Im Schlafwagen durch Europa

Der VfB schließt die Liga­pha­se der Euro­pa-League mit einem 3:2 gegen Bern auf Platz 11 ab und trifft im Febru­ar in den Play­offs auf Cel­tic. Dass es danach lan­ge nicht aus­sah, hat sich die Mann­schaft durch einen fahr­läs­si­gen Auf­tritt sel­ber zuzu­schrei­ben. Dass die Kon­kur­renz einen direk­ten Ach­tel­fi­nal-Ein­zug ohne­hin ver­hin­der­te, tut dabei nichts zur Sache.

Man­che Geschich­ten schreibt nur der Euro­pa­po­kal, könn­te man mei­nen. Da ist der Ber­ner Tor­hü­ter Mar­vin Kel­ler bei der letz­ten Ecke der Young Boys in den Stutt­gar­ter Straf­raum geeilt und ist nach einem Ball­ge­winn des VfB schon geschla­gen, da pfeift der spa­ni­sche Schieds­rich­ter Javier Albe­ro­la Rojas den Angriff von Erme­din Demi­ro­vic aufs lee­re Tor ein­fach ab. Kurz davor trifft Bolo­gna gegen Tel Aviv zum 3:0 und schiebt sich vor den VfB auf Rang 10. Viel­leicht muss man dem Unpar­tei­ischen auch dank­bar sein, geht man so doch mög­li­chen Geg­nern wie Rom, Frei­burg, Aston Vil­la oder Lyon aus dem Weg. Dass man aber in einem Wett­be­werb, in dem ein Tor am Sieg nichts mehr ändert, am wei­te­ren Tur­nier­ver­lauf aber sehr wohl, so einen Angriff abpfeift, ist schon wild und bestä­tigt die Mei­nung, die ich von den unter­ir­di­schen Schieds­rich­ter­leis­tun­gen auf euro­päi­scher Ebe­ne haben. Hät­ten wir es aber dar­auf ange­legt, so weit oben zu lan­den, wie es ange­sichts der Punkt­ge­win­ne der am Ende eben­falls vor uns plat­zie­ren Roma und Genk mög­lich gewe­sen wäre, müs­sen wir uns vor allem an die eige­ne Nase packen.

Denn nach­dem Deniz Undav und Erme­din Demi­ro­vic die Gäs­te, die dank unse­rer Kur­ve trotz der sinn­lo­sen Kol­lek­tiv­stra­fe der UEFA nicht ganz ohne Sup­port aus­kom­men muss­ten, mit zwei Toren in den ers­ten zehn Minu­ten geschockt hat­ten, ver­lor der VfB zuneh­mend den Zugriff auf ein Spiel, das eigent­lich schon ent­schie­den war. Und das der VfB viel höher hät­te gewin­nen müs­sen als mit 3:2. Dabei gab es nicht ein­mal den einen Kipp­punkt im Spiel, denn eigent­lich spiel­ten die Brust­ring­trä­ger auch nach der frü­hen Füh­rung wei­ter so gefäl­lig nach vor­ne, dass man davon aus­ge­hen muss­te, dass das drit­te und das vier­te Tor eigent­lich nur eine Fra­ge der Zeit waren. Dass die vie­len Chan­cen nicht ihr Ziel fan­den, ist bei dem Spiel­stand ja noch ver­kraft­bar, schließ­lich erar­bei­te­te sich der VfB die­se immer­hin und erhöh­te so die Wahr­schein­lich­keit auf wei­te­re Tref­fer. Was die Mann­schaft aber defen­siv in die­ser Pha­se bot, ist schwer nach­zu­voll­zie­hen. Immer wie­der gin­gen Bäl­le ver­lo­ren oder wur­den wild durch die Gegend gebolzt und damit den Gäs­ten, die schon fast nicht mehr an einen Punkt­ge­win­nen und ein mög­li­ches Wei­ter­kom­men geglaubt hat­ten, auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert.

Unsouverän

So kam es irgend­wann wie es kom­men muss­te: Ein Abspiel­feh­ler von Fabi­an Bred­low und ein völ­lig unge­deck­ter Ver­tei­di­ger im Rück­raum nach einer Ecke sorg­ten für den so ver­dien­ten wie unnö­ti­gen Aus­gleich für YB. Und hät­te nicht mit Che­ma aus­ge­rech­net ein defen­si­ver Mit­tel­feld­spie­ler den Ball in letz­ter Sekun­de noch über die Linie gedrückt, dann wäre es auch ergeb­nis­tech­nisch ein mehr als ent­täu­schen­der Abend für den VfB gewor­den. Denn ohne die Gäs­te zu unter­schät­zen: Wer Ansprü­che auf die erneu­te Euro­pa­po­kal-Teil­nah­me for­mu­liert und halb ernst, halb zum Spaß von Titeln spricht, der muss auch sol­che ver­meint­lich früh ent­schie­de­nen Spie­le sou­ve­rän zu Ende brin­gen. Schon gegen Bra­tis­la­va vor etwas mehr als einem Jahr ließ der VfB einen höhe­ren Sieg lie­gen, hier waren es fast die Punk­te. Ohne Fabi­an Bred­low zu nahe tre­ten zu wol­len oder ihm die Schuld am Aus­gleich zu geben war es viel­leicht auch das fal­sche Signal von Sebas­ti­an Hoe­neß, aus­ge­rech­net in die­sem Spiel den Tor­hü­ter zu tau­schen. Auf jeden Fall schien sich die Mann­schaft auf eine ziem­lich über­heb­li­che Wei­se ihrer Sache viel zu sicher und trat vor allem nach dem Sei­ten­wech­sel auch so auf: fahr­läs­sig, gedan­ken­los, ver­peilt. Und das wirk­te sich irgend­wann auf die Offen­siv­be­mü­hun­gen aus, bei denen man mit­un­ter das Gefühl hat­te, dass sich kei­ner so wirk­lich trau­te, über­haupt aufs Tor zu schie­ßen und statt­des­sen lie­ber noch ein Dribb­ling ein­leg­te oder eine Abla­ge ein­bau­te.

Schon in Rom erging sich die Mann­schaft, viel­leicht auch in Angst vor einem schnel­len Gegen­stoß, gegen eine dich­te Abwehr in Sicher­heits­päs­sen rund um den Straf­raum. Die­se über­vor­sich­ti­ge und viel­leicht auch beque­me — viel­leicht hat ja jemand ande­res eine bes­se­re Idee als ich — Hal­tung muss der VfB schleu­nigst able­gen. Denn eine höhe­re Füh­rung hät­te Bern den Ste­cker gezo­gen und allein dadurch die Gefahr von Gegen­to­ren redu­ziert — ein wie­der­keh­ren­des Pro­blem beim VfB, der so schon diver­se eigent­lich schon besieg­te Geg­ner wie­der ins Spiel zurück­hol­te. Will man gegen Mann­schaf­ten wie Cel­tic — oder auch am Sonn­tag Frei­burg — bestehen, dann muss man nicht nur effi­zi­en­ter sein, son­dern wesent­lich ernst­haf­ter und kon­zen­trier­ter zu Wer­ke gehen und nicht allei­ne auf die eige­ne Qua­li­tät ver­trau­en — die allein reicht näm­lich immer weni­ger, je höher man in der Tabel­le klet­tert und je wei­ter man in den Pokal­wett­be­wer­ben kommt. Natür­lich freue ich mich auch auf die ers­ten K.O.-Spiele auf inter­na­tio­na­ler Büh­ne seit Anfang 2013 (!). Gleich­zei­tig hof­fe ich, dass die Mann­schaft nicht wie­der so einen Warn­schuss braucht wie das Hin­spiel gegen Frei­burg um vor allem gedank­lich wie­der in die Spur zu kom­men.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass greift einen alt­be­kann­ten Kur­ven­schla­ger auf und meint “Stutt­gart Inter­na­tio­nal kann man nur besof­fen sehn … oder mit star­ken Ner­ven. Oder mit einer Scheiß-Egal-Ein­stel­lung.”

Titel­bild: © Alex Grimm/Getty Images

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