Ein Feierabend-Präsident?

Ent­ge­gen sei­ner bis­he­ri­gen Ankün­di­gun­gen kan­di­diert Inte­rims­prä­si­dent Diet­mar All­gai­er jetzt doch für eine regu­lä­re Amts­zeit an der Spit­ze des VfB e.V.. So gut er den Pos­ten der­zeit auch aus­füllt: Struk­tu­rell sind die Rah­men­be­din­gun­gen sei­ner Kan­di­da­tur ein Pro­blem für den Ver­ein.

In knapp einem Monat ist schon Weih­nach­ten und wäh­rend die Fuß­ball­pro­fis bis dahin noch eini­ge abzu­rei­ßen haben, gab es aus Sicht des VfB am ver­gan­ge­nen Frei­tag schon Besche­rung. Denn Diet­mar All­gai­er, vom Ver­eins­bei­rat nach der Abwahl von Claus Vogt und dem Rück­tritt sei­nes Stell­ver­tre­ters Rai­ner Adri­on im Som­mer als Inte­rims­prä­si­dent ein­ge­setzt, kün­dig­te an, bei der nächs­ten Mit­glie­der­ver­samm­lung am 22. März kom­men­den Jah­res für eine regu­lä­re Amts­zeit zu kan­di­die­ren. Der all­ge­mei­nen Les­art nach macht er damit vie­len Men­schen im Ver­ein eine Freu­de, die in ihm ohne­hin den per­fek­ten Kan­di­da­ten gese­hen hat­ten. Irgend­je­mand war sogar so erfreut, dass Car­los Ubi­na — der im August noch Erwin Staudt ins Amt schrei­ben woll­te — mit die­sen Infor­ma­tio­nen am Vor­tag schon mal den klei­nen Zeh ins Was­ser hal­ten durf­te, um zu tes­ten, ob das Umfeld des VfB genau­so begeis­tert ist, wie jene, die All­gai­er solan­ge zure­de­ten, bis er sei­ne bis­he­ri­gen Beden­ken gegen eine Kan­di­da­tur bei­sei­te schob.

Dabei waren die­se Beden­ken gar nicht so klein. Diet­mar All­gai­er wur­de 2019 vom Kreis­tag des Land­krei­ses Lud­wigs­burg für acht Jah­re zum Land­rat gewählt, Anfang 2020 trat er die­ses Amt an und gedenkt auch, es bis 2028 aus­zu­fül­len, so man ihn poli­tisch lässt. Anders als Claus Vogt, Wolf­gang Diet­rich, Bernd Wahl­er, Gerd Mäu­ser oder Erwin Staudt wäre er als Prä­si­dent neben dem VfB also nicht nur sei­ner Fami­lie und sei­nem Job oder der eige­nen Fir­ma ver­pflich­tet, son­dern auch den Men­schen im Land­kreis Lud­wigs­burg, bezie­hungs­wei­se den Kreis­rats­frak­tio­nen, die ihn gewählt haben. Nur fol­ge­rich­tig hieß es des­halb auch früh von All­gai­er, dass das Amt des Land­rats mit dem des VfB-Prä­si­den­ten nicht auf Dau­er zeit­lich zu ver­ei­nen sei. Doch nun die Kehrt­wen­de: All­gai­er kan­di­diert und das nicht ein­fach so, son­dern per Video­bot­schaft und Pres­se­ge­spräch.

Der VfB-Präsident als politische Figur

Dass er und Prä­si­di­ums­mit­glied Andre­as Grupp die kom­mu­ni­ka­ti­ve Infra­struk­tur der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung der VfB AG sowie die Reich­wei­te und Strahl­kraft des Ver­eins für die Ankün­di­gung und die Begrün­dung ihrer Kan­di­da­tur nut­zen dür­fen, ist allein schon bemer­kens­wert genug, wie Pod­cast-Kol­le­ge Mar­tin anmerk­te:

was ich eher span­nend (und unge­wöhn­lich?) fand, dass die “wir kan­di­die­ren” via VfB ver­schickt wur­de. Also wir sind ja noch weit weg von Bewer­bungs­pha­se mit Vor­stel­lung der Leu­te beim Wahl­aus­schuss. Das kann er pri­vat sagen, aber via VfB? Ich weiß nicht, muss mMn nicht sein.

— two­fourt­wo (@twofourtwo.bsky.social) 22. Novem­ber 2024 um 17:14

Dass ein amtie­ren­der Prä­si­dent, soll­te er kan­di­die­ren, zur Wahl gestellt wird, ist nach den Erfah­run­gen der letz­ten Jah­re rich­tig und wich­tig. Ob ande­re Kandidat*innen sich auch exklu­siv in den Räum­lich­kei­ten des VfB und unter Betreu­ung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung der Pres­se und damit den den Mit­glie­dern prä­sen­tie­ren dür­fen? Ich bin gespannt. Dabei geht es gar nicht um eine Bewer­tung von All­gai­ers Inte­rims­prä­si­dent­schaft — die fällt näm­lich mei­ner­seits posi­tiv aus: Er hat sich erfolg­reich dar­um bemüht, den Vor­sitz des AG-Auf­sichts­ra­tes wie­der dem Prä­si­den­ten zuzu­füh­ren und wirkt selbst dann aus­glei­chend, wenn Wil­fried Porth bei einem Dun­kel­ro­ten Tisch meint, er müs­se noch ein letz­tes Mal nach­tre­ten. Nein, an der Per­son Diet­mar All­gai­er gibt es in die­ser Hin­sicht wenig aus­zu­set­zen. Viel­leicht hielt man es des­halb beim VfB auch für nahe­lie­gend, ihm für sei­ne Kan­di­da­tur die­se Büh­ne zu bie­ten. Dazu gleich mehr. An sei­ner Kan­di­da­tur an sich gibt jedoch genug aus­zu­set­zen und das hängt zen­tral mit sei­nem poli­ti­schen Amt zusam­men.

Denn All­gai­er ist eben anders als sei­ne Vor­gän­ger nicht Unter­neh­mer oder Mana­ger, son­dern eine poli­ti­sche Figur. Dabei geht es mir gar nicht um sein Par­tei­buch, auch wenn das nicht mei­nes wäre, son­dern um die Tat­sa­che, dass Poli­ti­ker anders als Men­schen aus der Wirt­schaft in der Öffent­lich­keit ste­hen und in Kri­tik gera­ten kön­nen — selbst Land­rä­te. Umstrit­te­ne poli­ti­sche The­men, die All­gai­er betref­fen, wür­den in Zukunft dann auch indi­rekt auf den VfB abstrah­len. Denn All­gai­ers Per­son ist dann nicht nur mit sei­nem Amt ver­bun­den, son­dern auch immer mit dem Ver­ein für Bewe­gungs­spie­le. Sicher: Ger­hard May­er-Vor­fel­der war wäh­rend sei­ner 25jährigen Amts­zeit als VfB-Prä­si­dent 18 Jah­re lang baden-würt­tem­ber­gi­scher Minis­ter und 20 Jah­re lang Land­tags­ab­ge­ord­ner­ter. Aber das ist auch schon über 20 Jah­re her, die Her­aus­for­de­run­gen sind heu­te ande­re. Wie sehr die poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten MVs und vor allem des­sen Ansich­ten das Bild des VfB in der fuß­ball­fer­nen Öffent­lich­keit geprägt haben, ver­mag ich aller­dings nicht ein­zu­schät­zen.

Geld für den Präsidenten oder den Geschäftsführer?

Dass die Her­aus­for­de­run­gen heu­te ande­re sind und man ein poli­ti­sches Amt nicht so leicht mit dem des Prä­si­den­ten des größ­ten und wich­tigs­ten Ver­eins im Bun­des­land in Ein­klang brin­gen kann, der Ansicht ist Diet­mar All­gai­er übri­gens auch wei­ter­hin. Es sei denn, der VfB tritt in in den Hin­ter­grund: “Gibt es eine Ter­min­kol­li­si­on, ist klar, wo ich bin: In Lud­wigs­burg”, erklär­te All­gai­er am ver­gan­ge­nen Frei­tag. Aus der ter­min­li­chen Bre­douil­le soll des­halb in Zukunft eine Art haupt­amt­li­cher Geschäfts­füh­rer des ein­ge­tra­ge­nen Ver­eins hel­fen, der dem Prä­si­di­um zwar unter­stellt ist, ihm aber die ope­ra­ti­ve Arbeit abnimmt. Wie die­se Auf­ga­ben­tei­lung kon­kret aus­se­hen soll, ist bis­lang noch offen. Es ensteht jedoch der Ein­druck: Den Prä­si­den­ten des ein­ge­tra­ge­nen Ver­eins, den obers­ten Reprä­sen­tan­ten von über 100.000 Mit­glie­dern bekommt man in Zukunft sel­te­ner zu Gesicht, je nach Ter­min­la­ge des Land­rats­am­tes. Ums täg­li­che Geschäft küm­mert sich ein Ange­stell­ter des Ver­eins, Prä­si­dent wäre All­gai­er erst nach Fei­er­abend.

Das Pro­blem dabei: Die­ser Ange­stell­te ist zwar sei­nen Chefs, also dem Prä­si­di­um Rechen­schaft schul­dig, nicht aber den Mit­glie­dern. Dabei ist die Schaf­fung einer haupt­amt­li­chen Stel­le zur ope­ra­ti­ven Lei­tung des VfB e.V. durch­aus sinn­voll. Nicht umsonst hat der Ver­eins­bei­rat, wie auf dem letz­ten Dun­kel­ro­ten Tisch vor­ge­stellt, Ver­gleichs­wer­te über die Ver­gü­tung ande­rer Bun­des­li­ga-Prä­si­den­ten erho­ben und dabei her­aus­ge­fun­den, dass der VfB mit 50.000 Euro für den Prä­si­den­ten und je 25.000 für Vize­prä­si­den­ten und Prä­si­di­ums­mit­glied per annum unter dem Durch­schnitt liegt. Die rasant stei­gen­den Mit­glieds­zah­len wür­den eine bes­se­re Ver­gü­tung ermög­li­chen und damit das Amt auch für jene öff­nen, die wirt­schaft­lich ein wenig abhän­gi­ger von ihrem der­zei­ti­gen Job sind als Top­ma­na­ger, Unter­neh­mer oder Poli­ti­ker. Die Ver­gü­tung des Prä­si­di­ums ist übri­gens eine der Auf­ga­ben, die dem Ver­eins­bei­rat nach der Schaf­fung des Wahl­aus­schus­ses noch geblie­ben ist.

Endlich Ruhe vor der Vereinspolitik?

Anstatt also die Posi­ti­on des Prä­si­den­ten der­art zu stär­ken, dass die­ser wirt­schaft­lich unab­hän­gi­ger ist und mehr Zeit in sein Ver­einsamt inves­tie­ren kann, wür­de im Fal­le eines Wahl­er­folgs All­gai­ers die­ses Geld wohl in die Bezah­lung eines Ver­eins­an­ge­stell­ten flie­ßen, der zum einen, wie bereits erwähnt, nicht von der Mit­glied­schaft kon­trol­liert wird und zum ande­ren qua Posi­ti­on wesent­lich weni­ger her­vor­ge­ho­ben ist, als der Prä­si­dent. Immer­hin ver­bin­det All­gai­er in sei­ner Stel­lung­nah­me das Prä­si­den­ten­amt ein­deu­tig mit dem Auf­sichts­rats­vor­sitz. Nach­dem die­ser zuletzt zur Ver­hand­lungs­mas­se bei Inves­to­ren­ver­hand­lun­gen wur­de und nicht nur for­mell son­dern auch infor­mell dem Gut­dün­ken der Auf­sichts­rä­te unter­lag, wäre die­se Neu­ge­stal­tung den­noch die nächs­te Schwä­chung es ein­ge­tra­ge­nen Ver­eins im Gesamt­kon­strukt VfB. Zuguns­ten der AG, in der gera­de sowohl wirt­schaft­lich als auch sport­lich sehr vie­les rich­tig gemacht wird und die eine gute Ent­wick­lung nimmt. Die sich aber mit einem Prä­si­den­ten All­gai­er und der Ver­eins­po­li­tik noch weni­ger beschäf­tig­ten müss­te als in der Ver­gan­gen­heit, als eine vom Vor­stands­vor­sit­zen­den Alex Wehr­le gegrün­de­te Arbeits­grup­pe ver­such­te, das Aus­glie­de­rungs­ver­spre­chen bis zur Unkennt­lich­keit zu ver­wäs­sern.

Da ver­wun­dert es dann auch nicht mehr, dass All­gai­ers Kan­di­da­tur erst per Stand­lei­tung nach Möh­rin­gen und dann über die VfB-Kanä­le ver­kün­det wur­de. Wil­fried Porth sag­te ein­mal über Wolf­gang Diet­rich, die­ser sei der Prä­si­dent, “den wir wol­len”. Auch ein Prä­si­dent Diet­mar All­gai­er, der bereits betont hat, dass sein Fokus nach­voll­zieh­ba­rer­wei­se auf sei­nem poli­ti­schen Amt liegt und der das Amt des VfB-Prä­si­den­ten nur mit Unter­stüt­zung eines Geschäfts­füh­rers aus­fül­len könn­te, käme dem AG-Vor­stand nicht unge­le­gen. Dass unter den zahl­rei­chen Men­schen, die All­gai­er nach des­sen Aus­sa­ge zu einer Kan­di­da­tur zu über­re­den ver­such­ten auch das ein oder ande­re Vor­stands­mit­glied war, scheint genau­so­we­nig aus der Luft gegrif­fen, wie die Über­le­gung, dass die Idee mit dem Geschäfts­füh­rer nicht etwa im Ver­ein gebo­ren wur­de — schließ­lich gin­gen die Über­le­gun­gen des Ver­eins­bei­rats in eine ande­re Rich­tung — son­dern in der AG, deren Vor­stands­vor­sit­zen­der ohne­hin aus den Tur­bu­len­zen die­ses Jah­res mit als der star­ke Mann an der Mer­ce­des­stra­ße her­vor­ging.

Priorität beim VfB

Beim VfB soll­te man die­sem Ein­druck mög­lichst schnell ent­ge­gen tre­ten. Allen Beteue­run­gen zum Trotz scheint es auch wei­ter­hin nicht “nur einen VfB” zu geben. Viel­mehr gewin­ne ich den Ein­druck, dass die AG ver­sucht, die­se Posi­ti­on ein­zu­neh­men. Dass die­se, auch bei mir, mehr in der Wahr­neh­mung steht, ist nach­voll­zieh­bar: Es sind die Pro­fi­fuß­bal­ler, die das Sta­di­on voll machen und in der Cham­pi­ons League spie­len, es ist die U21, die sich nach ewi­ger Zeit wie­der in die 3. Liga hoch­ge­kämpft hat, es sind die Frau­en, die der­zeit durch die Regio­nal­li­ga pflü­gen und es sind die U19 und die U17, die auch im neu­en Ligen­for­mat zu über­zeu­gen wis­sen. Aber ein Ver­ein für Bewe­gungs­spie­le — mit Beto­nung auf ein — ist eben nicht nur das sport­li­che Wohl und Wehe sei­ner Fuß­ball­mann­schaf­ten, son­dern neben den ande­ren Abtei­lun­gen auch sei­ne Fans und sei­ne Mit­glie­der und deren Teil­ha­be.

Und die ist nicht in schwe­ren Zei­ten wich­tig, in denen der Ver­ein kurz davor steht, vor die Wand gefah­ren zu wer­den, son­dern auch in erfolg­rei­chen wie die­sen. So sehr ich Diet­mar All­gai­er per­sön­lich die Prä­si­dent­schaft zutraue — für Ver­ein und Mit­glie­der wäre es bes­ser, es fän­den sich noch Mit­glie­der, die sich von der brei­ten inter­nen Unter­stüt­zung für All­gai­er nicht von einer Kan­di­da­tur abschre­cken lie­ßen. Und deren Prio­ri­tät wäh­rend ihrer Amts­zeit beim VfB lie­gen wür­de.

Titel­bild: © Selim Sudheimer/Getty Images

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