Auf dem Zahnfleisch

In Bre­men gelingt dem VfB vie­les nicht, was ihn in den letz­ten Mona­ten aus­ge­zeich­net hat — und trotz­dem kommt die Mann­schaft dank eines über­ra­gen­den Erme­din Demi­ro­vic zwei Mal nach einem Rück­stand zurück. Sowohl die Klat­sche in Bel­grad als auch der eng gesteck­te Ter­min­plan scheint den Spie­lern an die­sem Nach­mit­tag zuzu­set­zen.

Was nicht über­rasch­te in Bre­men: Dass der VfB dort nicht gewann, obwohl ein wei­te­re Drei­er nach dem Heim­sieg gegen Bochum die Lücke zum obe­ren Tabel­len­drit­tel wei­ter hät­te schrump­fen las­sen. Denn in Bre­men haben wir in den letz­ten 20 Jah­ren nur drei Mal gewon­nen, ein­mal unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit, als Silas die Bre­mer mit sei­nem Schuss von der Tor­li­nie fopp­te. Davor hieß der letz­te Sieg­tor­schüt­ze Mario Gomez. Was hin­ge­gen an der Weser über­rasch­te: Dass der VfB dort nicht ver­lor, obwohl er den Bre­mern eine zwei­stel­li­ge Anzahl an Eck­bäl­len ermög­lich­te und obwohl auch sonst beim Vize­meis­ter nur weni­ge Tage nach dem ent­täu­schen­den Cham­pi­ons League-Spiel in Bel­grad nicht wirk­lich viel zusam­men­lief. Was viel­leicht auch mit­ein­an­der zu tun hat, aber begin­nen wir mit der Bestands­auf­nah­me, bevor wir zur Ursa­chen­for­schung über­ge­hen.

Denn das Spiel hat­te kaum begon­nen, als die Haus­her­ren schon in Füh­rung gin­gen. Nach einem Zwei­kampf an der Sei­ten­li­nie hiel­ten sich die Brust­ring­trä­ger mit Rekla­mie­ren auf, lie­ßen Mar­vin Duksch über die Außen­bahn davon­zie­hen, flan­ken und konn­ten Jus­tin Njin­mah zu zweit nicht dar­an hin­dern, den Ball ins Tor zu köp­fen. Ein Gegen­tor, dass in sei­ner Ent­ste­hung schon fast zu ein­fach war, wie auch sonst die Bre­mer unse­re Innen­ver­tei­di­gung immer wie­der durch hohes Pres­sing und lan­ge, hohe Dia­go­nal­bäl­le in brenz­li­ge Situa­ti­on brach­te. Wer­der gab dop­pelt so vie­le Schüs­se ab wie der VfB, der froh sein konn­te, dass nur sechs auch wirk­lich auf den Kas­ten von Alex Nübel gin­gen. Denn die Mann­schaft von Sebas­ti­an Hoe­neß kam mit dem kom­pak­ten und aggres­si­ven Auf­tre­ten der Bre­mer über­haupt nicht klar. Leo Ster­giou und Anrie Cha­se gewan­nen nur ein Drit­tel ihrer Zwei­kämp­fe und Jeff Cha­b­ot hat­te durch­aus Glück, dass Harm Osmers den vor­schnell gepfif­fe­nen Elf­me­ter wie­der zurück­nahm.

Demirovic gut vorbereitet

Dass es am Ende trotz­dem 2:2 stand, hat­te der VfB wie schon gegen Bochum indi­vi­du­el­ler Qua­li­tät zu ver­dan­ken. Wäh­rend Chris Füh­rich dies­mal lei­der etwas abtauch­te, spiel­te Erme­din Demi­ro­vic groß auf und über­lupf­te zwei Mal Bre­mens Tor­wart Micha­el Zet­ter, der sich dies­mal nicht von Salat-Tri­kots über­win­den ließ, son­dern durch gute Vor­be­rei­tung. Denn Demi­ro­vic gab nach dem Spiel zu Pro­to­koll, dass Zet­te­rer bei Zwei­kämp­fen ob abtauch­te, wes­we­gen der VfB Stür­mer sowohl nach der Flan­ke von Maxi Mit­tel­städt als auch nach einem Traum­pass von Stil­ler und mit nur einer wei­te­ren Ball­be­rü­hung das Spiel­ge­rät ins Tor löf­feln konn­te. Wohl dem, der trotz feh­len­der Abläu­fe einen sol­chen Stür­mer in sei­nen Rei­hen hat. Dass Nick Wol­te­ma­de in der Nach­spiel­zeit noch den Sieg­tref­fer auf dem Fuß hat­te, zeigt auch den uner­schüt­ter­li­chen Glau­ben der Mann­schaft an sich sel­ber, es wäre aber viel­leicht des Guten ein wenig zuviel gewe­sen.

Denn der VfB mach­te erneut kein gutes Spiel. Das kon­se­quen­te gemein­sa­me Ver­tei­di­gen klappt der­zeit genau­so­we­nig wie ein dyna­mi­sches Offen­siv­spiel. Es waren schließ­lich die Ein­wechs­lun­gen von Diehl und eben Wol­te­ma­de, die zwar kei­nen Erfolg, aber immer­hin ein biss­chen Bewe­gung in die Offen­si­ve des VfB brach­ten. Die war näm­lich sonst von Sicher­heits­päs­sen geprägt, die viel Ball­be­sitz und eine hohe Pass­quo­te ein­brach­ten, aber kei­nen Raum­ge­winn und erst recht kei­ne Tor­chan­cen. Am deut­lichs­ten wur­de die Angst vor dem eige­nen Angriff nach einem Ball­ver­lust der Bre­mer im Mit­tel­feld, als es dem VfB nicht gelang, dar­aus einen viel­ver­spre­chen­den Kon­ter zu gene­rie­ren. Es wirk­te alles ähn­lich hilf­los wie in der End­pha­se unter Mat­a­raz­zo, nur eben mit dem Unter­schied, dass der VfB am Ende einen Punkt auf dem Kon­to hat­te — und die Grün­de für das der­zei­ti­ge Auf­tre­ten ande­re sind.

Keine Zeit zur Regeneration

Denn die Mann­schaft geht ganz offen­sicht­lich min­des­tens men­tal und viel­leicht auch kör­per­lich auf dem Zahn­fleisch. Viel­leicht hät­te ein biss­chen mehr Grund­la­gen­ar­beit im Som­mer mehr gehol­fen als von der DFL fürs Schwit­zen im japa­ni­schen Som­mer bezahlt zu wer­den. Ganz unab­hän­gig davon wird die Mann­schaft, bis Weih­nach­ten in die­ser Sai­son bereit 25 Pflicht­spie­le absol­viert haben — das sind nur neun oder zehn weni­ger, als sie in den letz­ten Jah­ren in einer gesam­ten Spiel­zeit bestritt. Der Ver­ti­kal­pass greift es in sei­nem Spiel­be­richt auf: Der All­tag des VfB besteht der­zeit aus Rei­sen, Spie­len, Rege­ne­rie­ren, Repeat. Und zur Rege­ne­ra­ti­on bleibt nicht ein­mal viel Zeit und schon gar nicht zum Trai­nie­ren, was auch ein Grund für die feh­len­den Abläu­fe ist. Es ist aber nicht nur das, denn zeit­wei­se frag­te man sich in Bre­men schon, ob die Mann­schaft ein­fach nicht mehr konn­te, oder ob sie der Mei­nung war, das Gezeig­te rei­che für einen Aus­wärts­sieg in Bre­men.

Zwar gab es selbst in unse­rer Fabel­sai­son das ein oder ande­re Schlen­dri­an-Spiel, in dem es der Mann­schaft nicht gelang, ihr vol­les Poten­zi­al abzu­ru­fen, ich glau­be aber nicht, dass die Spie­ler grund­sätz­li­che der Mei­nung sind, sie sei­en so gut, dass sie irgend­ein Spiel im Vor­bei­ge­hen gewön­nen. In Bel­grad wur­den sie von der von Roter Stern-Fan Denis im Pod­cast beschrie­be­nen “Alles oder nichts”-Einstellung der Gast­ge­ber über­rollt und die­ses Spiel hing ihnen sicht­bar auch am Sams­tag noch in den Kno­chen. Dass gleich drei Spie­ler, die vor­ne für Ent­las­tung sor­gen könn­ten, aus­fal­len tut sein Übri­ges. Die Mann­schaft merkt, dass die vie­len Spie­le lang­sam an die Sub­stanz gehen und ist dadurch in vie­len Aktio­nen unkon­zen­triert und blo­ckiert, unter­be­wusst in den Gedan­ken stän­dig beim straf­fen Ter­min­plan, der in den kom­men­den drei Wochen wei­te­re fünf Spie­le vor­sieht, in denen es um das Über­win­tern im Pokal, das Wei­ter­kom­men in der Cham­pi­ons League und zuvor­derst um den Anschluss in der Bun­des­li­ga geht.

Breite Verantwortung

Für genau die­se Pha­sen, beto­nen Sport­vor­stand Wohl­ge­muth und Trai­ner Hoe­neß, habe man vor der Sai­son einen brei­ten Kader zusam­men­ge­stellt und der zeigt ja in der Brei­te durch­aus auch ein gewis­se Qua­li­tät. Gegen Regens­burg hat Hoe­neß die nächs­te Gele­gen­heit, eine gan­ze Rei­he von Stamm­kräf­ten zu scho­nen. Spie­ler wie Kei­tel, Krät­zig, Hen­driks, Sten­zel, Diehl, Wol­te­ma­de haben dann die Gele­gen­heit zu zei­gen, dass sie auch in der Bun­des­li­ga regel­mä­ßi­ger für Ent­las­tung sor­gen kön­nen, so dass Hoe­neß die Rota­ti­on nicht immer wie­der um des Ergeb­nis­ses wil­len ein­schrän­ken muss. Abge­se­hen von den Ver­let­zun­gen ist die aktu­el­le Pha­se ein erwart­ba­rer Kraft­akt, den die Mann­schaft gemein­sam bewäl­ti­gen muss und in der die Ver­ant­wor­tung auf ver­schie­de­ne Schul­tern ver­teilt ist.

Zum Wei­ter­le­sen: Stuttgart.International fin­det “Der Tabel­len­platz ent­spricht genau der aktu­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit der Mann­schaft” und warnt: “Nor­ma­ler­wei­se ver­lierst du ein sol­ches Spiel. Da soll­te man sich in Cannstatt nicht in die eige­ne Tasche lügen.”

Titel­fo­to: © Selim Sudheimer/Getty Images

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