Rund um den nächsten Gegner: Im Gespräch mit Leverkusen-Experte Sebastian Bergmann von der Rheinischen Post

Nur gegen zwei Mann­schaf­ten ist der VfB in die­ser Sai­son noch nicht ange­tre­ten. Eine davon ist Lever­ku­sen, wo die Brust­ring­trä­ger den Start ins neue Jahr bestrei­ten. Vor dem Spiel spra­chen wir mit Bay­er-Exper­te Sebas­ti­an Berg­mann von der Rhei­ni­schen Post.

Rund um den Brust­ring: Hal­lo Sebas­ti­an und vie­len Dank, dass Du dir Zeit für unse­re Fra­gen nimmst. Lever­ku­sen hat­te vor der Sai­son einen gro­ßen Umbruch zu bewäl­ti­gen, unter ande­rem ver­ließ Dou­ble-Trai­ner Xabi Alon­so den Club gen Madrid und wür­de durch Erik Ten Hag ersetzt — der aber Anfang Sep­tem­ber nach einem Punkt aus zwei Spie­len schon wie­der Geschich­te war. Was war da los und wie viel hat­te das mit den Ver­än­de­run­gen im Kader zu tun?

Sebas­ti­an: Erik ten Hag hat­te es inner­halb kür­zes­ter Zeit geschafft, den gesam­ten Klub gegen sich auf­zu­brin­gen. Schon im Trai­nings­la­ger im Som­mer in Rio de Janei­ro gab es gro­ße Dis­so­nan­zen, ange­fan­gen bei der Ter­mi­nie­rung des ers­ten Test­spiels bis hin zu unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen über den Ver­bleib von Schlüs­sel­spie­lern wie Gra­nit Xha­ka. Auch die Trai­nings­me­tho­den und feh­len­den Anspra­chen sorg­ten bei Klub und Spie­lern für Ver­wun­de­rung. Die durch­wach­se­ne Vor­be­rei­tung tat dann ihr Übri­ges. Schon vor dem zwei­ten Spiel in Bre­men, dem letz­ten von ten Hag, war klar, dass die Zeit des Nie­der­län­ders in Lever­ku­sen abge­lau­fen war. Das Mot­to der Klub­ver­ant­wort­li­chen war: Lie­ber ein Ende mit Schre­cken, als Schre­cken ohne Ende. Ten Hag hat­te sich ange­sichts des XXL-Umbruchs im Som­mer sicher mehr Zeit gewünscht, doch Sport­ge­schäfts­füh­rer Simon Rol­fes und Co. fehl­ten nach den ers­ten Wochen schlicht der Glau­be, dass er die Ent­wick­lung der neu­en Werks­elf vor­an­trei­ben konn­te. Ab Febru­ar ist ten Hag zurück bei sei­nem Stamm­ver­ein Twen­te Ensche­de und arbei­tet dort als Tech­ni­scher Direk­tor.

Kom­men wir zum Kader: Mit Flo­ri­an Wirtz, Jere­mie Frim­pong, Lukas Hra­de­cky, Jona­than Tah, Gra­nit Xha­ka, Pie­ro Hin­ca­pié oder Vic­tor Boni­face ver­lie­ßen vie­le Stüt­zen die Mann­schaft, im Gegen­zug kamen Spie­ler wie Malik Till­man, Loïc Badé, Mark Flek­ken oder Ibra­him Maza, der schon vor einem Wech­sel zum VfB stand bevor wir die Cham­pi­ons League-Teil­nah­me ver­spiel­ten. Wie bewer­test Du nach fast einer kom­plet­ten Hin­run­de die Trans­fer­bi­lanz von Simon Rol­fes?

Dass Rol­fes die Stars aus der Dou­ble­si­e­ger-Mann­schaft qua­li­ta­tiv nicht 1:1 erset­zen kön­nen wür­de, war ja zu erwar­ten. Kla­res Ziel war, eine neue Mann­schaft zusam­men­zu­stel­len und die­se Schritt für Schritt auf­zu­bau­en. Gemes­sen an die­ser Vor­ga­be ist das ers­te Halb­jahr durch­aus posi­tiv zu bewer­ten – abge­se­hen von der immer­hin schnell kor­ri­gier­ten Fehl­ein­schät­zung ten Hags als pas­sen­den Trai­ner. Die meis­ten Som­mer­zu­gän­ge haben bis­lang über­zeugt, allen vor­an die im inter­na­tio­na­len Ver­gleich als „Schnäpp­chen“ ver­pflich­te­ten Ibra­him Maza, Chris­ti­an Kofa­ne und Ernest Poku. Auch Jarell Quan­sah, Loic Badé und Mark Flek­ken – trotz ver­ein­zel­ter Pat­zer – haben sich auf die gesam­te ers­te Sai­son­hälf­te gese­hen bis­lang gut gemacht. Ein­zig Elies­se Ben Seg­hir, für den Bay­er immer­hin auch 32 Mil­lio­nen Euro aus­ge­ge­ben hat, ist bis­lang deut­lich hin­ter den Erwar­tun­gen zurück­ge­blie­ben und aktu­ell nur Reser­vist.

Wo siehst Du im Win­ter noch Nach­hol­be­darf?

Da im Lau­fe des Janu­ars auch Welt­meis­ter Exe­quiel Pala­ci­os nach lan­ger Ver­let­zungs­pau­se zurück­kom­men soll, gibt es aktu­ell kei­ne klaf­fen­den Lücken im Kader. Alle Posi­tio­nen sind dop­pelt oder drei­fach besetzt, mal mit mehr, mal mit etwas weni­ger Qua­li­tät. Eine Aus­nah­me ist die von Ale­jan­dro Gri­mal­do bear­bei­te­te lin­ke Sei­te. Für den Spa­ni­er, in die­ser Spiel­zeit bis­lang stärks­ter Bay­er-Pro­fi, gibt es kei­nen natür­li­chen Ersatz. Das liegt aber auch an sei­ner Rol­le als ver­kapp­ten Spiel­ma­cher auf der Links­ver­tei­di­ger­po­si­ti­on.

Ab Sep­tem­ber über­nahm Kas­per Hjul­mand die Mann­schaft, den man in Deutsch­land zuletzt bei Mainz 05 an der Sei­ten­li­nie gese­hen hat­te und der die Mann­schaft auf Platz 3 führ­te. Was zeich­net ihn als Trai­ner aus?

Hjul­mand strahlt eine unge­mei­ne Gelas­sen­heit gepaart mit dem nöti­gen Fin­ger­spit­zen­ge­fühl für die Situa­ti­on aus, in der sich der Werks­klub nach der gol­de­nen Alon­so-Ära und dem Inter­mez­zo mit ten Hag aktu­ell befin­det. Er hat von Beginn an dar­auf ver­wie­sen, dass die Mann­schaft Zeit braucht, um sich zu ent­wi­ckeln, auf dem Weg zurück zu einem abso­lu­ten Spit­zen­team aber auch Punk­te sam­meln muss. Der sport­li­che Erfolg und die spie­le­ri­sche Ent­wick­lung las­sen dar­auf schlie­ßen, dass er die rich­ti­gen Hebel betä­tigt hat.

Wie lässt Hjul­mand die Mann­schaft spie­len und wo siehst Du aktu­ell die Stär­ken und Schwä­chen von Lever­ku­sen?

Wie Alon­so – und dar­auf ist das Per­so­nal der Werks­elf auch aus­ge­legt – bevor­zugt Hjul­mand ein 3–4‑2–1‑System. Das gestal­tet sich wie schon in den Vor­jah­ren varia­bel und gewährt den Spie­lern Frei­hei­ten, was man viel­leicht am deut­lichs­ten an der Rol­le Gri­mal­dos sehen kann, der über die lin­ke Sei­te kom­mend häu­fig ins Zen­trum zieht und von dort das Spiel lenkt. Nicht zuletzt dank ihm strahlt Bay­er bei Stan­dards eine gro­ße Gefahr aus, hat auf der ande­ren Sei­te aber durch­aus Pro­ble­me, eben­sol­che zu ver­tei­di­gen. War Lever­ku­sen unter Alon­so auf­grund der vie­len spä­ten Tref­fer auch als „Later­ku­sen“ bekannt, hat die Werks­elf in die­ser Sai­son schon vie­le Tore in den Anfangs­mi­nu­ten erzielt. Anfäl­lig hin­ge­gen war Bay­er bis­lang beson­ders in der Vier­tel­stun­de vor dem Sei­ten­wech­sel. Womög­lich lohnt es sich für geg­ne­ri­sche Angrei­fer auch, Tor­wart Flek­ken unter Druck zu set­zen und Feh­ler zu pro­vo­zie­ren. So hat zum Bei­spiel Nick Wol­te­ma­de beim 2:2 in Lever­ku­sen einen Elf­me­ter für New­cast­le her­aus­ge­holt.

Der VfB war­tet ohne­hin seit 2018 auf einen Sieg gegen Lever­ku­sen, war aber sel­ten so nah dran wie in den letz­ten bei­den Jah­ren, als sich die Mann­schaf­ten mehr oder min­der auf Augen­hö­he begeg­ne­ten. Kannst Du uns Hoff­nung machen, dass es am Sams­tag end­lich wie­der soweit ist?

Dass Lever­ku­sen in die­ser Sai­son schlag­bar ist, auch in der BayA­re­na, haben ande­re Teams in die­ser Sai­son gezeigt. In den letz­ten Wochen vor der Pau­se hat sich die Mann­schaft in den Leis­tun­gen und den Ergeb­nis­sen aber durch­aus sta­bil prä­sen­tiert. Anhalts­punk­te, anzu­neh­men, dass das im neu­en Jahr anders aus­sieht, gibt es nicht wirk­lich. In den letz­ten direk­ten Duel­len zwi­schen Lever­ku­sen und Stutt­gart ging es immer eng zu, egal, wo gespielt wur­de. Und davon gehe ich auch für das Top­spiel am Sams­tag wie­der aus, wes­we­gen ich auch dem VfB zutraue, etwas mit­zu­neh­men.

Was ist für Lever­ku­sen Dei­ner Mei­nung nach drin in die­ser Sai­son?

Die Mann­schaft kann den DFB-Pokal gewin­nen. Im Vier­tel­fi­na­le Anfang Febru­ar ist die Werks­elf kla­rer Favo­rit gegen den FC St. Pau­li und dann ist es auch nicht mehr weit bis nach Ber­lin und zum Titel. Was die Bun­des­li­ga betrifft, ist die Mann­schaft eben­falls stark genug, um sich einen der drei Plät­ze hin­ter den Bay­ern in der End­ab­rech­nung zu schnap­pen und in die Königs­klas­se ein­zu­zie­hen. In der Cham­pi­ons League gehe ich davon aus, dass Hjul­mands Team die Play-offs erreicht – nicht viel mehr. Denn für die inter­na­tio­na­len Top-Teams – sofern die­se in Best­be­set­zung antre­ten — reicht es in die­ser Sai­son noch nicht.

Beim VfB fehlt Bil­al El Khan­nouss wegen der Teil­nah­me am Afri­ka-Cup mit Gast­ge­ber Marok­ko. Wie ist die Situa­ti­on bei Lever­ku­sen und wer fällt sonst noch aus?

Edmond Tap­so­ba ist am Diens­tag mit Bur­ki­na Faso an Gast­ge­ber Marok­ko geschei­tert. Hjul­mand hat aber bereits ange­kün­digt, dass er erst schau­en wird, wie sich die Afri­ka-Cup-Teil­neh­mer nach ihrer Rück­kehr phy­sisch und men­tal prä­sen­tie­ren. Tap­so­ba kriegt noch ein paar Tage Urlaub. Da ihre jewei­li­gen Natio­nal­teams wei­ter­ge­kom­men sind, wer­den Bay­er gegen Stutt­gart Maza, Kofa­ne und Ben Seg­hir feh­len. Ansons­ten dürf­ten abge­se­hen von Pala­ci­os (Reha) nach aktu­el­lem Stand alle Spie­ler ein­satz­be­reit sein.

Zum Abschluss: Dein Tipp für Start­elf und Ergeb­nis?

3:1. Flek­ken – Quan­sah, And­rich, Belo­ci­an – Arthur, Gar­cia, Fer­nan­dez, Gri­mal­do – Poku, Till­man – Schick.

Titel­bild: © Dean Mouhtaropoulos/Getty Images

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