Ein Schritt zurück

Dem VfB fal­len immer wie­der neue Metho­den ein, wie er im Kampf um Euro­pa Punk­te lie­gen las­sen kann. Abge­se­hen von indi­vi­du­el­len Pat­zern war der Auf­tritt in Kiel aber in vie­ler­lei Hin­sicht nach dem Spiel gegen Mün­chen ein Rück­schritt.

Wenn man das Posi­ti­ve am 2:2 beim Auf­stei­ger und Abstiegs­kan­di­da­ten aus Kiel sehen möch­te, könn­te man anders als sonst mal die Chan­cen­ver­wer­tung nen­nen: Zwei Mal prüf­te die Mann­schaft mit dem Brust­ring Kiels Tor­hü­ter Timon Wei­ner, bei­des Mal lag der Ball im Netz. Und dann tra­fen auch noch zwei Sor­gen­kin­der der Offen­si­ve. Erst Jamie Lewe­ling mit einem Power­schuss wegen dem wir ihn im Pod­cast letz­te Sai­son mal Cap­tain Lewe­ling genannt haben. Und dann Erme­din Demi­ro­vic mit sei­nem neun­ten Sai­son­tref­fer nach enga­gier­ter Vor­la­ge von Nick Wol­te­ma­de. Das Pro­blem: Der VfB brach­te in über 90 Minu­ten nur vier wei­te­re Schüs­se zustan­de. Kara­zor köpf­te vor­bei, die Schüs­se von Undav und Demi­ro­vic wur­den direkt abge­blockt.

Ange­sichts der Viel­zahl und der Qua­li­tät der Kie­ler Chan­cen muss­ten die Gäs­te am Ende sogar noch froh sein, in die­sem Spiel einen Punkt mit­ge­nom­men zu haben. Wer die Vor­ge­schich­te des Spiels kennt, könn­te nun ver­sucht sein, das auf die Aus­fäl­le von mit Jeltsch, Cha­b­ot, Jaquez, Cha­se, Al-Dak­hil und Zag­adou sechs Innen­ver­tei­di­gern zurück zu füh­ren. Oder lag es dar­an, dass der VfB einen Groß­teil der zwei­ten Halb­zeit in Unter­zahl ver­brach­te? Nein, die Pro­ble­me lie­gen tie­fer begra­ben — und sind eigent­lich ganz offen­sicht­lich. Denn der VfB macht mal wie­der klas­si­sche VfB-Din­ge.

Instabile Formation

Frü­her war es näm­lich gang und gebe, dass man sich nach einem guten, aber erfolg­lo­sen Spiel gegen Spit­zen­mann­schaf­ten am nächs­ten Wochen­en­de zurück­lehn­te und dann ganz über­rascht war, dass man gegen den Vor­letz­ten die glei­che Inten­si­tät an den Tsg legen muss, wie gegen den Tabel­len­füh­rer. Das schien eigent­lich mit der letz­ten Sai­son abge­legt, es drängt sich aber immer mehr das Gefühl auf, dass jene Spiel­zeit nicht nur vom Ergeb­nis her außer­ge­wöhn­lich war, son­dern auch vom Ver­lauf und der Ent­ste­hung. Die Erkennt­nis, dass vie­les letz­tes Jahr auch des­we­gen so gut lief, weil alles zusam­men kam und man eine Wel­le des Erfolgs ritt, scheint noch nicht bei allen im Ver­ein ange­kom­men zu sein.

Zum Bei­spiel bei Trai­ner Sebas­ti­an Hoe­neß, der seit dem 1:0‑Auswärtssieg in der Rück­run­de der Vize­meis­ter-Sai­son der fes­ten Ansicht ist, es sei eine gute Idee, Ange­lo Stil­ler in die Innen­ver­tei­di­gung zurück zu zie­hen und Enzo Mil­lot auf die Sechs. Oder sei­ner sowie­so schon ver­un­si­cher­ten Mann­schaft nicht nur einen unver­meid­bar Personal‑, son­dern auch einen unnö­ti­gen For­ma­ti­ons­wech­sel auf eine Drei­er­ket­te. Als Fol­ge wackel­te nicht nur der zuletzt sonst sta­bi­le Ramon Hen­driks als lin­ker Halb­ver­tei­di­ger. Leo­ni­das Ster­giou lei­te­te mit dem nächs­ten Stock­feh­ler eines Ver­tei­di­gers die Unter­zahl und bei­na­he das drit­te Gegen­tor ein und Stil­ler fehl­te als Dreh- und Angel­punkt im Mit­tel­feld, wäh­rend der dies­mal etwa agi­le­re Enzo Mil­lot außer bei der Vor­la­ge für Jamie Lewe­ling sei­ner Offen­siv­ge­fahr beraubt wur­de.

Führungsspieler statt Spaßvogel

Oder bei Deniz Undav, der seit Wochen trotz Form­kri­se eine Star­t­elf­ga­ran­tie hat, außer schlecht getim­ten Schüs­sen ein biss­chen Kör­per rein­ste­cken nichts Zähl­ba­res zustan­de bekommt. Das ist, bei aller Sym­pa­thie, für den teu­ers­ten Spie­ler der Ver­eins­ge­schich­te mit dem höchs­ten Gehalt im Kader zu wenig. Und nicht nur, was die Zah­len angeht, son­dern auch im Hin­blick auf die Vor­bild­rol­le auf dem Platz. Undav ist nicht mehr der Spaß­vo­gel mit der unge­wöhn­li­chen Kar­rie­re, der die 28 Tore von Ser­hou Gui­ras­sy um eige­ne Tore ergänzt. Er ist Füh­rungs­spie­ler für die Mann­schaft und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur für die Fans, trat aber zuletzt kaum noch so auf. In Kiel brach Sebas­ti­an Hoe­neß immer­hin mit der Gewohn­heit der letz­ten Wochen, als er nicht nur bereits zur Pau­se wech­sel­te, son­dern auch noch sei­nen Wunsch­spie­ler (und den eines Auf­sichts­ra­tes) vom Platz nahm.

Das gilt aber auch für die gesam­te Mann­schaft, die zum unglaub­li­chen vier­ten Mal in Fol­ge eine Füh­rung ver­spiel­te, drei Mal in den letz­ten vier Spie­len geriet man sogar in Rück­stand. Immer wie­der geht die Mann­schaft wie selbst­ver­ständ­lich davon aus, dass auf das ers­te Tore, wie ver­gan­ge­ne Sai­son, auch das zwei­te fol­gen wird und ver­liert dabei kon­stant an Span­nung und Kon­zen­tra­ti­on. Gegen Wolfs­burg ließ man sich aus­kon­tern, gegen Hof­fen­heim patz­te Cha­b­ot, gegen die Bay­ern Nübel, Stil­ler und Vagno­man, in Kiel Hen­driks und Ster­giou Dabei lässt die Mann­schaft abso­lu­te Grund­la­gen wie ein sau­be­res Auf­bau­spiel oder das Ver­tei­di­gen von Ecken immer mehr schlei­fen. Bezeich­nend, dass die Inten­si­tät erst in Unter­zahl ein­setz­te.

Ein Schritt zurück, um Anlauf zu nehmen?

Damit rückt der VfB den Euro­pa­po­kal­plät­zen ange­sichts der Ergeb­nis­se der Kon­kur­renz zwar sogar eine Plat­zie­rung näher, droht jene aber mit die­ser Mischung aus Dus­se­lig­keit und Fahr­läs­sig­keit, die man zuletzt an den Tag leg­te, in den nächs­ten bei­den Spie­len gegen Lever­ku­sen und in Frank­furt zu ver­spie­len — von der gro­ßen Chan­ce auf das Pokal­fi­na­le ganz zu schwei­gen. Wäh­rend­des­sen schiebt sich Mainz mit so Tief­flie­gern wie Domi­nik “Ich sens alle um, auch mei­nen eige­nen Tor­wart” Kohr und Nadiem “Ich fei­er mich für nen geschenk­ten Elfer vor der geg­ne­ri­schen Kur­ve” auf Platz 3. Und das nicht nur mit dem nöti­gen Momen­tum, son­dern auch völ­lig zurecht wegen der Gier und der Kom­pro­miss­lo­sig­leit, die Bo Hen­rik­sen der Mann­schaft ein­ge­impft zu haben scheint. In Stutt­gart hin­ge­gen sah man gegen Bay­ern noch einen Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung, nach dem Remis in Kiel kon­sta­tier­te Sport­vor­stand Fabi­an Wohl­ge­muth, dass die Rich­tung “nicht ganz” stim­me.

Möch­te man aus die­ser nächs­ten ver­pass­ten Chan­ce Licht­bli­cke zie­hen, dann sind es das Ende der Tor­flau­te von Erme­din Demi­ro­vic, die wei­ter anhal­ten­de gute Form von Nick Wol­te­ma­de und die Rück­kehr von El Bil­al Tou­ré. Sie alle könn­ten im Sai­son­end­spurt zu einem ent­schei­den­den Fak­tor wer­den, wenn sich auch Trai­ner und die Mann­schaft ins­ge­samt im Kopf end­gül­tig von der letz­ten Sai­son ver­ab­schie­den. Dass die Ent­wick­lung vom Rele­ga­ti­ons­teil­neh­mer zum Vize­meis­ter rasant war, ist jedem klar. Frag­lich ist aber, wie vie­le Schrit­te man in die­sem Jahr auf ein­mal gemacht hat und wie vie­le der Club jetzt in einer nicht außer­ge­wöhn­li­chen Sai­son wie­der zurück macht oder machen muss. Wie bereits ange­spro­chen waren — bei allen Ein­nah­men — die Inves­ti­tio­nen in den Kader eigent­lich zu groß, um ledig­lich die frü­her viel­be­schwo­re­ne ruhi­ge Sai­son zu spie­len. Solan­ge der Ver­ein aber nicht wie vor 15 Jah­ren nach­hal­ti­gen finan­zi­el­len Scha­den davon trägt, kann man einen Schritt zurück aber auch nut­zen, um neu Anlauf zu neh­men. Für das Fina­le die­ser Sai­son, aber auch für die kom­men­den Jah­re.

Zum Wei­ter­le­sen: Auch der Ver­ti­kal­pass blickt ambi­va­lent auf das Spiel und die aktu­el­le Situa­ti­on, mahnt einer­sei­tes zum Opti­mis­mus, for­dert ande­rer­seits aber ein Ende des Kuschel­kur­ses.

Titel­bild: © Joern Pollex/Getty Images

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