Eine Frage der Balance

Der VfB wank­te zwar gegen den nor­we­gi­schen Meis­ter zwi­schen­durch ganz ordent­lich, aber er fiel nicht. Denn die offen­si­ve Qua­li­tät der Mann­schaft im Brust­ring kaschier­te eini­ge Lücken.

Man muss das alles natür­lich ein­ord­nen: Ein Sieg in der Cham­pi­ons League ist immer noch ein Sieg in der Cham­pi­ons League und wer sah, wie Viking Sta­van­ger am Mitt­woch­abend im Neckar­sta­di­on auf­trat, der muss­te Sebas­ti­an Hoe­neß zustim­men, dass die­se Mann­schaft auch in der Bun­des­li­ga mit­hal­ten könn­te — sie stell­te die Heim­elf jeden­falls vor wesent­lich grö­ße­re Pro­ble­me als der 1. FC Köln am Frei­tag­abend. Das Ergeb­nis jedoch war am Ende das Glei­che: Ein Heim­sieg für den mitt­ler­wei­le 133 Jah­re alten Ver­ein für Bewe­gungs­spie­le. Weil die Mann­schaft ein­fach offen­siv nicht nur über eine unfass­ba­re Qua­li­tät, son­dern auch über eine gewis­se Varia­bi­li­tät ver­fügt. Gegen Ros­tock glänz­te Pejci­no­vic, gegen Köln El Khan­nouss und gegen Sta­van­ger Undav und vor allem Erme­din Demi­ro­vić mit sei­nem his­to­ri­schen Drei­er­pack.

Ein biss­chen Was­ser muss ich den­noch in den Wein gie­ßen. Denn wie wir bereits wis­sen, kann bei einer so gro­ßen Liga mit so weni­gen Spie­len am Ende die Tor­dif­fe­renz eine ent­schei­den­de Rol­le spie­len. Das wuss­te Viking und ver­zich­te­te des­we­gen am Ende auf unkon­trol­lier­te Offen­si­ve. Das wuss­te natür­lich auch der VfB, mach­te aber aus sei­ner zeit­wei­sen Über­le­gen­heit zu wenig. Es gab nicht vie­le Stan­dards für das Heim­team und zu allem Über­fluss ent­schied sich Jamie Lewe­ling immer wie­der für den schnel­len Über­stei­ger und gegen den schnel­len Pass auf El Khan­nouss oder Undav. Wie schon beim Sieg gegen Bra­tis­la­va vor zwei Jah­ren kann man sich über einen Sieg in der Cham­pi­ons League nicht wirk­lich beschwe­ren und gleich­zei­tig hat­te man das Gefühl, es wären mehr Tore drin gewe­sen. Gar nicht so ein­fach, hier zu einer balan­cier­te Bewer­tun­gen zu kom­men, denn drei Punk­te sind natür­lich am Ende trotz­dem drei Punk­te.

Restverteidigung und Einstellung

Schwie­rig­kei­ten mit der Balan­ce hat­ten auch die Jungs in weiß und rot am Mitt­woch­abend und das in den ers­ten vier Pflicht­spie­len der Sai­son nicht zum ers­ten Mal. Zunächst mal ist damit die Balan­ce zwi­schen Angriffs­wir­bel und hohem Pres­sing einer­seits und der Rest­ver­tei­di­gung ander­seits gemeint. Schon gegen Ros­tock fiel auf, dass der VfB sein aggres­si­ves Anlau­fen mit­un­ter mit lan­gen Bäl­len hin­ter die eige­ne letz­te Ket­te bezahl­te,  die aber gegen einen Dritt­li­gis­ten noch gut zu ver­tei­di­gen waren. Gegen die Bay­ern flog einem die eige­ne Spiel­wei­se hin­tenraus kom­plett um die Ohren und auch gegen Köln muss­ten wir eini­ge Groß­chan­cen des Geg­ners über­ste­hen, bevor Prö­mel dem Spiel eine ande­re Wen­dung gab. Sta­van­ger, qua­li­ta­tiv irgend­wo zwi­schen den Bay­ern und Köln anzu­sie­deln — wenn auch natür­lich näher an Köln -, nutz­te den Platz, den ins­be­son­de­re Ange­lo Stil­ler und Gri­scha Prö­mel im Zen­trum lie­ßen und die Fahr­läs­sig­keit des VfB viel häu­fi­ger, als einem lieb sein konn­te. Vor allem beim post­wen­den­den Aus­gleich, der so nie fal­len darf.

Und das nicht nur wegen der hohen Posi­tio­nie­rung, son­dern auch wegen der Sorg­lo­sig­keit, mit der der VfB in die­ser Situa­ti­on einen eigent­lich harm­lo­sen Ball ver­tän­del­te. Exem­pla­risch auch Chris Füh­rich, der nach einer ver­pass­ten Chan­ce den Befrei­ungs­schlag der Nor­we­ger im Aus wähn­te und anfing zu lamen­tie­ren, wäh­rend sein Gegen­spie­ler in sei­nem Rücken den Ball von der Sei­ten­aus­li­nie kratz­te. Oder Deniz Undav, der einen Ball im Mit­tel­feld mit einem lan­gen Schlag zu sei­nem Tor­wart klä­ren woll­te, was man bes­ten­falls als opti­mis­tisch bezeich­nen kann. Der VfB ver­lor immer wie­der Zwei­kämp­fe im Mit­tel­feld, war schlecht posi­tio­niert oder sprang mit wag­hal­si­gen Aktio­nen am Ball vor­bei. Natür­lich reicht am Ende die indi­vi­du­el­le Qua­li­tät trotz­dem für einen Sieg. Aber so unkon­zen­triert kann man nicht in ein Cham­pi­ons-League-Spiel gehen. Qua­li­ta­tiv hat die Mann­schaft noch­mal einen Schritt nach vor­ne gemacht, was die Ein­stel­lung gegen offen­sicht­lich spie­le­risch unter­le­ge­ne Mann­schaf­ten angeht, tre­ten wir ein wenig auf der Stel­le. Hier gilt es, die Balan­ce zwi­schen dem Ver­trau­en in die eige­ne Qua­li­tät und der not­wen­di­gen Ernst­haf­tig­keit zu fin­den.

Zeit zu lernen

Im bes­ten Fall lernt der VfB aus die­ser Par­tie, genau die­se Balan­ce zwi­schen Offen­si­ve und Defen­si­ve, zwi­schen Selbst­ver­trau­en und Über­heb­lich­keit zu fin­den. Schließ­lich ist die Sai­son noch lang und erfah­rungs­ge­mäß tre­ten wir gegen stär­ke­re Geg­ner auch anders auf. Etwas ande­res kön­nen wir uns inter­na­tio­nal auch nicht erlau­ben.

Titel­bild: © Adam Pretty/Getty Images

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.