Hausaufgaben vergessen

Beim FC St. Pau­li setzt es für den VfB die ers­te Bun­des­li­ga-Nie­der­la­ge seit der Heim-Klat­sche gegen die Bay­ern vor ziem­lich genau zwei Mona­ten. Was das 1:2 einer­seits gut in den Gesamt­kon­text ein­ord­net, ande­rer­seits aber auch eine Par­al­le­le dar­stellt.

Drei Erkennt­nis­se aus dem Auf­tritt des VfB am Mill­ern­tor: St. Pau­li ist nicht Kiel, wer nicht aufs Tor schießt gewinnt kei­ne Spie­le und Hand ist nicht immer gleich Hand. Und die drit­te Erkennt­nis kann man eigent­lich ver­nach­läs­si­gen, denn auch wenn Schieds­rich­ter Ben­ja­min Brand als Crou­pier beim Hand­re­gel­aus­le­gungs­rou­lette kein, nun ja, glück­li­ches Händ­chen hat­te, kann man ihn schwer­lich für den anfäl­li­gen und ein­falls­lo­sen Auf­tritt der Brust­ring­trä­ger in Ham­burg ver­ant­wort­lich machen. Denn geht man nach Under­stat, dann hat­te der VfB nur vier Mal in die­ser Sai­son einen expec­ted goals-Wert unter 1: Beim 1:0 gegen Glad­bach, beim desas­trö­sen 1:3 in Frei­burg, beim noch desas­trö­se­ren 0:5 in Mün­chen und eben gegen St. Pau­li — es sei denn man rech­net wie die Bun­des­li­ga den völ­lig ver­un­glück­ten Abschluss von Bouana­ni ins Sei­ten­aus als Tor­schuss. Das Spiel gegen Glad­bach mal aus­ge­nom­men ließ sich der VfB in den bei­den ande­ren Spie­len kom­plett den Schneid abkau­fen und ver­lor ver­dient — so auch in Ham­burg.

Die Fra­ge ist dabei, wie viel den Abstiegs­kämp­fern und ihrem Sup­port von den Rän­gen zuzu­schrei­ben ist und wie­viel dem Auf­tritt des VfB. Schon in Kiel am Mitt­woch ließ man defen­siv viel zu viel zu, hat­te aber Glück, dass der Geg­ner im Pokal nicht die Qua­li­tät besaß, um sei­ne Chan­cen zu nut­zen und sei­ner­seits nicht sat­tel­fest genug war, um sich der spä­ten Ent­schei­dung durch Füh­rich und…äh, Kara­zor zu erweh­ren. Dass uns St. Pau­li in Schach hal­ten kann, haben sie letz­tes Jahr in der Hin­run­de im Neckar­sta­di­on erwie­sen. In die­ser Sai­son sind sie etwas schlech­ter unter­wegs, die nied­ri­ge Anzahl an geschos­se­nen Toren darf aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass es wei­ter oben plat­zier­te Mann­schaf­ten gibt, die wesent­lich häu­fi­ger den Ball aus dem eige­nen Netz holen muss­ten. Was wie­der­um für uns kein Pro­blem wäre, wenn wir nicht so unglaub­lich viel zuge­las­sen hät­ten. 70 Mal hat­te der FCSP vor die­sem Spiel aufs geg­ne­ri­sche Tor geschos­sen — sie­ben Mal gelang es ihm am Sams­tag­nach­mit­tag. 20 Tore ste­hen für die Ham­bur­ger jetzt nach 21 Spie­len auf dem Kon­to, ein Zehn­tel davon gegen uns. Ohne die Leis­tung des Geg­ners schmä­lern zu wol­len: Die­ser Sieg war auch ein Geschenk des VfB.

Vorne lief gar nichts zusammen

Ob es nun an der Pau­se für Jeff Cha­b­ot lag, dass St. Pau­li zu so vie­len Chan­cen kam weiß ich nicht. Jeltsch und Hen­driks sind ja nun auch kei­ne Ersatz­ver­tei­di­ger, viel­mehr war es das gesam­te Defen­siv­ver­hal­ten, wel­ches uns zu schaf­fen mach­te. Exem­pla­risch das 0:1, bei dem sich Jeltsch, Vagno­man und Kara­zor mit einem Pass aus dem Spiel neh­men las­sen und Sali­a­kas frei­ste­hend zum 1:0 tref­fen kann. Dass St. Pau­li danach nur noch der so berech­tig­te wie über­flüs­si­ge Hand­elf­me­ter zum Tor ver­half, war dem Ein­satz zu ver­dan­ken, mit dem sich die Mann­schaft in jeden Schuss warf. Dass sie aber über­haupt in die unan­ge­neh­me Situa­ti­on gelang, bei einem tief­stehen­den, gut ver­tei­di­gen­den Abstiegs­kan­di­da­ten einem 0:2 hin­ter­her zu lau­fen, hat auch mit den Offen­siv­be­mü­hun­gen zu tun — oder deren Feh­len. Dass wir es nicht schaf­fen aus Stan­dard­si­tua­tio­nen Gefahr zu erzeu­gen — Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel — ist das eine, aber gegen St. Pau­li lief vor­ne wirk­lich nichts zusam­men. Erme­din Demi­ro­vic war qua­si unsicht­bar, Deniz Undav hat­te eine gute Idee, schei­ter­te aber an der Aus­füh­rung, meis­tens kamen die VfB-Spie­ler gar nicht zur Aus­füh­rung.

Das auf die Müdig­keit nach vie­len eng­li­schen Wochen zu schie­ben, ist mir zu ein­fach. Auch St. Pau­li spiel­te am Diens­tag im Pokal und für die Mehr­fach­be­las­tung haben wir einen brei­ten Kader. Dass Hoe­neß den ange­sichts der anste­hen­den vol­len Trai­nings­wo­che, der ers­ten seit dem Trai­nings­auf­takt ins Jahr, nicht groß rotier­te, kann ich nach­voll­zie­hen: Lie­ber früh das Spiel ent­schei­den, als am Mill­ern­tor nach­le­gen zu müs­sen. Das Pro­blem war aber, dass die Spie­ler, die auf dem Feld stan­den, das Spiel nicht ent­schei­den konn­ten. Ange­lo Stil­ler und Bil­al El Khan­nouss, nor­ma­ler­wei­se in der Lage auch dich­te Abwehr­rei­hen durch über­ra­schen­de Spiel­zü­ge zu kna­cken, wirk­ten über­spielt, die Außen­ver­tei­di­ger Vagno­man und Mit­tel­städt brach­ten kei­nen geziel­ten Ball nach innen und auch Chris Füh­rich konn­te sich nicht durch­set­zen. Hin­zu kommt, dass die Mann­schaft — viel­leicht bedingt durch den unnö­ti­gen Aus­gleich der Frank­fur­ter — seit eini­gen Wochen ihrer Rest­ver­tei­di­gung nicht mehr ver­traut und des­halb immer mut­lo­ser gegen defen­si­ve Mann­schaf­ten auf­tritt. War sonst die Chan­cen­ver­wer­tung, zu denen der VfB eigent­lich immer kommt, ein Pro­blem, waren es dies­mal die feh­len­den Abschlüs­se.

Und um das Offen­sicht­li­che gleich abzu­räu­men: Das pas­siert. Bes­se­ren Mann­schaf­ten etwas sel­te­ner als uns, schlech­te­ren etwas häu­fi­ger. Wie schon die Spie­le gegen Frei­burg und Mün­chen soll­te auch die­ses ein Warn­schuss sein, der die Sin­ne schärft. So lief es in der Vize­meis­ter-Sai­son so lief es bis­her in die­ser Spiel­zeit, nur ver­gan­ge­ne Sai­son sorg­ten die Warn­schüs­se eher für Kopf­schmer­zen als für erhöh­te Wach­sam­keit. Womit ich zu einem wei­te­ren Aspekt kom­me, der vor dem Köln-Spiel inter­es­sant wird: Ver­gan­ge­ne Sai­son war, so war zu lesen oder zu hören, weni­ger die Klat­sche gegen PSG ver­ant­wort­lich für Nie­der­la­gen-Serie, son­dern viel­mehr der ver­än­der­te Rhyth­mus, der einen die Ent­täu­schung vom Wochen­en­de nicht drei Tage spä­ter wie­der ver­ges­sen ließ. Die eng­li­schen Wochen wer­den jetzt unwei­ger­lich weni­ger — das Pokal-Halb­fi­na­le fin­det erst in über zwei Mona­ten statt — und ich hof­fe, dass die Mann­schaft aus letz­ter Sai­son gelernt hat, damit umzu­ge­hen. Dann bleibt das Spiel gegen St. Pau­li auch nur ein Aus­rut­scher, wie ver­ges­se­ne Haus­auf­ga­ben, die man eigent­lich mit Leich­tig­keit erle­digt hät­te, wenn man nicht ges­tern völ­lig neben der Kap­pe gewe­sen wäre.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass sieht den Return of the Auf­bau­geg­ner und stellt fest: “Es war ein­fach eines die­ser Spie­le, in denen der VfB nicht genug inves­tier­te, der Geg­ner am Leis­tungs­li­mit spiel­te und dann auch noch vie­le Din­ge, die in die­sem Jahr bis­lang zuguns­ten des VfB, auf die Sei­te des Geg­ners kipp­ten. Spie­le, die wir frü­her in unschö­ner Regel­mä­ßig­keit sahen, aber unter Sebas­ti­an Hoe­neß zum Glück sehr sel­ten.” Sehr lesens­wert auch die Spiel­ana­ly­se beim Mill­ern­ton.

Titel­bild: © Selim Sudheimer/Getty Images

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