Die Saison startet endlich mal wieder mit einem Pokalspiel — und der VfB fährt mal wieder nach Rostock. Vor dem Spiel am Freitagabend sprachen wir mit Hansa-Fan und -Blogger Uwe über die Lage an der Ostsee.
Rund um den Brustring: Hallo Uwe und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Das letzte Mal sprachen wir im August 2019, als der VfB zum zweiten Mal in Folge Hansa als Erstrundengegner im Pokal zugelost bekam. Das Spiel am Freitagabend ist das vierte derartige Aufeinandertreffen in den letzten acht Jahren — was hast Du gedacht, als das Los im Juni gezogen wurde?
Uwe: Nicht schon wieder!
Nach drei Jahren in der zweiten Liga stieg der FCH 2024 ab und verpasste in den letzten zwei Jahren auf Platz 5 jeweils den Wiederaufstieg. Woran fehlte es in diesen beiden Spielzeiten und wie siehst Du die Chancen diese Saison?
Beide Spielzeiten wurden durch eine lange Schwächephase mit ausbleibenden Siegen bis Mitte der Hinrunde bestimmt. Den Anschluss an die aufstiegsrelevante Tabellenregion zu finden, war jeweils ein großer, vor allem mentaler Kraftakt, den die Mannschaft mit großem Einsatz und Willen anging. Es gelang letztlich, die Chancen bis zum Finale zu wahren. Die endgültige Entscheidung fiel rein rechnerisch erst am letzten Spieltag. Besonders bitter war das 2024/25, wegen einer Niederlage beim Absteiger Hannover 96 II verpassten wir vor mehr als 8000 Hansafans im Niedersachsenstadion den Sprung auf den Relegationsplatz in letzter Sekunde, obwohl die Konkurrenten „mitspielten“.
In der vergangenen Saison waren die Top3-Plätze lange in „Sichtweite“, ohne wenigstens mal an einem Spieltag einen zu besetzen. Nach ein paar derben Rückschlägen, besonders im eigenen Stadion, kamen wir, als es ernst wurde, nicht mehr so „richtig“ heran. Der Gedanke „wichtig ist die Schlusstabelle“ hatte sich wohl zu tief in manchen Köpfen eingenistet. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist, war die Devise. Für mich allerdings auch, das muss ich zugeben. Zum Glück habe ich nichts zu sagen.
Irritierend ist, wie wenig wir aus unseren erzielten Toren gemacht haben: 74 sind der drittbeste Wert in der Liga. Das reichte für 67 Punkte, Ligameister Osnabrück machte aus 66 Toren sagenhafte 80 Punkte. Wir müssen wohl an der „Verteilung“ arbeiten, so schön 5 Tore in einem Spiel auch manchmal sein können.
Ihr seid spektakulär in die Dritte Liga gestartet und zwar mit einem 3:2 bei Hoffenheim II und einem 3:3 gegen den Waldhof. Wie zufrieden bist Du mit den beiden Auftritten und welche Rückschlüsse lassen die aufs Pokalspiel zu?
Beide Spiele waren gut anzusehen, ein Freund von mir bezeichnete das Spiel gegen Mannheim als „ein 3:3 der besseren Sorte“. Gefallen hat mir, wie die Mannschaft mit Rückschlägen umging, ich hoffe, dass das allen Akteuren in Fleisch und Blut übergeht und schon gegen euch Wirkung zeigt.
Es ist aber natürlich ein anderer Wettbewerb, da lässt sich eher nichts ableiten. Umgekehrt könnte ein guter Auftritt im Pokal natürlich „Rückenwind“ für die Liga geben, von einem Erfolg ganz zu schweigen.
Nach dem Abstieg ersetzte Bernd Hollerbach Mersad Selimbegovic, wurde jedoch nach nur zwei Siegen aus zwölf Spielen durch Daniel Brinkmann ersetzt. Wie zufrieden bist Du mit ihm?
Der Trainer hatte sich nach seinem „Dienstantritt“ schnell ein gutes „Standing“ im Vereinsumfeld erarbeitet, was ihn und das Team auch durch kritische Phasen trug, aber gegen Ende der letzten Rückrunde, als absehbar wurde, dass es wohl nicht für den Aufstieg reichen würde, etwas bröckelte. Die Vereinsführung muss von seiner Arbeit überzeugt sein, sonst wären wir möglicherweise nicht mit ihm in die neue Saison gegangen.
Ich mag ihn, mir gefällt, dass er zunehmend junge Spieler aus dem Hansa-Nachwuchs ins Profiteam integriert und ihnen Einsatzzeiten in Ligaspielen gibt.
Wie lässt er Hansa spielen und wo siehst Du eure Stärken und Schwächen?
Soweit ich das beurteilen kann, aus einer sicheren Defensive (frag mich bitte nicht nach Ketten) mit starkem Pressing, wobei er Wert darauf legt, keine Kontermöglichkeiten anzubieten. Das geht aus meiner Sicht oft zu Lasten der Abschlussfreudigkeit am und im gegnerischen Strafraum.
Beim Blick auf den Kader des FCH fallen VfB-Fans gleich drei Namen von ehemaligen Jugendspielern auf: Abwehrspieler Leon Reichardt sowie die Stürmer David Hummel und Leon Dajaku. Wie läuft es für die drei in Rostock?
Leon Reichardt wurde 2025/26 in der U23 (Oberliga) eingesetzt, in den ersten beiden Spielen der aktuellen Saison war er nicht im Kader, aber vielleicht bekommt er eine Chance im Pokal?
David Hummel war 2025/26 lange verletzt, kam insgesamt auf 16 Einsätze, bei denen er 2 Tore erzielte, für 2026/27 stehen 2 Kurzeinsätze zu Buche
Leon Dajaku wurde gegen Mannheim eingewechselt und gab per Eckball die Vorlage zum 3:3, ganz anständiger Einstand. Ich bin gespannt, wie es mit ihm weitergeht.
Ein weiterer Name, der uns noch aus Zweitliga-Zeiten bekannt ist, ist Andreas Voglsammer, der einst mit Fabian Klos zusammen für Bielefeld stürmte und in den ersten beiden Spielen schon drei Tore geschossen hat. Wie wichtig ist er für die Mannschaft und auf wen müssen wir noch aufpassen?
Da fängt die neue Saison schon mal gut an für ihn, was aber auch nötig ist, da mit Emil Holten ein wichtiger Angreifer und „etatmäßiger“ Vollstrecker verletzt ist. (Solche Bezeichnungen wirken bei uns immer etwas seltsam, nach einem echten „Knipser“ sehne ich mich schon sehr lange, wenn ich so nachdenke, seit dem Abgang von Martin Max (2004) 😊 Da kann sich „Vogi“, wie Trainer und Journalisten ihn nennen, große Verdienste erwerben. Für die Mitspieler ist es schon wichtig, jemanden im Strafraum zu wissen, der „weiß, wo das Tor steht“. (Habt ihr eine Phrasenkasse?)
Ansonsten kann sich der VfB einfach mal überraschen lassen, DEN „Unterschiedsspieler“ sehe ich bei uns aktuell (noch?) nicht.
Es ist ein Weilchen her, seit wir im Ostseestadion waren, zumal das letzte Spiel im September 2020 vor nur 7.500 Zuschauern stattfand. Was hat sich seitdem in Eurem Stadion geändert?

Es gab tatsächlich eine bedeutsame Veränderung, die wird euch auf den ersten, flüchtigen Blick vielleicht nicht auffallen: Die Flutlichtmasten wurden erneuert. Der TÜV hatte 2017 „empfohlen“, die in die Jahre gekommene Anlage (seit 1970) innerhalb der nächsten 8 bis 10 Jahre zu ersetzen. Es war die demokratische Entscheidung der Vereinsmitglieder, dass dabei die vertraute Stadionsilhouette erhalten bleiben muss. Und so wurden die vier Masten vom Frühjahr bis zum Herbst 2025 originalgetreu nachgebaut, ohne dass es zu Einschränkungen im Spielbetrieb oder bei der Stadionkapazität kam. Weil die neuen Masten nacheinander aufgestellt und die alten erst nach Inbetriebnahme der neuen zurückgebaut wurden, verfügte unser Stadion einige Wochen über 8 Masten. Einfach beeindruckend und schön, was in einem mitgliedergeführten Verein möglich ist.
Wir sind sehr stolz darauf, dass unser Verein und seine Partner dieses Mammutprojekt gewagt und erfolgreich umgesetzt haben und so ein Wahrzeichen der Hansestadt Rostock erhalten werden konnte.
Von sechs Pokalspielen in Rostock konnte der VfB nur zwei gewinnen — die letzten beiden. Welche Chancen rechnest Du Euch gegen den Favoriten aus?
Ich denke, der VfB muss schon einen sehr schrägen Tag erwischen und Hansa eine ordentliche Portion Glück haben, wenn das für uns gut ausgehen soll. Dass wir schon im Wettkampfbetrieb stecken, sollte sich angesichts der Qualität eines Bundesliga-Topteams eher nicht als Nachteil für den VfB erweisen.
Zum Abschluss: Dein Tipp für die Hansa-Startelf und das Ergebnis?
Unbehaun – Bohnert, Kölle, Pfanne, Carstens, Wallner – Fatkic, Schuster. Dietze, Krauß – Voglsammer
Ergebnis? Franz Beckenbauer soll mal gesagt haben: „Wer richtig tippt, hat keine Ahnung von Fußball.“ Das würde ich sehr gern unter Beweis stellen: 1:2
Ich werde das Spiel nicht im Ostseestadion sehen können, möchte trotzdem natürlich den Fans, die den VfB nach Rostock begleiten, eine angenehme An- und Rückreise und einen schönen Aufenthalt in der Hansastadt wünschen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Titelbild: © Inaki Esnaola/Getty Images