Am vierten Spieltag der Champions League tritt der VfB bei Galatasaray an. Vor dem Spiel beim türkischen Meister sprachen wir mit Gala-Fan Dogu.
Rund um den Brustring: Hallo Dogu und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Gala hat die letzten vier Jahre jeweils den Titel geholt und steht schon wieder an der Tabellenspitze. Wie schätzt Du die Chancen auf den fünften Titel in Folge ein?
Dogu: Hallo, sehr gerne! Die Chancen stehen gut. Nach zehn Spieltagen sind wir mit 25 Punkten Tabellenführer, haben die letzten vier Ligaspiele gewonnen und das Derby gegen Fenerbahçe mit 2:1 geholt. Mit Leão und Batrakov sind im Sommer noch zwei Spieler dazugekommen, die ein Spiel allein entscheiden können. Die Saison ist aber lang, und Fener, Trabzonspor und Beşiktaş werden nicht lockerlassen. Fünf Titel in Folge hat in der Türkei noch kein Verein geschafft, und genau das macht diese Saison für uns so besonders. Ich bin optimistisch, aber gefeiert wird erst im Mai.
Bei jeder der vier Meisterschaften lief Fenerbahce, bei denen wir ja vergangene Saison in der Europa League spielten, auf Platz 2 ein. Kann man die Situation mit der in Deutschland vergleichen, wo Bayern und Dortmund dem Rest meist enteilt sind, oder war das eher Zufall, dass beide Mannschaften vier Jahre lang an der Spitze standen?
Zufall ist das nicht, mit Bayern vergleichen lässt es sich aber auch nicht ganz. Galatasaray und Fenerbahçe haben die größten Budgets und landen deshalb fast zwangsläufig oben. Anders als in der Bundesliga bleibt es bei uns aber meistens bis zum Schluss eng. 2024 haben wir mit 102 Punkten gewonnen, Fener hatte 99. In fast jeder anderen Liga wäre das der Titel gewesen. Im April 2026 lagen Galatasaray, Fenerbahçe und Trabzonspor noch innerhalb eines Punktes. Wenn Fener eine Rolle hat, dann eher die von Dortmund: viel Geld, viel Hype, aber der letzte Titel ist von 2014. Und diese Saison mischt sogar Amedspor oben mit.
In der Champions League holte Gala mit dem 4:2 in Lille den ersten Sieg, letzte Saison war im Achtelfinale gegen Liverpool Schluss. Was traust Du Euch in dieser Saison zu?
Der Start mit den Niederlagen bei Sporting und gegen Barcelona war bitter, aber der Sieg in Lille hat uns zurückgebracht. Das Restprogramm spricht für uns: Nach Euch kommen noch Aston Villa und Feyenoord nach Istanbul, auswärts geht es nach Athen und zum Abschluss nach Paris. Letzte Saison sind wir als 20. in die Playoffs gerutscht und haben dann Juventus rausgeworfen, im Hinspiel mit 5:2. Mein Ziel ist wieder das Achtelfinale. Diesmal hoffentlich mit einem Rückspiel, in dem wir nicht so auseinanderfallen wie beim 0:4 an der Anfield Road.
Victor Osimhen hat in der Liga in acht Spielen bereits neun Tore gemacht und drei weitere vorbereitet, international gelang ihm in dieser Saison erst ein Tor. Auf wen müssen wir am Dienstag sonst noch aufpassen?
Erstens auf Rafael Leão: Er ist für 38 Millionen von Milan gekommen, unser teuerster Sommertransfer, und hat in Konya sein erstes Tor für uns gemacht. Im Eins-gegen-eins ist er brandgefährlich. Zweitens auf Aleksei Batrakov, unseren 21-jährigen Zehner, der in Lille und in Konya getroffen hat. Und drittens auf Lucas Torreira: Er ist das Herz unseres Mittelfelds, gewinnt die Zweikämpfe, treibt die anderen an und hat in Lille auch selbst getroffen. Wenn Torreira seinen Tag hat, kommt Ihr im Zentrum kaum durch.
Wo siehst Du die Stärken und Schwächen bei Galatasaray und wie lässt Trainer Okan Buruk seine Mannschaft normalerweise spielen?
Meistens spielen wir ein 4–2‑3–1: Torreira räumt ab, Sara verteilt die Bälle, Batrakov spielt hinter Osimhen, dazu kommen zwei schnelle Flügel. Zu Hause pressen wir früh und drücken den Gegner mit dem Publikum im Rücken hinten rein. Buruk ist aber pragmatisch und hat sich auf Eure Dreier- und Eure Viererkette vorbereitet. Unsere Stärke ist die Offensive: Buruk sagt selbst, er habe vier starke Flügelspieler und könne keinen herausheben. Die Schwäche ist die Abwehr, wir haben in drei CL-Spielen neun Gegentore kassiert. Unsere Außenverteidiger schieben weit vor, und Sallai ist eigentlich gelernter Flügelspieler. Gegen Euer Umschaltspiel wird das der Knackpunkt.
Vor der Saison hieß es, dass Galatasaray an Ermedin Demirovic interessiert sei. Würdest Du, zwei Monate nach Ende der Transferperiode, sagen können, ob er Euch verstärkt hätte?
Das Interesse war ernst: Galatasaray soll bis zu 20 Millionen geboten haben, aber er hat sich für Stuttgart entschieden. Für mich wäre er ein guter Transfer gewesen, gerade als zweiter Stürmer hinter Osimhen, nachdem Icardi gegangen ist. Man darf aber die Ausländerregel nicht vergessen. Unsere Plätze für ausländische Spieler sind mit Osimhen, Leão, Sané, Batrakov und Co. ziemlich ausgereizt, für ihn hätte ein anderer gehen müssen. Dazu kommt, dass Buruk mit einer Spitze spielt. Vier Tore in drei CL-Spielen sprechen trotzdem für sich. Ich hoffe nur, dass er uns heute nicht zeigt, was wir verpasst haben.
Für VfB-Fans ist es wie gesagt die zweite Reise nach Istanbul binnen eines Jahres. Das Şükrü Saracoğlu kennen wir schon, was erwartet uns im Ali Sami Yen?
Vergesst Kadıköy, das hier ist eine ganz andere Liga. Unser Stadion ist ein geschlossener Kessel mit Dach, der Lärm kann nirgendwohin. Hier wurde schon ein Lautstärke-Weltrekord von über 131 Dezibel gemessen. Nicht umsonst heißt es bei uns seit Jahrzehnten „Welcome to Hell“: Das alte Ali Sami Yen hat diese Tradition geprägt, und das neue lebt sie weiter. Über 50.000 Leute singen 90 Minuten durch, das ganze Stadion springt, und jeder Ballbesitz von Euch wird gnadenlos ausgepfiffen. Gänsehaut ist garantiert, auch im Gästeblock. Kleiner Trost für Euch: Den letzten Heimsieg gegen ein deutsches Team haben wir 1992 gefeiert. Die Statistik spricht also für Euch, die Hölle für uns.
Wer fällt denn bei Gala am Dienstag aus?
Niemand. Buruk hat gestern gesagt: „Wir sind komplett und in Form.“ In Konya hat er beim Stand von 4:0 sechs Spieler auf einmal ausgewechselt, um die Stammkräfte für heute zu schonen. Osimhen ist am Spieltag in Konya übrigens Vater geworden, kam mit dem Privatjet nach und hat trotzdem getroffen. Ihr habt da mehr Sorgen, Stiller, Sauer und Vagnoman fehlen.
Dein Tipp für Eure Startelf und das Ergebnis?
Uğurcan – Sallai, Davinson Sánchez, Abdülkerim, Jakobs – Torreira, Sara – Barış Alper, Batrakov, Leão – Osimhen. Mit Yunus, Sané und Gündoğan als Joker auf der Bank sind wir richtig gut aufgestellt. Ein Ergebnis traue ich mich aber nicht zu tippen, für mich ist das Spiel völlig offen. Ihr kommt mit sieben Punkten und dem 4:2 in Leverkusen im Rücken, wir mit vier Ligasiegen in Folge. Ich erwarte Tore auf beiden Seiten, und am Ende entscheidet vielleicht ein einziger Moment, von Osimhen oder von Demirović.
Titelbild: © Ahmad Mora/Getty Images