…und der VfB machte in Mainz erneut einen zu viel, um im Kampf um die Champions-League-Teilnahme seinen Vorsprung zu halten.
Aber vielleicht bestand der Fehler nicht explizit in Alexander Nübels Spielaufbau ins eigene Tor aus, sondern vielmehr in der Annahme der Mannschaft im Brustring, man könne es nach dem dominanten 4:0‑Heimsieg gegen Wolfsburg etwas ruhiger angehen lassen und werde sich schon allein wegen der eigenen Qualität beim Abstiegskandidaten aus Rheinhessen durchsetzen. Wie schon in Heidenheim, wie schon bei St. Pauli ließ sich die Mannschaft von der Intensität des ums sportliche Überleben kämpfenden Gegners geradezu düpieren und hatte es letztlich der Qualität ihrer Einzelspieler zu verdanken, dass man in diesen drei Spielen “nur” sieben und nicht neun Punkte liegenließ. Auch den Punktgewinn in Mainz muss man angesichts von weniger als einem erwarteten Tor als glücklich bezeichnen, vor allem wenn man mit einberechnet, dass die Hausherren einen weiteren haarsträubenden Abwehrpatzer nicht ausnutzten, sondern erst einen VfB-Spieler und dann den Pfosten anschossen.
So richtig erklären lässt sich diese (Nach-)Lässigkeit bei Gastspielen im Tabellenkeller in den letzten Wochen nicht erklären. Sicher: Mainz ist wesentlich stabiler unterwegs als Wolfsburg. Dennoch: Ohne die Gedankenlosigkeit gerade in der ersten Hälfte hätte Deniz Undav und Ermedin Demirovic ihre Tore wahrscheinlich trotzdem gemacht und damit das Spiel für den VfB entschieden. Denn die Tore fielen ja, obwohl der VfB den Mainzern — wie auch schon den Heidenheimern und den St. Paulianern — das perfekte Geschenk machte: Ein Tor vor eigenem Publikum, dass sie fortan nur noch verteidigen mussten. Dass ihnen das am Ende nicht gelang, liegt neben der Qualität unserer Stürmer natürlich auch daran, dass zwar Urs Fischer an der Seitenlinie stand, die Nullfünfer aber in dieser Verfassung — und mit diesen Ausfällen — nicht das Union Berlin aus Fischers Vergangenheit war. Während Union uns unter ihm jahrelang mit nervtötend knappen Siegen malträtierte, reichte uns in Mainz eine knappe unachtsame Minute der Heimmannschaft — und das Spiele hätte dennoch für uns laufen können.
Das Polster schwindet
Es war aber ein sehr dreckiger Sieg, den Danny da Costa mit seinem Kopfball in der Nachspielzeit verhinderte. Dass der VfB erneut einen hohen Ball am eigenen Fünfer nicht verteidigen kann, obwohl die Mainzer sowohl bei Flanken als auch bei gewonnenen Kopfballduellen die Liga anführen, zeugt auch nicht gerade von der richtigen Herangehensweise an dieses Spiel. Es ist zu hoffen, dass die Einstellungsprobleme, die die Mannschaft in der ersten Halbzeit offenbarte, intern deutlicher angesprochen werden, als vor den Mikrofonen, wo von einem “gerechten Ergebnis”, einem “wilden Spiel” und einem “bitteren Ausgleich” die Rede war. Natürlich ist das alles immer noch Klagen auf einem hohen Niveau, wenn wir auch nach dem 25. Spieltag noch auf Platz 4 stehen. Wir gehen jetzt allerdings in die letzten neun Saisonspiele mit einem erheblich kleineren Polster als möglich.
Denn jetzt kommt zunächst der direkte und punktgleiche Konkurrent aus Leipzig nach Bad Cannstatt, nach der Länderspielpause warten noch Spiele gegen Dortmund und in München, gegen Leverkusen und in Frankfurt. Auf die immerhin, auf Platz 7 stehend, beträgt der Vorsprung weiterhin zwölf Punkte und damit steigt auch von Woche zu Woche die Wahrscheinlichkeit, dass die Reise durch Europa im Herbst dieses Jahres weitergeht. Von mir aus auch gerne in der Europa League, wo die Gegner aus meiner Sicht nicht nur sportlich, sondern auch was Auswärtsfahrten angeht, attraktiver sind. Zur Not auch in der Conference League, wo man dann noch mehr als in dieser Saison die Chance hätte, weit zu kommen. Gleichzeitig muss uns aber klar sein, dass die Königsklasse nicht nur finanziell, sondern auch personell einen Unterschied machen wird für die kommende Saison. Immerhin: Diejenigen, die dort nächste Saison auflaufen wollen, haben es selber in der Hand, den VfB dorthin zu bringen.
Zum Weiterlesen: Der Vertikalpass findet: “Dem tief stehenden Gegner mit einer gewissen Überheblichkeit, viel nutzlosem Ballbesitz, einer hoch stehenden Abwehr und verheerenden individuellen Fehlern zu begegnen, ist keine gute Idee.”
Titelbild: © Neil Baynes/Getty Images