Maßarbeit

Im Heim­spiel gegen Young Boys Bern dreht der VfB nach der Pau­se auf und gewinnt zum ers­ten Mal seit 15 Jah­ren ein Heim­spiel in der Cham­pi­ons League. Das 5:1 war deut­lich, eine mög­li­cher­wei­se spiel­ent­schei­den­de Sze­ne dafür eher weni­ger.

Ui. Das war knapp. Also nicht das Ergeb­nis des VfB gegen den BSC Young Boys, der am Ende im Neckar­sta­di­on ziem­lich aus­ein­an­der fiel. Son­dern die Ent­schei­dung des VAR zuguns­ten des 2:1 von Enzo Mil­lot. Denn der Linen­rich­ter war sich ziem­lich sicher, dass Fabi­an Rie­der den Ball vor sei­ner Vor­la­ge nicht von der Linie, son­dern aus dem Aus gekratzt hat­te — genau­so ging es mir und der Gäs­te­mann­schaft. Rie­der und Mil­lot lie­ßen sich aber nicht von dem wild Fah­ne schwen­ken­den Assis­ten­ten irri­tie­ren und spiel­ten klu­ger­wei­se wei­ter — bis eben der Schieds­rich­ter pfeift. In die­sem Fall signa­li­sier­te der Pfiff aber dann das Tor für den VfB und den Anstoß für die Ber­ner und damit erneut ein weiß-rotes Come­back nach einem Rück­stand. Ech­te Maß­ar­beit also. In der Sum­me von fünf Toren mag die­ses Tor viel­leicht nur eine Neben­rol­le spie­len, es wur­de jedoch deut­lich, dass der Schwei­zer Meis­ter danach der­art von der Rol­le war, dass er sich zwar nicht von Erme­din Demi­ro­vic, aber dafür von Chris Füh­rich, Josha Vagno­man und sogar Yan­nik Kei­tel drei wei­te­re Tore ein­schen­ken ließ — eines schö­ner als das ande­re.

So ele­gant die Brust­ring­trä­ger nach der Halb­zeit über den Geg­ner hin­weg­feg­ten, so schwer taten sie sich vor der Pau­se. Wie­der fing man sich durch Pas­si­vi­tät ein frü­hes Gegen­tor, wel­ches die YB-Spie­ler für einen sehr berüh­ren­den Tri­but an ihren Mit­spie­ler Meschack Elia und des­sen ver­stor­be­nes Kind nutz­ten. Wie­der sah man sich im Anschluss lan­ge einem kom­pakt ver­tei­di­gen­den und hoch pres­sen­den Geg­ner gegen­über, der Mor­gen­luft wit­ter­te und wie die Mann­schaft aus Bel­grad ver­such­te, sei­ne Erfah­rung im jah­re­lan­gen Meis­ter­schafts­kampf in der Liga auch inter­na­tio­nal in Punk­te umzu­mün­zen. Der VfB fand vor­ne kei­nen Zugriff, brach­te kaum gefähr­li­che Päs­se unter, son­dern erging sich in Ball­hal­ten und Quer­spie­len. Man könn­te natür­lich wohl­wol­lend sagen, dass sie sich den Geg­ner zurecht­leg­ten, wie man es dann beim prä­zi­sen Aus­gleichs­tref­fer von Ange­lo Stil­ler beob­ach­ten konn­te. Das wür­de aber vor­aus­set­zen, dass der VfB einen Plan hat­te, wie er den Rück­stand auf­ho­len woll­te. Der fehl­te lan­ge.

VfB-Fußball par excellence

Es fällt auf, dass der Mann­schaft mit­un­ter der Mut fehlt, mit schnel­len kla­ren Päs­sen — wie eben beim Aus­gleich — nach vor­ne zu spie­len. Statt­des­sen wird zum zehn­ten Mal auf dem lin­ken Flü­gel hin­ter­lau­fen, wäh­rend Josh Vagno­man auf der Gegen­sei­te ver­hun­gert. Stellt sich Alex Nübel, der beim Gegen­tor nicht gut aus­sah, aber auch Jeff Cha­b­ot mit sei­nem Tür­ste­her-Kreuz im Blick­feld hat­te, viel zu lan­ge auf den Ball und war­tet dar­auf, dass der Geg­ner raus­rückt, was er schon seit Beginn der Sai­son nicht mehr tut. Spielt Enzo Mil­lot auf­se­hen­er­re­gen­de Dia­go­nal­bäl­le — mit Ansa­ge zum Geg­ner. Die Mann­schaft macht sich, ver­mut­lich aus kör­per­li­cher oder emo­tio­na­ler Erschöp­fung, das Leben wei­ter­hin unnö­tig schwer. Und blüht dann plötz­lich auf, wenn ihnen wie­der ein­fällt, wie es geht.

Denn die zwei­te Halb­zeit war VfB-Fuß­ball par excel­lence. Geis­tes­ge­gen­wär­tig beim Füh­rungs­tref­fer. Ein­ge­spielt bei der Frei­stoß­va­ri­an­te von Fabi Rie­der auf Chris Füh­rich, der den per­fekt auf­ge­leg­ten Ball in gekonn­ter Manier ins Tor dre­hen konn­te. Ener­gisch wie bei Joshua Vagno­mans Tref­fer und mutig wie bei Yan­nik Kei­tels Tor zum Ent­stand. Nur einer konn­te den Ball nicht im Tor unter­brin­gen: Erme­din Demi­ro­vic. In der Liga traf er schon sie­ben Mal, in der Cham­pi­ons League woll­te an die­sem Abend nichts gelin­gen. Eigent­lich sind wir in sol­chen Spie­len auf jeman­den wie ihn ange­wie­sen und an feh­len­den Zuspie­len lag es dies­mal auch nicht. Hof­fen wir mal, dass er sein Gefühl vor dem Tor vor Weih­nach­ten noch wie­der fin­det — und im neu­en Jahr dann hof­fent­lich mit Jamie Lewe­ling und Deniz Undav gemein­sam dafür sor­gen kann, dass wir am Ende doch noch eine Run­de wei­ter kom­men.

Auf die Stärken besinnen

Mit dem Ergeb­nis hat der VfB das Deba­kel von Bel­grad tore­mä­ßig aus­ge­gli­chen, die Punk­te feh­len aber trotz­dem. Die Liga endet bereits nach acht Spie­len, ist super­eng und daher sehr anfäl­lig für Tor­ver­hält­nis­se. Ange­sichts der vie­len Mann­schaf­ten ist es schwie­rig, den Über­blick zu behal­ten, aber es scheint so, als müs­se der  VfB nicht nur in Bra­tis­la­va gewin­nen, son­der müs­se auch gegen Paris St. Ger­main min­des­tens einen Punkt holen. Eine gro­ße Auf­ga­be, die die Mann­schaft dann hof­fent­lich etwas aus­ge­ruh­ter und per­so­nell ver­stärkt ange­hen kann — für die es aber auch das rich­ti­ge Mind­set braucht. Aus­wärts bei Slo­van und gegen Paris wird man viel­leicht nicht die Mög­lich­keit haben, einen Rück­stand der­art wett­zu­ma­chen. Die bei­den letz­ten Spie­le dürf­ten aber hof­fent­lich dafür sor­gen, dass sich die Mann­schaft gegen die Kel­ler­kin­der Hei­den­heim und St. Pau­li auf ihre Stär­ken besinnt. Der VfB nimmt lang­sam Fahrt auf.

Zum Wei­ter­le­sen: Dem Ver­ti­kal­pass war zwi­schen­durch ziem­lich kalt.

Titel­bild: © Alex Grimm/Getty Images

1 Gedanke zu „Maßarbeit“

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.