Der Traum wurd’ wahr

Der VfB gewinnt nach 28 Jah­ren wie­der den DFB-Pokal. Fast ver­ges­sen ist der ent­täu­schen­de Früh­ling, denn als es drauf ankommt, lie­fert die Mann­schaft ab. Und beschert ihren Fans den ers­ten Titel seit lan­ger Zeit — oder gar ihres Lebens.

Und plötz­lich war alles weg. Die Anspan­nung, die immer auf­kommt, wenn es in einem Spiel nicht nur um alles oder nichts, son­dern auch noch um einen Titel geht. Die Ner­vo­si­tät, ob der VfB das nächs­te Opfer der Armi­nia wür­de. Die Angst, die mich die letz­ten Wochen umtrieb, dass die Mann­schaft die­se Chan­ce nicht in der Lage wäre zu ergrei­fen. Die Furcht, dass aus einer 4:0‑Führung noch ein 4:4 wür­de — es wäre schließ­lich nicht das ers­te in die­ser Sai­son gewe­sen. Als Schieds­rich­ter Chris­ti­an Din­gert nach auf dem Han­dy mit­ge­stopp­ten fünf Minu­ten Nach­spiel­zeit das End­spiel des DFB-Pokals end­lich abpfiff fiel das alles ab und es war nur noch Erleich­te­rung da. Und das unwirk­li­che Gefühl, das sich ein­stellt, wenn Du nur ein­mal im Jahr­zehnt mit­er­lebst, wie dein Her­zens­ver­ein eine Tro­phäe in die Höhe reckt — oder wie in unse­rem Fall zum ers­ten Mal nach 18 lan­gen Jah­ren.

Man muss sich das noch­mal ver­ge­gen­wär­ti­gen: Es gab vie­le jün­ge­re Fans in der Ost­kur­ve des Olym­pia­sta­di­ons, beim Public Vie­w­ing auf dem Schloss­platz oder vor dem Fern­se­her, die nicht oder nicht bewusst mit­er­lebt haben, wie Fer­nan­do Mei­ra die Meis­ter­scha­le falsch her­um prä­sen­tier­te. Und für mich schließt sich mit die­sem Pokal­sieg ein Kreis. Um 1997 her­um, auf jeden Fall nach dem Sieg gegen Ener­gie Cott­bus im Juni, wur­de ich zum (Erfolgs-)Fan. Zwei Mal stand der VfB seit­her wie­der im Pokal­fi­na­le, bei­des Mal muss­ten wir zuschau­en, wie jemand ande­res den Pott in die Höhe hielt. Die Mann­schaft nun auf dem glei­chen Podest, mit dem gol­de­nen Pokal, vor dem gol­de­nen Kon­fet­ti zu sehen, auf dem ich beim letz­ten Mal in Ber­lin die unge­lieb­ten Bay­ern sehen muss­te, war ein­fach nur unwirk­lich. Aber es ist wirk­lich wahr: Wir haben den Pokal!

Die Mannschaft liefert

Und das ist vor allem dar­auf zurück zu füh­ren, dass die Mann­schaft, wie schon im Halb­fi­na­le, wie schon in der Rele­ga­ti­on vor zwei Jah­ren, qua­si dem Aus­gangs­punkt des aktu­el­len Höhen­flugs, in dem Moment, als es dar­auf ankam, ihre Stär­ken auf den Platz brach­te. Dass die Liga­zu­ge­hö­rig­keit des Geg­ners in einem sol­chen Spiel nicht unbe­dingt von Belang ist, zeig­te der frü­her Schreck­mo­ment, als Noah Saren­ren Bazee den Ball aus fünf Metern unglaub­li­cher­wei­se an die Lat­te setz­te. Ich will mir gar nicht aus­ma­len, was pas­siert wäre, hät­te der Bie­le­fel­der nur etwas genau­er gezielt. Auf der ande­ren Sei­te hät­te die­se VfB-Mann­schaft viel­leicht das Spiel trotz­dem gedreht.

Egal ob Wol­te­ma­de mit Ball­kon­trol­le und Kalt­schnäu­zig­keit, Stil­ler mit sei­nem wie­der­ge­ne­se­nen Zau­ber­fuß, Unter­schieds­spie­ler Mil­lot bei sei­ner ver­meint­li­chen Abschieds­vor­stel­lung oder Deniz Undav, der nicht nur selbst­los ein Tor vor­be­rei­te­te, son­dern auch sel­ber eins erziel­te — die Mann­schaft war da und nutz­te die Feh­ler der Bie­le­fel­der gna­den­los aus. Und das obwohl sie die letz­ten Mona­te von Woche zu Woche von einer Ver­le­gen­heit in die ande­re stol­per­te und Spie­le auf immer absur­de­re Wei­se aus der Hand gab. An die­sem gol­de­nen Abend im Olym­pia­sta­di­on funk­tio­nier­te eigent­lich fast alles so gut, dass es fast schon lang­wei­lig gewor­den wäre ohne die spä­te, aber erfolg­lo­se Bie­le­fel­der Auf­hol­jagd.

Ein würdiges Finale

Über­haupt der Final­geg­ner: Nicht nur stan­den sich hier zwei lei­den­schaft­li­che Fan­la­ger gegen­über die vor allem  sich und ihre Mann­schaft fei­er­ten, ohne dass ich etwas von Aus­ein­an­der­set­zun­gen oder Schmäh­ge­sän­gen mit­be­kom­men hät­te — ich ken­ne ehr­lich gesagt auch nur einen, was viel aus­sagt. Dass Kania und Vagno­man per Eigen­tor sowie Felix bei­na­he noch den Rück­stand auf ein Tor ver­kürz­ten, lag auch dar­an, dass die Armi­nia ein­fach nicht auf­hör­te, die­sen irgend­wann schein­bar aus­sichts­lo­sen Kampf um die ers­te natio­na­le Tro­phäe der Ver­eins­ge­schich­te wei­ter­zu­kämp­fen. Das Fina­le mag lan­ge ein­sei­tig gewe­sen sein, es war auf und neben dem Platz aber auf jeden Fall ein wür­di­ge­res End­spiel als die letz­ten drei, inklu­si­ve der Titel­trä­ger.

Es wird immer noch ein paar Tage dau­ern, bis ich mei­ne Gedan­ken zum Sams­tag­abend voll­stän­dig sor­tiert habe. So vie­le Geschich­ten, so vie­le Emo­tio­nen, so vie­le Bil­der schwir­ren noch in mei­nem Kopf her­um. Beson­ders ein­drück­lich fin­de ich Tore aus der Per­spek­ti­ve des Schieds­rich­ters, die natür­lich vor allem des­sen Arbeit auf dem Platz illus­trie­ren sol­len, mir in ihrer Nähe und Dyna­mik aber einen Schau­er über den Rücken jagen. Die kol­lek­ti­ve Glück­se­lig­keit, der Jubel vor und in der Kur­ve, die Pokal­par­ty am Sonn­tag und ein­fach die­ses Gefühl, aus der Ent­fer­nung zu sehen, wie eine Mann­schaft im Brust­ring die­sen ver­damm­ten Pokal in die Höhe hält.

Mal ganz abge­se­hen davon, dass es nach einer schwie­ri­gen Sai­son ein­fach schon wie­der auf die Rei­se geht. Man weiß fast nicht, wor­über man sich mehr freu­en soll, wobei der Titel ver­mut­lich leicht die Nase vor­ne hat. Auch wenn man wei­ter­hin auf Ursa­chen­for­schung geben muss, wie es dazu kam, dass man von Platz 4 auf Platz 9 abrut­schen, am Ende wur­de alles gut. Und es ist immer noch gut und wird auch lan­ge Zeit gut blei­ben.

DFB-Pokal-Sie­ger 2025 VfB Stutt­gart!

Zum Wei­ter­le­sen und ‑fei­ern: Der Ver­ti­kal­pass ver­teilt Ganz viel Amo­re an alle Pokal­sie­ger und zün­det mehr Wort­spiel­feu­er­wer­ke als bei­de Kur­ven am Sams­tag zusam­men. Stuttgart.international beleuch­tet sechs Aspek­te eines “Fußballfest[s], ein Sehn­suchts­spiel, eine mit­rei­ßen­de Thea­ter­auf­füh­rung zwei­er Klubs, die sonst sel­ten auf der gro­ßen Büh­ne ste­hen.”

Titel­bild: © Alex­an­der Hassenstein/Getty Images

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