Rund um das Spiel gegen Leipzig

Vor dem ersten Heimspiel des neuen Jahres könnte die Stimmung beim VfB auch angesichts des nächsten Gegners kaum schlechter sein. Unsere Gedanken zum Spiel gegen Leipzig.

Vielleicht, dachte man sich, würde man ja gegen Fürth überrascht und die Mannschaft mit dem Brustring würde genauso furios in die Rückrunde starten, wie sie die Saison begonnen hat. Am Ende reichte es, obwohl Sasa Kalajdzic bei seinem Comeback direkt 90 Minuten durchspielte, nur zu einem 0:0. Damit rutschte der VfB zwar vom Relegationsplatz auf Platz 15, angesichts der nächsten Gegner aus Leipzig, Freiburg und Frankfurt besteht jedoch die Gefahr, dass das nur eine kurze Momentaufnahme ist. Also: Die Stimmung ist mal wieder mies in Stuttgart und auch ich hatte, teilweise wegen der allgemeinen Stimmung, teilweise wegen des ernüchternden Auftritts in Fürth auch so wenig Lust wie lange nicht mehr, mich mit dem VfB zu beschäftigen. Aber muss ja. Selbst wenn es gegen Salzburg-Nord geht, die sich nach einer für deren Verhältnisse und finanzierellen Mittel schlechten Hinrunde mit einem 4:1 gegen Mainz zurückmeldeten. Immerhin schien Pellegrino Matarazzo auf der gestrigen Pressekonferenz genauso angefressen vom doppelten Punktverlust wie der Rest von uns und unterteilte seine Mannschaft in drei Kategorien: Jene, die ihre Leistung brächten, jene, die aus Gründen nicht ihr volles Potenzia abrufen könnten und jene, deren Leistung man, Zitat: “in unserer Situation nicht akzeptieren kann”. Rumms. Der Appell der Kollegen vom Vertikalpass, denen es bisher zu ruhig war, hatte offensichtlich gewirkt.

Ich hab mich ja schon letzte Woche dagegen gewehrt, einfache Vergleiche zwischen dieser und den beiden Abstiegssaisons zu ziehen. Und dabei bleibe ich auch, eben weil die Mannschaft in der letzten Saison für ein Brustring-Team ganz neue Seiten gezeigt hat: Kein Verwalten von knappen Führungen und knappen Rückständen, Laufbereitschaft bis zur wirklich allerletzten Minute. Warum sollte diese Leistungsbereitschaft plötzlich weg sein. Ich vermute vielmehr, neben der Tatsache, dass die Mannschaft selbst oder gerade in Bestbesetzung überhaupt nicht eingespielt ist, eine Überforderung. Das kann man, wenn man will, auch am Alter der Spieler festmachen und sich nach Führungskräften wie dem mittlerweile für die Konkurrenz auflaufenden Gonzalo Castro oder dem nur bei Heimspielen und in ausgewählten Bundesländern verfügbaren Daniel Didavi festmachen. Das Konzept beim VfB ist aber ein anderes. Es ist zum einen die Hoffnung, dass Spieler in diesem Umfeld spielerisch reifen und ähnliche Schritte machen, wie es in der vergangenen Saison verschiedene Profis gemacht haben. Zum anderen wurde schon bei der Ernennung Wataru Endos zum Kapitän kommuniziert, dass neben ihm auch andere Spieler Raum hätten, zu Führungsspielern zu werden. Das Konzept geht bislang nur so leidlich auf, denn der Mannschaft fehlt teilweise nicht nur die Struktur, sondern auch die Qualität. Dass Spieler dann eine inakzeptable Leistung abliefern, liegt auch daran, dass sie mit der aktuell schwierigen Situation – Abstiegskampf, nur wenige Automatismen, viel Verantwortung – nicht richtig umgehen können und wollen. Es ist und bleibt weiterhin eine risikobehaftete Strategie. Nachdem wir aber 2016 und 2019 mit jeder Menge Routiniers abgestiegen sind, die nur dem Namen nach Führungsspieler waren, tue ich mich schwer damit, diese Strategie in der aktuellen Situation als gescheitert zu betrachten. Klar ist, das hab ich schon häufig geschrieben: Wir müssen irgendwie mit dem Klassenerhalt durch diese Saison kommen. Und dann eventuell die Strategie auf eine dritte Bundesliga-Saison in Folge nachjustieren.

Genug der dunklen Gedanken, kommen wir zur

Personalsituation

Philipp Klement wurde diese Woche ohne Kaufoption an seinen früheren Verein Paderborn verliehen, der hätte aber wahrscheinlich eh nicht gespielt. Wie er sich bei seinem alten Arbeitgeber schlägt, werden wir natürlich wöchentlich im Podcast verfolgen. Für Silas und Wahid Faghir kommt das Spiel in Leipzig nach ihrer Quarantäne noch zu früh, was uns offensiv weiterhin schwächt, zumal Marmoush weiter beim Africa Cup weilt. Natürlich könnte man argumentieren, dass beide sowieso (noch) nicht in Topform sind, aber gerade Silas im Zusammenspiel mit Kalajdzic als Backup auf der Bank zu haben, könnte vielleicht am Ende einen Punkt wert sein. Immerhin ist Dinos Mavropanos wieder fit und könnte hintenraus wieder für ein paar mehr offensive Akzente sorgen. Wobei es gegen Leipzig auch darauf ankommen wird, stabil zu stehen und konsequent und ohne Leichtsinnigkeiten zu verteidigen. Das gelang dem VfB zuletzt nur so leidlich, hier erwarte ich insgesamt eine Leistungssteigerun. Wenn Leipzig aufgrund der individuellen Qualität trifft, ist es so. Aber ich habe keinen Bock mehr auf ein Abwehrverhalten wie beim Siegtreffer von Anthony Modeste vor Weihnachten. Auch Karazor ist wieder fit und könnte wieder als Ausputzer hinter der Doppelsechs aus Endo und Mangala spielen, die beide auch dringend Entlastung benötigen. Einerseits hätten wir dann mehr Stabilität, andererseits ist Karazor im direkten Duell mit starken Gegenspielern gerne mal überfordert.

Schauen wir uns doch mal eine

Mögliche Aufstellung

an.

Die rechte Seite ist und bleibt die Schwachstelle, zumindest auf der Außenbahn. Ich könnte mir vorstellen, dass Matarazzo Karazor trotz des eben erwähnten Risikos wieder mit reinnimmt, um die Leipziger Offensive unter Kontrolle zu bringen. Ich erwarte von Coulibaly auf dem Flügel ehrlich gesagt nicht viel, aber vielleicht macht er mit seinen Dribblings immerhin ein bisschen mehr Betrieb als Massimo es in Fürth getan hat. Förster ist für mich der Zweite, der aufgrund seiner Leistung in Fürth Konsequenzen zu spüren bekommt. Klar ist, dass man, wenn man mit Trichter spielt, im offensiven Mittelfeld nur noch einen Spieler zur Verfügung hat. Beyaz und Egloff haben beide weder viel Bundesligaerfahrung, noch viel Spielpraxis, am Ehesten trifft das ironischerweise auf Alexis Tibidi zu. Ich kann mir trotzdem vorstellen, dass Matarazzo einen von beiden hinter Sasa auflaufen lässt, um abgelegte Bälle aufzunehmen und vielleicht sogar zu verwerten. Es ist nicht optimal, denn am Liebsten hätte ich Marmoush hinter Sasa gesehen, aber gut.

Und wie ist die

Lage beim Gegner

…? Darüber haben wir mit dem Sportjournalisten und Leipzig-Experten Ulli Kroemer (@HandballKurti) gesprochen.

Wie ist Dein Gefühl vor dem Spiel?

RB Leipzig hat mit frischen Kräften und klarerem Kopf gegen Mainz gut ins neue Jahr gefunden und Selbstvertrauen getankt. Die Balance zwischen Kombinationsspiel mit viel Ballbesitz und situativen Umschaltsituationen, nach denen auch zwei Tore gegen Mainz gefallen sind, stimmt. Die Intensität im Spiel gegen den Ball war ebenfalls deutlich besser als vor der Winterpause. Tedescos Handschrift ist da schon deutlich zu sehen. Ich würde auf den ersten Leipziger Auswärtssieg seit April 2021 tippen.

Wer fehlt?

Laimer, Forsberg, Halstenberg, Moriba, Haidara und Mukiele fehlen definitiv. Olmo könnte nach zwei Monaten Verletzung (Muskelfaserriss Gesäßmuskel) erstmals wieder auf der Bank sitzen.

Was sind Stärken und Schwächen und auf wen müssen wir aufpassen?

Im Windschatten des überragenden Christopher Nkunku, dem gerade alles gelingt, kommen auch André Silva und Dominik Szoboszlai besser in Fahrt. Letzterer muss das mit Konstanz untermauern. In der Abwehr glänzt Youngster Josko Gvardiol auch durch gelegentliche Vorstöße und Distanzschüsse.
Bisweilen kommt RB immer noch in Schwierigkeiten, wenn der Gegner hoch presst, früh anläuft, die Passwege gut zustellt bzw. die Aufbauspieler in Manndeckung nimmt. Doch da hat Tedesco bessere Lösungen gefunden als Marsch zuvor – etwa mit dem auf die Außen abkippenden Kampl oder Orban, der vor die letzte Abwehrreihe rückt. Offensiv hat RB bisweilen Probleme mit Flanken und spielerischen Ideen im letzten Drittel, defensiv hapert es ab und an an der Restverteidigung mit zu naivem Deckungsverhalten wie beim Tor der Mainzer am vergangenen WE.

Die

Statistik

fällt diesmal logischerweise kurz aus. Sieben Spiele gab es, seit das Ösi-UFO in der Bundesliga gelandet ist, zu Hause sahen wir meist nicht ganz so mies aus. Da gelang unter Tayfun Korkut sogar das bislang einzige Unentschieden. Ein Jahr später schoss Steven Zuber per Elfmeter sogar den einzigen Treffer des VfB bislang. Half auch nichts, am Ende stieg der VfB ab. Leipzig liegt aktuell mit 25 Punkten auf Platz 9, die Tordifferenz von + 11 offenbart, dass da weder vorne noch hinten besondere Schwächen liegen. Allerdings konnte man, wie Ulli erwähnt, in dieser Saison noch kein Auswärtsspiel gewinnen, dem VfB gelang immerhin einer in neun Spielen.

Wagen wir einen

Ausblick

Wenn es eine Spielzeit gibt, in der der VfB den Leipzigern einen Punkt abknöpfen könnte, dann ist es diese. Theoretisch zumindest. Augsburg und Bielefeld haben es vor gemacht und es täte uns nicht nur tabellarisch gut, die von mir im Rückblick auf Fürth geforderte Initalzündung gegen Leipzig zu zeigen und sich nicht nur mit Lob, sondern auch mit einem oder gar mehreren Punkten zu belohnen. Ja, die Personalsituation ist immer noch nicht optimal und die Mannschaft aus diversen Gründen immer noch nicht in der Lage, an ihr Leistungsmaximu zu gehen. Das Spiel gegen Leipzig wird erneut ein richtiger Kraftakt, aber ich erwarte, dass der VfB nicht wieder so untergeht wie in der Hinrunde. Das mag überzogen sein, aber die Mannschaft hat schon häufiger gezeigt, dass sie in der Lage ist, eine Reaktion zu zeigen und uns zu überraschen. Jetzt wäre es an der Zeit. Gleichzeitig ist selbst bei einer Klatsche noch nicht alles vorbei. Wie auch, am 19. Spieltag? Aber die restlichen Spiele werden weniger, der Kopf schwerer, der Druck größer und die Stimmung schlechter. Jeder, im Verein wie im Umfeld, sollte sich darauf einstellen, dass wir vor dem Heimspiel gegen Köln am 14. Mai noch nicht zu 100 Prozent wissen, in welcher Liga wir nächste Saison spielen.

Titelbild: © Tobias Schwarz / AFP

1 Gedanke zu „Rund um das Spiel gegen Leipzig“

  1. Einen Grund für die Misere, neben den vielen Verletzten und Kranken auch darin, dass zu viele Mitläufer dabei sind und waren. Didavi, Klimowicz, Förster und Gaddoui sind alle nicht Bundesligatauglich. Trotzdem wurde zb Klimowitz viel zu oft eingesetzt. Mit ihm in der Startelf gab’s 5 Punkte, einschließlich der drei gegen Fürth. Das musste man als Trainer irgendwann merken. Der Trainer : keine Standards eingeübt. Kein Spielsystem erkennbar. Außer : Sosa auf Sasa. Das ist zu wenig.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Thomas maier Antworten abbrechen