Es gibt aktuell leichtere Aufgaben für den VfB als ein Auswärtsspiel in Leverkusen. Wie dort die Lage ist, darüber haben wir Sebastian Bergmann von der Rheinischen Post gesprochen.
Rund um den Brustring: Hallo Sebastian und vielen Dank, dass Du dir Zeit für unsere Fragen nimmst. In der vergangenen Saison verpasste Leverkusen, auch nach dem verlorenen Duell mit dem VfB am vorletzten Spieltag, nach zwei Jahren wieder den Einzug in die Champions League. Wie groß war die Enttäuschung im Verein nach der letzten Saison?
Sebastian: Die Enttäuschung war natürlich riesig, vor allem, nachdem Leverkusen noch am 32. Spieltag beim 4:1 gegen Leipzig eine der stärksten Saisonleistungen gezeigt und die Qualifikation zu diesem Zeitpunkt in eigener Hand hatte. Nicht nur, aber auch wegen der verpassten Champions-League-Qualifikation war ein erneuter Trainerwechsel nach Saisonende unvermeidlich. Obwohl sich Bayer als Dauergast in der Königsklasse sieht, haben die Klubverantwortlichen schnell klargemacht, den „Abstieg“ in die Europa League zu ihrem Vorteil nutzen zu wollen. Zum einen erinnern sie an die Double-Saison 2023/24, in der Bayer in diesem Wettbewerb bis ins Finale kam und national dominierte. Zum anderen sehen sie mit der neu formierten Mannschaft eine realistische Chance auf den ersten internationalen Titel seit 1988.
Auf Kasper Hjulmand folgte dann im Sommer Carles Martinez auf der Trainerbank, der zuvor den FC Toulouse trainiert hatte. Konntest Du die Entscheidung für ihn nachvollziehen?
Der Wechsel war nur logisch, schließlich war die Entwicklung des Teams in der zweiten Saisonhälfte unter Hjulmand zu schwach. Dass nach Xabi Alonso wieder ein Spanier übernehmen würde, war absehbar, denn sowohl Bayers Sportgeschäftsführer Simon Rolfes als auch Klubchef Fernando Carro sind große Fans des spanischen Fußballs. Nicht umsonst galten auch der inzwischen beim FC Liverpool tätige Andoni Iraola und der seit zwei Jahren für Como verantwortliche Cesc Fàbregas immer wieder als mögliche Kandidaten. Der Katalane Martinez hat sein Trainer-Know-how in der legendären Jugendakademie „La Masia“ des FC Barcelona erlernt und dort mit einigen heutigen Top-Stars zusammengearbeitet. Mit dem FC Toulouse hat er vor allem junge Spieler weiterentwickelt, 2023 als Co-Trainer den französischen Pokal gewonnen und international mit einem Heimsieg in der Europa League gegen den damals noch von Jürgen Klopp trainierten FC Liverpool für Aufsehen gesorgt.
Leverkusen hat von den ersten sieben Ligaspielen nur zwei verloren, in der Europa League ist man noch ohne Punktverlust und Gegentor und am Mittwoch drehte man einen 0:2‑Rückstand gegen Nürnberg in ein 5:2. Welche Chancen siehst Du für die Mannschaft in den drei Wettbewerben?
In der Bundesliga kann das Ziel nur lauten, wieder unter die besten vier Mannschaften zu kommen. Nach den ersten Saisonwochen sehe ich keinen Grund, von diesem Vorhaben abzuweichen. Die Mannschaft ist trotz des erneuten Umbruchs und dank ihrer Kaderbreite gut genug, um genügend Teams hinter sich zu lassen. Im DFB-Pokal sind es nur noch drei Siege bis zum Finale in Berlin. Hat Bayer wie zuletzt häufig Losglück, ist auch das in Reichweite. In der Europa League sollte ein Platz unter den besten acht machbar sein. Danach ist je nach Auslosung wirklich alles drin. Ein frühes Aus in der K.-o.-Phase halte ich ebenso für möglich wie den Finaleinzug.
Die Niederlage bei den kriselnden Hoffenheimern am vergangenen Wochenende kam genauso überraschend wie die in Elversberg am ersten Spieltag. Wie lassen sich diese Spiele erklären, angesichts der sonst souveränen Auftritte?
Das ist bislang die größte Frage, die Martinez als neuer Trainer beantworten muss. Auch beim 2:2 in Augsburg gab es nach einer guten ersten Halbzeit eine Phase, in der plötzlich nichts mehr zusammenlief. Ich denke, dass es sich um eine Mischung aus zu viel Selbstsicherheit, noch nicht gefestigten Hierarchien und dem aktuell geringen Konkurrenzdruck handelt, den die Verletzungen mit sich bringen.
Wo siehst Du aktuell die Stärken und Schwächen Leverkusens?
Offensiv sieht es teilweise richtig gut aus und erinnert in Phasen an die erfolgreiche Zeit unter Alonso. In der Abwehr scheint sich – zumindest für die Liga – eine Stamm-Viererkette gefunden zu haben, auch die Sechserpositionen sind besetzt. Leverkusen wirkt zunehmend eingespielt, ist resilient und verbindet Elemente von Ballbesitz und Konterfußball über seine schnellen Außenspieler. Die größte Schwäche bleiben die Aussetzer im Kollektiv und die Verteidigung von Standards.
Patrik Schick trifft und trifft auch in dieser Saison und hat schon sechs Tore in sieben Spielen auf dem Konto. Auf wen muss der VfB am Samstag noch aufpassen?
Ibrahim Maza, in der vergangenen Saison schon wertvollster Bayer-Profi, hat noch einmal einen Schritt gemacht und ist der kreative Schlüsselspieler im Team. Mit ihm steht und fällt das Spiel der Werkself. Ihn auszuschalten, sollte für Stuttgart Priorität haben. Zudem sollte der VfB vermeiden, Miguel Gutiérrez ungestört Flanken schlagen zu lassen.
Wer fällt denn bei Leverkusen aus?
Moussa Diaby hat sich bei der Niederlage in Sinsheim verletzt und steht erst nach der nächsten Länderspielpause wieder zur Verfügung. Loic Badé erlitt im selben Spiel eine Schädelprellung, fehlte daher im Pokal und wahrscheinlich auch gegen Stuttgart. Guéla Doué, Christian Kofane und Eliesse Ben Seghir befinden sich im Aufbautraining, auch sie fallen womöglich noch länger aus. Nicht dabei sind die Langzeitverletzten Martin Terrier und Kennet Eichhorn.
Zum Abschluss: Dein Tipp für die Startelf und das Ergebnis?
Flekken – Quansah, Tapsoba, Medina, Gutiérrez – Garcia, Fernández – Tella, Maza, Moreira – Schick.
Titelfoto: © Lars Baron/Getty Images