In Leverkusen knüpft der VfB wieder an die Mentalität des Atlético-Spiels an, beweist aber mehr Effizienz vor dem Tor. Und auch sonst macht die Mannschaft alles richtig, was sie zuletzt falsch gemacht hat — vor allem, was die Mentalität angeht.
Vom Kryptonit zum Lieblingsgegner — so könnte man das Verhältnis von Bayer Leverkusen zum VfB eigentlich ganz gut beschreiben. Während wir die Mannschaft von Xabi Alonso auf dem Weg zum Double weder im Pokal noch in der Liga und auch nicht im anschließenden Supercup bezwingen konnten — alles unter gütiger Mithilfe der in die unschlagbaren Leverkusener geradezu verliebten DFB-Schiedsrichter — hat sich seit dem bitteren 3:4 im März 2025 das Blatt gewendet: Erst düpierte der VfB die Leverkusener im heimischen Stadion, dann schubste er sie im Rückspiel aus den Champions-League-Plätzen. Und jetzt diese Demonstration. Der Konzentration. Der Kaltschnäuzigkeit. Des Vertrauens in die eigenen Stärken. Und vor allem der körperlichen Härte. Die Schlüsselszene des Spiels am Samstagnachmittag war nicht etwa Bilal El Khannouss sehenswerter Schlenzer oder eines der beiden Tore von Ermedin Demirovics Doppelpack. Nein, es war die Rudelbildung kurz vor der Pause, als die Elf mit dem Brustring zeigte, dass sie sich von den Gastgebern nicht wie in der Vergangenheit würde rumschubsen lassen.
Denn diese Härte, die damals wie am Samstag natürlich völlig im Rahmen war, sieht man mal von Bonifaces infantilem Stinkefinger im Supercup ab, war es ja, die die Leverkusener uns diesmal voraus hatten. Am Samstagabend hingegen beschwerte man sich bei den Rheinländern lieber über die lange Leine — und die fehlende Kommunikationsbereitschaft — des Unparteiischen. Nicht immer ganz zu unrecht, unterm Strich verschluckte sich Bayer aber an der — pardon, ich bringe ihn jetzt zum letzten Mal — eigenen Medizin. Durch die Stuttgarter Grätschen oder Rempler wie den von Demirovic in den ersten Sekunden angeknockt, gaben ihnen die vier Wirkungstreffer den Rest. Dass man als VfB-Fan mittlerweile wieder bei einer 4:1‑Führung kurz vor Schluss um die drei Punkte zittert — geschenkt. Aber nüchtern betrachtet legte der VfB immer dann nach, als Leverkusen drohte, wieder gefährlich zu werden. Das war aber nur bei zwei Kopfbällen nach Flanken der Fall, worüber man an anderer Stelle auch nochmal reden müsste, ansonsten hatten Chabot und Co die Gastgeber im Griff, die ja gerade mit Patrik Schick immer für ein paar Tore gut sind.‘Auf der anderen Seite kompensierte Deniz Undav sein immer noch leeres Torekonto mit messerscharfen Pässen durch Leverkusener Hintermannschaft und Ermedin Demirovic machte das, was er am Besten kann: Die Kugel über die Linie drücken.
Noch besser als gegen Atlético?
Dass der VfB dieses Spiel gewann und wie er es gewann, ist auf verschiedenen Ebenen bemerkenswert. Denn nach dem desolaten Heim-Auftritt in der Vorwoche und dem rumpeligen Pokalspiel gegen eine Paderborner B‑Elf unter der Woche wäre ich in Leverkusen schon mit einem Unentschieden zufrieden gewesen — wohlwissend, dass uns das tabellarisch nicht weiter gebracht hätte. Zu niedrig war mein Vertrauen in die Mannschaft geworden, die gegen Gladbach überheblich und in Paderborn zu Beginn verängstigt auftrat. Die Reaktion, die von allen Seiten angekündigt und von uns schon am Mittwoch erwartet worden war, kam aber am Samstagnachmittag im Rheinland — und stellte sogar das 1:1 gegen Atlético noch ein wenig in den Schatten. Sicherlich, die spanische Mannschaft ist dem Grunde nach noch ein bisschen spielstärker als die Leverkusener. Aber das wenige, was man in der Champions-League-Partie noch bemängeln konnte, machte der VfB diesmal besser: Er war effizienter, konzentrierter und widerstandsfähiger. Sieben Mal schossen die Brustringträger aufs Tor, vier Mal lag der Ball im Netz. Die Gegentore waren zwar auch ärgerlich, ihnen ging aber kein kompletter Blackout der Hintermannschaft voraus, die diesmal auch vor einer größeren Herausforderung stand als gegen den Tabellenletzten.
Vor allem aber zeigte sich der VfB wieder so, wie er spielen kann, wenn man ihn lässt und wenn alle elf Spieler auf dem Platz bis an ihre Grenzen gehen. Dass das in einer Zeit voller englischer Wochen nicht immer geht, ist klar. Aber zumindest auf die leichte Schulter sollte man den Gegner nicht nehmen. Man muss es leider sagen: Mit der Einstellung und der Bissigkeit aus diesem Spiel hätte man auch in Hamburg und gegen Mönchengladbach gewonnen, wenn man denn gewollt hätte. Dass sich die Mannschaft aus dem mentalen Loch, welches das Gladbach-Spiel gerissen hat, wieder im wahrsten Sinne des Wortes herausgekämpft hat, rechne ich ihr hoch an. Dass man, wenn nötig, auch mal an die Grenzen des Erlaubten geht und sich das Spiel nicht aus der Hand nehmen lässt, ist der Schritt, den wir eigentlich schon vor der Saison erwartet haben. Ob die Mannschaft jetzt diesen Schritt weiter ist, wird sich in der kommenden Woche zeigen. In Istanbul wird es gegen Galatasaray vermutlich ebenso herausfordernd wie letzte Saison bei Fenerbahce, gegen Bremen könnte man dann schon wieder als leichter Favorit ins Heimspiel gehen — und kann beweisen, dass der große Kampf in Leverkusen nicht nur die Ausnahme war, sondern zur Regel werden kann.
Zum Weiterlesen: Der Vertikalpass spielt die Halloween-Karte und meint “Das 4:2 gegen die Werkself ist mehr als ein spektakulärer Auswärtssieg. Es ist eine Erinnerung daran, was in dieser Mannschaft steckt, wenn sie ihre Fähigkeiten nicht nur gelegentlich zeigt, sondern sie über 90 Minuten mit der nötigen Haltung verbindet. ”
Titelbild: © Dean Mouhtaropoulos/Getty Images