Rund um den nächsten Gegner: Im Gespräch mit Atlético-Fan André

In der Cham­pi­ons League steht für den VfB gegen Atlé­ti­co Madrid am Diens­tag­abend der ers­te gro­ße Knal­ler an. Für einen tie­fe­ren Ein­blick in den Club aus der spa­ni­schen Haupt­stadt haben wir mit Atlé­ti­co-Fan André vom deut­schen Fan­club Peña Atlé­ti­ca Cen­tu­ria Ger­ma­nia gespro­chen.

Rund um den Brust­ring: Hal­lo André und vie­len Dank, dass Du Dir Zeit für unse­re Fra­gen nimmst. Du bist Prä­si­dent des Peña Atlé­ti­ca Cen­tu­ria Ger­ma­nia, eines deut­schen Atlé­ti­co-Fan­clubs. Kannst Du uns ein biss­chen was über Euch erzäh­len?

André: Sehr ger­ne und ¡Hola! Ich habe die gro­ße Ehre der Prä­si­dent der im Jahr 2003 gegrün­de­ten Peña Atlé­ti­ca Cen­tu­ria Ger­ma­na zu sein. Damit sind wir der ältes­te sowie größ­te offi­zi­el­le Atlé­ti­co-Fan­klub im deutsch­spra­chi­gen Raum. Unse­re Cen­tu­ria Ger­ma­na steht somit seit über zwei Jahr­zehn­te für geball­te Lei­den­schaft für die Colchone­r­os.
Was als klei­nes 5 Mann Pro­jekt begann, ist heu­te ein tol­ler Ver­ein mit knapp 150 Mit­glie­dern sowie vie­len wei­te­ren Freun­den, Bekann­ten und Weg­ge­fähr­ten. Wir sind ein bunt gemisch­ter Hau­fen: Bei uns tref­fen sich Fans aus ganz Deutsch­land, Öster­reich, der Schweiz und natür­lich auch Exil-Madri­le­nen. Wir besit­zen drei eige­ne Dau­er­kar­ten (Abo­no Total) im Estadio Metro­po­li­ta­no, orga­ni­sie­ren gemein­sa­me Fahr­ten zu Heim- und Aus­wärts­spie­len und haben sogar ein eige­nes Buch geschrie­ben (’111 Grün­de, Atlé­ti­co Madrid zu lie­ben’). Kurz gesagt: Wer in Deutsch­land für Rot-Weiß brennt, fin­det bei uns ein Zuhau­se, inklu­si­ve deutsch-spa­ni­scher Emo­tio­nen.

Atlé­ti­co steht nach dem spä­ten 1:0 bei Espan­yol am Wochen­en­de wei­ter­hin auf Platz 2 hin­ter dem FC Bar­ce­lo­na und hat nicht nur erst zwei von neun Spie­len nicht gewon­nen, son­dern auch Real geschla­gen. Wie zufrie­den bist Du mit dem Sai­son­start in La Liga und was ist Dei­ner Mei­nung nach in die­ser Sai­son drin?

Wenn du das Der­bi Madri­le­ño gewinnst, schmeckt der Café con leche, egal ob in Det­mold oder in Madrid gleich dop­pelt so gut! Grund­sätz­lich kön­nen wir mit dem Start sehr zufrie­den sein. Wir ste­hen sta­bil, zei­gen Moral, wie beim spä­ten Sieg gegen Espan­yol und der Kader hat durch hoch­ka­rä­ti­ge Ver­stär­kun­gen wie ‘Cuti’ Rome­ro in der Abwehr und Jona­than David im Sturm ordent­lich an Tie­fe gewon­nen.
Zudem haben wir end­lich unse­ren Bae­na, den wir uns letz­te Sai­son erhofft haben. Qua­si auch ein Neu­zu­gang und was für einer. Des Wei­te­ren kämpft sich Juli­an Álva­rez zurück in die Her­zen der Fans, ein wei­ter Weg, aber die Qua­li­tät hat er.
Was die­se Sai­son also drin ist? Bei Atlé­ti­co gilt tra­di­tio­nell das Mot­to von Cho­lo Simeone: ‘Part­ido a part­ido’ (von Spiel zu Spiel). Aber klar ist: Wir wol­len in La Liga bis zum Schluss um den Titel mit­kämp­fen. Wenn Bar­ca oder Real pat­zen, müs­sen wir da sein und der gro­ße Traum ist natür­lich ein­mal die Cham­pi­ons League zu gewin­nen und ehr­lich, das hät­te sich Atlé­ti­co ver­dient und auch El Cho­lo.
Doch, es wäre ver­mes­sen Titel zu for­dern. Atlé­ti­co ist Spa­ni­ens Num­mer 1 (vom Rest) seit gefühlt einem Jahr­zehnt. Aber dort spie­len halt nun ein­mal auch Real und Bar­ça und die sind ein­fach eine Liga für sich. Und wie schwer es ist die CL zu gewin­nen, muss man nie­man­dem erzäh­len. Allei­ne was PSG oder die Eng­län­der inves­tie­ren kön­nen ist jen­seits von Gut und Böse. Wir kom­men über die Mann­schaft und über die Emo­tio­nen und an einem wirk­lich guten Tag, kön­nen wir jeden schla­gen. Aber es braucht sehr, sehr vie­le gute Tage, um ein Fina­le zu errei­chen oder gar zu gewin­nen.

In der Cham­pi­ons League gab es bis­lang eine Nie­der­la­ge in Liver­pool und einem Heim­sieg gegen Man­ches­ter United. Ver­gan­ge­ne Sai­son kam man bis ins Halb­fi­na­le der Königs­klas­se — was rech­net ihr Euch in die­ser Sai­son aus, auch ange­sichts der Tat­sa­che, dass das Fina­le in Eurem Sta­di­on gespielt wird?

Das Fina­le 2027 im eige­nen Wohn­zim­mer, dem Estadio Metro­po­li­ta­no, ist natür­lich der abso­lu­te Traum aller Atlé­ti­cos. Aber ganz ehr­lich, den Hen­kel­pott zu gewin­nen ist der gro­ße, gemein­sa­me Traum, egal wo!
Es gab ja bereits ein Fina­le im Metro­po­li­ta­no. Damals besieg­te Liver­pool (Grü­ße gehen raus an den Natio­nal­trai­ner) Tot­ten­ham.
Aber im Ernst, in der neu­en Liga­pha­se der Cham­pi­ons League darfst du dir kei­ne Träu­me­rei­en erlau­ben. Die Nie­der­la­ge an der Anfield Road war lehr­reich, der Heim­sieg gegen Man­ches­ter United danach die rich­ti­ge Ant­wort.
Unser Ziel ist das direk­te Errei­chen des Ach­tel­fi­nals (Top 8). Ab den K.-o.-Spielen ist mit Simeone, dem Sta­di­on und die­ser Mann­schaft bekannt­lich alles mög­lich. Die Sehn­sucht nach dem Titel ist rie­sig, aber wir blei­ben rea­lis­tisch; erst ein­mal müs­sen die Haus­auf­ga­ben in Stutt­gart erle­digt wer­den! Und ja, wir wol­len im Schwa­ben­land gewin­nen!

Die­go Simeone ist eines der Mar­ken­zei­chen des Ver­eins, seit knapp 15 Jah­ren steht er an der Sei­ten­li­nie. Wie schafft man es, auf die­sem Niveau so bestän­dig zu arbei­ten und wie lässt er Atlé­ti­co aktu­ell spie­len?

Cho­lo Simeone ist in Madrid längst kein Trai­ner mehr, son­dern eine Lebens­ein­stel­lung. Er lebt die­sen Ver­ein mit jeder Faser und hat die Sie­ger-DNA in den Klub zurück­ge­bracht. Sei­ne Bestän­dig­keit erklärt sich durch maxi­ma­le Dis­zi­plin, kom­pro­miss­lo­sen Ein­satz und die Fähig­keit, sich tak­tisch immer wie­der neu zu erfin­den.
Wer denkt, Atlé­ti­co parkt nur noch den Bus, hat die letz­ten Jah­re ver­passt. Natür­lich ist die lei­den­schaft­li­che Abwehr­ar­beit nach wie vor unser Fun­da­ment, aber wir spie­len heu­te viel varia­bler, pres­sen pha­sen­wei­se höher und haben enor­mes Tem­po im Umschalt­spiel. Er for­dert von jedem Star 100 % Arbeit nach hin­ten, wer nicht mit­ver­tei­digt, sitzt auf der Bank. Zudem ist es erstaun­lich, wie vie­le Spie­ler unter Cho­lo Top-Niveau erreich­ten, was sie woan­ders nie wie­der in die­ser Form schaff­ten. Auch die Art und Wei­se, wie ehe­ma­li­ge Spie­ler über ihn spre­chen, spricht für sich.
Ich möch­te die Gele­gen­heit nut­zen und hier auch eine mas­si­ve Medi­en­kri­tik plat­zie­ren, ins­be­son­de­re gegen deut­sche Medi­en. Bei jedem (!) Cham­pi­ons-League-Spiel wird die Sau durch’s Dorf getrie­ben, dass Cho­lo unfair sei, respekt­los, ein Rum­pel­stilz­chen. Oft wird dann noch ein ste­reo­ty­pes „süd­ame­ri­ka­ni­sches Tem­pe­ra­ment“ angeb­lich erkannt. Ein abso­lu­tes Zerr­bild eines emo­tio­na­len, aber hoch anstän­di­gen Men­schen. Auch hier einen schö­nen Gruß an unse­ren Natio­nal­coach, den vie­le von uns genau dafür lie­ben!

Wo siehst Du aktu­ell Eure Stär­ken und Schwä­chen und auf wen müs­sen wir am Diens­tag beson­ders auf­pas­sen?

Stär­ken: Die men­ta­le Stär­ke, die kom­pak­te Defen­si­ve, die Vari­anz im Per­so­nal und die Mög­lich­keit, über Ein­wechs­lun­gen 90 Minu­ten Voll­gas zu geben und Qua­li­tät nach­le­gen zu kön­nen, sowie unse­re Umschalt­mo­men­te.
Schwä­chen: Manch­mal tun wir uns gegen tief ste­hen­de Geg­ner schwer, das Spiel selbst zu machen, und stel­len nach einer Füh­rung gele­gent­lich zu früh auf Ver­wal­tungs­mo­dus um.
Play­er to watch: Ganz klar Julián Álva­rez. Er ist der Spie­ler, der ein Break-out-Game braucht, sich eines ver­dient hat und die Qua­li­tät dazu hat. ¡Vamos, Ara­ña!

Du kennst Dich ja auch im deut­schen Fuß­ball gut aus — wel­che Chan­cen hat der VfB rea­lis­ti­scher­wei­se im Heim­spiel?

Dan­ke für die Blu­men, aber ich ken­ne mich im deut­schen Fuß­ball nicht aus, schließ­lich bin ich seit Jah­ren Fan von Han­no­ver 96 – und ganz ehr­lich, wer wür­de das frei­wil­lig sein Leben lang sein, wenn er sich aus­ken­nen wür­de?!
Aber im Ernst, der VfB hat sich unter Sebas­ti­an Hoe­neß fan­tas­tisch ent­wi­ckelt und spielt einen herr­lich muti­gen, attrak­ti­ven Fuß­ball.

Ihr wart mit Han­no­ver 96 vor nicht all­zu lan­ger Zeit (den­noch bereits eine Ewig­keit) in Liga 2 und schaut Euch an, wo bei­de Ver­ei­ne nun sind. Genau die­ser tol­le Erfolg kann aber gegen Atlé­ti­co Fluch und Segen zugleich sein: Wenn Stutt­gart das Spiel machen will, wenn die Fans ver­wöhnt sind und daher viel for­dern, dann wird uns das Räu­me zum Kon­tern anbie­ten, und das kann extrem gefähr­lich wer­den. Im Neckar­sta­di­on mit dem Stutt­gar­ter Publi­kum im Rücken rech­ne ich dem VfB durch­aus Chan­cen aus; unter­schät­zen wer­den wir sie kei­nes­falls. Wenn Stutt­gart einen Sah­n­etag erwischt und die Chan­cen eis­kalt nutzt, ist ein Punkt oder gar eine Über­ra­schung drin. Aber leicht machen wir es nie­man­dem und ganz ehr­lich, die Favo­ri­ten­rol­le sehe ich schon leicht bei Atlé­ti­co. 40/60, könnt Ihr damit leben?

Hoff­nung darf Euch aber machen, dass ich wie jedes Jahr in den Herbst­fe­ri­en (in NRW) im Urlaub bin. Dort gucke ich immer im Hotel die Spie­le und stets krie­gen wir auf die Nuss. Eine Tra­di­ti­on seit Jah­ren, die ich ger­ne been­det sehen wür­de.

Gemein­hin heißt es, dass spa­ni­sche Fans nicht so rei­se­freu­dig sind — trifft das auch auf Atlé­ti­co zu und was für einen Auf­tritt kön­nen wir im Gäs­te­block erwar­ten?

Das Kli­schee stimmt für vie­le spa­ni­sche Ver­ei­ne, aber nicht für Atlé­ti­co! Unse­re Fan­sze­ne ist da eine abso­lu­te Aus­nah­me. Die Afi­ci­ón roji­blan­ca reist ihrem Team durch ganz Euro­pa hin­ter­her. Stutt­gart ist von der Distanz her attrak­tiv, und vie­le unse­rer Mit­glie­der aus Deutsch­land und den Nach­bar­län­dern nut­zen die Chan­ce für ein ‘Heim­spiel in der Nähe’. Ihr könnt euch auf einen gefüll­ten, laut­star­ken und sehr lei­den­schaft­li­chen Gäs­te­block freu­en, der 90 Minu­ten durch­singt. Rot-wei­ße Stim­mung garan­tiert!

Aber, so ehr­lich müs­sen wir sein, der durch­schnitt­li­che Spa­ni­er – ins­be­son­de­re die jun­gen Spa­ni­er – ver­dient in der Regel deut­lich weni­ger als zum Bei­spiel deut­sche Fans. Das ist natür­lich ein Fak­tor für Aus­wärts­spie­le, ins­be­son­de­re in der Grup­pen­pha­se mit vie­len attrak­ti­ven Rei­se­zie­len. Zudem ist die Aus­wärts­kul­tur in Spa­ni­en eine ande­re. Die Spie­le sind ja alle ‚ein­zeln‘ über das Wochen­en­de ver­teilt, sodass man immer Fuß­ball gucken kann. Das ist toll für alle, die vor dem Fern­se­her sit­zen, aber halt schwie­rig für Fans, die am Sonn­tag um 21:00 Uhr ihr Team in Sevil­la, Vigo oder Osa­suna anfeu­ern wol­len.

Wer fällt denn bei Atlé­ti­co am Diens­tag aus?

Tat­säch­lich fällt unser Neu­zu­gang ‚Cuti‘ Rome­ro aus, der am letz­ten Wochen­en­de hart aus­ge­wech­selt wer­den muss­te. Eben­so ist Koke, die Legen­de und das Herz die­ser Mann­schaft, nicht dabei. Er hat eine leich­te Fuß­ver­let­zung, aber viel schlim­mer wiegt der Tod sei­ner Mut­ter vor ein paar Tagen. Ansons­ten sieht es per­so­nell sehr gut aus… Cho­lo hat die Qual der Wahl, und ich bin gespannt, wie er spie­len lässt.

Was ist Dein Tipp für Eure Start­elf und das Ergeb­nis?

Die Start­elf wird wie immer bis kurz vor Anpfiff span­nend blei­ben. Ich glau­be, dass vor­ne Julián Álva­rez begin­nen wird. Ich glau­be auch, dass Llo­ren­te und Bae­na von Beginn an spie­len, da sie bei Espan­yol geschont wur­den und erst zur zwei­ten Halb­zeit kamen. Das wür­de natür­lich Look­man und David den Platz in der Start­elf neh­men. Für Rome­ro wird wohl Pubil in die Innen­ver­tei­di­gung rut­schen. Gri­mal­do links, Llo­ren­te rechts und im Zen­trum Han­scko. Im Mit­tel­feld Simeone auf rechts, Bae­na auf links und im Zen­trum Kang-in Lee, Bar­ri­os und Hjul­mand. Und klar, die Kon­stan­te Jan Oblak im Tor!

Ich glau­be ent­we­der an einen inten­si­ven, umkämpf­ten Euro­pa­po­kal-Abend, an dem der VfB alles rein­hau­en wird, aber am Ende setzt sich unse­re inter­na­tio­na­le Rou­ti­ne knall­hart mit 1:2 durch – oder, und das hof­fe ich für Julián Álva­rez sehr, er hat end­lich sein Break-out-Game und wir gewin­nen das deut­lich mit 1:4.

So oder so set­ze ich natür­lich auf Sieg für Atlé­ti­co, aber im Fuß­ball geht es um mehr als nur das Ergeb­nis. Für uns als Fan­klub geht es um gemein­sa­me Momen­te, Erleb­nis­se, Freund­schaf­ten und eben sol­chen Fuß­ball. Soll­te also der VfB das bes­se­re Team sein, kann ich auch damit leben!

Titel­bild: © Denis Doyle/Getty Images

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