(Fast komplett) Versagt!

Der VfB holt mit viel Glück in München einen unverdienten Punkt und zeigt die nächste unterirdische Leistung. Geht das jetzt schon wieder los?

Als VfB-Fan hat man ja in den letzten Jahren schon die verschiedensten Spielarten des Fußballs gesehen, der einem die Haare zu Berge stehen, die Zehennägel aufrollen, die Fingernägel abknabbern und die Wände hochlaufen lässt. Da gab es die Zeiten, in denen sich der VfB die Gegentore regelmäßig durch Slapstick-Aktionen selber reinlegte. Da gab es die Zeiten, in denen der VfB einfach vorne gar nichts traf, weil keinem etwas einfiel außer hohen Flanken aus dem Halbfeld auf den Torwart. Und da gab es die Zeiten, in denen der VfB einfach aufhörte zu gewinnen. Das kann man sich ungefähr so vorstellen:

Charlie Chaplin beim VfB

Das mittlere Spiel der englischen Woche bot ein Revival all dieser Varianten des gepflegten Gurkenfußballs. Beim 1:0 der Gastgeber hatte der Münchner Spieler den Ball eigentlich schon verstolpert, aber Marcin Kaminski entschied sich dafür, den Ball erstmal aus sicherem Abstand zu beobachten um zu schauen, was die lustige Kugel wohl als nächstes anstellen würde. So wurde aus einer Nicht-Chance ein Pass ins knappe Abseits und das Tor für die Löwen. Kann unter normalen Umständen schon mal passieren, auch wenn es das nicht sollte. Wenn man aber bereits Dresden, Fürth und Bochum bereits teilnahmslos beim Tore schießen zugeschaut hat, ist ein solches Abwehrverhalten unverzeihlich.

Bleiben wir kurz beim 1:0 und der Lernresistenz. Ich wehre mich ja für gewöhnlich dagegen, den Trainer für die mangelnde Konzentration und Einstellung der VfB-Mannschaft verantwortlich zu machen. Aber nachdem der Innenverteidigung schon in den letzten Spielen in entscheidenden Situationen der Zugriff auf die Stürmer fehlte, ist es schon fast fahrlässig, immer wieder mit Kaminski und Baumgartl innen aufzulaufen. Ja, Pavard mag vielleicht als Rechtsverteidiger stärker sein als Klein und Zimmer. Aber er ist auf jeden Fall in der Innenverteidiger stärker als Kaminski. Hier muss sich Wolf etwas Neues einfallen lassen, sonst ist der Aufstieg schon vor dem 1. Mai verspielt.

Unkreativ, harmlos, führungslos

Nächste Baustelle: Das Mittelfeld. Der Mannschaftsteil aus dem heraus eigentlich die Stürmer gefüttert werden sollten, wenn schon die Abwehr nicht sattelfest ist und nichts zum Spielaufbau beitragen kann. Notfalls schießen wir halt fast ein Tor mehr, siehe Dresden. Aber wie will man überhaupt ein Tor schießen, wenn sich in der Mannschaft kaum jemand bewegt, um den Ball zu bekommen? Wenn man sich den Ball nur einfallslos hin und her schiebt um dann das Spiel über Mitch Langerak aufbauen zu wollen? Wenn von der Mittellinie Rückpässe in den Lauf des Gegenspielers gestümpert werden? Wenn man einen Zweikampf nach dem anderen verliert? Und wenn einem nach vorne nicht mehr einfällt, als die bereits beschriebenen Flanken und harmlose Torschüsse aus der zweiten Reihe?

Und auch hier muss sich Hannes Wolf Kritik gefallen lassen. Er scheint, wie auch seine Vorgänger auf der Bank, nicht von Alex Maxim überzeugt zu sein. Aber ihn nicht mal nach München mitnehmen? Er mag defensive Schwächen haben und auch nicht gerade ein Mentalitätsmonster sein. Aber er hat immerhin die gewisse Kreativität, die dem VfB heute fehlte. Denn Asano ging auf der rechten Seite total unter und Anto Grgic sah man eigentlich nur, wenn er einen Freistoß oder eine Ecke versemmelte. Und auch von Christian Gentner kam offensiv, wie häufig, wenn es nicht läuft, kein Impuls. Und irgendwie ist es auch schon ein deutliches Zeichen, wenn Wolf seinen Kapitän erneut bei einem Rückstand auswechseln muss. Leider hat er sich selbst zumindest der theoretischen Möglichkeit beraubt, eine spielerische Verstärkung einzuwechseln.

Blauäugig

Und auch vorne klappte gar nichts. Das lag vor allem daran, dass Simon Terodde, dem man regelmäßig, was das Engagement angeht, den geringsten Vorwurf machen kann, von der massiven Abwehr der Sechziger völlig abgemeldet wurde. Daniel Ginczek wurde erneut spät eingewechselt, war aber offensiv ohne Futter und ohne Platz auch harmlos. Damit ist der VfB im fünften Spiel in Folge ohne Sieg. Dass es nicht die zweite Niederlage im dritten Spiel ist, lag vor allem daran, dass es auf diesem Niveau eben auch immer ein wenig Satire gibt. In der Nachspielzeit schoss ein Münchner Verteidiger ausgerechnet Marcin Kaminski an und der VfB kam mit zwei blauen Augen davon.

Eigentlich sogar noch mit zwei blauen (wie passend) Hühneraugen. Denn weil Braunschweig in Fürth und Union gegen Aue ähnlich unfähig agierten, ist der VfB immer noch Tabellenzweiter mit nur einem Punkt Rückstand auf Hannover. Und das ist genau das Gefährliche. Wie in der letzten Saison gibt es wieder genügend Anknüpfungspunkte, um sich diese unterirdische Leistung schönzureden: Der Tabellenplatz, die Tatsache, dass das 1:0 knapp abseits war, der erneute Ausgleich in der Nachspielzeit. Und so spricht man auch beim VfB danach von einem verdienten Punkt.

Mit Arroganz und Alibi

Womit war der Punkt denn verdient? Mit einfallslosem Hin- und Hergeschiebe? Mit Unkonzentriertheiten und Ballverlusten? Weil das 1:0 genauso glücklich zustande kam wie das 1:1? Da setzt wieder der alte Reflex aus der vergangenen Saison ein: Die Mannschaft kriegt ein Alibi. Dabei vergisst man völlig, dass die Münchner überhaupt nicht in die Lage kommen, einen Pass ins knappe Abseits zu schlagen, wenn beim VfB mal jemand die Geistesgegenwart und den Mut besitzt, den Ball einfach gepflegt rauszukloppen.

Mit der Leistung vom Mittwochabend greift die Mannschaft die Vorlage ihres Präsidenten gekonnt auf, der am Montag noch getönt hatte, wem der VfB wichtig genug sei, der nehme sich eben auch mal den halben oder gar den ganzen Donnerstag für eine außerordentliche Mitgliederversammlung frei. Als ob der VfB-Anhang nicht schon die ganze Saison aus den durch den Abstieg der Mannschaft verschuldeten fanfeindlichen Anstoßzeiten das Beste machen würde und zahllose Urlaubstage und Überstunden opfert, um dem VfB zu jeder Unzeit auswärts wie zu Hause die Türe einzurennen. Der Auftritt im Fröttmaninger Brachland war nichts anderes als ein Affront gegenüber etwa 10.000 Stuttgartern, die das auch an diesem Mittwoch getan hatten, um ihren VfB zu einer Uhrzeit zu unterstützen, zu der es selbst Heimfans nicht ins Stadion schaffen, ohne das Büro früher zu verlassen. Diese Arroganz gegenüber den Menschen auf den Rängen ist man von DFL und Sky bereits gewöhnt. Dass sie einem mit solchen Aussagen und Leistungen auch aus dem eigenen Verein entgegen schlägt, ist bitter.

Wann lernen sie es?

Und so kann man den Auftritt in München trotz des Punktes eigentlich nicht anders als ein Versagen werten. Und zwar nicht wegen des Endergebnisses oder der Tabellenkonstellation. Die erlauben, für sich betrachtet, immer noch einigen Optimismus. Nein, es ist das Versagen, aus den eigenen Fehlern oder aus der Geschichte zu lernen. Das gilt für die Mannschaft wie für den Trainer. Auch wenn die Hauptschuld für den tabellarischen wie spielerischen Absturz die Mannschaft trägt: Alexandru Maxim nach dem Saisonaus von Carlos Mané nicht einmal mit nach München zu nehmen, zeugt von einer ungesunden Sturheit. Welchen Schaden hätte es angerichtet, Maxim auf die Bank zu setzten und dafür jemanden wie Matthias Zimmermann auf zu Hause zu lassen?

Aber auch die Mannschaft kann oder will es nicht lernen. Sie lernt nichts aus den letzten Spielen, in denen sie durch die gleichen Unzulänglichkeiten ins Hintertreffen geriet und sie lernt nichts aus Vergangenheit, als die gleiche Unkonzentriertheit, lasche Einstellung und mangelnde Laufbereitschaft zum verdienten Abstieg führten. Und, so leid es mir tut, nachdem dem dritten oder vierten deja vu muss man auch in diesem Jahr einmal die Mentalitätsfrage stellen. Natürlich steht eine Mannschaft, die noch um den Klassenerhalt kämpft, nach der eigenen Führung nur noch hinten drin. Aber es muss der Anspruch dieser teilweise hoch talentierten VfB-Mannschaft sein, einer dichten Abwehr mit Laufbereitschaft und spielerischer Kreativität beizukommen.

Wir sind der VfB, lasst uns hier raus!

Sieht man einmal von den jeweils zweiten 45 Minuten gegen Bochum und Dresden ab, bewirbt sich der VfB gerade sehr aktiv darum, auch in der Saison 2017/2018 der 2. Bundesliga anzugehören. Und nein, das ist weder Bruddelei noch Schwarzmalerei, das ist Langzeitgedächtnis eines Fans der mit diesem Verein seit mittlerweile vier Jahren durch ein nervliches und emotionales Stahlbad geht. Aus dieser Woche hätte der VfB eigentlich mindestens sieben Punkte mitnehmen müssen. Jetzt können es höchstens noch fünf werden und auch die sind nicht unbedingt sicher, wenn man am Sonntag auf einen K** trifft, der mit einem Bein in der dritten Liga und dem dritten Trainer in dieser Saison nichts mehr zu verlieren hat.

Um es nochmal ganz deutlich zu machen: Ein vierter oder gar ein fünfter Platz wäre ein genauso desaströses Versagen wie die bisherige Punkteausbeute dieser englischen Woche. Wir haben es schon im Podcast angesprochen: Ein zweites Jahr in dieser Liga wird nicht einfacher als das Erste. Uns fehlt ne Menge Geld, uns fehlen die Spieler die der Liga spielerisch überlegen sind. Und es werden auch keine 10.000 Fans mehr an einem Mittwoch um 17.30 Uhr in München sein.

Ein Appell!

Ich kann nicht glauben, dass ich das kaum ein Jahr später schon wieder schreibe:

Liebe VfB-Mannschaft, werdet Euch bitte Eurer Verantwortung für diesen Verein und für diese Fans wieder bewusst. Zerreißt Euch, auch wenn es anstrengend ist, wieder dafür, dass man als VfB-Fan endlich wieder mal was zu feiern hat. Wir haben seit dem Pokalfinale 2013 wirklich mehr als genug gelitten. Keiner von uns hat es verdient, dass Ihr das, was Ihr Anfang des Jahres aufgebaut habt, wieder einreißt und uns ein zweites Jahr in dieser Horrorliga voller kleiner Gästeblöcke, beschissener Anstoßzeiten und überforderter Schiedsrichter beschert. Danke.

Bild: Flickr / Insomnia Cured Here

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

Diesen Blogbeitrag von Rund um den Brustring teilen

  • Vor ein paar Spielen haben alle noch gesagt: “Naja es sind ja noch 12 Spiele”…dann hiess es “Naja es sind ja noch 10 Spiele”…Jetzt sind es ja immer noch 7 Spiele….aber irgendwann wird abgerechnet und man kann nicht bis zum Schluß warten. Die Mannschaft muss jetzt den A**** hochkriegen und kämpfen. In der Liga muss man um den Aufstieg genau wie gegen den Abstieg kämpfen. Das haben sie letztes Jahr nicht gemacht (Zitate: “DEN DRUCK HABEN DIE ANDEREN” – “Mit der Qualität kann man nicht absteigen”), deswegen sind sie jetzt da, wo sie sind. Einer aus der Mannschaft muss jetzt endlich mal die anderen aufrütteln und denen die Leviten lesen. Man kann sich richtig vorstellen, wie in der Pause alle in die Kabine gehen und dort mit hängenden Kopfen sitzen und sich selber bejammern, dass alles Mist ist. Es fehlt jemand, der den Kampfgeist wieder reinbringt. Ich sehe den Kapitän da als erstes in der Pflicht, aber die Rolle des Einpeitschers führt er auch nur aus, wenns bei ihm gut läuft. Wenn er mal einen schlechten Tag hat, dann zieht er die anderen mit runter.

© 2017 Rund um den Brustring
Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial