Mit dem VfL Wolfsburg trifft der VfB auf den nächsten Abstiegskandidaten. Vor der Partie im Neckarstadion sprachen wir mit Wolfsburg-Experte Michael Theuerkauf von der Braunschweiger Zeitung über die aktuelle Lage bei den Niedersachsen.
Rund um den Brustring: Hallo Michael und danke, dass Du dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Vor dem Hinspiel, das der VfB mit 3:0 in Wolfsburg gewann, stand der VfL auf Tabellenplatz 15, wenige Wochen später war Trainer Paul Simonis seinen Job los. Unter seinem Nachfolger Daniel Bauer ist Wolfsburg vor dem Rückspiel wieder auf Platz 15 und befindet sich in höchster Abstiegsgefahr. Ist der Effekt des Trainerwechsels damit schon verpufft und rechnest Du mit einem weiteren Wechsel in dieser Saison?
Michael: Dieser Effekt aus dem November wurde nicht über die Winterpause gerettet. Das kann man wohl so sagen. Es ist schwer zu sagen, ob es einen weiteren Trainerwechsel geben wird. Ausgeschlossen ist es sicherlich nicht. Aber wenn man sieht, wie viele Trainer und welche Trainer sich in den letzten Jahren in Wolfsburg die Klinke in die Hand gedrückt haben, kann es ja eigentlich nicht am Coach liegen. Ich hoffe, dass man an Daniel Bauer festhalten wird und er die Zeit bekommt. Als Beispiel darf da auch der VfB Stuttgart dienen oder auch Hoffenheim im letzten Jahr. Erfolg braucht seine Zeit.
Wenn mehrfach Trainer gewechselt werden, richtet sich der Blick automatisch auf die Ebene darüber: Sebastian Schindzielorz wurde im November, wenige Tage nach der Entlassung von Simonis freigestellt, also Nachfolger eiste Sportgeschäftsführer Peter Christiansen Pirmin Schwegler aus Frankfurt los. Welche Fehler wurden Deiner Meinung nach im Management des VfL gemacht?
Es ist auch zu einfach, die Fehler nur auf den Sportdirektor und den Geschäftsführer Sport abzuwälzen. Die Probleme in Wolfsburg liegen tiefer. Der Kader ist sicherlich nicht gut zusammengestellt. Das darf man Christiansen und Schindzielorz ankreiden. Aber dennoch ist genügend fußballerische Qualität vorhanden. Abstiegskampf hätte nie im Leben sein müssen.
Wie groß schätzt du aktuell die Gefahr des ersten Abstiegs seit dem Aufstieg vor fast 30 Jahren ein und was für das für den VfL Wolfsburg bedeuten — auch im Hinblick auf den Eigentümer Volkswagen?
Die Abstiegsgefahr ist leider sehr, sehr groß. Was der Worstcase letztlich für Folgen hätte, lässt sich jetzt noch gar nicht abschätzen. VW wird den VfL bestimmt nicht „abstoßen“, so viel kann man aber sagen.
Beim Blick auf die Ergebnisse fällt auf, dass diese — mit Ausnahme des 1:8 bei den Bayern nach der Winterpause — immer recht knapp, aber auch häufig zu Ungunsten des VfL ausfallen. Woran hapert es momentan, wo siehst Du aktuell die Stärken und Schwächen Wolfsburgs?
Unter Paul Simonis war es unter anderem noch ein kleines Fitnessproblem – meiner Meinung nach. Dieses Defizit ist aber ganz gut reduziert worden, seitdem Bauer im Amt ist. Aber mittlerweile ist es ein mentales Problem. Wenn man so oft in den Schlussminuten noch Punkte verloren hat, dann spielt das im Hinterkopf zwangsläufig irgendwann eine Rolle. Dieses Phänomen begleitet den VfL ja schon weitaus länger als nur diese Spielzeit. Dann kommt ab Minute 75 unterbewusst eine Verunsicherung hoch.
Schauen wir einmal aufs Personal: Jonas Wind stieg diese Woche wieder ins Training ein, Joakim Maehle trainiert individuell, in gegen Augsburg fehlte Kapitän Maxi Arnold, der in Stuttgart nicht wohlgelitten ist, für die Mannschaft aber wichtig. Wie sehr schmerzen diese Ausfälle das Team?
Es sind ja leider viel mehr Ausfälle. Patrick Wimmer, Kevin Paredes, Jenson Seelt, Kilian Fischer, Bence Dardai — um nur ein paar weitere Namen von der Verletztenliste aufzuzählen. Insgesamt fehlen aktuell zehn Spieler. Das schmerzt sehr. Da sind Spieler dabei, die für den VfL enorm wichtig sind. Nicht nur fußballerisch, sondern auch als Leader.
Auf wen sollten wir trotz der Ausfälle am Sonntag aufpassen?
Mohammed Amoura ist natürlich immer in der Lage, ein Spiel allein zu entscheiden – wenn er denn mit 100 Prozent bei der Sache ist. Adam Daghim ist offensiv auch immer für Überraschungsmomente gut. Kento Shiogai, der Winterneuzugang, ist auch ein spannender Spieler, von dem man sich einiges erhoffen kann. Qualität ist auch trotz der vielen Verletzten genügend vorhanden.
Mit der Verpflichtung von Christian Eriksen erregte der VfL letzten Herbst viel Aufmerksamkeit — wie fällt Deine Zwischenbilanz zu dieser Personalie aus?
Er hat etwas gebraucht, um den Trainingsrückstand aufzuholen, doch ist jetzt wieder topfit. Man sieht bei ihm eigentlich in jeder Aktion, wie viel Klasse er besitzt. Aber dennoch ist er – wie alle anderen Spieler im Wolfsburg-Trikot – bisher noch nicht konstant genug. Er hat sich aber sehr gut eingelebt und passt mit seiner ausgesprochenen bodenständigen Art hervorragend in die Stadt Wolfsburg.
Zum Abschluss: Dein Tipp für Startelf und Ergebnis?
2:2 – der VfL wird seinem Meisterspieler Marcel Schäfer und RB Leipzig ein wenig Schützenhilfe leisten.
Titelbild: © Christian Kaspar-Bartke/Getty Images