deba­kel gegen Paris und Bar­co­la erholt zu haben, ande­rer­seits kann man aber von Undav und Füh­rich auch erwar­ten, dass sie den Platz auf der Bank zu Beginn des Spiels eben­so als Ansporn ver­ste­hen wie die Nomi­nie­rung für die Natio­nal­mann­schaft oder eben in Füh­richs Fall die Nicht-Nomi­nie­rung.

Was die Nie­der­la­ge so schwer ver­dau­lich macht, ist eben auch die Tat­sa­che, dass die Mann­schaft gegen einen star­ken Geg­ner wie­der gut aus­sah, aber wie gegen die Bay­ern am Ende mit lee­ren Hän­den da stand. Waren es gegen die Bay­ern noch absur­de Defen­siv-Pat­zer, war man gegen Lever­ku­sen eigent­lich immer einen Schritt zu spät. Dabei zeig­te die Mann­schaft in den ers­ten knapp 70 Minu­ten genau das, was man von ihr in einem sol­chen Spiel sehen möch­te, aber auch muss: Bis­sig in den Zwei­kämp­fen, kon­zen­triert in der Abwehr, ziel­stre­big nach vor­ne und eis­kalt vor dem Tor. Immer wie­der befrei­te sich die Hoe­neß-Elf gut aus Lever­ku­se­ner Angrif­fen und ging dann ent­schlos­sen in die Offen­si­ve. So zum Bei­spiel beim 1:0, als Maxi Mit­tel­städt sich einen etwas zu weit vor­ge­leg­ten Ball zurück­er­kämpf­te, Nick Wol­te­ma­de die­sen dann mit dem Rücken zum Tor annahm, auf Jamie Lewe­ling wei­ter­lei­te­te, bevor Erme­din Demi­ro­vic des­sen Schuss im zwei­ten Ver­such über die Linie drück­te. Oder der wohl­über­leg­te Pass von Enzo Mil­lot auf Wol­te­ma­de, der form­schön, direkt nach der Pau­se vor der Cannstat­ter Kur­ve traf. Beim 3:1 hat­te der VfB dann auch das nöti­ge Glück, als Demi­ro­vics Schuss zwi­schen Tor­wart Hra­de­cky und der Hand von Gra­nit Xha­ka zur Bil­lard­ku­gel wur­de. Dazu zeig­te der jun­ge Finn Jeltsch erneut eine beein­dru­cken­de Par­tie. Es pass­te also alles und dann am Ende doch wie­der nicht.

Die Tabelle lädt das Spiel zusätzlich auf

Das alles war im Super­cup noch halb so wild, denn da ging es um nichts. In den letz­ten Wochen hat der VfB sich aber in eine Situa­ti­on gebracht, in dem ein Sieg gegen Lever­ku­sen nach meh­re­ren teil­wei­se ver­pfif­fe­nen Spie­len gegen die­se Trup­pe nicht nur für die See­le gut gewe­sen wäre, son­dern auch für den Tabel­len­stand. Denn ein solch nai­ves Spiel gegen Lever­ku­sen kön­nen wir uns nur leis­ten, wenn wir gegen ande­re Mann­schaf­ten unse­re Haus­auf­ga­ben machen. Die halb­ga­ren Auf­trit­te bei den Abstiegs­kan­di­da­ten aus Kiel und Hof­fen­heim, die schlech­ten Leis­tun­gen gegen Wolfs­burg, Glad­bach und Mainz aber sind es, die die­se Nie­der­la­ge gegen Lever­ku­sen zusätz­lich auf­la­den. Man könn­te das Posi­ti­ve aus dem Groß­teil der Par­tie her­neh­men und ver­su­chen, die­se in Frank­furt abzu­stel­len. So ent­steht aber das Mus­ter, dass sich die Mann­schaft gegen star­ke Geg­ner zu Höchst­leis­tun­gen auf­schwingt, gegen schwä­che­re aber genau die­se Tugen­den ver­mis­sen lässt. Oder wie es es Dirk Preiß von den Stutt­gar­ter Nach­rich­ten for­mu­liert: “Ein gutes Ende der Sai­son ist also noch mög­lich — wird dem VfB aber nicht zuflie­gen.” Wenn die Mann­schaft das nach den letz­ten Par­tien nicht kapiert hat, ist ihr auch nicht mehr zu heol­fen und dann wird es weder für einen Euro­pa­po­kal-Platz, noch für das Pokal­fi­na­le rei­chen.

Dass sie sich auch wie­der halb­wegs berap­peln kann, zeigt die Hin­run­de: Im Novem­ber ging man mit dem Nacken­schlag des spä­ten, aber aberkann­ten Tores von Chris Füh­rich gegen Frank­furt in die Län­der­spiel­pau­se — und sam­mel­te im Anschluss, vom Deba­kel in Bel­grad mal abge­se­hen, flei­ßig Punk­te gegen genau die Mann­schaf­ten, gegen die es jetzt in den Sai­son­end­spurt geht. Soll­te es dann gelin­gen, den schon schmerz­haft häu­fig zitier­ten Bock “umzu­sto­ßen”, dann kann ich auch mit die­sem Spiel gegen Lever­ku­sen leben. Aktu­ell ärge­re ich mich immer noch.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass fühlt sich auch an die Zeit unter Mat­a­raz­zo erin­nert und ana­lyisert: “Es fehlt an Sta­bi­li­tät, aber auch an Füh­rung – von innen und von außen.”

Titel­bild: © Dani­el Kopatsch/Getty Images

1 Gedanke zu „Unreif“

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.