Wie ein Märchen

Der VfB hat das Wun­der und den direk­ten Klas­sen­er­halt geschafft. Aber wer schreibt bit­te so ein Dreh­buch?


Es gibt nicht vie­le posi­ti­ve Situa­tio­nen bei VfB-Spie­len, die ich im Sta­di­on erlebt habe und die sich mir für immer ins Gedächt­nis gebrannt haben: Cacau in Bie­le­feld. Hil­de­brand gegen Dabrow­ski, Hitzl­sper­ger gegen Cott­bus natür­lich, Gent­ner zum 4:4 im West­fa­len­sta­di­on. In Pader­born war ich lei­der nicht. Und jetzt: Endo gegen Köln. Wobei ich ehr­lich sein muss. Mei­ne Wahr­neh­mung vom Tor ist eine Ecke, mut­maß­lich die letz­te in die­sem Spiel. Dort­mund hat das Spiel gegen Ber­lin gedreht wir brau­chen nur die­ses eine ver­damm­te Tor, das wir schon mehr­fach in die­sem Spiel hät­ten schie­ßen müs­sen. Aber aus­ge­rech­net heu­te erlaubt sich der sonst nicht über­ra­gen­de, aber soli­de Mül­ler einen Pat­zer und der unver­meid­li­che Mode­s­te trifft. Die Kur­ve, nein das gan­ze Neckar­sta­di­on ist heiß­ge­lau­fen in den letz­ten Minu­ten. Jetzt macht ihn doch end­lich rein. Die Ecke kommt, ich seh den Ball nicht mehr und dann sehe ich die Ecke des Tor­net­zes und den Ball in unmit­tel­ba­rer Nähe. Von innen oder von außen? Die­se Fra­ge erüb­rigt sich, als Flo­ri­an Mül­ler vor der Kur­ve eska­liert und alle ande­ren Geräu­sche von einem gefühlt fünf­mi­nü­ti­gen Tor­schrei über­tönt wer­den. Wir haben wirk­lich die­ses Tor gemacht. Also Endo natür­lich, aber wir haben es rein­ge­schrien. Es steht wirk­lich 2:1. Aber Dort­mund läuft noch. 

Als dann nach ein paar, auf Stun­den­län­ge gedehn­ten Minu­ten alle, aber wirk­lich alle Däm­me bra­chen, war mein Blick auf die Situa­ti­on schon etwas kla­rer. Wir haben es wirk­lich geschafft, was ich nach Ber­lin und Wolfs­burg schon für völ­lig uto­pisch, nach dem Punkt in Mün­chen aber wie­der für etwas rea­lis­ti­scher erach­tet hat­te: Kei­ne Rele­ga­ti­on, kein wei­te­res Zit­tern, kein fei­xen­der Tim Wal­ter auf der Pres­se­kon­fe­renz. Ein­fach nur Som­mer­pau­se und die Aus­sicht auf ein wei­te­res Jahr Bun­des­li­ga und vor allem auf mehr finan­zi­el­le und hof­fent­lich auch per­so­nel­le Sta­bi­li­tät. Aber da war vor allem die­ses Gefühl, dass uns — und damit mei­ne ich zuvor­derst uns Fans — end­lich mal wie­der etwas rich­tig gutes wider­fah­ren ist. Kein War­ten auf den Don­ners­tag, kein Ban­gen, kei­ne Trä­nen, son­dern ein­fach nur eine Explo­si­on der Freu­de.

Gerettet

Und vor allem ein Mär­chen. Der gan­ze Nach­mit­tag lief wie ein kit­schi­ge Sport­film. Der VfB lässt von Beginn an sein Herz auf dem Platz, kämpft um wirk­lich jeden Ball, ohne die Angst vor Feh­lern, die uns durch die gan­ze Rück­run­de beglei­tet hat. Und trotz­dem pas­sie­ren Feh­ler: Sasa Kalajd­zic ver­schießt den Elf­me­ter, über Flo­ri­an Mül­ler haben wir schon gespro­chen, Wata­ru Endo ver­gibt, bevor er sich in die Geschichts­bü­cher des Ver­eins schreibt, rei­hen­wei­se bes­te Chan­cen. Aber die Mann­schaft kommt zurück. Kalajd­zic köpft die aus der Para­de sei­nes Elfers resul­tie­ren­den Ecke zum 1:0 ein und aus der Füh­rung des direk­ten Kon­kur­ren­ten wird weni­ge Minu­ten vor dem eige­nen Tor ein Rück­stand. Genau der Rück­stand, den der VfB braucht. Um sich in aller­letz­ter Minu­te in die neue Sai­son zu ret­ten. Ich hat­te es bis zuletzt erhofft, hat­te aber nicht zu glau­ben gewagt; dass es wirk­lich so kommt.

Die Emo­tio­na­li­tät die­ses Nach­mit­tags speist sich natür­lich nicht aus dem Erreich­ten — schließ­lich war der Klas­sen­er­halt das erklär­te Sai­son­ziel und die Vor­aus­set­zung für eine sta­bi­le nähe­re Zukunft des Ver­eins — son­dern viel­mehr aus dem Ver­hin­der­ten: Wir stei­gen nicht zum drit­ten Mal in sechs Jah­ren ab, der Fahr­stuhl ist an unse­rem Stock­werk durch­ge­fah­ren. Wir müs­sen nicht schon wie­der Spie­ler ver­kau­fen, weil wir zweit­klas­sig sind, wir müs­sen nicht einen Sta­di­on­um­bau mit Zweit­li­ga-Ein­nah­men finan­zie­ren, es müs­sen kei­ne Köp­fe rol­len. Und natür­lich aus dem Sai­son­ver­lauf: Um den Jah­res­wech­sel her­um tra­fen wir nicht mal das ver­damm­te Tor, dann die spä­ten Nacken­schlä­ge gegen Bochum und Hof­fen­heim, die spä­ten Glücks­mo­men­te gegen Glad­bach, Uni­on und Augs­burg und dann die rei­hen­wei­se ver­ge­be­nen Chan­cen gegen Mainz und Bie­le­feld, die Angst­läh­mung gegen Her­tha und Wolfs­burg. Auch wenn sie aktu­ell in Mode kom­men, viel­leicht auch wegen pan­de­mie­be­ding­ter Ent­zugs­er­schei­nun­gen: Ich kann den Platz­sturm ver­ste­hen, auch wenn ich sel­ber nicht unten war. War ich auch 2016 und 2017 nicht. Viel­leicht bin ich immer ent­täuscht, dass er mir unter Andro­hung von Punkt­ab­zug ver­wehrt und mit Zäu­nen ver­hin­dert wur­de, als ich noch in dem Alter war und es der Anlass defi­ni­tiv recht­fer­tig­te: am 19. Mai 2007.

Gesprächsbedarf

Ich habe mir die diver­sen Vide­os seit Sams­tag­abend mehr­fach ange­schaut. Die­se unbän­di­ge Freu­de des Teams und des Staffs, wie man heu­te sagt. 2016 waren es Sze­nen, die man in sei­nem eige­nen Sta­di­on nicht sehen müs­sen will, dies­mal kann ich gar nicht genug davon krie­gen. Auch wenn deut­lich wird, dass Platz­stür­me viel von ihrer Unschuld ver­lo­ren haben. Schon 2016 nut­zen Men­schen den qua­si fest­ste­hen­den Abstieg des Ver­eins als Hin­ter­grund­ku­lis­se für ihre nächs­te Insta­gram-Sto­ry. Die auf 1893 pro­gram­mier­te Aus­wech­sel­ta­fel ist natür­lich geni­al. Aber von oben im 35a konn­te man rela­tiv gut beob­ach­ten, wie spon­ta­ne Freu­de in Selbst­dar­stel­lung und Ego­is­mus umschlug. “Ich bin auf dem Rasen, rot­ze­voll, und könn­te die Mann­schaft als ers­tes sehen. Alles ande­re ist mir doch egal.” Sei es drum, man muss die Fes­te wahr­schein­lich fei­ern, wie sie fal­len. Defi­ni­tiv Gesprächs­be­darf besteht hin­ge­gen bei den Ein­satz­plä­nen von Per­so­nen, die an die­sem Tag in und um das Sta­di­on für Sicher­heit sor­gen soll­ten. 

Und auch beim VfB muss nun gere­det wer­den, wenn auch durch den Klas­sen­er­halt in deut­lich ent­spann­te­rer Atmo­sphä­re. Wel­che Fak­to­ren haben dazu geführt, dass wir bis um etwa vier­tel nach fünf auf dem Rele­ga­ti­ons­platz stan­den? Wel­che konn­te man beein­flus­sen und wel­che nicht, gegen wel­che hät­te man sich wapp­nen kön­nen? Klar ist, dass man die Sai­son nicht nur nur vom end­gül­ti­gen Ergeb­nis her betrach­ten darf, son­dern auf des­sen Ent­ste­hung bli­cken muss. Dabei hat kei­ner einen Kar­di­nal­feh­ler began­gen, aber vie­le klei­ne Feh­ler auf und neben dem Platz addier­ten sich zu die­sem Herz­schlag­fi­na­le auf. Des­we­gen ist jetzt auch nicht die Zeit für Recht­ha­be­rei. Denn wes­sen Mei­nung am Ende durch die Macht des Fak­ti­schen bestärkt wer­den wür­de, war abhän­gig von einem Kopf­ball in der Nach­spiel­zeit. 

Ein Fundament

Der VfB kann statt­des­sen mit der Wucht die­ses Spiels ein emo­tio­na­les Fun­da­ment bau­en für eine nähe­re Zukunft, die viel­leicht nicht glor­reich ist, aber zumin­dest weni­ger ner­ven­auf­rei­bend als die letz­ten Jah­re. Viel­leicht wer­den wir ja irgend­wann mal wie­der ein ganz nor­ma­ler Bun­des­li­ga-Ver­ein!

An die­ser Stel­le ein herz­li­ches Dan­ke fürs Lesen unse­rer Vor- und Nach­be­rich­te in die­ser Sai­son, wir hof­fen, ihr habt Euch infor­miert gefühlt und könn­tet Eure Gedan­ken zum VfB in manch einem Text wie­der­fin­den.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass hält in einem ganz wun­der­ba­ren Text fest, dass es Wun­der immer wie­der gibt. Stuttgart.International fei­ert Wata­ru Endo. 

Titel­bild: © Mat­thi­as Hangst/Getty Images

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