Die Zähne selber gezogen

Im drit­ten Spiel in Fol­ge bringt sich der VfB durch haar­sträu­ben­de Feh­ler um wich­ti­ge Punk­te — trotz einer Leis­tungs­stei­ge­rung zu Beginn der Par­tie. Dabei haben die Pro­ble­me der Mann­schaft rela­tiv wenig mit dem Geg­ner zu tun.

“Ich will vor allem eine VfB-Mann­schaft sehen, die men­tal uns kör­per­lich alles in die­ses Spiel rein­wirft und beweist, dass mit ihr wei­ter­hin zu rech­nen ist im Kampf und den Euro­pa­po­kal. Ob es dann am Ende zu einem Punkt­ge­winn reicht, wer­den wir sehen. Haupt­sa­che wir schla­gen uns nicht wie­der sel­ber.” Das schrieb ich am Frei­tag in der Vor­schau auf das Spiel, das mei­ner Mei­nung nach wie­der den Namen Süd­gip­fel ver­dient. Ich bekam, was ich woll­te — und irgend­wie auch nicht. Denn der VfB knüpf­te in der ers­te Halb­zeit gegen die Bay­ern durch­aus an die bes­ten Leis­tun­gen unter Sebas­ti­an Hoe­neß an und ging durch ein Traum­tor von Ange­lo Stil­ler ver­dient in Füh­rung. Die Bay­ern hin­ge­gen bis­sen sich an Jeff Cha­b­ot und dem erneut bären­star­ken Finn Jeltsch die Zäh­ne aus und waren durch­aus beein­druckt von einem gera­de im Mit­tel­feld zwei­kampf­star­ken VfB. Dass wir in der aktu­el­len Situa­ti­on gegen den Tabel­len­füh­rer nicht ohne Gegen­tor blei­ben wür­den, war aller­dings auch klar und der Aus­gleich nach einem Ball­ge­winn im Mit­tel­feld und einem Pass hin­ter die Ket­te wäre wahr­schein­lich irgend­wann so oder ähn­lich gefal­len.

Bekannt­lich sind ja Spie­le in Mün­chen, aber auch gegen den Rekord­meis­ter wie ein Zahn­arzt­be­such: “Muss jeder mal hin. Kann ziem­lich weh­tun. Kann aber auch glimpf­lich aus­ge­hen”, sag­te Sebas­ti­an Prödl einst und hat­te damit recht. In den letz­ten Jah­ren ging es für den VfB nur sel­ten glimpf­lich aus, sieht man mal von den Sie­gen im Mai und 2018 und den bei­den Unent­schie­den im Jahr 2022 ab, dann waren die Spie­le meist eher schmerz­haft. Noch schmerz­haf­ter ist es aller­dings, wenn man, um im Bild zu zu blei­ben, dem Zahn­arzt die Arbeit abnimmt und sich die Zäh­ne kur­zer­hand sel­ber zieht. So gesche­hen am Frei­tag­abend, als Alex Nübel den Ball kurz zu Ange­lo Stil­ler spiel­te, ohne ihn vor dem her­an­rau­schen­den Leon Goretz­ka zu waren. Stil­ler wie­der­um fehl­te die Über­sicht, den Ball nicht seit­lich wei­ter­zu­lei­ten, son­dern zu Nübel zurück zu spie­len. Und kurz vor Ende, als Josha Vagno­man beim Stand von 1:2 gegen King­s­ley Coman den Ball ver­stol­per­te und beim rela­tiv gemäch­li­chen Zurück­tra­ben noch von Finn Jeltsch über­holt wur­de, der aber das 1:3 auch nicht mehr ver­hin­dern konn­te.

Keine Chance nach der Pause

Nun ist es natür­lich nicht aus­ge­rech­net eines der bei­den auf dem Papier schwers­ten Spie­le der Rück­run­de, wes­we­gen der VfB zehn Spie­le vor Schluss auf Platz 9 abge­rutscht ist. Gleich­zei­tig war auch die­ses Spiel wie­der eines der ver­ge­be­nen Chan­cen. Denn wenn eine Mann­schaft in den letz­ten zehn Jah­ren in der Lage war, die Münch­ner zu schla­gen, dann die­se. Gera­de weil sie vor der Pau­se zeig­te, wie man durch kon­zen­trier­tes Pres­sing auch Tabel­len­füh­rern bei­kom­men kann — sie­he letz­te Sai­son. Die Pro­ble­me, die die Mann­schaft im Brust­ring der­zeit beschäf­ti­gen, haben jedoch rela­tiv wenig mit dem Geg­ner zu tun, auch wenn Feh­ler von den Bay­ern natür­lich noch gna­den­lo­ser bestraft wer­den als von Hof­fen­heim, Wolfs­burg, Glad­bach oder Mainz. Es sind jedoch, wie schon an die­ser Stel­le geschrie­ben, nicht unbe­dingt die defen­si­ven Black­outs, die den VfB um die Punk­te brin­gen, son­dern viel mehr ein kol­lek­ti­ver Span­nungs­ab­fall, der auch dazu führt, dass wir zum drit­ten Mal in Fol­ge eine Füh­rung ver­spielt haben.

Selbst wenn man aner­kennt, dass natür­lich noch ein Geg­ner auf dem Platz steht, der eben­falls auf den Spiel­stand reagiert, ist es frap­pie­rend, dass dem VfB nach dem Sei­ten­wech­sel nur noch vier Schüs­se gelan­gen, von dem kein ein­zi­ger aufs Tor ging. Statt wie Ange­lo Stil­ler zur Füh­rung ein­fach mal aus guter Schuss­po­si­ti­on abzu­zie­hen oder wie beim 1:0 durch Wol­te­ma­de letz­te Woche den Ball grad­li­nig nach vor­ne zu spie­len, ver­such­te die Mann­schaft, den Ball wie­der ins Tor zu tra­gen, wur­de der Ball noch­mal und noch­mal vorm Tor zurück und quer­ge­legt. Deniz Undav blieb trotz gro­ßem Auf­wand wie­der harm­los und bekam erneut erst nach über 80 Minu­ten offen­siv Ver­stär­kung, als Sebas­ti­an Hoe­neß mit der Ein­wechs­lung von Bru­un Lar­sen und Demi­ro­vic alles nach vor­ne warf. Nach 70 Minu­ten war zwar schon Enzo Mil­lot für den erneut blas­sen Jamie Lewe­ling gekom­men, fiel aber in der rest­li­chen Spiel­zeit vor allem durch sei­ne schlech­te Lau­ne auf, genau­so übri­gens wie Demi­ro­vic. Das sind zwar nicht gera­de Argu­men­te, war­um die bei­den mehr Spiel­zeit bekom­men soll­ten, trotz­dem kann ich nicht nach­voll­zie­hen, war­um Hoe­neß nicht frü­her ver­sucht, das Spiel über Impul­se von der Bank zu beein­flus­sen. Natür­lich sind Undav und Wol­te­ma­de gera­de bes­ser in Form als Mil­lot und Demi­ro­vic — aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirk­lich ziel­füh­rend ist, immer das Glei­che zu tun und auf ein ande­res Ergeb­nis zu hof­fen.

Niemand reißt das Spiel an sich

Die Fra­ge nach der Ursa­che für den Leis­tungs­ab­fall und die Ergeb­nis­kri­se seit Ende Janu­ar geis­tert also wei­ter­hin durch Bad Cannstatt — unab­hän­gig von der nicht völ­lig über­ra­schen­den Nie­der­la­ge am Frei­tag­abend. Ein Fak­tor ist sicher­lich dass Spiel gegen Paris, dass das Selbst­ver­ständ­nis der Mann­schaft mehr in sei­nen Grund­fes­ten zu erschüt­tert haben scheint als bei­spiels­wei­se die ver­hee­ren­de Nie­der­la­ge gegen die Bay­ern im Hin­spiel. Auch das The­ma Span­nung mag ein Fak­tor sein: In der Hin­run­de hol­te der VfB in den ers­ten sie­ben Spie­len zwei Punk­te mehr, obwohl er zwi­schen­durch drei eng­li­sche Wochen absol­vie­ren muss­te. Die vol­len Trai­nings­wo­chen sind aktu­ell nicht unbe­dingt ein Vor­teil für die Mann­schaft, gera­de im men­ta­len Bereich müss­te ver­mut­lich mehr gear­bei­tet wer­den. Das Durch­schnitts­al­ter des Kaders war schon unter Mat­a­raz­zo ein The­ma, als die Mann­schaft anfing, mehr Kom­pli­men­te als Punk­te zu sam­meln und Spie­le aus der Hand zu geben. Aber schon damals war das Durch­schnitts­al­ter der Start­elf gar nicht so nied­rig und wenn ein 18jähriger in sei­nem zwei­ten Bun­des­li­ga-Ein­satz einer der sta­bils­ten Akteu­re auf dem Feld ist, fällt das Argu­ment kom­plett flach.

Es ist, mei­ner Mei­nung nach, wie in der Hin­run­de, aber auch wie teil­wei­se unter Mat­a­raz­zo, eine Fra­ge der Mann­schafts­struk­tur. Natür­lich sind wir aktu­ell auf einem ganz ande­ren Niveau als unter unse­rem Ex-Trai­ner — spie­le­risch, aber auch was die Resi­li­enz und die Aus­ge­wo­gen­heit des Kaders angeht. Nichts­des­to­trotz erlei­det die Mann­schaft immer häu­fi­ger Kon­troll­ver­lus­te gegen Ende des Spiels, weil der­zeit nie­mand in der Lage zu sein scheint, das Spiel an sich zu rei­ßen und zu ent­schei­den. In Dort­mund gelang das durch eine extrem destruk­ti­ve Spiel­wei­se und hohe Effi­zi­enz. Aber schon in der Hin­run­de gegen Frei­burg und Mainz bei­spiels­wei­se stell­te man sich naiv an. Das hat natür­lich auch mit dem Abgang von Füh­rungs­spie­lern wie Anton und Gui­ras­sy zu tun. Deren sport­li­cher Ersatz ist die eine Sache, in die Rol­le als men­ta­ler Unter­schieds­spie­ler ist in die­ser Sai­son noch kei­ner so recht hin­ein­ge­wach­sen. Kein Deniz Undav, kein Erme­din Demi­ro­vic, kein Ata­kan Kara­zor und auch kein Ange­lo Stil­ler.

Der Knoten muss platzen

Dabei darf man aller­dings auch nicht den Feh­ler machen, die ver­gan­ge­ne Sai­son als Maß­stab zu neh­men — auch ein Wal­de­mar Anton schwamm jah­re­lang in den wel­len­haf­ten Aus­schlä­gen der Mann­schaft mit. Eine Pha­se wie die­se gab es seit Sebas­ti­an Hoe­neß’ Amts­an­tritt noch nicht und sie stellt offen­bar alle im Ver­ein vor eine ziem­li­che Her­aus­for­de­rung. In Kiel ist der Druck jetzt enorm. Erin­ne­run­gen wer­den wach an die zwei­te Liga, als man trotz indi­vi­du­el­ler Über­le­gen­heit gegen Mann­schaf­ten wie Osna­brück, Wies­ba­den oder eben Kiel auf die Schnau­ze fiel. Aber wir sind eben nicht mehr in der zwei­ten Liga und haben eine Mann­schaft mit wesent­lich mehr Qua­li­tät. Das darf wie­der­um nicht zum Man­tra ver­kom­men, mit dem im Kopf man die nächs­ten Punk­te her­schenkt. Im hohen Nor­den muss der Kno­ten jetzt end­lich mal plat­zen, egal wie. Am Ende ist es für eine offen­sicht­lich im Inners­ten ver­un­si­cher­te Mann­schaft viel­leicht ein­fach nur mal wich­tig, einen spie­le­risch und ergeb­nis­tech­nisch über­zeu­gen­den Auf­tritt hin­zu­le­gen, um wie­der in den Flow zu kom­men, den sie bis­her immer wie­der gefun­den hat. Aber das wird nicht von allei­ne pas­sie­ren. Mann­schaft und Trai­ner müs­sen die­se Trai­nings­wo­che nut­zen, um Lösun­gen zu fin­den.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass fin­det, “es wird Zeit, dass nicht der Trai­ner nach dem Spiel, son­dern die Mann­schaft auf dem Platz die rich­ti­gen Ant­wor­ten fin­det.”

Titel­bild: © Alex Grimm/Getty Images

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.