Rund um den nächsten Gegner: Im Gespräch mit Hoffenheim-Experte Niko Beck von der Rhein-Neckar-Zeitung

Zum Abschluss des Fuß­ball­jah­res emp­fängt der VfB die TSG Hof­fen­heim im Neckar­sta­di­on. Wie es der­zeit im Kraich­gau läuft und wie der akt­el­le Höhen­flug zustan­de kam, erklärt uns Niko­las Beck, stell­ver­tre­ten­der Res­sort­lei­ter Sport der Rhein-Neckar-Zei­tung.

Rund um den Brust­ring: Hal­lo Niko und vie­len Dank, dass Du Dir wie­der Zeit für unse­re Fra­gen nimmst. Am Sams­tag reist Hof­fen­heim als Tabel­len­fünf­ter zum Ver­fol­ger­du­ell gegen den Tabel­len­sechs­ten. Hät­test Du das nach der letz­ten Sai­son, die man als 15. abschloss, für mög­lich gehal­ten?

Niko­las: Hi Lenn­art, wie immer sehr ger­ne Zu Dei­ner Fra­ge: Ich hät­te es zumin­dest nicht aus­ge­schlos­sen. Die Wand­lung vom Abstiegs­kan­di­da­ten zum Euro­pa­po­kal-Teil­neh­mer hat­te die TSG im Jahr zuvor ja schon ein­mal hin­ge­legt. Ganz offen­sicht­lich hat man aus dem Deba­kel der ver­gan­ge­nen Sai­son die rich­ti­gen Leh­ren gezo­gen. Zumin­dest, was die sport­li­chen Ent­schei­dun­gen angeht. Zum Rest kom­men wir ja sicher noch…

Trai­ner Chris­ti­an Ilzer mach­te ver­gan­ge­ne Sai­son vor allem durch unkon­ven­tio­nel­le Moti­va­ti­ons­me­tho­den Schlag­zei­len, die­se Sai­son durch sport­li­chen Erfolg — hat er etwas geän­dert oder zei­gen sei­ne Maß­nah­men jetzt anders Wir­kung?

Die „unkon­ven­tio­nel­len Moti­va­ti­ons­me­tho­den“, wie Du sie nennst, wur­den medi­al viel zu sehr auf­ge­bauscht. Dass Der­ar­ti­ges den Weg an die Öffent­lich­keit fand, spricht aber natür­lich schon dafür, wie wenig Rück­halt Chris­ti­an Ilzer zu die­sem Zeit­punkt – in Tei­len der Mann­schaft und des Klubs – hat­te. Das hat sich inzwi­schen durch­aus geän­dert. Ich glau­be mitt­ler­wei­le aber eher, dass man nach den Ereig­nis­sen des Som­mers 2024 mit „Hof­fe“ in der ver­gan­ge­nen Sai­son gar kei­nen Erfolg haben konn­te. Pel­le­gri­no Mat­a­raz­zo nicht, Chris­ti­an Ilzer nicht – und ver­mut­lich hät­te es auch kein ande­rer viel bes­ser hin­be­kom­men.

Im Som­mer agier­te Hof­fen­heim nur in über­schau­ba­rem Maße auf dem Trans­fer­markt: Leon Avdul­la­hu vom FC Basel war mit kol­por­tier­ten acht Mil­lio­nen Euro der teu­ers­te Neu­zu­gang, und das obwohl man für Anton Stach 20 Mil­lio­nen aus Leeds bekam. Lag das dar­an, dass die Mann­schaft nur punk­tu­ell ver­stärkt wer­den muss­te oder hat­te das ande­re Grün­de?

Da wür­de ich Dir höf­lich wider­spre­chen. Der Kader wur­de ein­mal kom­plett auf links gedreht mit alles in allem etwa 30 Kader­be­we­gun­gen. Natür­lich wur­de nicht noch ein­mal so viel Geld inves­tiert wie im denk­wür­di­gen Som­mer zuvor. Aber auch die ablö­se­frei­en Neu­zu­gän­ge wie Tim Lem­per­le, Ber­nar­do oder Vla­di­mir Cou­fal sind abso­lu­te Leis­tungs­trä­ger; Wou­ter Bur­ger und Albi­an Haj­da­ri, die aus der zwei­ten eng­li­schen Liga und aus der Schweiz geholt wur­den, haben eben­falls ihren Stamm­platz sicher. Fis­nik Aslla­ni ist zwar „nur“ ein Leih­rück­keh­rer, aber gefühlt auch ein Neu­zu­gang. Leon Avdul­la­hu war also in der Tat der teu­ers­te Neue, aber bei wei­tem nicht der ein­zi­ge, der ein­ge­schla­gen hat.

Wie bewer­test Du den Trans­fer­som­mer und wo muss man im Win­ter nach­le­gen Dei­ner Mei­nung nach?

Die­se Ant­wort wird Dich nach mei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen nicht mehr über­ra­schen: Der Trans­fer­som­mer ist – aus heu­ti­ger Sicht – nahe­zu per­fekt gelau­fen. Ein­zi­ger Makel: Man hat­te zwar bewusst früh­zei­tig alle Neu­zu­gän­ge an Bord, sodass bereits zu Beginn der Vor­be­rei­tung der Grund­stein für den aktu­el­len Erfolg gelegt wer­den konn­te, aber ist dadurch das Risi­ko ein­ge­gan­gen, einen zu gro­ßen Kader bei­sam­men­zu­ha­ben. Es ist kein Geheim­nis, dass man sich von dem einen oder ande­ren Pro­fi mehr ger­ne getrennt hät­te. Den­nis Gei­ger und Mer­gim Beri­sha sind hier stell­ver­tre­tend zu nen­nen. Bei­den wur­de klar kom­mu­ni­ziert, dass sie kei­ne Zukunft im Klub haben. Wech­sel kamen den­noch nicht zustan­de. Nun trai­nie­ren die bei­den Gut­ver­die­ner im Dritt­li­ga-Team mit, spie­len dort aber nicht. Inklu­si­ve Tor­hü­ter ste­hen 33 Pro­fis unter Ver­trag. Dazu kom­men neun (!) Spie­ler, für die man im Som­mer nur Leih­ver­ei­ne, aber kei­ne dau­er­haf­ten Trans­fers fin­den konn­te. Für den Win­ter, aber auch den nächs­ten Som­mer steht daher die Kader­re­duk­ti­on und vor allem ein Absen­ken der Gehalts­kos­ten ganz oben auf der Agen­da.

Kom­men wir zunächst ein­mal zum nicht- und viel­leicht auch unsport­li­chen Rück­blick auf die bis­he­ri­ge Hin­run­de. Die bes­te Nach­richt aus Hof­fen­hei­mer-Sicht ist sicher, dass Sport-Geschäfts­füh­rer Andre­as Schi­cker nicht dem Wer­ben aus Wolfs­burg erlag. Dafür gab es erneu­te Per­so­nal­wech­sel auf der Füh­rungs­ebe­ne, ein Haus­ver­bot für einen Spie­ler­be­ra­ter und einen Mäzen, bei dem man sich von außen nicht sicher ist, auf wes­sen Sei­te er steht. Kannst Du für uns ein wenig auf­drö­seln, wie der aktu­el­le Stand ist und was das für die Zukunft bedeu­tet?

Der aktu­el­le Stand ist rela­tiv leicht zu skiz­zie­ren. Es gibt zwei Geschäfts­füh­rer: Andre­as Schi­cker küm­mert sich um den Sport, Tim Jost um alle kauf­män­ni­schen Ange­le­gen­hei­ten. Im März wird der e.V. einen neu­en Vor­sit­zen­den wäh­len, nach­dem Prä­si­dent Jörg Albrecht aus gesund­heit­li­chen Grün­den zurück­ge­tre­ten ist. Bis März soll­te also zunächst ein­mal Ruhe herr­schen. Vie­les wird dann davon abhän­gen, wen die Mit­glie­der wäh­len bzw. wel­chem „Lager“ der neue Vor­sit­zen­de zuzu­ord­nen sein wird. Denn der Kern aller Strei­te­rei­en der ver­gan­ge­nen andert­halb Jah­re ist jener, dass der e.V.-Vorstand wie bei allen „50+1“-Klubs als Ver­tre­ter des Haupt­ge­sell­schaf­ters das letz­te Wort hat bei sämt­li­chen Ent­schei­dun­gen und im Zwei­fel auch Diet­mar Hopp über­stim­men kann. Der hält aller­dings nach wie vor 96 Pro­zent der Kapi­tal­an­tei­le an der Spiel­be­triebs GmbH und unter­stützt das „Pro­jekt Bun­des­li­ga“ nach wie vor mit vie­len Mil­lio­nen Euro. Um es kurz zu machen: Der eine zahlt, aber ein ande­rer ent­schei­det. Das geht sel­ten gut.

Augen­schein­lich wur­de die­se kom­pli­zier­te Gemenge­la­ge, als sich die Geschäfts­füh­rung, damals noch vier­köp­fig, vom gro­ßen Ein­fluss von Spie­ler­be­ra­ter Roger Witt­mann lösen woll­te. Die­ser dabei aber natür­lich nicht taten­los zuschau­en woll­te. Die Fron­ten – vor allem zwi­schen den bei­den Geschäfts­füh­rern Mar­kus Schütz und Frank Bri­el, stets unter­stützt von Albrecht auf der einen und Witt­mann, der sei­nen engen Freund Hopp nach wie vor eng an sei­ner Sei­te hat – waren schnell ver­här­tet. Das Sta­di­on­ver­bot für Witt­mann war im Nach­hin­ein sicher ein Feh­ler der Geschäfts­füh­rung. Es wur­de vom Gericht auf­ge­ho­ben und hat im End­ef­fekt zur Frei­stel­lung von Schütz und Bri­el sowie zum Rück­tritt Albrechts geführt. Dass auch Schi­cker sei­ne Zukunft im Klub hin­ter­fragt hat, nach­dem ent­schei­den­de Mit­strei­ter weg­ge­bro­chen waren, ist nicht wirk­lich über­ra­schend. Dass vor allem Chris­toph Hens­s­ler, der als Zwei­ter Vor­sit­zen­der den e.V. bis März inte­ri­mis­tisch lei­tet, und der akti­ven Fan­sze­ne ent­stammt Schi­cker unter kei­nen Umstän­den ver­lie­ren woll­te, genau­so wenig. Du siehst: Es bleibt span­nend. 😉

Was ist Dei­ner Mei­nung nach sport­lich für Hof­fen­heim drin in die­ser Sai­son?

Ich hal­te es nicht für aus­ge­schlos­sen, dass die TSG unter die bes­ten Fünf kommt. Bay­ern, Dort­mund, Leip­zig, Lever­ku­sen – dahin­ter wird sich „Hof­fe“, zumin­dest nach heu­ti­ger Ein­schät­zung, mit Klubs wie Frank­furt oder eben auch dem VfB um die Plät­ze strei­ten.

Wo siehst Du in die­ser Sai­son die Stär­ken und Schwä­chen des Teams?

Die Schwä­che bei Stan­dards ist aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren hin­läng­lich bekannt – und irgend­wie ein­fach nicht abzu­stel­len. Ansons­ten gibt es wenig Berei­che, in denen kei­ne signi­fi­kan­ten Ver­bes­se­run­gen zu erken­nen sind. Die Abtei­lung „Sturm und Drang“ ist gewiss das gro­ße Pfund der aktu­el­len Mann­schaft. Tou­ré, Lem­per­le, Aslla­ni machen ihre Sache rich­tig gut, Andrej Kra­ma­ric erlebt sei­nen x‑ten Früh­ling und nun kommt auch Adam Hlo­zek zurück. Zudem hat Gri­scha Prö­mel sein Tor­jä­ger-Gen ent­deckt. In den ver­gan­ge­nen vier Heim­spie­len bei­spiels­wei­se hat Hof­fen­heim 13 Tore geschos­sen, ist aber bekann­ter­ma­ßen auch aus­wärts immer für ein Spek­ta­kel gut.

Gegen den HSV traf am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de unser ehe­ma­li­ger Spie­ler Ozan Kabak. Wie läuft es für ihn mitt­ler­wei­le im Kraich­gau?

Nach sei­nem Kreuz­band­riss im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te Ozan immer wie­der klei­ne­re und grö­ße­re Rück­schlä­ge im Reh­a­pro­zess erlit­ten. Es war also klar, dass er behut­sam wie­der an die Mann­schaft und an Ein­satz­zeit her­an­ge­führt wer­den wür­de. Gegen Hei­den­heim stand er tat­säch­lich erst­mals über­haupt in der Start­elf und konn­te nicht nur tref­fen, son­dern auch über die vol­le Distanz gehen. Sprich: So gut wie aktu­ell lief es für ihn schon lan­ge nicht mehr. Aller­dings läuft sein Ver­trag aus – die nächs­ten Wochen und vor allem die Par­tien im Janu­ar und Febru­ar dürf­ten also rich­tungs­wei­send sein, ob und wie die Rei­se von Ozan bei der TSG wei­ter­geht.

Wer fehlt denn am Wochen­en­de vor­aus­sicht­lich?

Defi­ni­tiv feh­len wird außer den weni­gen Lang­zeit­ver­letz­ten, allen vor­an Koki Mach­ida (Kreuz­band­riss), nur Bazo­u­ma­na Tou­ré, der sich am Mon­tag vom Team ver­ab­schie­det hat, weil er mit der Elfen­bein­küs­te am Afri­ka Cup teil­neh­men wird. Gene­rell ist einer der Schlüs­sel des bis­he­ri­gen Erfolgs sicher­lich auch die Fit­ness der Mann­schaft. Hof­fen­heim läuft mehr als alle ande­ren, sprin­tet öfter und absol­viert die meis­ten inten­si­ven Läu­fe aller Bun­des­li­gis­ten – und hat den­noch prak­tisch kei­ne Mus­kel­ver­let­zun­gen oder ande­re Weh­weh­chen.

Zum Abschluss: Dein Tipp für Start­elf und Ergeb­nis?

Ich tip­pe, wie Du und Dei­ne Leser ja inzwi­schen wis­sen, wahn­sin­nig schlecht – und bin trotz­dem von einem 3:3 über­zeugt. 😉 Ber­nar­do wird nach sei­ner Gelb­sper­re mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit ins Team zurück­keh­ren. Viel­leicht auch für Ozan. Ansons­ten wird Aslla­ni wohl wie­der von Beginn an auf­lau­fen dür­fen und Tou­ré erset­zen, wenn­gleich natür­lich nicht auf der­sel­ben Posi­ti­on. Vie­le Grün­de, dar­über hin­aus etwas zu ändern, hat Chris­ti­an Ilzer defi­ni­tiv nicht.

Titel­bild: © Chris­ti­an Kas­par-Bart­ke/­Get­ty Images

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.