Kalt war es beim Pokal-Viertelfinale in Kiel und eiskalt warf der VfB auch die Gastgeber aus dem Pokal — obwohl die sich mit Händen und Füßen wehrten.
Irgendwie war ja schon von vornherein klar, wie dieses Spiel laufen würde: Der VfB reist als Favorit in ein kleines, enges Stadion, in dem zudem noch quasi-arktische Temperaturen herrschen und muss sich gegen eine Heimmannschaft zu Wehr setzen, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat — die aber anders als bei vielen Erstrunden-Spielen als Zweitligist auch selber ein bisschen kicken kann. In der Vergangenheit wäre so ein Spiel prädestiniert gewesen, um beim VfB eine mittelschwere Krise auszulösen, weil man seiner Favoritenrolle nicht gerecht werden kann und kläglich scheitert. Zum Glück sind die Zeiten andere und obwohl die Kieler ihren Strafraum nahezu immer in Vollbesetzung verteidigten, gelang es Deniz Undav und Atakan Karazor, den Ball irgendwie im Tor unterzubringen, während Chris Führich seine wiedergewonnene Form dadurch dokumentierte, indem er bei seinem Solo die Nerven bei sich und den Kopf oben behielt und souverän kurz vor Anbruch der Nachspielzeit das Spiel entschied.
Letztlich und das ist ja immer so im Pokal, fragt hinterher niemand mehr, wie man zum dritten Mal in vier Jahren ins Pokal-Halbfinale eingezogen ist. Trotzdem kann man natürlich auch aus diesem Spiel einiges ableiten für Spiele gegen ähnlich defensive Gegner. Denn gerade in der ersten Halbzeit fuhr Holstein mehr Konter, als einem als VfB-Fan lieb sein konnte. Nach dem Freiburg-Spiel hatte Ramon Hendriks noch zu Protokoll gegeben, dass es sehr anstrengend gewesen sei, den offensiven Druck auf die Breisgaue aufrecht zu erhalten und gleichzeitig deren Konter zu unterbinden. In Kiel gelang dem VfB diese Bilanz nicht so gut und man wurde das Gefühl nicht los, als sei sich die Mannschaft ihrer Qualität, beziehungsweise des Qualitätsunterschieds etwas zu sicher. Denn genau das, was die KSV in diesem Spiel vorhatte — hinten zu machen, Konter fahren, Standards rausholen — gelang ihnen viel zu häufig. Ironischerweise war es dann ein Freistoß von Bilal El Khannouss, der dem Spiel die entscheidende Richtung gab — ansonsten brachte der VfB bei ruhenden Bällen erneut nicht besonders viel zustande.
Stuttgart haut sich rein
Und da zeigte sich dann doch wieder die Qualität, der sich die Mannschaft offenbar sicher war. Allen Beschwerden des Kieler Torhüters zum Trotz spitzele Undav den Ball einwandfrei über ihn und alle Kieler hinweg ins Tor und schickte kurz vor Schluss wie bereits erwähnt Führich auf die Reise. Wie das 3:0 durch Karazor genau gefallen ist, hab ich immer noch nicht so richtig verstanden, auf jeden Fall sorgte er so für ein schönes rundes Ergebnis, das vielleicht dieses eine Tor zu hoch ausfiel. Unverdient ist das Weiterkommen des VfB auf keinen Fall, denn Kiel blieb nicht nur wegen des eigenen Unvermögens vor dem Tor erfolglos, sondern auch weil die Brustringträger viele Bälle gerade im Mittelfeld wieder zurückeroberte. Die Mannschaft mag mitunter in solchen Spielen etwas unkonzentriert und sorglos auftreten, am Engagement fehlt es ihr aber genausowenig wie den mitgereisten frierenden VfB-Fans, für die sich die Mammut-Tour unter der Woche definitiv lohnte.
Auf wen wir im Halbfinale treffen, erfahren wir leider erst am 22. Februar, denn zunächst müssen ja in der kommenden Woche — Maximalvermarktung sei dank — die beiden anderen Halbfinalisten neben Leverkusen und uns bestimmt werden. Wen auch immer wir dann zwei Monate später am 21. oder 22. April bekommen, zur Auswahl stehen neben Leverkusen noch Bayern oder Leipzig und Freiburg oder Hertha: Wir werden auf dem Weg zur Titelverteidigung auf jeden Fall noch einen großen Aus dem Weg räumen müssen. Die stellen sich immerhin nicht hinten rein, uns aber defensiv vor andere Herausforderungen. Aber wer weiß, wozu unsere Mannschaft in dieser Saison noch in der Lage ist, wenn sie über sich hinauswächst. Die Playoffs gegen Celtic dürften dafür ein Indikator sein. Jetzt heißt es aber erstmal: Hauptsache Halbfinale!
Zum Weiterlesen: Der Vertikalpass führt das Weiterkommen darauf zurück, dass “der VfB es mittlerweile schafft, in schöner Regelmäßigkeit, Spiele zu “ziehen”, vor denen wir als Fans früher immer allergrößte Bedenken hatten: physisch spielende Gegner, kleine Stadien, schlechter Rasen, das Spiel des Jahres. Vielleicht sind das die Lehren aus Spielen wie in Belgrad oder Istanbul. Die Erkenntnis, dass man erstmal arbeiten muss bevor man glänzen kann. Dass man resilient sein muss, bevor man attackieren kann.”
Titelbild: © Selim Sudheimer/Getty Images