Torlos in Istanbul

Der VfB kann auch das zwei­te Euro­pa­po­kal-Spiel in Istan­bul nicht gewin­nen — beim Cham­pi­ons-League-Duell im Ali Sami Yen bei Gala­ta­sa­ray zeigt sich die Mann­schaft zwar wesent­lich sta­bi­ler als vor einem Jahr gegen Fener­bah­ce, hat aber in punk­to Effi­zenz erneut das Nach­se­hen.

Wenn es einer Sze­ne bedurf­te, um zu ver­deut­li­chen, dass sich der VfB in die­sem Aus­wärts­spiel nicht von Atmo­sphä­re und Geg­ner ins Bocks­horn jagen las­sen wür­de, dann war es Deniz Undavs brei­tes Grin­sen, wäh­rend ihm sein Gegen­spie­ler Baris Yil­maz völ­lig über­dreht ins Gesicht schrie. Was war pas­siert? Chris Füh­rich und Yil­maz behark­ten sich an der Sei­ten­li­nie, Füh­rich gab Yil­maz einen leich­ten Schub­ser, der woll­te den VfB-Flü­gel­spie­ler zu Boden rei­ßen und schwupps war der Kapi­tän da und wies den geg­ne­ri­schen Stür­mer in die Schran­ken. Nein, was Resi­li­enz und Zwei­kampf­här­te anging, konn­te sich der VfB in Istan­bul nichts vor­wer­fen las­sen. Hat­te man in der Vor­sai­son noch das Gefühl, Mann­schaf­ten wie Fener­bah­ce, Rom oder Por­to wären dem VfB zwar spie­le­risch eben­so­we­nig über­le­gen wie Gala­ta­sa­ray, aber im Umgang auf dem Feld ein wenig abge­zock­ter und toug­her, so war es am Diens­tag­abend neben zwei furcht­bar schlecht ver­tei­dig­ten Angrif­fen vor allem die Chan­cen­ver­wer­tung, die uns die ers­te Nie­der­la­ge in der Cham­pi­ons League in die­ser Sai­son bescher­te. Was Hal­tung und Men­ta­li­tät anging, knüpf­te die Mann­schaft aber durch­aus an den star­ken Auf­tritt in Lever­ku­sen an und das, obwohl sie in einem lau­ten Sta­di­on in den ers­ten 20 Minu­ten mit den bei­den Gegen­tref­fern und der Aus­wechs­lung von Ata­kan Kara­zor gleich drei Rück­schlä­ge hin­neh­men muss­te.

Natür­lich waren zwei davon selbst­ver­schul­det: Beim 0:1 ver­tei­dig­te der VfB viel zu pas­siv, konn­te Sal­lai sich viel zu leicht im Straf­raum durch­set­zen und den Ball nach innen schla­gen, der über Umwe­ge zu Dop­pel­tor­schüt­ze Batra­kov kom­men soll­te. Beim 0:2 kam eini­ges zusam­men: Kara­zor, zu die­sem Zeit­punkt wohl schon ange­schla­gen, ließ sich von Batra­kov erst raus­zie­hen und dann über­lau­fen. Ver­mut­lich hät­te er den geg­ne­ri­schen Stür­mer auch nicht ein­ge­holt, wäre er fit gewe­sen, dum­mer­wei­se stan­den aber auch Chris Füh­rich und Maxi Mit­tel­städt — der schon beim 1:0 nicht gut ver­tei­dig­te, zu weit ab vom Spiel­ge­sche­hen, ein Nach­teil der For­ma­ti­on mit Drei­er­ket­te. Ob Batra­kov den Ball auch auf einem ande­ren­We­ge als durch die Hosen­trä­ger von Fabi Bred­low im Tor unter­ge­bracht hät­te, bleibt Spe­ku­la­ti­on, jeden­falls sah auch der Ver­tre­ter von Den­nis Sei­men in die­ser Situa­ti­on nicht gut aus. Wie auch immer: Der VfB hat­te davor und danach durch­aus genü­gend Chan­cen, um in der Königs­klas­se wei­ter unge­schla­gen zu blei­ben. Und den Aus­fall von Kara­zor mach­te Yanik Spalt bei sei­nem beein­dru­cken­den Cham­pi­ons-League-Debüt mit wich­ti­gen Ball­ge­win­nen mehr als wett.

Effizienz bleibt die Ausnahme

Man kann jetzt spe­ku­lie­ren, wie das Spiel aus­ge­gan­gen wäre, hät­te Jamie Lewe­ling nicht das Kunst­stück voll­bracht, mit einem Schuss bei­de Pfos­ten zu tref­fen. Oder hät­te Deniz Undav nicht aus dem Abseits die Lat­te getrof­fen. Oder hät­te Dzen­an Pejci­no­vic sich end­lich beloh­nen kön­nen. Oder hät­te Chris Füh­rich sei­nen Schlen­zer im Tor unter­ge­bracht. Die Chan­cen für den VfB waren da, das offen­ba­ren 2,2 expec­ted goals (laut Kicker) und es war auch nicht immer nur Pech, das einem Tor­er­folg im Weg stand. Man kann der Mann­schaft auch nicht vor­wer­fen, nicht alles ver­sucht zu haben, gleich­zei­tig kann man das “es soll­te heu­te nicht sein”, irgend­wann auch nicht mehr hören, denn die Effi­zi­enz, die der VfB in Lever­ku­sen an den Tag leg­te, gehört lei­der zur Aus­nah­me. Am Ende waren es mal wie­der Klei­nig­kei­ten, die zum Erfolg fehl­ten und uns wei­ter­hin das Prä­di­kat “Spit­zen­mann­schaft” ver­weh­ren. Nach den teils unkon­zen­trier­ten bis über­heb­li­chen Auf­trit­ten in den ver­gan­ge­nen Wochen ist es aber immer­hin schon ein Fort­schritt, dass die Brust­ring­trä­ger, was das anging, kei­nen Rück­fall erlit­ten.

Tabel­la­risch lässt sich die Nie­der­la­ge auch ver­kraf­ten, auch wenn wir ver­mut­lich in drei Wochen im Giu­sep­pe Meaz­za gegen Inter die nächs­te Plei­te wer­den ein­ste­cken müs­sen. Dann feh­len dem VfB zum Wei­ter­kom­men aus den bei­den Heim­spie­len gegen Brüg­ge und Lil­le sowie dem Aus­wärts­spiel in Eind­ho­ven ver­mut­lich noch fünf Punk­te. Gera­de im eige­nen Sta­di­on durch­aus mach­bar, wenn auch her­aus­for­dernd. Im eige­nen Sta­di­on geht es auch am Sams­tag wei­ter in einem Spiel, dass zwar nicht so glanz­voll klingt wie das Spiel am Diens­tag­abend, für den wei­te­ren Sai­son­ver­lauf jedoch erheb­lich wich­ti­ger ist. Mit einem wei­te­ren Sieg könn­te man sich zunächst ein­mal im Tabel­len­mit­tel­feld eta­blie­ren und dann hof­fent­lich nach der Län­der­spiel­pau­se oben angrei­fen. Die Rich­tung stimmt wie­der, gegen Wer­der dür­fen wir aber Nic­las Füll­krug nicht so viel Platz las­sen wie Alek­sey Batra­kov — und ein paar Tore zu schie­ßen wäre auch nicht ver­kehrt

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass fin­det “Wer in der Cham­pi­ons League wei­ter­kom­men will, darf nicht mit der Erkennt­nis nach Hau­se fah­ren, dass eigent­lich “mehr drin” gewe­sen wäre. Irgend­wann muss aus dem „Wir waren nah dran“ etwas Zähl­ba­res wer­den. Gala­ta­sa­ray Istan­bul war defi­ni­tiv schlag­bar für den VfB.”

Titel­bild: © Ahmad Mora/Getty Images

Schreibe einen Kommentar

Rund um den Brustring
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.