Wieder im Brustring: Tiago Tomás

Der VfB hat sich kurz vor Sai­son­be­ginn noch ein­mal in der Offen­si­ve ver­stärkt — und bereits zum zwei­ten Mal in die­sem Jahr fin­det ein alter Bekann­ter den Weg nach Bad Cannstatt: Tia­go Tomás kehrt nach zwei Jah­ren in Wolfs­burg zurück zum VfB und tritt wohl die Nach­fol­ge von El Bil­al an. Wir haben uns in Wolfs­burg umge­hört wie er sich seit sei­nem Abschied ent­wi­ckelt hat und was er uns in der kom­men­den Sai­son brin­gen kann.

Gebrann­tes Kind scheut das Feu­er, könn­te man mei­nen. Wobei die Ver­pflich­tung von Jacob Bru­un Lar­sen zu Jah­res­be­ginn sich ja immer­hin finan­zi­ell gelohnt hat. Sport­lich knüpf­te er nach sei­nem Tor gegen Leip­zig häu­fig an sei­ne ers­te Zeit in Stutt­gart an, so dass die­se Epi­so­de bereits nach einem hal­ben Jahr wie­der been­det war. Und nun schon wie­der ein Rück­keh­rer: Tia­go Tomás, der mit dem VfB zuerst gegen Köln und dann in der Rele­ga­ti­on die Klas­se hielt, schließt sich dem amtie­ren­den DFB-Pokal-Sie­ger erneut an. 15 Mil­lio­nen Euro wären 2023 fäl­lig gewe­sen, um die mit sei­nem Stamm­ver­ein Sport­ing aus­ge­han­del­te Kauf­op­ti­on zu zie­hen. Geld, dass der VfB damals — vor dem Welt­mar­ken­bünd­nis, der Cham­pi­ons League-Teil­nah­me und dem Pokal­sieg — schlicht nicht hat­te. Jetzt bewegt sich die Ablö­se dem Ver­neh­men nach in ähn­li­chen Regio­nen, Tomás reiht sich damit etwas zwi­schen Platz 5 und 3 der teu­ers­ten VfB-Zugän­ge der Geschich­te ein — wie sich die Zei­ten geän­dert haben. Acht Mil­lio­nen zahl­te 2023 statt­des­sen der VfL Wolfs­burg für die Diens­te des Offen­siv­spie­lers und stat­te­te ihn mit einem Ver­trag bis 2027 aus. War­um er Wolfs­burg nun wie­der ver­lässt und wie sei­ne Zeit dort war, dar­über haben wir mit Micha­el Theu­er­kauf gespro­chen, der für die Braun­schwei­ger Zei­tung über den Club aus der Auto­stadt berich­tet.

Die Erwar­tun­gen an Tomás sei­en dort nach sei­nem Wech­sel rela­tiv hoch gewe­sen, erklärt Micha­el. Schließ­lich hat­te man ihn in den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jah­ren in Stutt­gart gese­hen, als er für den VfB in 47 Pflicht­spie­len acht Tore erziel­te und wei­te­re vier vor­be­rei­te­te. Unver­ges­sen sein Sieg­tref­fer am 27. Spiel­tag 2021/22 gegen Augs­burg:

Micha­el beschreibt Tomás, der übri­gens immer noch erst 23 Jah­re alt ist, als einen “hoch ver­an­lag­ten Angrei­fer, der in sei­nen Leis­tun­gen nicht bestän­dig genug ist”, was auch in Wolfs­burg der Fall gewe­sen sei. Eine Beschrei­bung, die sich ver­traut anhört, denn trotz der sehr sehens­wer­ten Tref­fer und dem hohen Lauf­pen­sum wur­de man damals schon das Gefühl nicht los, dass bei Tomás wesent­lich mehr drin wäre, wenn er sich vor dem Tor ziel­stre­bi­ger zei­gen wür­de.

Im Wellenbad

Aber zurück zu sei­ner Zeit in Wolfs­burg. Der Club been­de­te die letz­ten bei­den Spiel­zei­ten auf den Plät­zen 12 und 11, was man ange­sichts der finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten und auch der Inves­ti­tio­nen in den Kader wohl nur als ent­täu­schend bezeich­nen kann. Die­se Bilanz kos­te­te erst Niko Kovac und dann auch Ralph Hasen­hüttl den Job. Auf die Fra­ge, ob das trotz oder auch wegen Tomás der Fall war, ant­wor­tet Micha­el: “Weder noch. Er ist ein jun­ger Spie­ler, der die Leis­tungs­schwan­kun­gen im Team auch indi­vi­du­ell abbe­kom­men hat. Spiel­te die Mann­schaft im Kol­lek­tiv gut und war erfolg­reich, dann lief es auch für Tomas gut.” In der Hin­run­de der ver­gan­ge­nen Sai­son habe er unter Hasen­hüttl den Sprung vom Ergän­zungs- zum Stamm­spie­ler geschafft, was sich aber in der Rück­run­de rela­ti­vier­te. Das hielt ihn wie­der­um nicht davon ab, bei der bit­te­ren Nie­der­la­ge des VfB für sei­ne Far­ben zu tref­fen. Ver­gan­ge­ne Sai­son traf Tomás sechs Mal und lie­fer­te zwei Assists in der Vor­sai­son waren es vier Tore und zwei Vor­la­gen — macht unterm Strich eine ähn­li­che Quo­te wie beim VfB. Die meis­ten Spie­le absol­vier­te der Rechts­fuß in Wolfs­burg als Links­au­ßen, wur­de aber auch häu­fig als Mit­tel­stür­mer oder auf dem rech­ten Flü­gel ein­ge­setzt.

Sein Pro­blem scheint nach wie vor die Kalt­schnäu­zig­keit vor dem Tor zu sein, auch das Pass­spiel sei noch “aus­bau­fä­hig”, meint Micha­el. Unter Ralph Hasen­hüttl habe er nach dem Abgang von Rid­le Baku nach Leip­zig teil­wei­se als Außen­ver­tei­di­ger aus­hel­fen müs­sen, was ihm als offen­si­ver Mit­tel­feld­spie­ler gar nicht gele­gen habe. Sei­ne Stär­ken sind wei­ter­hin das Tem­po mit Ball, die Dribb­lings und die tie­fen Läu­fe. Womit er ziem­lich gut das Pro­fil aus­füllt, wel­ches El Bil­al in der ver­gan­ge­nen Sai­son bei uns hat­te, auch wenn man bei­de Spie­ler natür­lich nicht kom­plett ver­glei­chen kann. Auf jeden Fall wird er des­sen Kader­platz als vier­ten Stür­mer neben Deniz Undav, Erme­din Demi­ro­vic und (viel­leicht) Nick Wol­te­ma­de über­neh­men. Micha­el sieht auch ange­sichts der Drei­fach­be­las­tung genü­gend Gele­gen­hei­ten für Tomás, um auf sei­ne Ein­sät­ze zu kom­men. Micha­els Fazit der letz­ten zwei Jah­re: “Tia­go hat sich wei­ter­ent­wi­ckelt in Wolfs­burg.”

Viel Aufwand, wenig Ertrag?

Inter­es­sant ist dabei auch der Blick in die Daten von fbref.com im Ver­gleich zu ande­ren Stür­mern (obe­re Grafik)und offen­si­ven Mit­tel­feld­spie­lern (unte­re Gra­fik):

Natür­lich erge­ben sich hier posi­ti­ons­be­dingt Unter­schie­de: Stür­mer müs­sen mit­un­ter weni­ger gegen den Ball arbei­ten als ande­re Mann­schafts­tei­le, Mit­tel­feld­spie­ler sind nicht so tor­ge­fähr­lich wie Stür­mer. Auf­fäl­lig sind die schwa­chen Offen­siv­wer­te, gera­de im Ver­gleich zu ande­ren offen­si­ven Mit­tel­feld­spie­lern. Für einen Stür­mer ist er sowohl mit, als auch gegen den Ball rela­tiv stark, was sich im Ver­gleich zu ande­ren Mit­tel­feld­spie­lern wie­der rela­ti­viert. Am ehes­ten kann man noch sei­ne Aktio­nen gegen den Ball her­vor­he­ben, die als Offen­siv­kraft auf jeden Fall für viel Ein­satz ste­hen. Dass sich Tomás für die Mann­schaft auf­rei­ben kann, wis­sen wir noch gut genug. Aus sport­li­cher Sicht kön­ne er den Wech­sel nach­voll­zie­hen, so Micha­el, denn der neue Trai­ner Paul Simo­nis set­ze nicht unbe­dingt auf das Umschalt­spiel sei­nes Vor­gän­gers, son­dern auf lan­ge Ball­be­sitz­pha­sen.

Womit wir zur Bewer­tung die­ser Rück­hol­ak­ti­on kom­men. Nie unter­schät­zen darf man, dass sich Spie­ler unter ande­ren Umstän­den und Rah­men­be­din­gun­gen wie­der ganz anders ent­wi­ckeln kön­nen — oder auch nicht. Auch Bru­un Lar­sen trai­nier­te in Hof­fen­heim unter Hoe­neß und konn­te ihn in der Rück­run­de nicht über­zeu­gen. Tomás bestritt elf Spie­le für unse­ren Chef­trai­ner, der also weiß, was er von ihm zu erwar­ten hat — und Ball­be­sitz­fuß­ball und sei er auch noch so offen­siv aus­ge­rich­tet, zählt nicht dazu. Dass sich Ablö­sen mitt­ler­wei­le in Höhen geschraubt haben, die für uns lan­ge unvor­stell­bar waren, ist auch nichts Neu­es und im Zwei­fels­fall hat man das vor­han­de­ne Trans­fer­bud­get gut in die offen­si­ve Tie­fe des Kaders inves­tiert. Ande­rer­seits sind über zehn Mil­lio­nen für einen poten­ti­el­len Ein­wech­sel­spie­ler — denn irgend­wann sind es ja ver­mut­lich nicht mehr drei Wett­be­wer­be, es sei denn, Jamie Lewe­ling behält Recht — immer noch eine ganz schö­ne Stan­ge Geld.

Kann Hoeneß das Potenzial diesmal heben?

Für Tomás spricht, dass er zum einen erst 23 ist und bei­spiels­wei­se auch bei der U21- Euro­pa­meis­ter­schaft im Som­mer für Por­tu­gal auf­lief. Auch ver­gan­ge­ne Sai­son konn­te Sebas­ti­an Hoe­neß bewei­sen, dass er Spie­ler auf ein neu­es Niveau heben kann. Im Fal­le von Tomás wäre das jetzt der Euro­pa­po­kal und hof­fent­lich die vor­de­re Tabel­len­hälf­te. Ein biss­chen Bauch­schmer­zen habe ich sport­lich immer noch, weil wir es uns eigent­lich nicht leis­ten kön­nen, Spie­ler mit­zu­schlep­pen, die ihr Poten­zi­al nicht voll aus­schöp­fen kön­nen. Auch in der kom­men­den Sai­son wer­den wir uns stre­cken müs­sen, um unse­re Zie­le zu errei­chen und die Kri­se der Rück­run­de hat­te auch mit dem man­geln­den Kil­ler­instinkt vor dem Tor zu tun. Per­sön­lich, wenn man dar­auf über­haupt nach dem Wol­te­ma­de-Thea­ter über­haupt was geben will, freue ich mich aber auf Tomás und hof­fe, dass wir ihn in fer­ner Zukunft nicht wegen des mit ihm erwirt­schaf­te­ten Trans­fer­ge­winns in Erin­ne­rung behal­ten.

Titel­bild: © Selim Sudheimer/Getty Images

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.