Der Bock steht noch

Der VfB kann an die gute Leis­tung in Lever­ku­sen nicht anknüp­fen und ver­liert nicht nur das Spiel in Frank­furt, son­dern auch immer mehr den Anschluss nach oben. Das logi­sche Ziel Euro­pa­po­kal soll jetzt am Mitt­woch über das zum “Spiel des Jah­res” erko­re­nen Pokal-Halb­fi­na­le erreicht wer­den.

Dass sei­ne Mann­schaft “den Bock umsto­ßen” wol­le und müs­se gehört seit Neu­es­tem zum Sprach­ge­brauch von Sebas­ti­an Hoe­neß und dass er zu die­sem, wie er sel­ber fin­det, abge­dro­sche­nen Bild greift, ver­deut­licht, in wel­cher Posi­ti­on sich der VfB aktu­ell befin­det. Vor dem Sams­tag­abend-Spiel zeig­te die erschre­cken­de Bilanz  nur einen Sieg aus den letz­ten acht Spie­len, nach Abpfiff der Par­tie in Frank­furt war aus der Acht eine Neun gewor­den und die Mann­schaft mit dem Brust­ring in der Rück­run­den­ta­bel­le auf den dritt­letz­ten Platz abge­stürzt. Es gilt zwar wei­ter­hin das Bon­mot Otto Barics, dass der VfB zeit­lich mit dem “Frieh­ling” in Schwung kommt, das muss man aber aller mäßi­gen Tem­pe­ra­turenz zum Trotz mitt­ler­wei­le see­ehr weit aus­le­gen. Nach den ent­täu­schen­den Ergeb­nis­sen im Febru­ar mit Heim-Nie­der­la­gen gegen Mön­chen­glad­bach und Wolfs­burg sowie dem pein­li­chen Unent­schie­den in Hof­fen­heim war die Devi­se für den März, die Top­spie­le gegen Mün­chen und Lever­ku­sen sowie in Frank­furt mög­lichst unbe­scha­det zu über­ste­hen und min­des­tens in Kiel drei­fach zu punk­ten. Jetzt haben wir im April genau zwei Punk­te mehr als Mit­te Febru­ar.

Dabei hat­te der Trai­ner zuletzt immer­hin einen spie­le­ri­schen Fort­schritt sei­ner Mann­schaft beschwo­ren und dabei ledig­lich die ers­te Hälf­te in Kiel aus­ge­klam­mert. Und er hat­te ja nicht unrecht. Gegen Lever­ku­sen mach­te der VfB über sehr wei­te Stre­cken ein sehr gutes Spiel, bevor er gegen Ende kom­plett die Kon­trol­le ver­lor. Die ein­hel­li­ge Mei­nung: Wenn wir so in Frank­furt auf­tre­ten, holen wir auch dort etwas. Aber in Bad Cannstatt ist man lei­der momen­tan voll im Retro-Modus, wenn auch in etwas ent­spann­te­ren Tabel­len­si­tua­tio­nen. Nicht nur, dass man jede Woche eine neue Metho­de fin­det, um den eige­nen Anhang zu quä­len, nein der VfB hat auch die Schau­fens­ter-Spie­le wie­der für sich ent­deckt: Gegen den amtie­ren­den Dou­ble-Sie­ger und Tabel­len­zwei­ten warf man alles rein und hät­te einen Sieg ver­dient gehabt, zwei Wochen spä­ter ließ man die­se Inten­si­tät wie­der ver­mis­sen und ging das Spiel in Frank­furt ängst­lich und umständ­lich an — und war am Ende mit dem 0:1 noch gut bedient.

Die Angst vor dem Fehler

Und das hat­te nicht nur mit dem nächs­ten Platz­ver­weis, dem zwei­ten in den letz­ten drei Spie­len, von Ameen Al-Dak­hil zu tun. Gan­ze zwei Schüs­se muss­te Ein­tracht-Kee­per Kaua San­tos parie­ren, wenn man die­se so nen­nen will: Jamie Lewe­ling spiel­te in der frü­hen, kur­zen Drang­pha­se des VfB einen hal­ben Rück­pass auf den kur­zen Pfos­ten und Ata­kan Kara­zor ver­such­te es nach 22 Minu­ten mit einem zen­tra­le Drop­kick. Jeg­li­che wei­te­re Angriffs­be­mü­hun­gen ver­san­de­ten in end­lo­sen Quer- und Rück­päs­sen oder zu zöger­li­chen Abschlüs­sen, die geblockt wur­den — und auch das waren nur sechs an der Zahl. Der Mann­schaft war die Angst vor dem Feh­ler und das Ver­lan­gen nach Sicher­heit anzu­mer­ken und genau dadurch ent­stan­den die Feh­ler. Fast jede Ecke wur­de kurz gespielt und nahe­zu jede Ecke aus dem Halb­feld geschla­gen. Nicht bes­ser sah es vor dem eige­nen Tor aus: Immer wie­der bra­chen die Frank­fur­ter durch, beim hoch­ver­dien­ten Sieg­tref­fer von Mario Göt­ze stürm­ten nach jedem Pass gleich drei VfB-Spie­ler auf den Ball zu — und kamen natür­lich zu spät.

Dass am Ende noch Maxi Mit­tel­städt und Ange­lo Stil­ler ihre fünf­te gel­be Kar­te sahen und damit neben Al-Dak­hil in Bochum feh­len, pass­te dann zu die­sem erneut gebrauch­ten Spiel­tag. Und auch wenn der Ärger berech­tigt gewe­sen sein mag: Dass ein Krea­tiv­spie­ler wie Enzo Mil­lot mitt­ler­wei­le die meis­ten gel­ben Kar­ten in der Mann­schaft hat und fast alle für Meckern gezeigt bekam, ist kein gutes Zei­chen. Viel schlim­mer wiegt aber der kol­lek­ti­ve Leis­tungs- und Span­nungs­ab­fall nach dem Spiel in Lever­ku­sen. Nie­mand erwar­tet, dass man die Frank­fur­ter, die ihre über­ra­gen­de Sai­son wohl mit der Teil­nah­me an der Cham­pi­ons League beloh­nen wer­den, an die Wand spielt. Aber der VfB war auch weit davon ent­fernt, alles in sei­ner Macht ste­hen­de zu tun, um die­ses Spiel zu gewin­nen. Füh­rungs­spie­ler und Leis­tungs­trä­ger wie Enzo Mil­lot, Deniz Undav, Ange­lo Stil­ler, Alxe­an­der Nübel oder Ata­kan Kara­zor blie­ben erneut blass bezie­hungs­wei­se lie­fer­ten beschei­de­ne Leis­tun­gen ab. Und noch­mal: Wenn dein Ziel der Klas­sen­er­halt oder das gesi­cher­te Mit­tel­feld ist, dann ist in Frank­furt eben nicht mehr drin. Aber die­se Mann­schaft und ihre sport­li­che Füh­rung hat höhe­re Zie­le und muss sie ange­sichts der Inves­ti­tio­nen in Ablö­sen und Gehäl­ter auch haben — mal abge­se­hen von der Tat­sa­che, dass man Ende Janu­ar noch auf Platz 4 stand.

“Das Spiel des Jahres”

Die­ses Ziel — die Teil­nah­me am Euro­pa­po­kal, egal wel­chem — kann man natür­lich auch über den DFB-Pokal errei­chen, und so schwenk­te die Kom­mu­ni­ka­ti­on nach der Aus­wärts­nie­der­la­ge am Main schnell dar­auf um, die Köp­fe frei­zu­be­kom­men für “das Spiel des Jah­res”. Es geht natür­lich um das Halb­fi­na­le am Mitt­woch gegen Leip­zig, die natür­lich, um dem Gan­zen die Kro­ne auf­zu­set­zen, mit neu­em Trai­ner antre­ten wer­den. Es ist aller­dings nicht das ers­te Spiel des Jah­res in die­sem Jahr. Schon im Janu­ar hyp­te sich der gan­ze Ver­ein für das End­spiel in der Cham­pi­ons League-Liga­pha­se gegen Paris St. Ger­main und nahm dabei  — mich ein­ge­schlos­sen — die mitt­ler­wei­le pro­phe­ti­sche Nie­der­la­ge in Mainz als Betriebs­un­fall hin. Natür­lich ist es sinn­voll, der Mann­schaft die Wich­tig­keit die­ses Halb­fi­na­les vor Augen zu füh­ren — eine sol­che Hal­tung hät­te ich mir aber in Spie­len mit weni­ger Gla­mour erwar­tet: In Kiel, in Hof­fen­heim, und so wei­ter. Nach der Klat­sche gegen PSG ver­lor der VfB auch direkt danach gegen Glad­bach, die men­ta­len Nach­wir­kun­gen des Spiels zogen sich durch den gan­zen Febru­ar. Das kön­nen wir uns jetzt nicht mehr erlau­ben.

Die­ser erneu­te Rück­fall in eine Mischung aus Ängst­lich­keit und Fahr­läs­sig­keit lässt mich nicht beson­ders opti­mis­tisch auf den Mitt­woch bli­cken. Immer­hin wäre mit dem Final­ein­zug die Euro­pa­po­kal-Teil­nah­me noch nicht sicher — anders als 2013, als man sich eine durch­wach­se­ne Sai­son mit dem 2:3 in Ber­lin schön­re­de­te. Egal ob man jetzt den Kopf frei­ma­chen, den Schal­ter umle­gen oder den Bock umsto­ßen will: Die Mann­schaft muss den vie­len Wor­ten der ver­gan­ge­nen Wochen, die ziem­lich oft “ler­nen” hie­ßen, end­lich Taten fol­gen las­sen. Ein Sai­son­ende im Tabel­len­mit­tel­feld ohne Pokal­fi­na­le wäre zwar am Maß­stab der letz­ten zehn Jah­re in Ord­nung — aber wir hat­ten auch zehn Jah­re lang nicht mehr eine Mann­schaft mit die­sem Poten­zi­al. Es nur zu haben, reicht aber nicht.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass kon­sta­tiert: “Der VfB läuft Gefahr, viel von dem zu ver­lie­ren, was er sich in der letz­ten Sai­son auf­ge­baut hat. Das ist beson­ders ärger­lich, weil man den Ein­druck hat, das Team hat das Poten­ti­al, es deut­lich bes­ser zu kön­nen, gera­de beim Start in die­ses Jahr haben wir es gese­hen.”

Titel­bild: © Alex Grimm/Getty Images

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.