Zum Sterben zu viel…

…zum Leben zu wenig. Ja, ist ein abge­dro­sche­ner Spruch, aber er beschreibt das 1:1 des VfB beim VfL Wolfs­burg am Bes­ten.

Lan­ge habe ich mich an die­sem Wochen­en­de vor die­sem Spiel­rück­blick gedrückt, so lan­ge, dass ich erst am Mon­tag­abend mit Super Bowl-Schlaf­de­fi­zit und nach einem fami­li­en­be­ding­ten Aus­flug nach Ost­west­fa­len dazu kom­me. Was viel­leicht auch damit zusam­men hängt, dass ich schon kei­ne gro­ße Lust ver­spürt habe, mir das Gan­ze anzu­schau­en, geschwei­ge denn nach Wolfs­burg zu fah­ren. Natür­lich wür­de die Mann­schaft irgend­wie bes­ser spie­len als im letz­ten Spiel. Denn unter einem neu­en Trai­ner lässt sich zunächst nie­mand lum­pen. Gleich­zei­tig wuss­te ich aber auch, dass ich mich dar­über ärgern wür­de. Dass die Mann­schaft unter einem neu­en Trai­ner plötz­lich auf den Platz bringt, was ihr unter des­sen Vor­gän­ger nicht gelin­gen woll­te. Es ist ja nicht so, als wür­de ich mich als Anhän­ger des Brust­rings nicht mit Trai­ner­wech­seln und deren Aus­wir­kun­gen aus­ken­nen. Spaß macht es trotz­dem kei­nen.

Viel schlim­mer: Ich bin nach dem Spiel nicht wirk­lich schlau­er. Klar, Tay­fun Korkut hat halt, nach dem der letz­te Tag des Trans­fer­fens­ters beim VfB ereig­nis­los vor­über ging, die glei­chen Spie­ler zur Ver­fü­gung wie Han­nes Wolf, er kann sie nur anders posi­tio­nie­ren. Also rück­te Chris­ti­an Gent­ner als hän­gen­de Spit­ze nach vor­ne, Den­nis Aogo spiel­te neben Sant­ia­go Ascací­bar auf der Dop­pel-Sechs und Andre­as Beck besetz­te mit Emi­lia­no Insua die Außen­bah­nen. Ich nen­ne sie hier bewusst nicht Flü­gel­zan­ge, aber dazu spä­ter mehr. Grund­sätz­lich mag ich ja Sys­te­me mit zwei zen­tra­len Stür­mern lie­ber als die seit Jah­ren auch beim VfB prak­ti­zier­te Vari­an­te mit Flü­gel­stür­mern. Aber viel­leicht bin ich auch ein­fach alt­mo­disch. Wie auch immer: Einen wirk­li­chen Effekt konn­te ich mit Chris­ti­an Gent­ner hin­ter Mario Gomez noch nicht erken­nen, obwohl ich Gent­ner dort spie­le­risch für wesent­lich bes­ser auf­ge­ho­ben hal­te, als im defen­si­ven Mit­tel­feld. Sei­ne wich­tigs­ten Spie­le hat­te er nicht, als er zwar vie­le Bäl­le ablief, aber auch das Auf­bau­spiel ver­lang­sam­te, son­dern als er sich in die Offen­si­ve ein­schal­te­te und von der Auf­ga­be befreit war, ein Spiel nach vor­ne auf­zu­bau­en und zu len­ken, was er mei­ner Mei­nung nach nicht kann. Den­nis Aogo mach­te sei­ne Sache auf der Sechs gut, was ange­sichts sei­ner bis­he­ri­gen Leis­tun­gen und mei­ner Mei­nung von ihm fast einer Hei­lig­spre­chung gleich kommt.

Zerfall nach Rückstand

Das Lob täuscht aber nicht dar­über hin­weg, dass die gesam­te Mann­schaft nach dem 1:0, an dem Andre­as Beck durch eine Leicht­sin­nig­keit einen Groß­teil der Schuld trägt, völ­lig aus­ein­an­der fiel und froh sein konn­te, bis zur Halb­zeit nicht höher zurück zu lie­gen. Ja, es war mal wie­der ein Nacken­schlag, wie schon in der Vor­wo­che. Aber nein, man muss, man darf gegen einen direk­ten Kon­kur­ren­ten nicht so anfan­gen zu wackeln. Dafür hat man schließ­lich die erfah­re­nen Beck und Aogo wie­der rein­ro­tiert. Dafür ste­hen mit Gent­ner, Gomez, Insua und Zie­l­er genü­gend wei­te­re Spie­ler mit genü­gend Bun­des­li­ga­jah­ren auf dem Feld. Wes­halb es mei­ner Mei­nung auch nicht son­der­lich ziel­füh­rend ist, aus­ge­rech­net nach die­sem Spiel das Durch­schnitts­al­ter der Mann­schaft zu the­ma­ti­sie­ren, wie es Gre­gor Preiß in den Stutt­gar­ter Nach­rich­ten macht. Wie­der ein­mal war die ers­te Halb­zeit kom­plett für die Ton­ne, weil der VfB sich erst in der zwei­ten Halb­zeit berap­pel­te.

Jetzt ist seit dem Spiel schon ein wei­te­rer Tag rum und nicht nur Mario Gomez, auch ande­re fei­ern die zwei­te Halb­zeit und die dort gezeig­te Leis­tung als einen ers­ten Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung, so als habe sich die Mann­schaft in der ers­ten Halb­zeit erst noch vom schwe­ren Erbe von Han­nes Wolf tren­nen müs­sen, um in der zwei­ten Halb­zeit den Korkut-Fuß­ball der Zukunft zu spie­len. So ein­fach ist es natür­lich nicht, denn schon in der Vor­wo­che gegen Schal­ke erklär­te Mario Gomez, dass die zwei­te Halb­zeit eine Blau­pau­se für die Zukunft sein könn­te, wäh­rend es mit der ers­ten Halb­zeit schwer sein wür­de, die Liga zu hal­ten. Abge­se­hen davon: Gute Ansät­ze haben wir in die­ser Sai­son, gera­de aus­wärts, immer mal wie­der gese­hen. Allein: Es reich­te nie für drei Punk­te, so auch am Sams­tag nicht.

Diese 45 Minuten sind kein Trend

Natür­lich möch­te ich das zar­te Pflänz­chen Hoff­nung, wel­ches jetzt bei eini­gen auf­keimt, nicht zynisch zer­tram­peln. Viel­leicht hat die Mann­schaft wirk­lich in der zwei­ten Halb­zeit gemerkt, wie Abstiegs­kampf geht. Allein, mir fehlt der Glau­be etwas, schließ­lich zeig­te man in den Spie­len gegen Dort­mund und Mün­chen auch schon cou­ra­gier­te Leis­tun­gen, nur um sich in der Fol­ge­wo­che die But­ter vom Brot neh­men zu las­sen. Ich habe ein­fach kei­ne Lust drauf, dass wir uns schlech­te Ergeb­nis­se — und nichts ande­res ist ein 1:1 beim direk­ten Kon­kur­ren­ten — und pre­kä­re Tabel­len­stän­de — nach dem Aus­wärts­sieg der Bre­mer trennt uns nur noch ein Punkt und zwei Plät­ze vom Rele­ga­ti­ons­platz — irgend­wie schön­zu­re­den, weil wir glau­ben, aus 45 Minu­ten einen Trend ablei­ten zu kön­nen.

Zumal in den 45 Minu­ten auch nicht alles so opti­mal lief, dass man jetzt davon aus­ge­hen könn­te, der VfB wür­de Glad­bach am kom­men­den Wochen­en­de über­rol­len. Natür­lich ist es schön, dass Mario Gomez jetzt im vier­ten Spiel schon sel­ber getrof­fen hat und uns die­se Dis­kus­si­on erspart bleibt. Gleich­zei­tig fra­ge ich mich aber auch, war­um Korkut sein Wech­sel­kon­tin­gent nicht aus­nutz­te und mit Chadrac Ako­lo den bes­ten Tor­schüt­zen des Ver­eins auf der Bank ließ. Klar, auch der hat in den letz­ten Spie­len kei­ne Bäu­me aus­ge­ris­sen, aber viel­leicht hät­te er die Wolfs­bur­ger noch­mal vor ganz ande­re Pro­ble­me gestellt. Denn auch wenn der VfB sich nach dem Aus­gleich noch wei­te­re Chan­cen erar­bei­te­te: Wirk­lich gefähr­lich war weder Dani­el Gin­c­zek, der von Mario Gomez so scharf ange­schos­sen wur­de, dass er den Ball nicht unter Kon­trol­le brach­te, noch Andre­as Beck, der gefähr­lich in den Straf­raum ein­drang und dann den Ball ver­tän­del­te. Der VfB zeig­te in der zwei­ten Halb­zeit eine Unfä­hig­keit beim Tore­schie­ßen, die ans Komi­sche grenz­te.

Nicht wieder die erste Halbzeit verpennen

Und so ist die­ser Punkt halt immer­hin ein wei­te­rer Aus­wärts­punkt aber irgend­wie für mich auch zu wenig, um eupho­risch auf die nächs­ten Wochen und die wei­te­re Arbeit von Tay­fun Korkut zu bli­cken. Auch er muss die­ses wacke­li­ge Kon­strukt namens VfB-Mann­schaft unter Kon­trol­le brin­gen, mit den glei­chen Wackel­kan­di­da­ten, wie sie Han­nes Wolf zur Ver­fü­gung stan­den. Zumin­dest der ers­te Ver­such hat mich nicht voll­ends über­zeugt. Wir kön­nen uns nicht mehr vie­le die­ser chao­ti­schen ers­ten Halb­zei­ten leis­ten.

„Nach dem Wech­sel haben wir ein paar Din­ge ver­än­dert – und waren auch weni­ger ängst­lich“, sag­te der Stür­mer Mario Gomez: „So müs­sen wir künf­tig von Beginn an auf­tre­ten.“

Stutt­gar­ter Nach­rich­ten vom 4. Febru­ar 2018

Wie schon oben erwähnt: Die Erkennt­nis ist nicht neu, sie zieht sich schon durch die gan­ze Sai­son. Korkut muss es jetzt schaf­fen, der Mann­schaft die Aggres­si­vi­tät und viel­leicht auch den Opti­mis­mus bereits vor Spiel­be­ginn ein­zu­imp­fen und nicht erst in der Halb­zeit­pau­se. Hof­fen wir, dass er damit mehr Erfolg hat als Han­nes Wolf.

Lob für Thommy und Korkut, die goldene Kassette für Reschke

Zum Abschluss noch zwei­mal Son­der­lob: Ein­mal an Erik Thom­my, der sei­ne Sache ordent­lich bis gut mach­te und auch den Aus­gleich vor­be­rei­te­te. Und zum ande­ren an Tay­fun Korkut, der jeg­li­che däm­li­chen Repor­ter­fra­gen zum “Korkut-VfB” an sich abpral­len lässt und sich, anders als sei­ne Vor­ge­setz­ten, den Medi­en gegen­über bedacht und intel­li­gent äußert.

Einer der bei­den Vor­ge­setz­ten, Sport­vor­stand Micha­el Resch­ke wur­de ja am Sonn­tag dann auf PR-Tour geschickt, nach­dem Wolf­gang Diet­rich däm­mer­te, dass er mit sei­ner E‑Mail eher noch mehr Öl ins Feu­er gegos­sen hat­te. Lei­der kann man, wenn man sich die Bericht­erstat­tung zu Resch­kes Auf­trit­ten bei Sky und Sport im Drit­ten anschaut, sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass die PR-Stra­te­gie beim VfB fol­gen­der­ma­ßen lau­tet: Nichts­sa­gen­de All­ge­mein­plät­ze so lan­ge wie­der­ho­len, bis sie kei­ner mehr hin­ter­fragt. Das hat bei der Schin­del­mei­ser-Ent­las­sung schon so her­aus­ra­gend funk­tio­niert, dass Diet­richs Nar­ra­tiv von unüber­brück­ba­ren per­sön­li­chen Dif­fe­ren­zen mitt­ler­wei­le gedan­ken­los wie­der­holt wird. Nach dem glei­chen Sche­ma scheint Resch­ke zu ver­fah­ren. Was immer­hin bedeu­tet, dass man ihm wenigs­tens end­lich mal irgend­ei­ne Art von PR-Bera­tung hat zukom­men las­sen. Bei­spie­le:

„Dass die Leu­te erst mal emo­tio­na­li­siert sind, das erle­be ich ja hier in Stutt­gart jeden Tag. Die Wucht, die die­ser Ver­ein hat, die Bedeu­tung, die der VfB für die Men­schen in der Regi­on hat, die ist außer­ge­wöhn­lich“

„Das Inter­es­san­te in den Gesprä­chen mit ihm war, wie sehr und genau er schon unse­re Mann­schaft ana­ly­siert hat und wie viel er wuss­te. Natür­lich ist er Stutt­gar­ter, hat eini­ge Spie­le gese­hen und den VfB ver­folgt“

bei­de Zita­te aus den Stutt­gar­ter Nach­rich­ten

 “Hier wer­den Spie­ler kri­ti­siert oder in Fra­ge gestellt, die aus Stutt­gart kom­men und eine hohe Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Stadt und dem Ver­ein auf­wei­sen”

Zitat aus dem kicker

Alles Sachen, die ent­we­der kei­ne wirk­li­che Bedeu­tung für irgend­was haben — die Her­kunft von Korkut, Gomez, Beck und die loka­le und regio­na­le “Wucht” des Ver­eins, was immer das sein soll — oder die schon bei der Pres­se­kon­fe­renz zu Kor­kuts Vor­stel­lung vor­ge­bracht wur­den. Scha­de, dass auch hier zu sel­ten kri­tisch nach­ge­hakt wird, zumin­dest in der Bericht­erstat­tung über die Fern­seh­auf­trit­te, die ich mir wie­der­um gespart habe. Es scheint, als hät­te ich nichts ver­passt.

Bild: Fran­kys Sta­di­onpics

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