Gebrauchter Tag

In Bre­men läuft beim VfB am Sonn­tag­nach­mit­tag wenig zusam­men. Ein ärger­li­cher Rück­schlag im Kampf um die vor­de­ren Plät­ze, gleich­zei­tig nach elf Liga­spie­len ohne Nie­der­la­ge viel­leicht auch ein Weck­ruf, um die Sin­ne neu zu schär­fen.

Ich hat­te fast schon ver­ges­sen, wie sich Nie­der­la­gen anfüh­len. Klingt komisch, ist aber so, wenn die letz­te über zwei Mona­te her ist. Als am spä­ten Sonn­tag­nach­mit­tag die Bre­mer Bank jubelnd auf Feld stürm­te, weil sie nach eben­so lan­ger War­te­zeit end­lich wie­der drei Punk­te geholt und gleich­zei­tig den favo­ri­sier­ten VfB geschla­gen hat­ten, spür­te ich ihn wie­der: Die­sen Ärger über die Feh­ler der eige­nen Mann­schaft und des Schieds­rich­ters, über die ver­pass­ten Chan­cen und — bei Aus­wärts­nie­der­la­gen beson­ders ärger­lich — die uner­freu­li­che Heim­fahrt. Die Vor­stel­lung, was gewe­sen wäre, wenn Undav nicht die Lat­te trifft son­dern ins Tor, wenn Lewe­ling quer legt oder wenn geg­ne­ri­sche Spie­ler umnie­ten für Tor­hü­ter kein Kava­liers­de­likt wäre. Kurz danach mel­de­te sich aber das Lang­zeit­ge­dächt­nis, das mir den Tabel­len­stand in Erin­ne­rung rief und die Tat­sa­che, dass dies nicht ein wei­te­re Rück­schlag im Abstiegs­kampf war, son­dern ein Dämp­fer im Kampf um die vor­de­ren Plät­ze der Bun­des­li­ga-Tabel­le, in der der VfB im schlech­tes­ten Fall auf Platz 5 lan­den wird.

Den­noch müs­sen wir natür­lich über das Zustan­de­kom­men die­ser Nie­der­la­ge reden, in der Wer­der Bre­men genau zwei Schüs­se auf den Kas­ten von Alex­an­der Nübel zustan­de brach­te: Einen Elf­me­ter und einen nach einer Flan­ke aus dem Halb­feld. Alles ande­re ging vor­bei oder wur­de geblockt, nur die­se bei­den Schüs­se saßen eben und mach­ten Mar­vin Duksch zum Match­win­ner. Vor­aus­ge­gan­gen waren jeweils äußert sel­te­ne defen­si­ve Feh­ler des VfB — ein ver­lo­re­nes Lauf­du­ell des als Wing­back auf­ge­bo­te­nen Lewe­ling sowie ein zu offe­ner Pass­weg auf Flan­ken­ge­ber Roma­no Schmid und eine Fehl­ein­schät­zung von Wal­de­mar Anton — aber das ist nor­ma­ler­wei­se nichts. was unse­re Brust­ring­trä­ger aus der Bahn wirft. Viel­mehr ent­schied Wer­der das Spiel letzt­lich des­halb für sich, weil sie ihre unglaub­li­che Effi­zi­enz durch lei­den­schaft­li­ches Ver­tei­di­gen über die Zeit brach­ten, indem sie den VfB zu sel­ten zur Ent­fal­tung kom­men lie­ßen. Oder wie Ser­hou Gui­ras­sy es wie häu­fig ziem­lich treff­lich auf den Punkt brach­te:

Zu viele Fehler gegen effiziente Bremer

Wie schon gegen Hei­den­heim hat­te der VfB auch in Bre­men so sei­ne lie­ben Pro­ble­me mit einer Mann­schaft, um jeden Ball kämpf­te und in der Lage war, aus ihrem über­schau­ba­ren Offen­siv­spiel das Maxi­mum raus­zu­ho­len. Wäh­rend bei den Gäs­ten nach eini­gen her­aus­ra­gen­den Spie­len wie­der der Punkt erreicht war, an dem sie sich etwas zu sehr an ihrer eige­nen spie­le­ri­schen Ele­ganz ergötz­ten, gewann die Heim­mann­schaft vie­le Bäl­le im Mit­tel­feld, weil die Brust­ring­trä­ger ent­we­der einen Schritt zu spät kamen oder zu opti­mis­ti­sche Päs­se spiel­ten. Hin­zu kam ein wenig Schieds­rich­ter­glück, denn Robert Hart­mann pfiff gefühlt jede zwei­te Sze­ne zuguns­ten der Nord­deut­schen und hat­te mit Felix Zway­er einen Video Assistant Refe­ree als Back­up, des­sen Ent­schei­dungs­fin­dung ein­mal mehr schwer nach­voll­zieh­bar war.

Den­noch: Der Heim­sieg der Bre­mer war ver­dient, weil der VfB nie das auf den Platz brach­te, was ihn in den letz­ten bei­den Spie­len aus­zeich­ne­te. Exem­pla­risch, dass das ein­zi­ge Aus­wärts­tor, zugleich das 17. ins­ge­samt von Deniz Undav, am Ende über die Linie gesto­chert wer­den muss­te. Zu oft tra­fen die Män­ner im Brust­ring die fal­sche Ent­schei­dung, leg­ten den Ball gegen eine mit zuneh­men­der Spiel­dau­er immer dich­ter ste­hen­de Bre­mer Abwehr ein­mal zu häu­fig quer oder schos­sen aus ungüns­ti­gen Situa­tio­nen und ermög­lich­ten Tor­wart Zet­te­rer trotz erneut frag­wür­di­gen Ver­hal­tens auf dem Platz — ich erin­ne­re an die Aus­re­de mit den Kraut-Tri­kots im Hin­spiel — eine Nomi­nie­rung für die Kicker-Elf des Tages. Hin­zu kam, dass Chris Füh­rich anders als Enzo Mil­lot in der Vor­wo­che in der ers­ten Hälf­te kaum ersetzt wer­den konn­te und Jamie Lewe­ling offen­sicht­lich kein klas­si­scher Wing­back ist, so dass die lin­ke Sei­te offen­siv lahm­te, wäh­rend die rech­te Sei­te defen­siv so ihre Pro­ble­me hat­te. Dadurch wur­de Ser­hou Gui­ras­sy immer wie­der aus dem Straf­raum her­aus­ge­zo­gen, um das Angriffs­spiel anzu­kur­beln und fehl­te dann vor­ne als Abneh­mer. Hoe­neß’ Kor­rek­tur zur Halb­zeit, als er Füh­rich und Sten­zel her­ein­nahm, ver­puff­te mit dem Tref­fer zum 2:0 und auch Silas konn­te offen­siv bis auf ein paar Läu­fe, die die Bre­mer nur mit Fouls stop­pen konn­ten, offen­siv wenig bei­tra­gen.

Kein Grund zur Besorgnis

Es kam also alles so ein biss­chen zusam­men: Feh­len­de Schär­fe in den eige­nen Rei­hen, ein Geg­ner am Limit, weni­ge aber wir­kungs­vol­le Fehl­ent­schei­dun­gen auf und neben dem Platz und ein wenig hilf­rei­cher Schieds­rich­ter. Unterm Strich ein gebrauch­ter (Spiel-)Tag der nur durch den spä­ten Aus­gleichs­tref­fer des neu­en deut­schen Meis­ters in Dort­mund noch ein wenig erhellt wur­de. Trotz der zwei schwe­ren nächs­ten Geg­ner aber wie in der Ver­gan­gen­heit kein Grund zur Besorg­nis. Wie­der ein­mal hat die Mann­schaft gemerkt, dass sie sofort bestraft wird, wenn sie einen Gang zu weit run­ter­ge­schal­tet hat. Die Reak­ti­on war in der Ver­gan­gen­heit ver­läss­lich immer eine wesent­li­che Leis­tungs­stei­ge­rung in den fol­gen­den Wochen. Nichts ande­res dür­fen wir in Lever­ku­sen und gegen Mün­chen erwar­ten. Wie vie­le Punk­te dabei am Ende her­aus­sprin­gen liegt auch in der Hand die­ser zwei außer­ge­wöhn­lich besetz­ten Mann­schaf­ten. Wie es Gui­ras­sy in sei­nem Tweet ankün­dig­te kön­nen wir uns aber dar­auf ver­las­sen, dass die Brust­ring­trä­ger ihnen es so schwer wie mög­lich machen wer­den, sie zu schla­gen.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass stellt fest: Wir sind nicht die Geils­ten. Stuttgart.international erin­nert dar­an, dass es der­zeit durch­aus wei­ter­hin ande­re wich­ti­ge The­men beim VfB gibt: “Auch wenn die meis­ten Mit­glie­der und Fans gera­de nichts mehr von Ver­eins­po­li­tik hören wol­len, wäre es bes­ser zu dis­ku­tie­ren, bevor es zu spät ist.”

Titel­bild: © Stuart Franklin/Getty Images

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