Bereit für Europa?

Vier Spie­le vor Sai­son­ende läuft dem VfB lang­sam die Zeit davon, will er sich noch über die Liga für den Euro­pa­po­kal qua­li­fi­zie­ren. Und auch im Hin­blick auf die Abkür­zung über den Titel­ge­winn im DFB-Pokal wirft das 4:4 bei Uni­on Ber­lin Fra­gen auf.

Eigent­lich könn­te ich mich beim Rück­blick auf das Aus­wärts­spiel der Brust­ring­trä­ger an der Alten Förs­te­rei auf die ers­te Halb­zeit beschrän­ken. Denn nach dem Sei­ten­wech­sel lief das Spiel so, wie es aller­seits von vorn­her­ein erwar­tet wor­den war: Uni­on stand kom­pakt und ließ nicht viel zu, war aber sel­ber auch harm­los, wäh­rend der VfB sich mit viel Ball­be­sitz und Auf­wand die Zäh­ne aus­biss. Umso auf­se­hen­er­re­gen­der die ers­ten 45 Minu­ten, in denen so ziem­lich gar nichts von dem klapp­te, was sich bei­de Mann­schaf­ten vor­ge­nom­men haben muss­ten: Die Ber­li­ner kas­sier­ten gleich vier Tref­fer, beka­men Deniz Undav bei sei­nem ers­ten Tor seit Febru­ar nicht unter Kon­trol­le, waren macht­los gegen Jeff Cha­b­ots Kopf­ball sowie gegen den Kunst­schuss von Enzo Mil­lot und den plat­zier­ten Abschluss von Chris Füh­rich. Der VfB kas­sier­te eben­so vier Tore: Einen Sonn­tags­schuss und drei erwart­ba­re, aber schein­bar nicht ver­meid­ba­re Tore jeweils nach Stan­dards, das ers­te bereits nach fünf Minu­ten, das zwei­te nach 20. Uni­on ver­spiel­te wie im Hin­spiel eine 2:0‑Führung, der VfB konn­te das 4:3 nicht in die Pau­se brin­gen. Neu­tra­le Beob­ach­ter fei­er­ten das gan­ze hin­ter­her als soge­nann­tes Fuß­ball­fest.

Ich kann die­ser Begeis­te­rung wenig abge­win­nen. Denn wäh­rend die Ber­li­ner nach der kata­stro­pha­len Vor­sai­son mit dem Unent­schie­den den erneu­ten Klas­sen­er­halt sicher­ten, stol­per­te der VfB erneut beim Ver­such, den Rück­stand auf Platz 6 und damit den Ein­zug in den Euro­pa­po­kal über die Liga zu ver­kür­zen. Natür­lich muss man an die­ser Stel­le her­vor­he­ben, dass mit Undav und Mil­lot zwei Spie­ler tra­fen, die seit Wochen ihrer Form hin­ter­her­lau­fen. Dass der VfB zwei Mal bin­nen zwei Wochen in der Lage ist, vier Tore in der Bun­des­li­ga zu erzie­len und dass sich die Mann­schaft ins Spiel zurück kämpf­te und aus einem ange­sichts der sonst so sta­bi­len Uni­on-Defen­si­ve aus­sichts­los schei­nen­den 0:2‑Rückstand ein 3:2 mach­te. Auf der ande­ren Sei­te kas­sier­te sie aber eben auch, wie vor weni­gen Wochen gegen Lever­ku­sen vier Tore, so dass das eige­ne Vie­rer­pack nicht zum Sieg reich­te. Und das auf eine Art und Wei­se, die mich sprach­los zurück­lässt.

Was trainieren die eigentlich?

Denn wie schon in der Vor­wo­che beim Heim­spiel gegen Bre­men spiel­ten die Brust­ring­trä­ger dem Geg­ner genau in die Kar­ten. Was Wer­der die gewon­ne­nen Zwei­kämp­fe und die Päs­se hin­ter die Vie­rer­ket­te waren, war Uni­on der ruhen­de Ball. Beim VfB gera­de defen­siv selbst zu bes­ten Zei­ten ein Pro­blem, das man immer noch nicht in den Griff gekriegt hat. Ob es nun die man­geln­de Zwei­kampf­stär­ke in der Luft oder die feh­len­de Zuord­nung war: Fast jede der weni­gen Stan­dard­si­tua­tio­nen ver­sprach Gefahr für den VfB-Straf­raum. Und immer wie­der wur­de eine Stan­dard-Flan­ke an einen Pfos­ten ver­län­gert, wo ein Geg­ner frei­stand. Man erin­ne­re sich an das 3:2 von Jona­than Tah im Pokal-Vier­tel­fi­na­le letz­te Sai­son nach einer Flan­ke von Flo­ri­an Wirtz. Auch ange­sichts der Harm­lo­sig­keit bei eige­nen Ecken — Aus­nah­men in letz­ter Zeit bestä­ti­gen die Regel — muss man sich fra­gen, was Stan­dard-Co-Trai­ner Malik Fathi unter der Woche mit den Jungs eigent­lich trai­niert. Oder ob die Mann­schaft nicht in der Lage ist, es umzu­set­zen. Dass Erme­din Demi­ro­vic nach 49 Minu­ten dann trotz­dem nicht cle­ver genug ist, einen wei­te­ren Frei­stoß aus gefähr­li­cher Posi­ti­on zu ver­hin­dern, passt zum VfB die­ser ers­ten Halb­zeit.

Nun haben wir uns schon dar­an gewöhnt, dass unse­rer Mann­schaft in die­ser Rück­run­de schein­bar nie die Ideen aus­ge­hen, wenn es dar­um geht, auf welch absur­de Wei­se man Spie­le in den Sand set­zen kann. Da kön­nen einen auch rekord­träch­ti­ge acht Tore in einer Halb­zeit nicht mehr scho­cken. Dass wir uns aber der­art unge­schickt anstel­len wie zuletzt und es den Geg­nern so ein­fach machen, ist erschre­ckend. Zudem hat die Mann­schaft wie­der jeg­li­chen Schwung ver­lo­ren. Der Final­ein­zug als Wen­de­punkt? Ver­pufft. Die Ver­län­ge­rung von Sebas­ti­an Hoe­neß und die damit ein­her­ge­hen­de Pla­nungs­si­cher­heit? Ver­pufft. Fünf Punk­te Vor­sprung auf einen Nicht-Euro­pa­po­kal-Platz nach dem 4:0 gegen Frei­burg Mit­te Janu­ar? Implo­diert. Aktu­ell ste­hen die Breis­gau­er gefühlt unein­hol­ba­re sie­ben Punk­te vor uns und klop­fen hin­ter der Rum­pel­trup­pe aus Leip­zig ans Tor zur Cham­pi­ons League. Dem VfB hin­ge­gen feh­len mitt­ler­wei­le sechs Punk­te auf Euro­pa, zudem müss­te er in den nächs­ten vier Spie­len gan­ze fünf Kon­kur­ren­ten über­ho­len.

Endlich Fahrt fürs Finale aufnehmen!

Natür­lich kann man immer wie­der beto­nen, wo wir her­kom­men, die Sai­son in Ruhe aus­klin­gen las­sen und sich ganz aufs Pokal­fi­na­le gegen den Dritt­li­gis­ten aus Bie­le­feld kon­zen­trie­ren. Das Pokal­fi­na­le am 24. Mai schwebt aber nicht irgend­wo im luft­lee­ren Raum oder auf einem ande­ren Pla­ne­ten, son­dern ist die Ver­län­ge­rung der aktu­el­len Sai­son, mit der zu Beginn der Spiel­zeit wohl kei­ner der bei­den Fina­lis­ten gerech­net hät­te. Dass der VfB in den letz­ten drei Mona­ten sei­ne hart erar­bei­te­te Posi­ti­on in der Liga leicht­fer­tig ver­spielt hat, ist das eine. Ange­sichts der aktu­el­len Form und der der­zei­ti­gen Pro­ble­me ist es aber alles ande­re als aus­ge­macht, dass das Pokal­fi­na­le zur Krö­nung — oder Ret­tung, Ansichts­sa­che — der Sai­son wird.

Denn wäh­rend Bie­le­feld zwei Klas­sen tie­fer von Sieg zu Sieg eilt und in die­sem Kalen­der­jahr von 15 Liga-Spie­len nur vier ver­lo­ren und zudem noch Bre­men und Lever­ku­sen aus dem Pokal gewor­fen hat, schleppt sich unse­re Mann­schaft gera­de Rich­tung Sai­son­ende. Vom viel­zi­tier­ten Momen­tum kei­ne Spur, auch wenn uns das 2007 jetzt auch nicht unbe­dingt zum Pokal­sieg getra­gen hat. Immer­hin haben unse­re Jungs jetzt noch vier Spie­le Zeit, Fahrt für die­ses Spiel auf­zu­neh­men. Dafür müs­sen wir aber end­lich die rich­ti­ge Hal­tung zu Spiel und Geg­ner ent­wi­ckeln und die Feh­ler ver­mei­den, die nicht nur Bre­men und Uni­on die Punk­te bescher­ten, son­dern die auch Armi­nia Bie­le­feld im Fina­le eis­kalt aus­nut­zen wird. Wir schau­en alle lan­ge genug Fuß­ball, um zu wis­sen, dass in einem Pokal­fi­na­le die Liga­zu­ge­hö­rig­keit und die Qua­li­tät auf dem Papier zweit­ran­gig sind. Es geht um Ein­satz. Hal­tung und Kon­se­quenz.

Das ist es, was mich an die­sem Spiel an der Alten Förs­te­rei so ärgert: Die nächs­te ver­pass­te Chan­ce, an Platz 6 her­an­zu­rü­cken und den Absturz seit März ein wenig zu lin­dern. Und damit ver­bun­den der Druck, der auf dem Pokal­fi­na­le las­tet, als wäre die Chan­ce auf den ers­ten Titel seit 18 Jah­ren nicht schon Druck genug. Und gleich­zei­tig die gezeig­te Anfäl­lig­keit gegen Mann­schaf­ten, die mit ein­fachs­ten Mit­teln gegen uns zum Erfolg kom­men. Die Mann­schaft hat in knapp vier Wochen die Chan­ce die phä­no­me­na­le letz­te Sai­son nach­träg­lich mit einem Titel zu krö­nen und trotz eines mit­tel­mä­ßi­gen Abschnei­dens erneut in den Euro­pa­po­kal ein­zu­zie­hen. Wenn wir nicht in der Lage sind, uns auf die­ses Ziel zu fokus­sie­ren und die Chan­ce zu ergrei­fen, dann haben wir dort aller­dings auch nichts ver­lo­ren.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass stellt fest: “Erklä­run­gen hat der VfB immer schnell und davon vie­le. Lösun­gen lei­der kei­ne.”

Titel­bild: © Maja Hitij/Getty Images

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