Die Kurve gekriegt

Gegen Uni­on Ber­lin lässt der VfB am Frei­tag­abend auf eine grau­en­haf­te Halb­zeit eine rich­ti­ge Ener­gie­leis­tung fol­gen und holt am Ende einen wich­ti­gen Heim­sieg. Für den Erfolg kam dies­mal eini­ges zusam­men.

Was ist am unwahr­schein­lichs­ten: Dass der VfB einen 0:2‑Rückstand nach 50 Minu­ten noch in einen Sieg dreht? Dass Ata­kan Kara­zor ein Bun­des­li­ga-Tor schießt? Oder dass Nick Wol­te­ma­de einen Dop­pel­pack schnürt? Wahr­schein­lich kann man sich das Erst­ge­nann­te noch am ehes­ten vor­stel­len, dafür muss­ten aber am Frei­tag­abend die ande­ren bei­den Sachen auch gesche­hen. Kara­zors Pre­mie­ren­tor in der Bun­des­li­ga wur­de dabei durch einen kapi­ta­len Bock von Fre­de­rik R∅nnow begüns­tigt, den er gedan­ken­schnell aus­nutz­te. Dass Nick Wol­te­ma­de Tore schie­ßen kann, hat­te sich zuletzt schon abge­zeich­net. Mit wel­cher Tech­nik und wel­chem Stel­lungs­spiel er aber die zuvor für die Angriffs­be­mü­hun­gen des VfB zu eng gestaf­fel­te Uni­on-Abwehr über­wand, dürf­te jeden über­rascht haben. Wie­der ein­mal zeig­te sich an die­sem Abend: Der VfB kommt (fast) immer zurück und er kann sich auf einen rela­tiv brei­ten Kader ver­las­sen, in dem ein Stür­mer, wenn nötig, ein­fach mal sei­nen zwei­ten Bun­des­li­ga-Dop­pel­pack in sei­ner jun­gen Kar­rie­re schnürt.

Was aber in die­sem Spiel auch deut­lich wur­de: Der VfB fällt aktu­ell häu­fi­ger Mal in eine Art Mat­a­raz­zo-End­pha­sen-Star­re zurück. Zum Beginn der vor­ver­gan­ge­nen Sai­son funk­tio­nier­te ja wirk­lich über­haupt nichts mehr und so war es auch dies­mal vor dem Sei­ten­wech­sel. Die Brust­ring­trä­ger agier­ten hin­ten fahr­läs­sig und unkon­zen­triert und hat­ten vor­ne außer einem Steck­pass auf Demi­ro­vic, den die­ser aus schwie­ri­ger Posi­ti­on nicht ver­wer­ten konn­te, kei­ne Ideen. Das hat­te auch viel mit der rech­ten Außen­bahn zu tun: Josha Vagno­man war als offen­si­ver Außen­spie­ler völ­lig unsicht­bar, wäh­rend Leo Ster­giou und Antho­ny Rou­ault defen­siv nicht die größ­te Sta­bi­li­tät aus­strahl­ten. Beim 0:1 kam dann alles zusam­men: Ein nicht unter­bun­de­ner Pass auf den völ­lig frei­en Andras Schä­fer, von dem Chris Füh­rich und Ster­giou viel zu viel Abstand hiel­ten. In der Mit­te Anrie Cha­se mit einem sehr wil­den Stel­lungs­spiel und schluss­end­lich ein Alex Nübel, der den Ball schein­bar fan­gen statt faus­ten woll­te und dabei das eige­ne Gleich­ge­wicht über­schätz­te — und auch in der Fol­ge etwas unsi­cher wirk­te.

Spielprinzip Kacktor

Der VfB mach­te also das, was er in der Ver­gan­gen­heit schon regel­mä­ßig gegen Uni­on Ber­lin falsch gemacht hat­te: Ein Kack­tor kas­sie­ren und sich dann an einer Mann­schaft, deren ein­zi­ges Ziel eben­je­nes Kack­tor war, die Zäh­ne aus­bei­ßen. Ein Spiel, wel­ches einem wie damals fast schon kör­per­li­che Schmer­zen berei­tet, weil die Mann­schaft ein­fach kom­plett hilf­los wirkt, wäh­rend sich der Geg­ner dar­auf beschränkt, Päs­se abzu­fan­gen und schnel­le Kon­ter ein­zu­lei­ten. Was wie­der­um die Fra­ge auf­wirft, ob wir Uni­on in der ers­ten Halb­zeit stär­ker mach­ten, als sie eigent­lich sind, oder ob die Ber­li­ner ein­fach nach der eige­nen Füh­rung kom­plett die Kon­trol­le ver­lo­ren. Oder viel­leicht lag es ein­fach an Nick Wol­te­ma­de. Der kam zur Pau­se für den glück­lo­sen Ster­giou, wodurch Vagno­man wie­der auf die Rechts­ver­tei­di­ger-Posi­ti­on rück­te. Mit Wol­te­ma­des Ball­kon­trol­le, aber auch sei­nem Lauf­spiel kamen die Gäs­te über­haupt nicht zurecht und inner­halb von zehn Minu­ten nach dem schein­bar vor­ent­schei­den­den 0:2 hat­te er das Spiel wie­der aus­ge­gli­chen.

Mit so vie­len Gegen­to­ren kam Uni­on, die zwar erst zehn Tore geschos­sen, aber auch erst elf kas­siert hat­ten, offen­bar nicht klar. Die zwei­te Halb­zeit war ein kom­plett offe­nes Spiel, in dem der VfB die Gäs­te zeit­wei­se über­rann­te, aller­dings auf der ande­ren Sei­te auch Chan­cen zuließ. Wie blank die Ner­ven bei den Köpe­ni­ckern zeit­wei­se lagen, zeig­te sich an den den Reak­tio­nen auf die Schwal­be von Ver­tes­sen, die zahl­rei­che gel­be Kar­ten nach sich zogen. Dass der Sieg­tref­fer dann aus einem Tor­wart­feh­ler resul­tier­te, pass­te zu die­sem wil­den Spiel. Erneut hat­te der VfB gegen eine tabel­la­risch ähn­lich situ­ier­te Mann­schaft am Ende sei­ne indi­vi­du­el­le Qua­li­tät auf den Platz gebracht und am Ende min­des­tens genau so viel, oder in die­sem Fall ein Tor mehr geschos­sen als der Geg­ner.

Gegentore als Hypothek

Mit­un­ter hieß es nach dem Sieg in Regens­burg, die dort stre­cken­wei­se gezeig­te Leis­tung wür­de gegen Uni­on nicht rei­chen. Ganz wider­spre­chen kann man die­sen Stim­men nicht, denn ent­we­der war die Mann­schaft von Beginn an bereit, es mit die­sem anstren­gen­den Geg­ner auf­zu­neh­men, aber konn­te es nicht umset­zen. Oder sie war ernst­haft über­rascht davon, dass Uni­on spielt wie Uni­on. Die vie­len Gegen­to­re wer­den jedoch zuneh­mend zu einer Hypo­thek. Gegen Bre­men und Frank­furt wäre wesent­lich mehr drin gewe­sen, wäre man hin­ten nicht der­art offen — von Bel­grad will ich gar nicht spre­chen. Und das liegt nicht nur an ein­zel­nen Spie­lern, die für sich genom­men kei­ne kata­stro­pha­le Leis­tung über 90 Minu­ten zei­gen. Viel mehr gelingt es der Mann­schaft im Kol­lek­tiv nicht, Tore nach Flan­ken oder Ecken wie die von Doekhi, Njin­mah, Stage oder Eki­ti­ké zu ver­hin­dern. Ent­we­der ist es das Stel­lungs­spiel, oder die Erschöp­fung. Das eine kann man trai­nie­ren, das ande­re muss man aus­hal­ten oder raus­ro­tie­ren.

Unterm Strich hat die Mann­schaft aber — mal wie­der — die Kur­ve gekriegt und den viel­leicht wich­tigs­ten Sieg die­ser anstren­gen­den Hin­run­de gelan­det. Viel­leicht ist es zu weit gegrif­fen, die­ses Spiel mit dem glei­chen Ergeb­nis gegen Ham­burg damals in der zwei­ten Liga zu ver­glei­chen, weil Uni­on kein direk­ter Kon­kur­rent um die ers­ten drei Tabel­len­plät­ze ist. Aber ein sol­cher gemein­schaft­li­cher Erfolg, den Kara­zor mit sei­nem Jubel mit der Bank ver­deut­li­chen woll­te, könn­te noch­mal eine Initi­al­zün­dung für den Jah­res­ab­schluss gegen Bern, Hei­den­heim und St. Pau­li wer­den. Am Mitt­woch wird man sich jeden­falls eine sol­che ers­te Hälf­te nicht leis­ten kön­nen, das haben die bis­he­ri­gen Cham­pi­ons League-Spie­le gezeigt. Zwi­schen Hei­den­heim und St. Pau­li hat die Mann­schaft dann immer­hin mal Zeit zum trai­nie­ren und even­tu­ell auch Jamie Lewe­ling und Deniz Undav wie­der an Bord. Sieht doch alles schon wie­der etwas freund­li­cher aus als am Frei­tag­abend um 21.15 Uhr.

Zum Abschluss noch gute Bes­se­rung an den reani­mier­ten Uni­on-Fan!

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass umdrib­belt das Niko­laus-Wort­spiel und fei­ert den Tech-Nick, Stuttgart.international kennt da nix und preist Sankt Nicko­laus.

Titel­bild: © Sebas­ti­an Widmann/Getty Images

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