Gesteigert

Der VfB gewinnt mit der Aus­wärts­par­tie bei St. Pau­li nach drei ent­täu­schen­den Spie­len end­lich wie­der mal und hat sich das, anders als zuletzt, auch durch eine ent­spre­chen­de Leis­tung ver­dient.

Zuge­ge­be­ner­ma­ßen: Es war schon wie­der zum Haa­re­rau­fen, als sich der Drei­er­sturm im Brust­ring, der immer­hin knapp 30 Tore auf sich ver­eint, in der End­pha­se des Aus­wärts­spiels auf St. Pau­li den Ball so lan­ge im geg­ne­ri­schen Straf­raum hin- und her­schob, bis der Ball schließ­lich weg war. Im zwei­ten Spiel in Fol­ge, nutzt der VfB vie­le Chan­cen nicht, ver­schießt gar einen Elf­me­ter und nimmt am Ende trotz­dem drei Punk­te aus der Han­se­stadt mit. Die sind zwar tabel­la­risch so gut wie egal, denn auf Platz 6 springt der VfB in die­ser Sai­son nur, wenn gleich­zei­tig die Höl­le zufriert. Für die in die­ser Rück­run­de stark gepie­sack­ten Köp­fe könn­te der Last-Minu­te-Tref­fer am Mill­ern­tor aber eine grö­ße­re Wir­kung ent­fal­ten als das mühe­lo­se 4:0 in Bochum oder das Hoch­glanz­spiel im Pokal­halb­fi­na­le.

War­um aber hat­te sich der VfB die drei Punk­te am Sams­tag mehr ver­dient als sagen wir in der Vor­wo­che gegen Hei­den­heim oder in Köpe­nick? Weil sie von Beginn an mit einer grö­ße­ren Ernst­haf­tig­keit ins Spiel ging, auch wenn die die eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten vor dem Tor nicht voll­ends kaschie­ren konn­te. Ange­sichts der Defen­siv­stär­ke der Gast­ge­ber war das viel­leicht das schwie­rigs­te der letz­ten drei Spie­le. Denn dass der VfB ein Tor schießt, davon kann man eigent­lich immer aus­ge­hen, das Pro­blem ist nur, dass es meist nicht reicht. In die­ser Par­tie schon, weil die Brust­ring­trä­ger sich zwar auch klei­ne­re Unkon­zen­triert­hei­ten leis­te­ten, die­se aber umge­hend aus­bü­gel­ten und so den Geg­ner bei ledig­lich 0,21 expec­ted goals hielt — dem nied­rigs­ten Wert aller VfB-Kon­tra­hen­ten in die­ser Sai­son.

Starker Torhüter, schwacher Schiedsrichter

Das mag zwar ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Ham­bur­ger die schwächs­te Offen­si­ve der Liga stel­len und 30 Minu­ten in Unter­zahl bestrit­ten, nicht beson­ders beein­dru­ckend sein. Wenn man aber sieht, wie der VfB in die­ser Sai­son schon harm­lo­se Geg­ner stark gemacht hat — zuletzt die Nach­barn aus Hei­den­heim — dann kann man hier schon von einer Stei­ge­rung spre­chen. Auf der ande­ren Sei­te erspiel­te sich die Mann­schaft wesent­lich mehr und bes­se­re Chan­cen als im letz­ten Spiel und das gegen einen der bes­ten oder mei­net­we­gen form­stärks­ten Tor­hü­ter der Liga. Die 3,56 erwar­te­ten Tore gab es in die­ser Sai­son nur ein­mal und zwar beim 5:1‑Heimsieg gegen Dort­mund, als man damit sogar über­per­form­te. Niko­la Vasilj muss­te gegen die VfB-Offen­si­ve wesent­lich häu­fi­ger ein­grei­fen als sein Kol­le­ge Kevin Mül­ler vor Wochen­frist (Gute Bes­se­rung an die­ser Stel­le!)

Hin­zu kam die Atmo­sphä­re am Mill­ern­tor, die sich mit dem Platz­ver­weis für Sie­be van der Heyden nach 57 Minu­ten erst rich­tig ent­zün­de­te. St. Pau­li steckt noch so ein biss­chen im Abstiegs­kampf und das merk­te man. Beim Mill­ern­Ton sah man vie­le 50/50-Ent­schei­dun­gen von Refe­ree Flo­ri­an Exner eher als 60/40-Ent­schei­dun­gen zu unse­ren Guns­ten und in der Tat wirk­te der Schieds­rich­ter, der sei­ne ers­te Sai­son in der Bun­des­li­ga pfeift, wie ein Refe­ren­dar in der Schu­le, der alles beson­ders rich­tig machen will. Das kam dem VfB gegen eine kämp­fe­ri­sche Ham­bur­ger Trup­pe durch­aus zupass, denn vie­les wur­de abge­pfif­fen und sel­ber kam man mit dem Unpar­tei­ischen nur in Berüh­rung, wenn man einen der weni­gen Feh­ler aus­bü­geln muss­te, so wie Jeff Cha­b­ot einen schlam­pi­gen Pass von Stil­ler nach 16 Minu­ten. Die gelb-rote Kar­te gegen den wegen Zeit­spiel meckern­den Vasilj war dann natür­lich die Krö­nung der Klein­lich­keit, die für das Spiel kei­ne Aus­wir­kun­gen mehr hat­te, für den Abstiegs­kampf der Ham­bur­ger aber natür­lich theo­re­tisch schon noch bedeu­tend sein könn­te.

Die Haltung wiedergefunden

Dass auf der ande­ren Sei­te von der Heyden den Anpfiff des Elf­me­ters von Nick Wol­te­ma­de absicht­lich so lan­ge wie mög­lich hin­aus­zö­ger­te, fin­det in Ham­burg natür­lich kei­ne Erwäh­nung. Ist auch völ­lig ok, denn so ist Abstiegs­kampf und die­ses grenz­wer­ti­ge Ver­hal­ten hät­te ich mir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von unse­ren Jungs auch gewünscht. Wie fast schon abseh­bar ver­sag­ten Nick Wol­te­ma­de im Anschluss die Ner­ven und ein sou­ve­rä­ne­rer Schieds­rich­ter hät­te den Elf­me­ter viel­leicht ein­fach aus­füh­ren las­sen, ohne dass der des Fel­des ver­wie­se­ne Spie­ler wirk­lich den Innen­raum ver­las­sen hat­te. Die Schuld am Ner­ven­flat­tern haben aber natür­lich weder Ver­tei­di­ger, noch Schieds­rich­ter, son­dern sie ist das Ergeb­nis der ner­ven­zeh­ren­den letz­ten Wochen. Dass Wol­te­ma­des Sieg­tref­fer nach einem Pass von Erme­din Demi­ro­vic dann schließ­lich ziem­lich genau vom Elf­me­ter­punkt fiel, hat natür­lich eine gewis­se Iro­nie.

Natür­lich kann die­ser Aus­wärts­sieg nur ein ers­ter klei­ner Schritt aus der Kri­se sein. Wie auch immer das Tor am Ende fiel, es zeig­te der Mann­schaft, dass sie für ihren Auf­wand und ihre Inten­si­tät auch mal belohnt wird. Ehr­li­cher­wei­se sind die letz­ten drei Sai­son­spie­le ja nur noch ein Warm­lau­fen fürs Pokal­fi­na­le und in die­sem, das kann ich nur wie­der­ho­len, wird die indi­vi­du­el­le Über­le­gen­heit des VfB nicht aus­rei­chen, wenn sie nicht gepaart ist mit der rich­ti­gen Hal­tung zum Geg­ner. Was das angeht, habe ich am Sams­tag in Ham­burg einen Fort­schritt gese­hen. Wei­ter­hin ver­hee­rend ist aller­dings, für wie viel Auf­wand der VfB sich am Ende belohn­te. Wäh­rend man sich gegen Hei­den­heim schlech­te Tor­chan­cen erar­bei­te­te, ver­such­te man die­ses Mal gera­de­zu, den Ball ins Tor zu tra­gen. Erneut blie­ben Erme­din Demi­ro­vic und Deniz Undav ohne eige­nes Tor, auch wenn man bei bei­den eine Leis­tungs­stei­ge­rung sieht. Immer­hin haben sie noch zwei Spie­le gegen zwei Geg­ner, gegen die man in die­ser Sai­son bereits zwei Mal gewin­nen konn­te, um sich warm­zu­schie­ßen.

Mich jeden­falls hat der Auf­tritt in Ham­burg wie­der etwas beru­higt, wenn auch nicht unbe­dingt in Eupho­rie ver­setzt. Der Abwärts­trend scheint fürs ers­te gestoppt. Aber jetzt muss es wie­der auf­wärts gehen.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass lobt: “Selbst in einem zuneh­mend immer hek­ti­sche­ren Spiel behielt der VfB die Ner­ven. Gera­de wenn es hit­zig wird, stellt sich der VfB sonst nicht beson­ders cle­ver an.” Beim Mill­ern­Ton schreibt Tim gewohnt fun­diert von einer ver­dien­ten, aber bit­te­ren Nie­der­la­ge.

Titel­bild: © Selim Sudheimer/Getty Images

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