Gegen den Trend

Am Frei­tag­abend zeig­te der VfB gegen St. Pau­li die erhoff­te Reak­ti­on auf den mut­lo­sen Auf­tritt in Frei­burg und den holp­ri­gen Sai­son­start. Der Heim­sieg zeig­te, was mög­lich ist, wenn sich die Mann­schaft auf ihre Stär­ken besinnt und die­se auch auf den Platz bringt.

Schon in der ver­gan­ge­nen Sai­son war der dama­li­ge Auf­stei­ger in braun-weiß einer der her­aus­for­dernds­ten Geg­ner für den VfB: Im Dezem­ber ver­sau­ten sie uns mit dem ers­ten Aus­wärts­sieg in Stutt­gart seit über 30 Jah­ren den Abschluss eines phä­no­me­na­len Jah­res, im Rück­spiel müh­te sich der VfB in Ham­burg zu einem Arbeits­sieg. Und jetzt? Grüß­te der FC St. Pau­li unge­schla­gen von Platz 4, wäh­rend man sich in Bad Cannstatt eine Woche lang ein­schloß und ver­such­te, den vor allem offen­siv deso­la­ten, aber auch men­tal erschre­cken­den Auf­tritt in Frei­burg auf­zu­ar­bei­ten. Glück­li­cher­wei­se mit Erfolg, denn am Frei­tag­abend gelang es den Brust­ring­trä­gern, sich dem gegen­läu­fi­gen Trend bei­der Mann­schaft zu wider­set­zen und im zwei­ten Heim­spiel in Fol­ge einen zu-Null-Sieg ein­zu­fah­ren.

Dass das nicht-öffent­li­che Trai­ning und vie­le inter­ne Gesprächs­run­den nicht nur Kos­me­tik waren, merk­te man vom Anpfiff weg: Der VfB woll­te die­sen Heim­sieg und hät­te Erme­din Demi­ro­vic bei sei­nem sehens­wer­ten Flug­kopf­ball nicht knapp im Abseits gestan­den, wäre die­ser viel­leicht schon wesent­lich frü­her unter Dach und Fach gewe­sen. Statt­des­sen ver­schoss Ange­lo Stil­ler noch ziem­lich kläg­lich einen Elf­me­ter, bevor erneut Demi­ro­vic sich und sei­ne Team­kol­le­gen für einen muti­gen, aggres­si­ven und wachen Auf­tritt in der ers­ten Halb­zeit belohn­te. Und bevor wir auf den Tor­schüt­zen zu spre­chen kom­men, möch­te ich noch auf jeman­den auf­merk­sam machen, der sinn­bild­lich für den Wan­del im VfB-Spiel seit letz­ter Woche stand: Finn Jeltsch.

Demirovic trägt nicht nur die Binde

Zuletzt zeig­te der vor allem unglück­li­che Abwehr­ak­tio­nen, kas­sier­te in Frei­burg noch einen etwas über­trie­be­nen aber den­noch unnö­ti­gen Elf­me­ter gegen sich. Gegen St. Pau­li hin­ge­gen war er nicht nur gegen den Ball wesent­lich bes­ser pos­tiert, son­dern lei­te­te mit einem muti­gen Lauf ins Mit­tel­feld auch die Füh­rung ein — aber nicht nur das. Nach­dem er den Ball bei Che­ma abge­lie­fert hat­te, der wie­der­um Jamie Lewe­ling in Sze­ne setz­te, rann­te Jeltsch bis in den geg­ne­ri­schen Straf­raum durch und stand frei und bereit für den Fall, dass Demi­ro­vic eine Anspiel­sta­ti­on brauch­te. Er konn­te ja nicht ahnen, dass der ein­zig ver­blie­be­ne Mit­tel­stür­mer des VfB sei­ne Hil­fe gar nicht benö­tig­te.

Denn Demi­ro­vic, dem die Gering­schät­zung sei­ner Fähig­kei­ten lang­sam auf die Ner­ven zu gehen scheint, woll­te es nach Lewe­lings öff­nen­dem Pass allen zei­gen: Erst drib­bel­te er sich durch die Ham­bur­ger Abwehr, bevor er sei­nen Natio­nal­kee­per Vasilj im geg­ne­ri­schen Tor mit einem Lup­fer über­wand. Aber die­ses erneu­te Kabi­nett­stück­chen war nicht das Ein­zi­ge was Demi­ro­vic an die­sem Abend für sei­ne Mann­schaft tat. Nach­dem sich Ata­kan Kara­zor durch den Auf­tritt in Frei­burg auf die Bank gespielt hat­te, über­nahm er die Bin­de und trug die Mann­schaft ein gutes Stück des Weges zur Reha­bi­li­ta­ti­on auf sei­nen Schul­tern. Sei es mit sei­nem Tor und sei­ner Vor­la­ge auf Tor-Debü­tant El Khan­nouss oder als er Stil­ler nach des­sen Elf­me­ter auf­mun­ter­te: Demi­ro­vic war der Füh­rungs­spie­ler, den wir in die­sem Spiel brauch­ten.

Risiko zahlt sich aus

Einer­seits ist es erfreu­lich, dass man im Club nach dem 1:3 letz­te Woche nicht ein­fach zur Tages­ord­nung über­ge­gan­gen ist und bei­spiels­wei­se mit dem Start­elf-Debüt des star­ken Che­ma sowie der Rück­kehr von Assi­gnon Impul­se gesetzt. Die führ­ten dazu, dass die Mann­schaft wesent­lich ziel­stre­bi­ger und muti­ger nach vor­ne spiel­te, auch mal in den Druck hin­ein mit dem damit ver­bun­de­nen Risi­ko. Dem war man ja nach den vier Gegen­to­ren in Braun­schweig in der Fol­ge völ­lig aus dem Weg gegan­gen, was zu dem Kon­troll­ver­lust in Frei­burg führ­te. Natür­lich muss­te die Mann­schaft auch gegen St. Pau­li ein paar brenz­li­ge Situa­tio­nen am eige­nen Straf­raum über­ste­hen. Unterm Strich lohn­te sich aber der muti­ge Ansatz, denn der VfB domi­nier­te den Geg­ner über wei­te Stre­cken des Spiels und hät­te das Spiel auch durch­aus höher gewin­nen kön­nen.

Ande­rer­seits kommt die­se Erkennt­nis nach einer ent­täu­schen­den Rück­run­de und fünf bereits absol­vier­ten Pflicht­spie­len viel­leich etwas spät. Aber bes­ser spät als nie. Eine Trend­wen­de ist es in jedem Fall zu einem rich­ti­gen und wich­ti­gen Zeit­punkt, die jetzt auch bestä­tigt wer­den will. Der Sieg unter Flut­licht, ein­ge­lei­tet von der nächs­ten wun­der­vol­len Cho­reo­gra­phie in der Cannstat­ter Kur­ve stärkt der Mann­schaft den Rücken und macht den Kopf etwas frei­er, bevor jetzt wie­der die eng­li­schen Wochen los­ge­hen und man mit einer La Liga-Mann­schaft wie Cel­ta Vigo und dem gut gestar­te­ten Auf­stei­ger aus Köln die nächs­ten Prüf­stei­ne hat. Die Mann­schaft soll­te jetzt kapiert haben, dass es nur so geht, wie gegen St. Pau­li: Mit Hal­tung zu Geg­ner und Spiel, mit der Bereit­schaft, über mehr als 90 Minu­ten fokus­siert zu blei­ben und mit der nöti­gen Ruhe vorm Tor.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass mahnt: “Der Trai­ner hat der Mann­schaft Impul­se gege­ben. Sie hat ver­stan­den und gelie­fert. Hoe­neß und wir wer­den aber nur zufrie­den sein, wenn das Spiel gegen Sankt Pau­li kein One-Hit-Won­der war.”

Titel­bild: © Chris­ti­an Kas­par-Bart­ke/­Get­ty Images

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