Einfach mal die Klappe halten

Kevin Großkreutz ist seit Freitag nicht mehr Spieler des VfB Stuttgart. Über die Begleitumstände und die Gründe wird seit knapp einer Woche geredet. Zu viel.

Es war uns natürlich allen klar, dass Kevin Großkreutz im Gegensatz zu anderen VfB-Spielern einen Bekanntheitsgrad hat, der über die Stuttgarter Medien und die im Sportteil einer jeden Zeitung für die 2. Liga reservierten Teil hinausgeht. Es darf also keinen wundern, dass so ziemlich jeder eine Meinung zu seiner Vertragsauflösung hat, nicht nur VfB-Fans. Als hätte der VfB, auf Platz eins stehend, den Spielbetrieb eingestellt, gab es in der vergangenen Woche kein anderes Thema.

Viel Meinung, wenig Ahnung

Eigentlich wollte ich dazu gar nichts schreiben, sondern mir meine Einschätzung für unsere nächste Podcast-Folge aufheben. Aber spätestens seit Freitag mittag, aber eigentlich schon seit Dienstag morgen ist Blödsinn in einem solchen Maße verzapft worden, dass er nicht unwidersprochen bleiben kann. Es hat wahrscheinlich nichts mit der heutigen Zeit und “alternativen Fakten” zu tun, denn Menschen haben sich schon immer ihr Urteil gebildet, ohne dass sie, oder gerade weil sie nicht alle Hintergründe über einen Sachverhalten kannten.

Seit so ziemlich jeder zumindest potenziell Zugang zu Facebook und Twitter hat, hat sich dieses Verhalten scheinbar verstärkt, weil es sichtbarer geworden ist. Gedanken, die man sich früher im Stillen gemacht hat, teilt man jetzt eben mit der ganzen Welt. Soziale Netzwerke haben uns alle nicht nur zu Empfängern von Informationen gemacht, sondern auch zu Sendern. Wie schön, dass es da noch die klassischen Sender wie Zeitungen und Radiosender gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Informationsfluss, der auf uns einströmt, zu filtern und einzuordnen. Schade, wenn dabei auch Blödsinn bei raus kommt.

Zu wenig Fakten für eine Meinung

Halten wir mal fest, was wir auch nach knapp einer Woche wissen: Kevin Großkreutz war in der Nacht von Montag von Dienstag in Stuttgart unterwegs. Dabei geriet er in eine Schlägerei und wurde ziemlich übel verletzt. Am Freitag hat der VfB, nachdem er sich über die weiteren Vorkommnisse der Nacht hat aufklären lassen, den Vertrag mit Großkreutz einvernehmlich aufgelöst. Kevin Großkreutz hat sich nach der Auflösung auf der Pressekonferenz unter Tränen bei Familie, Verein und Fans entschuldigt und darum gebeten, ihm jetzt erstmal ein wenig Privatsphäre zu gewähren. Eine verständliche Bitte.

Darum, ob der Rauswurf, denn darauf läuft es ja trotz allem hinaus, gerechtfertigt ist, soll es hier deshalb auch nicht gehen. Denn: Mir fehlen schlichtweg die Informationen, um dies bewerten zu können. Ja, es ist manchmal schwer auszuhalten, wenn man zu etwas keine qualifizierte Meinung haben kann, weil einem die Fakten fehlen. Auf der anderen Seite aber auch nicht. Eigentlich ist es nur traurig, dass die Zeit eines Spielers beim VfB so endet. Damit meine ich zum einen die vorzeitige Vertragsauflösung als “disziplinarische” Maßnahme. Aber auch mit der medialen und öffentlichen Begleitmusik.

Von Schubladen, Äpfeln und Birnen

Das begann schon am Dienstag, als man nur wusste, dass Großkreutz in Begleitung Minderjähriger unterwegs gewesen und nach einer Schlägerei im Krankenhaus gelandet war. Niemand wusste, ob Großkreutz Provokateur oder Opfer der Schlägerei war. Trotzdem waren sich nicht nur Facebook-Nutzer, sondern auch die Medien nicht zu schade, die Schublade “Unruhestifter” aufzuziehen, Großkreutz hinein zu stopfen und wieder zuzuschieben. Da wurde einfach die geistige Abkürzung genommen und Sachen vermischt, die nichts miteinander zu tun hatten. Gregor Preiß schrieb in den Stuttgarter Nachrichten einen eigentlich sehr ausgewogenen Artikel, konnte aber nicht umhin, im letzten Absatz wieder alte Geschichten aufzuwärmen.

Mal ganz ehrlich: Was haben Vorfälle aus dem Frühsommer 2014, als Großkreutz sich noch nicht mal Weltmeister nennen dürfte und noch in schwarz-gelb auflief, mit seiner Zeit beim VfB zu tun? Weil er sich damals an unpassender Stelle erleichtert hat und einen Döner nach jemandem geworfen hat (oh nein, wie schlimm!) wird er bestimmt auch knapp drei Jahre später an einer Schlägerei Schuld sein, wegen der er im Krankenhaus landet? Nicht, dass er nicht selber schuld ist an den Vorurteilen, die genannten Vorfälle hat er sich schon selber zuzuschreiben. Aber kann man nicht auch einfach mal nicht in den Reflex verfallen, Äpfel mit Birnen zu vergleichen und zu vorschnellen Schlüssen zu springen? Aber Nicht-Wissen ist eben schwer auszuhalten.

Nichts genaues weiß man nicht

Und so blieb man auch den Rest der Woche im Dunkeln, größtenteils zumindest. Wenn es um Fußballer und Skandale geht, ist natürlich auch das untere Ende der Anstands- und Niveauskala nicht weit und präsentierte unter den vier Buchstaben erschreckende – private – Bilder aus dem Krankenhaus, die sie von einem nicht weniger aufmerksamkeitsheischenden Newsportal übernommen hatten. Der SWR entblödete sich sogar zu der Annahme, Großkreutz habe die Fotos selber in eine Facebook-Gruppe gestellt.

Überhaupt, Facebook. Genauer gesagt die Gruppen, in denen sich VfB-Fans zusammen schließen. Hier wurde die ganze Woche wild spekuliert und diskutiert, aber was dort seit der Pressekonferenz am Freitag mittag teilweise abgeht, entbehrt jeglicher Beschreibung. Obwohl immer noch niemand genau weiß, was in jener Nacht genau vorgefallen ist und den VfB dazu veranlasst hat, diese Maßnahme zu ergreifen, weiß auf einmal jeder Bescheid. Da wird zu Solidaritätsbekundungen im Stadion aufgerufen, da werden Petitionen gestartet und die Vereinsführung, namentlich Jan Schindelmeiser zum Teufel gewünscht.

Meinung muss sein

Der, das muss man an dieser Stelle einmal festhalten, sich am Freitag meiner Meinung nach vorbildlich verhalten hat in einer Situation, die mit Sicherheit nicht einfach ist. Ob man die Maßnahme des VfB nun für gerechtfertigt hält oder nicht, eines kann man dem Verein nicht vorwerfen: einen Mangel an Professionalität und Menschlichkeit. Im Gegensatz zu jenen, die den Dönerwurf aus dem Archiv kramten, galt für die Verantwortlichen zunächst die Unschuldsvermutung, nur wenig drang bis Freitag morgen nach außen.

Das hinderte Gerhard Pfisterer in den Stuttgarter Nachrichten nicht daran, bereits bevor die Öffentlichkeit in der Pressekonferenz erfahren sollte, dass sie keine Details erfährt, einen Kommentar zur Entscheidung des VfB abzugeben. Sicherlich, man wusste schon vorher Bescheid und vielleicht auch detaillierter. Aber dennoch etwas merkwürdig, einen Sachverhalt zu kommentieren, bevor er offiziell bestätigt wird. Aber er war nicht der einzige, der eine Meinung zur Entscheidung des VfB hatte. Weil, wie gesagt, man kennt, offiziell keine Details, aber eine Meinung muss man ja haben.

Der FC Bayern als Vorbild?!

Den Vogel schoss dabei eine andere Zeitung mit vier Buchstaben aus dem gleichen Verlagshaus ab. Der Kommentar von Lutz Wöckener in der Welt treibt das Vermischen von komplett unterschiedlichen Sachverhalten auf eine neue Spitze:

Dass Großkreutz gehen muss, dokumentiert einmal mehr die Scheinheiligkeit der Branche Profifußball. Einer Welt, in der als Lausbub gilt, wer jahrelang ohne Führerschein mit Hunderten PS unter dem Hintern über die Straßen brettert. Den Stars werden Fehltritte verziehen, Strafdelikte hingenommen. Erpressung eines Mitspielers oder häusliche Gewalt können dem Heldenstatus allenfalls ein paar kleine Kratzer verleihen. Selbst Sex mit minderjährigen Prostituierten scheint als Kavaliersdelikt durchzugehen. Aber Oberstufenparty mit Minderjährigen – das geht nun wirklich nicht.

Man könnte sagen: Dem Volk auf’s Maul geschaut. Denn auch in den sozialen Netzen hatte man schnell ein Vergleichsmuster gefunden: Den FC Bayern und seine Angestellten Hoeneß, Rummenigge und Ribery. Bei Rummenigge und Hoeneß kommen wir schon gleich zum nächsten Problem: Mag sein, dass Großkreutz bei vielen Fans sehr beliebt war. Eine Vereinslegende ist er aber in den 14 Monaten im roten Brustring nicht geworden, anders als es diese beiden Herren an der Säbener Straße sind. Und wenn schon: Ist die Tatsache, dass der FC Bayern diese Menschen beschäftigt etwas, worauf man stolz sein kann und um das wir die Münchner beneiden sollten?

Wöckener weiß doch überhaupt nicht, ob das, was Großkreutz sich hat zu Schulden kommen lassen, schlimmer ist als Reus’ Fahrten ohne Führerschein. Und so gilt der VfB bei manchen als Projektionsfläche für alles, was verachtenswert ist am Fußball unserer Tage. Da wird Großkreutz zum letzten authentischen Fußballer hochstilisiert, so als lebten alle anderen Fußballprofis in einer abgehobenen, watteweichen Promiblase und nur Großkreutz sei von den Göttern zu uns hinab gestiegen.

Mit dem Nichtwissen umgehen lernen

Es ehrt die Leute, die beim nächsten Heimspiel die Kurve dazu bringen wollen, in der 19. Minute seinen Namen anzustimmen ja, dass sie sich Gedanken um ihn machen. Auch mich hat sein Statement am Freitag nachdenklich gemacht. Abgesehen von der öffentlichen Wahrnehmung wird er auch im Privaten an seiner Situation zu knabbern haben und sein Tränen haben verdeutlicht, was wir eigentlich schon wussten: Das Fußballprofis auch nur Menschen mit Emotionen und nicht nur immer Marketing-Produkte sind. Alle.

Die Situation ist für keinen der Beteiligten schön und sie wird nicht besser, wenn man sich, wie die bereits erwähnte Vier-Buchstaben-Zeitung, jetzt in dreckigen Details suhlt, um Großkreutz der Auflage zuliebe noch das bisschen Würde zu nehmen, dass der Verein und er sich mit der Verpflichtung zur Verschwiegenheit erhalten haben. Sie wird auch nicht besser, wenn man die Tatsache, dass Großkreutz der Vertragsauflösung zugestimmt hat und Abstand vom Fußball gewinnen will, einfach wegignoriert und komplette Schnapsideen ins Internet setzt, um ihn “zurück zu holen”, weil man “pro Fischkreutz” ist.

Für uns alle, für die Mannschaft, den Verein, uns Fans und auch für Großkreutz selber wird es vor allem dann besser, wenn man ihn jetzt in Ruhe lässt und sich auf das anstehende Spiel in Braunschweig konzentriert. Was passiert ist, ist passiert und wir wissen nicht warum. Wir sollten endlich anfangen zu lernen, damit umzugehen. Und im Zweifel lieber einmal zuviel die Klappe halten.

Übrigens: Explizit ausnehmen von dieser Forderung möchte ich Heinz Kamke, den Vertikalpass, Martin, Frank, Ute und Benni, die alle sehr kluge Texte zu diesem Thema geschrieben haben.

Lennart kommt aus der Nähe von Kassel, lebt mittlerweile in Darmstadt und ist seit den späten 90ern, etwa seit dem Pokalsieg 1997, treu ergebener Fan des roten Brustrings. In weiser Voraussicht kaufte er sich im Sommer 2006 ein Trikot von Fernando Meira. Seit 2005 ist er auch VfB-Mitglied, seit 2006 ist er Mitglied des offiziellen Fanclubs VfB-Supporters Hessen, außerdem Besitzer einer Heim- und Auswärtsdauerkarte. Auf Twitter findet Ihr ihn unter @l_sauerwald.

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