Mit zwei gelb-blauen Augen

Erst im Elf­me­ter­schie­ßen setzt sich der VfB in der ers­ten Pokal­run­de in Braun­schweig durch. Vor­an­ge­gan­gen war ein wil­des Spiel, in dem die Brust­ring­trä­ger nicht nur zwei Mal die Füh­rung, son­dern zeit­wei­se auch die Kon­trol­le ver­lo­ren und das die Fra­ge auf­warf, was man aus dem harm­lo­sen Uni­on-Spiel eigent­lich gelernt hat.

Wenn es eine Sze­ne gibt, die den VfB an die­sem Diens­tag­abend in Nie­der­sach­sen per­fekt zusam­men­fasst, dann ist es die­se: Jamie Lewe­ling hat kurz vor Ende der Ver­län­ge­rung noch die Luft und die Ener­gie, auf links durch­zu­bre­chen. In der Mit­te sind gleich zwei Mit­spie­ler mit­ge­lau­fen und Jamie hat genug Platz, um in den Straf­raum ein­zu­drin­gen, sich eine Anspiel­sta­ti­on aus­zu­su­chen und zum Held eines durch­wach­se­nen Pokal­a­bends zu wer­den. Statt­des­sen erlei­det er kurz nach dem Ein­tritt in den Straf­raum einen Schwä­che­an­fall, fällt ohne geg­ne­ri­sche Berüh­rung um und erhält statt eines Elf­me­ters die ver­dien­te gel­be Kar­te für die unsport­li­che Schwal­be. Oder viel­leicht auch ein biss­chen für die him­mel­schrei­en­de Dumm­heit, die Chan­ce auf den Sieg­tref­fer so unnö­tig ver­ge­ben zu haben.

Dass ein Zweit­li­gist, zumal einer, der in der letz­ten Sai­son den Klas­sen­er­halt — wenn auch gera­de so —  geschafft hat und damit über eine grund­sätz­lich zweit­li­ga­taug­li­che Mann­schaft ver­fügt, eines der schwers­ten Lose in der ers­ten Pokal­run­de ist, ist unbe­strit­ten. Anders als gegen Zweit­li­ga-Auf­stei­ger Müns­ter in der ver­gan­ge­nen Sai­son konn­te man hier nicht unbe­dingt mit einem locker-flo­cki­gen Erst­run­den-Sieg rech­nen und auch Sebas­ti­an Hoe­neß war bewusst, was die Mann­schaft im Ein­tracht-Sta­di­on an der Ham­bur­ger Stra­ße erwar­ten wür­de und for­dert des­halb auf der Pres­se­kon­fe­renz vor dem Spiel “von der ers­ten Sekun­de an Power, Dyna­mik, Ziel­stre­big­keit aus­zu­strah­len, um in den fina­len Aktio­nen effi­zi­enz zu sein, Spiel­ver­läu­fe zu kre­ieren, Momen­te zu nut­zen.” Wie viel davon in der Spiel­vor­be­rei­tung bei sei­ner Mann­schaft ankam, ist frag­lich.

Denn bei allem Respekt vor der Braun­schwei­ger Lauf­leis­tung und deren Mut: Was der VfB über wei­te Stre­cken der 120 Minu­ten auf dem Platz zeig­te, war kopf­los, unstruk­tu­riert und fahr­läs­sig. Zeit­wei­se war die Ein­tracht drauf und dran, uns zu über­ren­nen, ein Kon­troll­ver­lust, wie wir ihn zuletzt gegen Paris oder Anfang der ver­gan­ge­nen Sai­son erlebt haben. Zeit­wei­se war auf dem Platz nie­mand in der Lage, das Spiel zu beru­hi­gen oder einen geord­ne­ten Angriff vor­zu­tra­gen, statt­des­sen wur­de der Ball unkon­trol­liert hin­ten raus geschla­gen, schlam­pi­ge Päs­se gespielt und bei­spiels­wei­se ver­sucht, die Anfang der Ver­län­ge­rung erziel­te Füh­rung, eine hal­be Stun­de lang über die Zeit zu schlep­pen.

Keine konstante Qualität

Erneut ekla­tant war auch der Abfall der ver­meint­li­chen Füh­rungs- und Unter­schieds­spie­ler, die in einem sol­chen Spiel, nun ja, den Unter­schied hät­ten aus­ma­chen kön­nen und müs­sen. Deniz Undav und der neue Zeh­ner des VfB, Chris Füh­rich, wur­den nach 70 Minu­ten brot­lo­ser Kunst in Form von aus­sichts­lo­sen Dribb­lins und harm­lo­sen Distanz­schüs­sen aus­ge­wech­selt. Alex­an­der Nübel parier­te am Ende zwar drei Elf­me­ter, ließ aber erneut einen Distanz­schuss viel zu leicht in sein Tor und bekam das Spiel­ge­rät zudem noch zwei Mal ins kur­ze Tor­war­teck geprü­gelt. Und auch über Ange­lo Stil­ler und Kapi­tän Ata­kan Kara­zor müs­sen wir spre­chen, denn wenn Braun­schweig durch­kam, dann durch die Mit­te, also durch deren Ter­ri­to­ri­um.

Eine Reak­ti­on auf das Uni­on-Spiel vom Sams­tag, als man den Ber­li­nern mit der eige­nen Unacht­sam­keit und Ein­falls­lo­sig­keit kom­plett in die Kar­ten spiel­te, blieb kom­plett aus. Zwei Mal lief man einem Rück­stand hin­ter­her und konn­te den vor allem dank indi­vi­du­el­ler Qua­li­tät aus­glei­chen —  gegen einen Zweit­li­gis­ten kein Ruh­mes­blatt. Und selbst die zeig­te sich bei kaum jeman­dem durch­gän­gig. Tia­go Tomás zeig­te zwar erneut sei­ne fei­ne Hacke, ver­nach­läs­sig­te aber bei zwei Gegen­tref­fern die Defen­siv­ar­beit. Erme­din Demi­ro­vic erzwang vor­ne zwei Tref­fer, die am Ende hal­be Eigen­to­re waren, ver­gab aber die viel­leicht größ­te Chan­ce des Spiels kurz vor Abpfiff der regu­lä­ren Spiel­zeit. Und auch Nick Wol­te­ma­de, der sein ers­tes Tor nach dem Trans­fer­thea­ter erziel­te, ließ lan­ge Bäl­le immer wie­der, statt sie fest­zu­ma­chen, so weit abtrop­fen, dass man nur von einer Kon­ter­vor­la­ge spre­chen kann.

Im besten Fall überfordert, im schlimmsten überheblich

Unterm Strich ist der VfB natür­lich trotz­dem mit zwei (gelb-)blauen Augen wei­ter und kann sei­ne Mis­si­on Titel­ver­tei­di­gung in der zwei­ten Run­de, die am Sonn­tag aus­ge­lost wird, fort­set­zen. Die ers­ten drei Pflicht­spie­le haben aber Pro­ble­me offen­bart, die schein­bar nie­mand so erwar­tet hat. Denn nach einer eigent­lich per­fek­ten Vor­be­rei­tung ohne unnö­ti­ge Aus­lands­rei­sen oder abge­bro­che­ne Trai­nings­la­ger und nach­dem man den Kader, der Anfang Febru­ar trotz Drei­fach­be­las­tung noch auf Platz 4 stand und sich im Sai­son­end­spurt sta­bi­li­sier­te, größ­ten­teils zusam­men­hal­ten konn­te, sind mir sol­che Auf­trit­te unver­ständ­lich. Die Mann­schaft wirkt nicht heiß auf Titel oder auf eine erneu­te Qua­li­fi­ka­ti­on für Euro­pa über die Liga. Sie wirkt im bes­ten Fall über­for­dert, im schlimms­ten Fall über­heb­lich. Und passt damit lei­der so gar nicht zur guten Stim­mung und den voll­mun­di­gen Ankün­di­gun­gen, die in den letz­ten Wochen teil­wei­se zu hören waren.

Ata­kan Kara­zor kün­dig­te im SWR an, der Mann­schaft vor dem Spiel Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein mit auf den Weg zu geben. Die Mann­schaft hat aber nicht nur die Ver­ant­wor­tung, einem Geg­ner wie Braun­schweig in Sachen Inten­si­tät min­des­tens auf Augen­hö­he zu begeg­nen. Sie hat auch die Ver­ant­wor­tung, die glän­zen­de Aus­gangs­la­ge, die wir uns in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren sport­lich wie wirt­schaft­lich geschaf­fen haben, nicht ein­fach durch sol­che Auf­trit­te zu ver­spie­len. Wir wer­den mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nie so sta­bil in der Spit­ze spie­len wie ande­re Ver­ei­ne in der Liga. Umso wich­ti­ger, dass wir alles inves­tie­ren, um mög­lichst lan­ge mög­lichst weit oben mit dabei zu sein.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass sieht einen Auf­tritt, der eines Pokal­sie­gers unwür­dig ist, Stuttgart.international stellt Fra­gen: “War­um tritt eine ein­ge­spiel­te Mann­schaft so löch­rig und unko­or­di­niert auf? Wie kann es sein, dass eini­ge der ver­meint­li­chen Leis­tungs­trä­ger nach sechs Wochen Vor­be­rei­tung der­ma­ßen außer Form sind? Und wes­halb ist von den Ent­wick­lungs­an­sät­zen, die das Trai­ner­team für die neue Sai­son ansto­ßen will, so wenig zu sehen?”

Titel­bild: © Ron­ny Hartmann/Getty Images

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