Dann halt nicht

Mit dem ent­täu­schen­den 0:1 gegen Hei­den­heim, der sechs­ten Heim­plei­te in Fol­ge, ver­spielt der VfB so gut wie end­gül­tig die Chan­ce auf eine Plat­zie­rung in den Euro­pa­po­kal­rän­gen. Erneut kann sich die Mann­schaft nicht gegen einen gut orga­ni­sier­ten Außen­sei­ter durch­set­zen. Eine Schwä­che, die Sebas­ti­an Hoe­neß bis zum Pokal­fi­na­le in den Griff bekom­men und kom­men­de Sai­son grund­sätz­lich ange­hen muss.

Wenn es für den eige­nen Ver­ein nur in sehr unwahr­schein­li­chen Rechen­mo­del­len um etwas geht, kann so ein Bun­des­li­ga-Sams­tag eigent­lich ganz inter­es­sant sein: Nach Hei­den­heim punk­tet auch Kiel über­ra­schend im Kel­ler, Dort­mund gewinnt erst in letz­ter Minu­te gegen ein seit Wochen vor sich hin­düm­peln­des Hof­fen­heim, Frank­furt macht mit Leip­zig kur­zen Pro­zess und Frei­burg springt plötz­lich auf einen Cham­pi­ons League-Rang. Den VfB betrifft das alles nicht mehr: Den Klas­sen­er­halt mach­te man mit dem 4:0 in Bochum klar und Platz 6 ist sie­ben Punk­te weg bei neun noch zu ver­ge­ben­den Zäh­lern. Wobei man sich nach den letz­ten Wochen und dem Spiel am Frei­tag­abend die Fra­ge stel­len muss, wie der VfB auf die­se Punkt­zahl kom­men wür­de.

Von einem “Stich ins VfB-Herz” sprach man in Bad Cannstatt nach der Par­tie in melo­dra­ma­ti­schen Tönen. Und natür­lich ist es mal wie­der “bit­ter” (ich hat­te gehofft, die­ses Wort sei aus dem Wort­schatz der PR-Abtei­lung end­lich gestri­chen), wie der VfB sei­ne his­to­ri­sche Nega­tiv­se­rie von ver­lo­re­nen Heim­spie­len wei­ter aus­bau­te: Hei­den­heim schnup­per­te ein paar Mal Rich­tung VfB-Tor, am gefähr­lichs­ten wur­de es, als Cha­b­ot einen Kopf­ball des völ­lig frei­ste­hen­den Main­ka nach einer Ecke — natür­lich — an die eige­ne Lat­te lenk­te, und traf dann kurz vor Schluss mit dem zwei­ten Tor­schuss des Abends zum Sieg. Groß war das Lamen­to im Anschluss ange­sichts eige­ner ver­ge­be­ner Chan­cen und so rich­tig erklä­ren kann ich mir die bis dato schlech­tes­te Rück­run­de min­des­tens der letz­ten zehn Jah­re auch nicht.

Außenseiter doing Außenseiter things

Dass der VfB sich aber end­gül­tig von der Vor­stel­lung ver­ab­schie­den muss­te, in die­ser Sai­son zum Spit­zen­feld der Liga zu gehö­ren, hat­te ganz hand­fes­te Grün­de, die sich auch schon durch die ver­gan­ge­nen Wochen zie­hen. Denn Hei­den­heim mach­te, was Außen­sei­ter in sol­chen Situa­tio­nen zu tun pfle­gen: Sie mach­ten hin­ten dicht und war­te­ten gedul­dig auf so Schlud­rig­kei­ten wie Bru­un Lar­sens gedan­ken­lo­sen Hacken­pass am eige­nen Straf­raum und nut­zen es dann aus, dass der geg­ne­ri­sche Kapi­tän beim Anschei­ßen sei­ner Kol­le­gen ener­gi­scher zu Wer­ke geht als beim Ver­tei­di­gen eines Schus­ses aus 16 Metern. Den Brust­ring­trä­gern wie­der­um fiel dazu außer lan­gen Bäl­len nicht wirk­lich viel ein.

Natür­lich hat­ten wir unse­re Groß­chan­cen, denen es sich hin­ter­her zu trau­ern lohnt. Deniz Undav bestä­tig­te sei­ne auf­stei­gen­de Form dahin­ge­hend, dass er sei­nen Sturm­kol­le­gen Erme­din Demi­ro­vic zwei Mal glän­zend in Sze­ne setz­te. Lei­der scheint Medo sein Pul­ver in Bochum erst­mal wie­der ver­schos­sen zu haben. Erst über­sah er den her­aus­stür­zen­den Kevin Mül­ler und dann ließ er sich den Ball vom Fuß spit­zeln. Ach­ja, und dann war da noch Nick Wol­te­ma­de, der nach 50 Minu­ten rein­kam, sich durch den Hei­den­hei­mer Straf­raum tank­te und den Ball an die Lat­te setz­te. Zwei Geis­tes­blit­ze und eine Ein­zel­ak­ti­on, das war die Ern­te der Stutt­gar­ter Offen­siv­be­mü­hun­gen am Frei­tag­abend. Nicht dazu zäh­len kann ich zwei Bil­lard­tor­schüs­se, einen Kopf­ball an den Außen­pfos­ten und die erneut zahl­reich ver­san­de­ten Ecken und Frei­stö­ße, mit Aus­nah­me von Fabi­an Rie­ders sehens­wer­tem Schuss.

Mit dem Kopf in Berlin?

Natür­lich ist es eine Her­aus­for­de­rung, gegen tief­stehen­de Mann­schaf­ten eine Lücke zu fin­den. Aber das ist genau die Her­aus­for­de­rung, vor der wir im Pokal­fi­na­le ste­hen wer­den. Was uns dort eben­falls bevor­steht: Chan­cen des Geg­ners durch Stan­dards und durch Kon­ter — also genau das, was uns in Köpe­nick und gegen Bre­men Pro­ble­me berei­tet hat. Gegen Hei­den­heim kam hin­zu, dass es nie­man­dem gelang, das Offen­siv­spiel des VfB in sinn­vol­le Bah­nen zu len­ken. Statt­des­sen flo­gen mas­sen­haft hohe Bäl­le über die Köp­fe unse­rer Straf­raum­stür­mer, wäh­rend der ein­zi­ge Wand­spie­ler im Kader auf der Bank saß. Bäl­le auf die Flü­gel waren meist zu unge­nau und wenn sie ihr Ziel doch erreich­ten, stan­den da ein kri­seln­der Chris Füh­rich ein  Fabi­an Rie­der, der eigent­lich vor sei­ner Zeit beim VfB zen­tra­ler Mit­tel­feld­spie­ler war.

Sicher: Hät­te der VfB den Gäs­ten von der Alb irgend­wie einen rein­ge­mur­melt, wären die­se wohl nicht zurück­ge­kom­men und wir hät­ten zumin­dest eine theo­re­ti­sche Chan­ce auf Platz 6 behal­ten. Über einen zwei­fa­chen Punkt­ver­lust hät­te man sich ange­sichts der offen­si­ven Ein­falls­lo­sig­keit aber nicht beschwe­ren dür­fen, dass man am Ende alle drei Punk­te abge­ben muss­te, ist die Stra­fe dafür, dass man offen­sicht­lich unter­schätz­te, dass es für die Hei­den­hei­mer bis zum Abpfiff um etwas ging. Wie in Ber­lin, wie gegen Bre­men, wie in Frank­furt, wie gegen Lever­ku­sen, wie in Kiel, wie gegen die Bay­ern und wie so häu­fig in die­ser Rück­run­de ging die Mann­schaft nicht an ihr Limit, bekam man das Gefühl, dass das Pokal­fi­na­le und die damit ver­bun­de­ne schein­bar siche­re Euro­pa­po­kal­teil­nah­me nicht aus den Köp­fen zu bekom­men ist.

Keiner stoppt den Absturz

“Dann halt nicht”, war den Ein­druck, den man in den letz­ten Wochen gewin­nen konn­te. Was fatal wäre, denn bei den der­zei­ti­gen Defi­zi­ten nivel­lie­ren sich Klas­sen­un­ter­schie­de in einem Final­spiel ganz schnell. Ich habe immer noch die Hoff­nung, dass die Mann­schaft wie im Halb­fi­na­le die Kur­ve kriegt und ihre gan­ze Qua­li­tät auf den Platz brin­gen kann. Dass ihr das aber nicht im Tages­ge­schäft Bun­des­li­ga gelingt, wird mehr und mehr zum struk­tu­rel­len Pro­blem. Nicht dass es des­we­gen in der kom­men­den Sai­son gleich wie­der gegen den Abstieg gin­ge. Aber was der Mann­schaft mit den Abgän­gen von Anton und Gui­ras­sy ver­lo­ren ging, waren nicht nur 28 Tore und ein kom­pro­miss­lo­ser Ver­tei­di­ger, son­dern vor allem Sta­bi­li­tät. Nie­mand in der Mann­schaft konn­te ver­hin­dern, dass man eine Füh­rung nach der ande­ren ver­spiel­te, nie­mand den Absturz von Platz 4 nach dem 4:0 gegen Frei­burg zum Rück­run­den­auf­takt auf Platz 11 oder tie­fer stop­pen.

Die ver­ge­be­ne Chan­ce, gegen eine der der­zeit bes­ten Mann­schaf­ten Euro­pas in der Cham­pi­ons League wei­ter zu kom­men, schien die Mann­schaft wochen­lang zu beschäf­ti­gen, so als sei eine Klat­sche gegen Paris und das Aus­schei­den nach der Grup­pen­pha­se für den VfB ein Ding der Unmög­lich­keit. Die ver­spiel­ten Füh­run­gen, das Stol­pern über die eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten, der absur­de Nega­tiv­lauf — das alles erin­nert fatal an die Zeit vor Sebas­ti­an Hoe­neß, als vie­le Spie­ler in ihrer Ent­wick­lung noch nicht so weit waren und als Kol­lek­tiv der Über­for­der­ten zwei Mal knapp am Abstieg vor­bei schramm­ten. Dass die Sym­bio­se aus Sta­bi­li­tät und Wei­ter­ent­wick­lung nicht noch ein­mal so gelin­gen wird wie in der Vize­meis­ter-Sai­son, ist klar. Den­noch muss Fabi­an Wohl­ge­muth im Som­mer drin­gend in der Kader­struk­tur nach­steu­ern. Nicht nur was neur­al­gi­sche Posi­tio­nen wie die Sechs oder die rech­te Außen­bahn angeht, son­dern vor allem im Bereich der Wider­stands­fä­hig­keit.

Antennen ausfahren!

Das Pro­blem ist nicht Platz 11, 12 oder 13, auf dem wir in den kom­men­den, sport­lich bedeu­tungs­lo­sen Spie­len ein­lau­fen wer­den. Es ist —  Pokal­sieg hin oder her — der bru­ta­le Absturz mit nur drei Sie­gen und drei Unent­schie­den aus 14 Rück­run­den­spie­len, es ist die Ver­geu­dung des Poten­zi­als und der Inves­ti­tio­nen zumin­dest in die­ser Sai­son, wegen der die sport­li­che Füh­rung die Anten­nen schon seit Wochen scharf stel­len soll­te. Die­se Mann­schaft hat sport­lich genü­gend Sub­stanz um nicht wie­der in die Abwärts­spi­ra­le der Zeh­ner­jah­re zu gera­ten. Aber um die Chan­cen zu nut­zen, die die jüngs­te Ent­wick­lung ermög­licht hat, müs­sen die­se Sub­stanz und die­ses Poten­zi­al in eine sta­bi­le Spiel­struk­tur gelenkt wer­den.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass ana­ly­siert: “Aber der Blick soll­te wei­ter gehen: Nicht das ein­zel­ne Spiel ist das Pro­blem. Pro­blem ist, dass sich die­se Spie­le wie­der­ho­len, ohne dass sich etwas ändert.” Stuttgart.international blickt eben­so vor­aus: “Aus dem Über­ra­schungs­team, das fuß­bal­le­risch Maß­stä­be setz­te, ist eine insta­bi­le Trup­pe mit Hang zu Unge­schick­lich­kei­ten gewor­den. Aus den Feh­lern die­ser Sai­son müs­sen Spie­ler, Trai­ner und Ver­ant­wort­li­che ihre Leh­ren zie­hen.”

Titel­bild: © Chris­ti­an Kas­par-Bart­ke/­Get­ty Images

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