Nach langen Verhandlungen hat der VfB Mittelstürmer Dženan Pejčinović von Absteiger VfL Wolfsburg losgeeist. Wir haben uns dort und bei seinem ehemaligen Leihverein Fortuna Düsseldorf über ihn erkundigt, stellen Euch den Neuzugang vor und ordnen den Transfer ein.
Es gehört zu den Tücken des Erfolgs, dass Transfers kaum noch geräuschlos über die Bühne gehen. Im vergangenen Sommer bemühte sich Fabian Wohlgemuth lange um PAOKs “Prio-Griechen” Giannis Konstantelias, bevor der zu besseren Bezügen bei seinem schwer bewaffneten Präsidenten unterschrieb und der VfB erst auf den letzten Drücker in Bilal El Khannouss einen Nachfolger für Enzo Millot fand. In dieser Transferperiode drohte der Vereinswechsel von Dženan Pejčinović vom potenten Zweitligisten aus Wolfsburg an den Neckar ähnliche Dimensionen anzunehmen, bis man sich am vergangenen Wochenende, an dem der Spieler beim Zweitliga-Auftakt gegen Kaiserslautern 90 Minuten auf der Bank saß, endlich einigte: Der VfB ersetzt mit einem Jahr Verspätung seinen Mittelstürmer Nick Woltemade durch dessen Nachfolger im Angriff der deutschen U21. Über seine bisherige Karriere in Wolfsburg haben wir mit Michael Theuerkauf von der Wolfsburger Nachrichten gesprochen, über seine einjährige Leihe zu Fortuna Düsseldorf mit Thorsten vom Fanpodcast Gebrabbel Rot Weiß.
Dženan Pejčinović wurde am 15. Februar 2005 in München geboren und spielte zunächst für den Stadtteilverein SC Bajuwaren München, bevor es ihn an die Säbener Straße beziehungsweise den Campus des FC Bayern zog. 2017 wechselte er mit 12 Jahren ins NLZ des FC Augsburg und durchlief dort die weiteren Jugendmannschaften bis zur U17. In seiner letzten Saison dort, der Spielzeit 2021/2022, kam er mit 17 Jahren zudem in der U19 zum Einsatz und bestritt für den Meister der Staffel Süd/Südwest (vor dem viertplatzierten VfB) insgesamt fünf Spiele, davon eins in der Meisterschafts-Endrunde beim Halbfinal-Aus gegen Hertha BSC.
Keiner normaler Wechsel eines Nachwuchsspielers
Zur Saison 2022/2023 wechselte Pejčinović dann in den Nachwuchs des VfL Wolfsburg, unterschrieb aber direkt einen Profivertrag bis 2027. Der Transfer, so Michael, sei im Vergleich zu anderen Transfers von Nachwuchsspielern schon eine Besonderheit gewesen. Zum einen wegen des großen Potentials des Spielers, zum anderen auch wegen der Ablöse von kolportierten 1,25 Millionen Euro, die man aus Niedersachsen gen Bayrisch Schwaben überwies. Für die U19 des VfL lief Pejčinović daraufhin in 17 Spielen auf und erzielte dabei fünf Tore, bei der 1:2‑Niederlage der Wolfsburger gegen Hertha BSC am letzten Bundesliga-Spieltag jener Saison durfte er sogar sein Profidebüt feiern.
Viele Bundesliga-Minuten kamen 2023/2024 jedoch nicht dazu, am Ende waren es 33, verteilt auf vier Spiele. Laut Michael habe ihn ein Ermüdungsbruch im Mittelfuß in jener Saison zurückgeworfen, außerdem sei es für eigene Talente in Wolfsburg damals ohnehin schwierig gewesen, auch wenn die Mannschaft in der Bundesliga lediglich auf Platz 12 landete. Dafür wurde Pejčinović mit 28 Toren in 18 Partien Torschützenkönig der A‑Junioren-Bundesliga Nord/Nordost in deren letzter Saison im alten Format, für seine Mannschaft reichte es allerdings nur für Platz 2. Michael gibt allerdings auch zu bedenken, dass der Sprung von der Jugend in die Bundesliga sehr groß sei. Vor allem, wenn man wie der VfL Wolfsburg seine zweite Mannschaft abgemeldet hat, was Michael für “einen der größten Fehler, die der VfL in den vergangenen Jahren begangen hat”, hält. Das soll sich in Zukunft unter Dieter Hecking ändern, vor zwei Jahren gab es für Pejčinović jedoch nur die Möglichkeit einer Leihe, um auf mehr Spielzeit zu kommen. Also wechselte zur Saison 2024/2025 ohne Kaufoption leihweise zum damaligen Relegationsverlierer und damit Fast-Aufsteiger aus Düsseldorf.
Zwangspausen in Düsseldorf

Im Sommer 2024 habe das Trauma des verpassten Aufstiegs noch ziemlich tief gesessen, erklärt uns Fortuna-Podcaster Thorsten, nur habe das kaum jemand ausgesprochen. Rückblickend sei die verlorene Relegation der Knackpunkt in der Beziehung zwischen Trainer Daniel Thioune und Verein gewesen und habe langfristig zum in diesem Sommer erfolgten Absturz der Fortuna in die Dritte Liga geführt. Damals habe man in Pejčinović zwar keinen gleichwertigen Ersatz für Torjäger Tzolis gesehen, aber hatte durchaus die Hoffnung, dass mit ihm ein Toptalent in Düsseldorf den Durchbruch schaffe. Pejčinović hatte sich in seinem letzten Einsatz der vorherigen Saison kurz nach seiner Einwechslung in München den linken Mittelfuß gebrochen, eine Verletzung, die sich bis in die neue Saison zog. Gleichzeitig fiel in Düsseldorf Vincent Vermeij zu Saisonbeginn aus, der sich in der Vorbereitung verletzt hatte, so dass die Fortuna zunächst ohne Mittelstürmer da stand und relativ spät noch Dawid Kownacki aus Bremen zurückholte, der von 2019 bis 2023 in 96 Spielen 25 Tore für Düsseldorf erzielt hatte. Pejčinović debütierte am dritten Spieltag in Ulm und erzielte per Elfmeternachschuss direkt den Ausgleich und damit sein erstes Tor für die Fortuna.
Die nächste Zwangspause ließ jedoch nicht lange auf sich warten, beim U20-Länderspiel in Italien verletzte er sich am Meniskus und fiel für fünf Partien aus. Generell seien Verletzungen ein großes Problem für die Mannschaft in jener Saison gewesen, so Thorsten. Nach seiner Verletzung kam Pejčinović zunächst nur zu Jokereinsätzen, während der Verein, der im Herbst zwischenzeitlich die Tabelle angeführt hatte, weiter nach unten rutschte. Von einem 19jährigen in seiner ersten richtigen Profi-Saison habe man aber in dieser Phase nicht mehr erwarten können, so Thorsten. Stattdessen hätten andere Spieler in der Verantwortung standen, zumal die Leistungen die zwischenzeitliche Tabellenführung ohnehin nicht unbedingt gerechtfertigt hätten.
Im weiteren Saisonverlauf traf Pejčinović noch weitere vier Mal, unter anderem erzielte er beide Tore bei einem 2:1‑Sieg gegen Hertha BSC und den wichtigen Ausgleich beim 3:2‑Sieg in Karlsuhe sowie ein Tor beim 5:0 gegen Braunschweig. Pejčinović sei nach der Winterpause “erster Einwechselspieler” gewesen, so Thorsten, Kownacki habe er aber nicht mehr von einem Stammplatz verdrängen können und da Daniel Thioune auch sein System nicht habe anpassen wollen, habe er häufig auf die rechte Seite ausweichen müssen, wo er als inverser Flügelspieler mit seinem linken Fuß jedoch nicht gut zurecht gekommen sei. Er habe aber in jener Phase durchaus seine Torgefahr angedeutet, bis ihm im März 2025 erneut ein Länderspiel zum Verhängnis wurde: Gegen Portugal brach sich Pejčinović im Dress der deutschen U20 den rechten Mittelfuß und fiel für den Rest der Saison aus. Die Fortuna beendete die Spielzeit indes auf Platz 6, fünf Punkte hinter Relegationsteilnehmer Elversberg. “Er spielte aber nie eine so entscheidende Rolle, dass ich so weit gehen würde, dass wir mit ihm noch besser abgeschnitten hätten. Aber natürlich wäre es von Vorteil gewesen, hätten wir ihn in der Schlussphase der Saison zur Verfügung gehabt”, erklärt Thorsten. Er hätte sich auch gut vorstellen können, dass er der Fortuna in der vergangenen Saison noch mehr hätte helfen können, von Wolfsburger Seite sei einer weiteren Leihe aber ein Riegel vorgeschoben worden.
Durchbruch mit Abstieg

Von seiner Leihe sei Pejčinović “deutlich reifer” zurück gekommen, erklärt Michael, trotz der Verletzung. Vergangene Saison gelang ihm nach anfänglichen Schwierigkeiten dann auch der Durchbruch in der Bundesliga. Insgesamt traf er neun Mal, das erste Mal mit einem Dreierpack beim 3:4 gegen Freiburg kurz vor Weihnachten. Es ist vielleicht bezeichnend für seine letzte Saison in Wolfsburg, dass seine Treffer genauso wenig zu einem Sieg reichten wie sein Tor zur Führung im Rückspiel der Relegation. Zu Saisonbeginn sei er kaum in gefährliche Situationen gekommen, so Michael, nach dem Freiburg-Spiel sei der Knoten aber dann geplatzt. Mehr könne man von einem jungen Spieler in einer solchen Saison nicht erwarten, so Michael, gegen Ende aber er aber trotz des Drucks im Abstiegskampf bewiesen, dass er “ein Topstürmer in der Bundesliga werden kann”.
Diesen Weg wird er nun (hoffentlich) beim VfB gehen. Die kolportierten Ablöse von 25 Millionen Euro ohne Boni hält unser Experte durchaus für angemessen: “Er hatte einen langfristigen Vertrag, ist aktueller U21- und (da lege ich mich fest) künftiger A‑Nationalspieler. Sein Marktwert liegt bei 15 Mio. Euro. Und: Der VfL wollte und musste ihn nicht verkaufen.” Der Verein könne es sich jedoch auch nicht erlauben, aus Trotz einen Transfer zu verhindern, in Wolfsburg müsse nicht nur wegen des Abstiegs wieder mehr wirtschaftliche Weitsicht einkehren. Sportgeschäftsführer Dieter Hecking und Sportdirektor Pirmin Schwegler machten Michael zufolge aber einen guten Job bei der Kaderplanung.
Ob das im Fall Pejčinović auch auf Fabian Wohlgemuth und Sebastian Hoeneß, der sich ja schon im vergangenen Sommer einen Woltemade-Ersatz im Sturmzentrum wünschte und diesen Wunsch durch geplatzten Oh-Transfer nicht erfüllt bekam, zutrifft, wird der Spieler in den kommenden Monaten beweisen müssen. Thorsten unterschreibt die Bezeichnung als klassischer Mittelstürmer auf jeden Fall, Pejčinović sei ein typischer Abschlussstürmer, wobei Michael auch seine Flexibilität hervorhebt. Aufgrund seiner Schnelligkeit könne er sowohl als Wandspieler agieren, als auch in die Tiefe gehen. Während er Thorsten in seiner Zeit bei der Fortuna nicht als besonders laufstark auffiel, habe er Michael zufolge letzte Saison “sensationelle” Laufwerte gehabt. Thorsten beschreibt Pejčinović zudem vor dem Tor als sehr abgezockt, als jemand, der sich im richtigen Moment von den Verteidigern absetzt und seine Räume findet. Laut Michael habe er zudem eine hohe Spielintelligenz, “Kurz gesagt: Er ist ein kompletter Stürmer”, so unser Experte.
Körperlich und in der Ballbehauptung könne er hingegen noch zulegen, so Michael und Thorsten ergänzt, dass er im Kombinationsspiel noch nicht auf dem Niveau eines Nick Woltemade sei. Seine Stärken habe er vor allem im Strafraum, auch mit seinem schwächeren rechten Fuß und dem Kopf, aber weniger außerhalb des Sechzehners. Den Sprung vom Absteiger zum Champions-League-Teilnehmer trauen ihm unsere Experten grundsätzlich zu, wobei Thorsten einschränkt, dass er mit 21 Jahren natürlich auch weiterhin viel Spielpraxis bräuchte, um sich weiterzuentwickeln. Im vergangenen September debütierte Pejčinović in der deutschen U21 und Michael kann sich gut vorstellen, dass er auch bald in den Fokus von Neu-Nationaltrainer Jürgen Klopp rücken könnte, wobei er auch über seine Eltern die Staatsbürgerschaft von Montenegro hat. Sowohl Michael als auch Thorsten beschreiben ihn jedenfalls als einen sehr bodenständigen und sympathischen Menschen.
Ein teurer Wunschspieler

Der VfB scheint also mit der Verpflichtung eines der größten deutschen Sturmtalente, O‑Ton Michael, vieles richtig zu machen. Zwar kam die Mannschaft mit dem Brustring auch ohne Nick Woltemade oder einen Ersatz in die Champions League, gleichzeitig verfügt Sebastian Hoeneß für die drei anstehenden Wettbewerbe offensiv über eine größere Variabilität. Zumindest mit dem aktuellen Kader, denn es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Pejčinović unter Hoeneß die oben angedeuteten nächsten Schritt macht. Offen ist jedoch, über welche Spieler er am 2. September noch verfügt. Während Abgänge von Chris Führich, Jamie Leweling oder Ermedin Demirovic zunehmend unwahrscheinlich erscheinen, halten sich Gerüchte um einen Abgang von Bilal El Khannouss hartnäckig.
Gleichzeitig berichten mehrere Stuttgarter Medien übereinstimmend, dass Fabian Wohlgemuth und Christian Gentner im Rahmen der Freigabe der Mittel für die Transfers von Pejčinović und Leo Sauer auferlegt wurde, einen Transferüberschuss oder zumindest massive Transfererlöse zu erwirtschaften. Einerseits wirkt das nach den auf der Mitgliederversammlung verkündeten Rekordzahlen, angesichts der Teilnahme an der Champions League und den massiven Transfereinnahmen des letzten Sommers übertrieben, gleichzeitig hat der Aufsichtsrat natürlich auch die Aufgabe, die mittel- und langfristige finanzielle Stabilität des Vereins perspektivisch zu sichern, indem er Ausgaben überwacht und Einnahmen einfordert. Genau das führte ja einst ins Verhängnis, als man Abfang der 2010er Jahre viel Geld versenkte und dann plötzlich auf einen so rigiden Sparkurs umschaltete, dass die Mannschaft jede Saison massiv an Substanz verlor.
Unter diesen Gesichtspunkten kann man durchaus infrage stellen, wie sportlich und wirtschaftlich zielführend es ist , Pejčinović zum zweitteuersten Transfer der Vereinsgeschichte nach Deniz Undav zu machen und für ihn und Leo Sauer — der erstmal auch hinter dem starken Chris Führich ein Herausforderer ist — insgesamt mindestens 40 Millionen Euro auszugeben. Zumal mit Badredine Bouanani, Lazar Jovanovic oder Jeremy Arévalo weitere Talente noch auf ihren Durchbruch warten, die in Summe auch über 20 Millionen Euro Ablöse gekostet haben. Natürlich schafft der Verein gerade mit jungen Spielern, die aufgrund des Alters noch mehr Potenzial haben als die sich im besten Fußballeralter befindlichen Undav und Demirovic, gleichzeitig auch Werte für die Zukunft. Gleichzeitig ist so ein Transfer eben auch immer noch eine Wette mit sehr hohem Einsatz. Bei Undav und Demirovic wusste man — entweder aus der Erfahrung der ersten Saison mit ihm oder angesichts der Zahlen der letzten Spielzeiten — ziemlich gut, was man bekommt. Auf jeden Fall scheint Sebastian Hoeneß, der nach dem Trainingslager in Grassau wie schon im letzten Sommer die Wichtigkeit einer schlagkräftigen Mannschaft betonte, seinen Wunschspieler zu bekommen. Dass man ihm diesen Wunsch erfüllt und damit, wenn es stimmt, den lukrativen Verkauf eines anderen Leistungsträgers in Kauf nimmt, muss sich aber auch bald sportlich auszahlen.
Titelbild: © Selim Sudheimer/Getty Images