Rund um den nächsten Gegner: Im Gespräch mit Celtic-Fan Christopher

Heu­te Abend steht für den VfB ein wei­te­res euro­päi­sches High­light an: Das Aus­wärts­spiel im Cel­tic Park in Glas­gow. Wie es beim schot­ti­schen Seri­en­meis­ter gera­de läuft, ver­rät uns Chris­to­pher vom Blog und Pod­cast The Cynic.

Rund um den Brust­ring: Hal­lo Chris­to­pher und dan­ke, dass Du Dir Zeit für unse­re Fra­gen nimmst. Mit dem spä­ten Sieg am Sonn­tag bei Kil­mar­nock und dem Sieg der Ran­gers gegen Hearts liegt Cel­tic nur drei Punk­te hin­ter der Tabel­len­spit­ze – bei einem Spiel weni­ger. Was hin­dert euch dar­an, den fünf­ten Pre­mier­ship-Titel in Fol­ge zu gewin­nen?

Chris­to­pher: Im Moment ist das Ren­nen um den Titel in der Scot­tish Pre­mier­ship völ­lig offen, und im Grun­de kann ihn jeder gewin­nen. Cel­tic hat natio­nal zwar eine gute Sie­ges­se­rie, aber die Leis­tun­gen waren nicht immer über­zeu­gend. Es ist noch ein lan­ger Weg , es kommt ja auch noch der split (wenn die Liga nach 33 Spiel­ta­gen geteilt wird, d.Red.), und es fühlt sich so an, als wür­den Cel­tic, Ran­gers und Hearts alle noch Punk­te lie­gen las­sen. Um dei­ne Fra­ge zu beant­wor­ten: Das Ein­zi­ge, was Cel­tic dar­an hin­dert, den fünf­ten Pre­mier­ship-Titel in Fol­ge zu gewin­nen … ist Cel­tic selbst.

Die­se Sai­son ver­lief lan­ge nicht wie geplant. Mar­tin O’N­eill ist bereits der drit­te fes­te Trai­ner in die­ser Sai­son, nach­dem Brendan Rod­gers im Okto­ber ent­las­sen wur­de und Wil­fried Nan­cy nur einen Monat im Amt war. Was waren die Grün­de dafür?

Der Groß­teil der Schuld liegt klar bei den Ver­ant­wort­li­chen im Cel­tic-Vor­stand. Sie haben das Steu­er aus der Hand gege­ben und den Ver­ein in eine Kata­stro­phe geführt. Der Klub wird sehr schlecht geführt, was man dar­an sieht, wie schlecht wir auf dem Trans­fer­markt arbei­ten. Als Brendan Rod­gers ging, schob der Vor­stand ihm die Schuld für alle Pro­ble­me von Cel­tic zu. Danach ver­pflich­te­ten sie Wil­fried Nan­cy und setz­ten ihn zum denk­bar ungüns­tigs­ten Zeit­punkt ein, was zu schlech­ten Ergeb­nis­sen und Unru­he im Ver­ein führ­te. Anschlie­ßend wur­de er ent­las­sen, ohne dass der Vor­stand Ver­ant­wor­tung über­nahm. Letzt­lich liegt alles an man­geln­der Pla­nung, Struk­tur, Unter­stüt­zung und Visi­on sei­tens der Ver­ant­wort­li­chen im Ver­ein.

O’N­eill hat den Klub wie­der an die Tabel­len­spit­ze geführt – was macht er bes­ser als sei­ne Vor­gän­ger und viel­leicht auch bes­ser als in sei­ner Zeit als Inte­rims­trai­ner von Okto­ber bis Dezem­ber?

Als Mar­tin O’Neill im Okto­ber ein­ge­setzt wur­de, wuss­te nie­mand, wie lan­ge er Trai­ner blei­ben wür­de. Es war eine Ent­schei­dung von Woche zu Woche, von Spiel zu Spiel, bis ein neu­er Trai­ner ver­pflich­tet wur­de. In die­ser Hin­sicht muss­ten O’Neill und sein Trai­ner­team jedes Spiel so ange­hen, als könn­te es ihr letz­tes sein. Als O’Neill dann zum zwei­ten Mal ver­pflich­tet wur­de, stand fest, dass er bis Sai­son­ende bleibt. Er ist ein her­vor­ra­gen­der Men­schen­füh­rer und hat das Spiel auf dem Platz ver­ein­facht. Cel­tic spielt direk­ter und will den Ball so schnell wie mög­lich in den geg­ne­ri­schen Straf­raum brin­gen. Er ist zu einer For­ma­ti­on zurück­ge­kehrt, mit der sich die Mann­schaft wohl­fühlt, und legt mehr Wert auf Effek­ti­vi­tät als auf Spiel­stil.

O’Neill war auch Trai­ner, als Cel­tic und der VfB sich zum ers­ten und bis­lang ein­zi­gen Mal in einem euro­päi­schen Wett­be­werb begeg­ne­ten: Im UEFA-Cup 2002/03 zog Cel­tic nach einem 3:1 in Park­head und einer 2:3‑Niederlage in Stutt­gart ins Vier­tel­fi­na­le ein. Cel­tic erreich­te anschlie­ßend sein ers­tes euro­päi­sches Fina­le seit 1970, ver­lor dort aber gegen Por­to. Wel­chen Stel­len­wert hat O’Neill bei Cel­tic, dass man ihn nach fast zwan­zig Jah­ren wie­der als Trai­ner zurück­holt?

Mar­tin O’Neill ist eine Cel­tic-Legen­de. Er ver­half Cel­tic im euro­päi­schen Wett­be­werb wie­der zur Bedeu­tung und leg­te die Grund­la­ge für Erfol­ge lan­ge nach sei­nem Abschied. Er erhöh­te die Stan­dards und Erwar­tun­gen im Ver­ein und führ­te uns in ein euro­päi­sches Fina­le. Unter ihm konn­ten wir regel­mä­ßig mit Top­teams mit­hal­ten und er form­te eine natio­na­le Über­mann­schaft, die enor­me Erfol­ge in Schott­land fei­er­te. Er steht in der Lis­te der größ­ten Cel­tic-Trai­ner aller Zei­ten nur hin­ter Jock Stein.

Wie gesagt: Das UEFA-Cup-Fina­le 2003 war das ers­te euro­päi­sche Fina­le seit der Nie­der­la­ge gegen Feye­noord 1970 und ins­ge­samt erst das drit­te in der Ver­eins­ge­schich­te – neben den legen­dä­ren „Lis­bon Lions“ von 1967. Wie wich­tig ist die­se Sai­son – und viel­leicht auch die Spie­le gegen den VfB – für das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis der Fans?

Die Sai­son 2002/03 war eine, in der Cel­tic kei­nen Titel gewann, und trotz­dem war es eine der bes­ten Sai­sons, die ich als Cel­tic-Fan erlebt habe. Ein euro­päi­sches Fina­le zu errei­chen und dort nach zwei­ma­li­gem Rück­stand bis in die Ver­län­ge­rung zu kom­men – gegen die Mann­schaft, die im nächs­ten Jahr die Cham­pi­ons League gewin­nen soll­te – zeigt, wie gut die­ses Cel­tic-Team war. Das Duell gegen Stutt­gart war eines der bes­ten auf dem Weg ins Fina­le. Cel­tic bestritt bei­de Spie­le ohne unse­ren bes­ten Stür­mer der Moder­ne, Hen­rik Lars­son, und erziel­te trotz­dem fünf Tore gegen eine her­vor­ra­gen­de Stutt­gar­ter Mann­schaft. Kevin Kuranyi erziel­te ein groß­ar­ti­ges Tor im Cel­tic Park, und die spä­te Auf­hol­jagd in Stutt­gart mach­te es am Ende noch ein­mal ner­ven­auf­rei­bend – aber es war einer der bes­ten Aus­wärts­aben­de, an die ich mich erin­nern kann.

Ich habe irgend­wo gele­sen, dass Cel­tic seit Jah­ren nicht über Play­off-Run­den oder die ers­te Run­de nach der Grup­pen­pha­se hin­aus­ge­kom­men ist – und tat­säch­lich: Das letz­te Mal war 2003/04, als ihr das UEFA-Cup-Vier­tel­fi­na­le erreicht habt. Wor­an liegt das, und wie wich­tig ist Erfolg im euro­päi­schen Wett­be­werb für die Cel­tic-Fans, gera­de ange­sichts der Domi­nanz in der Liga?

Das hängt mit den Ambi­tio­nen des Cel­tic-Vor­stands zusam­men. Der Ver­ein wird so geführt, dass die Ver­ant­wort­li­chen mit natio­na­len Erfol­gen zufrie­den sind und kei­nen Bedarf sehen, den Klub auf euro­päi­scher Ebe­ne wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Dadurch hat sich der Cel­tic Park von einem ein­schüch­tern­den Hexen­kes­sel für Geg­ner zu einem Sta­di­on ent­wi­ckelt, in dem sich Geg­ner zuneh­mend wohl­füh­len. Letz­te Sai­son haben wir in der Cham­pi­ons League zum ers­ten Mal seit meh­re­ren Jah­ren gut gespielt, aber in die­ser Sai­son konn­ten wir in der Qua­li­fi­ka­ti­on nicht ein­mal ein schwa­ches Kai­rat-Team schla­gen – haupt­säch­lich, weil der Vor­stand kein Geld zur Ver­stär­kung der Mann­schaft aus­ge­ge­ben hat. Es ist sehr scha­de, dass es inzwi­schen eine Gene­ra­ti­on von Cel­tic-Fans gibt, die den Ver­ein noch nie in einer erfolg­rei­chen K.-o.-Runde im euro­päi­schen Wett­be­werb gese­hen hat.

Noch eine Rei­se in die Ver­gan­gen­heit: Ein Spie­ler, der für bei­de Ver­ei­ne gespielt hat, ist Andre­as Hin­kel, Teil der ers­ten Gene­ra­ti­on der „Jun­gen Wil­den“, die 2003 Man­ches­ter United besieg­ten. Wie wird er in Park­head in Erin­ne­rung behal­ten?

Andy Hin­kel wird im Cel­tic Park sehr posi­tiv in Erin­ne­rung behal­ten und zeig­te wäh­rend sei­ner Zeit hier gute Leis­tun­gen. Er wur­de zwar von Ver­let­zun­gen gebremst, aber ins­ge­samt war er ein Spie­ler, den die Fans sehr moch­ten.

Zurück zur Gegen­wart: Wel­che For­ma­ti­on spielt O’N­eill und wo lie­gen aktu­ell die Stär­ken und Schwä­chen der Mann­schaft?

Unter Mar­tin O’Neill spielt Cel­tic in einer 4–3‑3-Formation. Wir spie­len sehr direkt und nut­zen häu­fig die Flü­gel. Wir brin­gen den Ball so oft wie mög­lich per Flan­ke in den Straf­raum und ver­las­sen uns stark auf unse­re Außen­spie­ler bei der Chan­cen­ent­wick­lung. Unse­re größ­te Schwä­che liegt in der Defen­si­ve: Wir haben Pro­ble­me bei Stan­dard­si­tua­tio­nen und Eins-gegen-eins-Duel­len und sind anfäl­lig für Kon­ter – ein dau­er­haf­tes Pro­blem.

Cel­tic ver­pflich­te­te im Win­ter Juni­or Ada­mu von Frei­burg, Tomás Čvanča­ra von Glad­bach sowie Alex Oxla­de-Cham­ber­lain, wobei Letz­te­rer gegen uns nicht spiel­be­rech­tigt ist. Auf wen soll­ten wir – neben den Neu­zu­gän­gen – in die­sen bei­den Spie­len ach­ten?

Die Form von Cel­tic war in die­ser Sai­son sehr wech­sel­haft, aber es gibt Spie­ler im Team, die über Jah­re gezeigt haben, dass sie auf die­sem Niveau per­for­men kön­nen. Kapi­tän Callum McGre­gor ist eine trei­ben­de Kraft in einem zuletzt schwä­cheln­den Mit­tel­feld. Kier­an Tier­ney hat zuletzt wie­der Ansät­ze sei­nes frü­he­ren Niveaus gezeigt und ist im Spiel­auf­bau wert­voll – eben­so wie Arau­jo als Rechts­ver­tei­di­ger, der seit sei­nem Wech­sel im Janu­ar her­vor­ra­gend spielt. Maeda ist einer der schnells­ten Spie­ler, die man sehen kann, und arbei­tet sehr viel gegen den Ball. Nygren macht viel­leicht spie­le­risch nicht viel, erzielt aber vie­le Tore.

Wer wird am Don­ners­tag und viel­leicht auch im Rück­spiel feh­len?

Arne Engels ist der ein­zi­ge Stamm­spie­ler, der feh­len wird. Er ist ver­letzt und wird erst Ende März zurück­keh­ren. Ihen­a­cho hat zwar in der Euro­pa League gespielt, kam unter Mar­tin O’Neill aber kaum zum Ein­satz – es ist also ein Münz­wurf, ob er über­haupt im Kader steht.

Was hiel­ten die Cel­tic-Fans von der Aus­lo­sung gegen Stutt­gart in den Play­offs?

Ein sehr schwe­res Los gegen eine sehr spiel­star­ke Mann­schaft. Es fühlt sich eher wie ein Cham­pi­ons-League-Duell als wie Euro­pa League an. Wenn Cel­tic in bes­se­rer Ver­fas­sung wäre, wür­den wir uns dar­auf freu­en, uns mit einer Mann­schaft wie Stutt­gart zu mes­sen. Aber in der aktu­el­len Situa­ti­on des Ver­eins gibt es die Sor­ge, dass uns das Duell ent­glei­ten könn­te.

Für die­je­ni­gen von uns, die vor fast genau 23 Jah­ren nicht in Glas­gow waren und noch nie im „Para­di­se“: Was erwar­tet uns in Eurem Sta­di­on?

Lei­der hat der Ver­ein unse­re wich­tigs­te Ultra-Grup­pe, die Green Bri­ga­de, aus dem Sta­di­on ver­bannt – eine wei­te­re unver­ständ­li­che Ent­schei­dung in einer Sai­son vol­ler frag­wür­di­ger Ent­schei­dun­gen. Außer­dem boy­kot­tie­ren vie­le Fans die Euro­pa-League-Spie­le aus Pro­test gegen die Ver­eins­füh­rung und man­geln­de Inves­ti­tio­nen. Daher wer­den die Stutt­gart-Fans ver­mut­lich kei­nen klas­si­schen Cel­tic Park erle­ben.

Auch wenn es Febru­ar ist, wer­den vie­le Stutt­gart-Fans die Rei­se nut­zen, um die Stadt zu besich­ti­gen. Hast du Geheim­tipps, was man in Glas­gow sehen oder machen soll­te?

Glas­gow ist eine groß­ar­ti­ge Stadt für Essen, Trin­ken und Kul­tur. Es gibt zu vie­le Orte, um sie alle auf­zu­zäh­len, aber wer vor dem Spiel ein paar Pints trin­ken möch­te, fin­det auf dem Weg zum Cel­tic Park vie­le Pubs.

Zum Schluss: Dei­ne Pro­gno­se für die Start­elf und die bei­den Spie­le?

Eine Cel­tic-Auf­stel­lung vor­her­zu­sa­gen ist schwie­rig, weil der Trai­ner oft Posi­tio­nen ver­än­dert, aber wenn ich tip­pen müss­te:

Schmei­chel

Arau­jo
Sca­les
Trus­ty
Tier­ney

McGre­gor
Nygren
Hat­a­te

Maeda
Čvanča­ra
Tounek­ti

Ich den­ke, Cel­tic wird in Glas­gow mit einem Tor Unter­schied gewin­nen und in Stutt­gart unent­schie­den spie­len.

Titel­bild: © Stu Forster/Getty Images

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