Fast schon unangenehm souverän

Die Über­schrift ist natür­lich nicht ganz ernst zu neh­men, aber wie wei­test­ge­hend mühe­los der VfB in die zwei­te Pokal­run­de ein­zog, war schon beein­dru­ckend.

Wann kommt eigent­lich der Punkt, an dem wir bei einem nicht ganz so ein­fa­chen Erst­run­den-Pokal-Los nicht mehr den­ken: “Ohje, das kann ja nur schief­ge­hen”? Wobei wir ja Zweit­li­ga-Auf­stei­ger Müns­ter auf dem Weg zum Titel rela­tiv pro­blem­los aus dem Weg räum­ten vor zwei Jah­ren. Aber Ros­tock ist eben Ros­tock und vor nicht ein­mal zwölf Mona­ten wären wir um Haa­res­brei­te gegen Zweit­li­ga-Fast­ab­stei­ger Braun­schweig raus­ge­flo­gen. Dass es am Ende ein rela­tiv ent­spann­tes 4:0 an der Ost­see wer­den wür­de, war also kei­nes­wegs in Stein gemei­ßelt. Trägt aber vor Beginn der Bun­des­li­ga unge­mein zur Beru­hi­gung bei, weil nichts macht einen ner­vö­ser vor dem Liga­start als eine Bla­ma­ge im Pokal — auch wenn die rein gar nichts über den Aus­gang der Sai­son aus­sa­gen muss. Wobei wir 2018, als wir in Ros­tock rausflogen…lassen wir das. Schön auf jeden Fall, dass das Erst­run­den-Spiel dies­mal wirk­lich den Sai­son­auf­takt dar­stell­te und nicht zwi­schen zwei Spiel­ta­ge in eine eng­li­sche Woche gepresst wur­de.

War­um also unan­ge­nehm sou­ve­rän? Weil mich die­ses Spiel dar­an erin­ner­te, wie enga­giert, aber unterm Strich chan­cen­los wir in der wei­ter ent­fern­ten Ver­gan­gen­heit mit­un­ter gegen spie­le­risch über­le­ge­ne und abge­zock­te Mann­schaf­ten waren, auch wenn es sich wäh­rend des Spiels nicht so anfühl­te. Hier mal ein Kon­ter, da knapp am Tor vor­bei geschos­sen, dort einen der weni­gen Feh­ler des Geg­ners nicht genutzt — und schwupps liegt man 0:2 hin­ten. So erging es Han­sa an die­sem Frei­tag­abend, die zwar ein paar Mal geschickt hin­ter die letz­te Ket­te des VfB kamen, dann aber nur zuse­hen konn­ten, wie Neu­zu­gang Dzen­an Pejci­no­vic ein­mal aus größ­ter Bedräng­nis und dann völ­lig frei­ste­hend das Spiel schon in der ers­ten Halb­zeit allei­ne ent­schied. Der VfB ließ sich auch von der frü­hen ver­let­zungs­be­ding­ten Aus­wechs­lung von Niko Nar­tey nicht aus dem Kon­zept brin­gen, son­dern war, wie von Trai­ner Hoe­neß vor der Par­tie gefor­dert, “klar in der Bir­ne” und zock­te die­ses Spiel gekonnt run­ter.

Genau so muss so ein Spiel laufen

Für Außen­ste­hen­de mag ein deut­li­cher Sieg eines Cham­pi­ons-League-Teil­neh­mers gegen den Dritt­li­ga-Fünf­ten der ver­gan­ge­nen Sai­son nichts Beson­de­res sein, für VfB-Fans war die­ser Sieg die ers­te Bestä­ti­gung eines Gefühls, was uns schon den gan­zen Som­mer über beglei­tet, näm­lich dass in weiß und rot aktu­ell ziem­lich gut läuft und man sich rela­tiv wenig Sor­gen vor dem Ein­bruch machen muss, den manch geg­ne­ri­scher Fan uns schon seit mitt­ler­wei­le Jah­ren andich­ten will. Natür­lich muss man rela­ti­vie­rend ein­räu­men, dass es eben doch nur ein Sieg gegen einen Dritt­li­gis­ten war. Aber der Qua­li­täts­un­ter­schied war in sol­chen Spie­len ohne­hin nie ein The­ma. Viel­mehr tat sich der VfB schwer, die Emo­tio­na­li­tät und Inten­si­tät des Geg­ners mit­zu­ge­hen und muss­te sich am Ende doch mit einem blau­en Auge über die indi­vi­du­el­le Qua­li­tät ret­ten.

Nicht so im Ost­see­sta­di­on. Das 1:0 resul­tier­te aus einer Pres­sing­si­tua­ti­on der Brust­ring­trä­ger und auch bei den wei­te­ren Toren war man hell­wach und ließ damit bei den Gast­ge­bern erst gar kein Momen­tum auf­kom­men. Genau so muss man sol­che Spie­le ange­hen und mit Dzen­an Pejci­no­vic scheint man ein Puz­zle­stück gefun­den zu haben, wel­ches die Mann­schaft auch gegen tief­stehen­de Geg­ner per­fekt ergänzt — wobei natür­lich die tief­stehen­den Abwehr­rei­hen in der Bun­des­li­ga und der Cham­pi­ons League noch­mal eine ande­re Qua­li­tät haben. Nichts­des­to­trotz führ­te sich der jun­ge Stür­mer gleich mit viel Selbst­be­wusst­sein, dass er hof­fent­lich auch in den kom­men­den Wochen auf den Platz brin­gen wird.

Es werden spannende Wochen

Für die­se barg der Sieg in der ers­ten Pokal­run­de auch eini­ge Fin­ger­zei­ge. Nein, ich mei­ne nicht die spä­te Ein­wechs­lung von Erme­din Demi­ro­vic. Viel­mehr steht dem VfB durch den mehr­wö­chi­gen Aus­fall von Niko­las Nar­tey auf der rech­ten Abwehr­sei­te ein ziem­li­ches Per­so­nal­pro­blem ins Haus, denn dort kön­nen aktu­ell nur noch der fast schon aus­ge­boo­te­te Josha Vagno­man zur Ver­fü­gung sowie Leo Ster­giou, der schon in Hei­den­heim nicht wirk­lich viel Spiel­pra­xis sam­meln konn­te und dem Ver­neh­men nach auch nicht unbe­dingt am 2. Sep­tem­ber noch im Kader ste­hen wür­de. Nicht unbe­dingt die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen für ein Duell mit den schnel­len Flü­gel­spie­lern des Dou­ble­si­e­gers am kom­men­den Frei­tag. Auch bezeich­nend, dass Ata­kan Kara­zor, von Hoe­neß vor dem Spiel noch zum Kapi­tän für min­des­tens die­se Par­tie bestimmt, sei­ne Bin­de 90 Minu­ten lang nur von der Bank aus am Arm von Deniz Undav beob­ach­ten durf­te. Als das Spiel längst ent­schie­den war, wur­de auch nicht er, son­dern Che­ma ein­ge­wech­selt.

Ansons­ten hat die Par­tie bei den Han­sea­ten, die schon in der Liga in zwei Spie­len fünf Gegen­to­re kas­sier­ten, natür­lich für die Liga-Spie­le in Mün­chen, in Hof­fen­heim und gegen Dort­mund weni­ger Aus­sa­ge­kraft. Wobei man im ver­gan­ge­nen Jahr auch nach dem Elf­me­ter­schie­ßen gegen Braun­schweig teil­wei­se erschre­ckend über­heb­li­che Par­tien hin­leg­te, bevor man damit beim 1:3 in Frei­burg auf die Fres­se flog. Der VfB 2026/2027 scheint, zumin­dest den ers­ten Ein­drü­cken nach, men­tal wesent­lich gefes­tig­ter und viel mehr in der Lage, die eige­ne Qua­li­tät nicht nur im Hin­ter­kopf zu haben, son­dern auch auf den Platz brin­gen zu kön­nen — was dann eben zu einem der­art abge­zock­ten Auf­tritt führt, der uns als Geg­ner frü­her in den Wahn­sinn getrie­ben hät­te. Was uns hof­fent­lich kom­men­den Frei­tag in Mün­chen erspart bleibt.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass blickt mit Sor­ge auf die Ver­letz­ten­lis­te und pro­phe­zeit: “Der Star des VfB könn­te in den kom­men­den Wochen des­halb jemand wer­den, der gar nicht auf dem Platz steht: Dr. Best und die Reha-Welt.”

Titel­bild: © Chris­ti­an Kas­par-Bart­ke/­Get­ty Images (es gab noch kein ande­res und wir kön­nen nicht so gut pho­to­shop­pen wie die Kol­le­gen vom Ver­ti­kal­pass)

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