Verein für Boom

Wenn der VfB heu­te in die Vor­be­rei­tung auf die anste­hen­de Bun­des­li­ga-Sai­son ein­steigt, geht es ihm sport­lich und wirt­schaft­lich so gut wie lan­ge nicht mehr. Umso wich­ti­ger ist es, jetzt die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen für die Zukunft zu tref­fen.

Es ist immer noch erst etwas mehr als drei Jah­re her, dass der VfB nach der zwei­ten Kata­stro­phen­sai­son in Fol­ge in den Abgrund der zwei­ten Liga und die damit ver­bun­de­nen finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten blick­te, vom zu erwar­ten­den sport­li­chen Ader­lass ganz zu schwei­gen. Die Ent­wick­lung, die man in Bad Cannstatt seit­dem genom­men hat, ist enorm: Anfang des Monats über­hol­te Trai­ner Sebas­ti­an Hoe­neß sei­nen Vor­gän­ger Felix Maga­th in der Län­ge der Amts­zeit und ist seit­dem nicht nur aktu­ell dienst­äl­tes­ter Trai­ner der Bun­des­li­ga, son­dern auch der VfB-Trai­ner in der Bun­des­li­ga­ge­schich­te mit dem längs­ten Enga­ge­ment — und alles spricht dafür dass er sei­nen Vor­sprung wei­ter aus­baut, auch wenn er an Schorsch Wur­zer, der den VfB in den 50ern zu zwei Meis­ter­schaf­ten und zwei Pokal­sie­gen führ­te und des­sen Nach­fol­ger Kurt Bal­u­ses so schnell wohl nicht vor­bei kom­men wird. Der VfB hat sich vom hei­ßen Trai­ner­sitz — nimmt man ein­mal die Amzszeit von Pel­le­gri­no Mat­a­raz­zo aus — zu einem Sinn­bild der Bestän­dig­keit gewan­delt.

Auch im Kader schei­nen die gro­ßen Ver­än­de­run­gen vor­erst aus­zu­blei­ben, auch wenn das Trans­fer­fens­ter natür­lich noch sechs Wochen geöff­net ist und gera­de die Ver­ei­ne der Pre­mier League jetzt erst anfan­gen, das Klein­geld aus der Por­to­kas­se zu kra­men. Vor einem Abgang im Sti­le Nick Wol­te­ma­des ist man zwar nicht gefeit, ähn­lich wie in der ver­gan­ge­nen Sai­son ist der VfB aber auch nicht dar­auf ange­wie­sen, einen Spie­ler wie bei­spiels­wei­se Bil­al El Khan­nouss, der mit der marok­ka­ni­schen Natio­nal­mann­schaft bei der Welt­meis­ter­schaft für Auf­se­hen sorg­te, zu ver­kau­fen. Auch wenn es sicher­lich rat­sam wäre, ein biss­chen bes­ser auf einen Trans­fer vor­be­rei­tet zu sein und sich nicht erneut eine Pos­se wie die um den Süd­ko­rea­ner Oh zu leis­ten. Die Aus­stiegs­klau­sel von Ange­lo Stil­ler ist nach Medi­en­be­rich­ten bereits aus­ge­lau­fen, auch hier hat der VfB es in der Hand, den Spie­ler wenn dann nur zu eige­nen Kon­di­tio­nen abzu­ge­ben. Sport­lich ist man aktu­ell also der­art gut auf­ge­stellt, dass man es sich zutraut, die Ver­ant­wor­tung fürs Tore­ver­hin­dern in Liga, Pokal und Cham­pi­ons League in die Hän­de eines 20jährigen Tor­hü­ters aus dem eige­nen Stall zu geben — auch das hat es, ähn­lich wie die Amts­zeit von Sebas­ti­an Hoe­neß, in Stutt­gart lan­ge nicht gege­ben. Neu im Kader ist mit Gri­scha Prö­mel vor allem ein Spie­ler, der die Mann­schaft mit bestimm­ten Aspek­ten ergän­zen soll, auch wenn er natür­lich als Füh­rungs- und nicht als Ergän­zungs­spie­ler vor­ge­se­hen ist. Da scheint es fast zweit­ran­gig, ob man sich mit Abstei­ger VfL Wolfs­burg noch auf eine ver­tret­ba­re Ablö­se für Stür­mer Džen­an Pejči­no­vić eini­gen wird: Die Mann­schaft von Sebas­ti­an Hoe­neß scheint nach der drit­ten Euro­pa­po­kal­qua­li­fi­ka­ti­on und dem zwei­ten Pokal­fi­na­le in Fol­ge auch so gut genug auf­ge­stellt.

Der Fußball verharrt nicht in der Gegenwart

Der Ver­ein für Bewe­gungs­spie­le ist im Juli 2026 auch ein Ver­ein für Boom. Da kön­nen schein­bar nicht ein­mal die Kri­se der hie­si­gen Auto­bau­er und die Gerüch­te um Ein­spa­run­gen beim Inves­tor von der ande­ren Stra­ßen­sei­te oder dem aus Zuffen­hau­sen die Stim­mung trü­ben. Die Mil­lio­nen für die Antei­le sind ohne­hin schon über­wie­sen und teil­wei­se aus­ge­ge­ben und auch für die ver­schie­de­nen Mar­ke­ting-Häpp­chen, die sich die VW-Toch­ter gesi­chert hat, fin­det man in der aktu­el­len sport­li­chen Situa­ti­on mit Sicher­heit lukra­ti­ve Abneh­mer — viel­leicht ja sogar jeman­den, der dem Sta­di­on, wie an ande­ren Stand­or­ten gesche­hen, sei­nen tra­di­ti­ons­rei­chen Namen zurück­gibt? Wie auch immer, wirt­schaft­lich sieht man sich beim VfB mitt­ler­wei­le bes­tens auf­ge­stellt, was nicht nur mit dem Kader zu tun hat, den man nicht mehr aus finan­zi­el­ler Not schwä­chen muss, son­dern auch an der erneu­ten Cham­pi­ons-League-Teil­nah­me und den stei­gen­den Umsät­zen in allen Berei­chen. Hin­zu kommt, dass die Gre­mi­en­ar­beit des ein­ge­tra­ge­nen Ver­eins, aber auch der AG der­art geräusch­los abläuft, dass man abge­se­hen von eini­gen sinn­vol­len Sat­zungs­än­de­run­gen davon aus­ge­hen muss, dass auch die Mit­glie­der­ver­samm­lung in zehn Tagen rela­tiv geräusch­los über die Büh­ne gehen wird. Auch für den Preis, dass die Musik der­zeit nur noch in der aus­ge­glie­der­ten AG spielt, in des­sen Auf­sichts­rat mit Tan­ja Gön­ner und Alex­an­der Klä­ger wei­ter­hin zwei Per­so­nen sit­zen, die dort als Ver­tre­ter des e.V. nichts mehr zu suchen haben.

Dabei kommt dem Auf­sichts­rat in der nähe­ren Zukunft durch­aus eine gewich­ti­ge Rol­le zu. Denn das Fuß­ball­ge­schäft ver­harrt natür­lich nicht in der Gegen­wart. Noch vor der Welt­meis­ter­schaft konn­te Fabi­an Wohl­ge­muth mit Zustim­mung des Kon­troll­gre­mi­ums den Ver­trag von Deniz Undav lang­fris­tig und lukra­tiv ver­län­gern, was in der Mann­schaft einen Domi­no­ef­fekt aus­lö­sen könn­te. Mit Ramon Hen­driks lau­fen der­zeit die Ver­hand­lun­gen mit dem ers­ten von vie­len Akteu­ren, deren Ver­trag 2028 aus­läuft, die also nach der anste­hen­den Sai­son eine Ent­schei­dung über ihre Zukunft tref­fen müs­sen. Ande­re wer­den fol­gen und dabei genau­so wie Hen­driks den eige­nen Wert für den Erfolg der Mann­schaft mit einem Blick aufs Giro­kon­to abglei­chen. Gleich­zei­tig gilt, wie schon Geor­ge Har­ri­son wuss­te: all things must pass. Auch die aktu­el­le Erfolgs­wel­le, der Boom wird in der der­zei­ti­gen Form nicht anhal­ten. Die ers­te Leis­tungs­del­le nach der Vize­meis­ter­schaft hat der VfB bereits erfolg­reich gemeis­tert, jetzt geht es dar­um, den Club so auf­zu­stel­len, dass die nächs­te Del­le — die unwei­ger­lich kom­men wird — nicht so tief wird wie nach den letz­ten Erfol­gen Ende der Nuller­jah­re. Ange­sichts der Kon­kur­renz der bei­den Groß­clubs und jetzt nur noch drei wett­be­werbs­ver­zer­ren­den Fir­men­töch­tern wird es wei­ter­hin kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein, dass wir in der Cham­pi­ons League spie­len. Ver­ei­ne wie Frei­burg und Frank­furt haben aber gezeigt, dass man sich nach­hal­tig in der Reich­wei­te der euro­päi­schen Plät­ze eta­blie­ren kann, auch ohne schier end­lo­se finan­zi­el­le Reser­ven. Auf das Erreich­te kann man beim VfB stolz sein, aber mit dem Erfolg wer­den die Her­aus­for­de­run­gen nicht klei­ner.

Titel­bild: © Sona Maleterova/Getty Images

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