Rafft Euch mal!

Eine Euro­pa­po­kal-Plat­zie­rung ist futsch, der nächs­te Geg­ner kann zur nächs­ten Blau­pau­se für den Pokal­fi­nal­geg­ner wer­den und über­haupt ist die Stim­mung rund um den VfB drei Wochen vor der ers­ten reel­len Titel­chan­ce seit 18 Jah­ren ziem­lich beschis­sen. Schluss damit!

Schon wie­der ein Gegen­tor in letz­ter Minu­te, schon wie­der die Fas­sungs­lo­sig­keit dar­über bei Spie­lern und Ver­ant­wort­li­chen, schon wie­der die Durch­hal­te­pa­ro­len auf dem Weg ins sport­lich jetzt bedeu­tungs­lo­se Sai­son­fi­na­le und schon wie­der die gro­ße Welt­un­ter­gangs­stim­mung vor dem Pokal­fi­na­le am 24. Mai. Ich neh­me mich dabei nicht ganz aus: Dass sich unse­re Mann­schaft jede Woche auf ande­re Wei­se ein Bein stellt und damit die Selbst­ver­ständ­lich­keit aus der letz­ten Sai­son mehr und mehr ver­liert, geht mir auch auf die Ner­ven. Das 4:4 mit drei kreuz­dum­men Stan­dard-Gegen­to­ren nerv­te, das 1:2 gegen Bre­men nerv­te und das nicht nur wegen Schieds­rich­ter­dar­stel­ler Schla­ger. Die Spie­le in Frank­furt und gegen Lever­ku­sen nerv­ten, gegen Kiel, Bay­ern, Hof­fen­heim, Wolfs­burg, Glad­bach, Mainz. Alles Punkt­ver­lus­te, die nicht hät­ten sein müs­sen, vor allem nicht in der Serie. Mal war es die fal­sche Hal­tung zum Geg­ner, mal der Schock, dass die Erwar­tungs­hal­tung an das Cham­pi­ons-League-Spiel in Paris nicht mit der Rea­li­ät in Ein­klang stand. Mal war es auch Pech oder ein schlech­ter Schieds­rich­ter. So rich­tig lässt sich die Stand jetzt schlech­tes­te Rück­run­de seit über zehn Jah­ren nicht erklä­ren, was aller­lei Raum für Inter­pre­ta­ti­on in bei­de Rich­tun­gen lässt.

Folgt man der Argu­men­ta­ti­on von Sebas­ti­an Hoe­neß, der sei­ner Mann­schaft seit Wochen den Rücken stärkt, dann erzählt jeder Punkt­ver­lust sei­ne eige­ne Geschich­te, dann hat­te die Mann­schaft immer gute Pha­sen, dann müs­se man nur bei sich blei­ben, um “den Bock umzu­sto­ßen”, wie er jetzt schon mehr­fach betont hat. Natür­lich ist es gera­de jetzt, wenn es aufs Pokal­fi­na­le zugeht, sinn­voll, sei­ne Spie­ler stark zu reden und mit Sicher­heit wird Hoe­neß intern auch anders kom­mu­ni­zie­ren als extern. Nur: Es macht auf dem Platz schein­bar kei­nen Unter­schied. Die Mann­schaft, seit Wochen mit trai­nings­frei­en Tagen und gleich­zei­tig genü­gend Trai­nings­ein­hei­ten geseg­net, schafft es nicht, die ent­schei­den­den Pro­zen­te auf den Platz zu brin­gen, um tief­stehen­de Geg­ner zu über­win­den und stär­ke­re Geg­ner in Schach zu hal­ten. Das Neckar­sta­di­on ist seit Mona­ten sein Selbst­be­die­nungs­la­den, aus­wärts läuft es zwar etwas bes­ser, aber auch da rei­chen die Leis­tun­gen nicht für aus­rei­chend Punk­te. Ent­we­der weil der 50 Mil­lio­nen-Sturm sich Aus­zei­ten nimmt oder weil hin­ten wie­der einer nicht bei der Sache ist oder die Anwei­sun­gen des Trai­ner­teams ver­ges­sen hat.

Dass die Mann­schaft es bes­ser kann, hat sie in der Hin­run­de bewie­sen: 17 Bun­des­li­ga-Spie­le, ein Super­cup-Spiel, drei Pokal­spie­le und sechs Cham­pi­ons-League-Spie­le macht in Sum­me 27 Par­tien, so vie­le wie wir in man­chen Spiel­zei­ten erst Mit­te April absol­viert haben. Und trotz­dem erreich­te der VfB so vie­le Punk­te wie nie in den letz­ten zehn Jah­ren, die Vize­meis­ter­sai­son aus­ge­nom­men. Hat die­ser Kader die Qua­li­tät der Vor­sai­son? Nein. Hat er zu viel Qua­li­tät für Platz 11? Ich mei­ne ja. Dafür ist es aber auch not­wen­dig, die nächs­ten Spie­le end­lich so anzu­ge­hen, als wol­le man sich für den Titel­ge­winn am 24. Mai emp­feh­len. Kei­ne bil­li­gen Stan­dard­ge­gen­to­re mehr? Kei­ne durch­schau­ba­ren Ecken mehr, die der geg­ne­ri­sche Tor­wart nur noch run­ter­pflü­cken muss. Kein Ali­bi-Lang­holz mehr. Seid auf Zack, sucht die Lösun­gen und fin­det sie. Gebt Euch nicht damit zufrie­den, dass es 0:0 steht. Rafft euch end­lich mal!

Eine historische Chance — nutzt sie!

Denn der 24. Mai bie­tet, ich wie­der­ho­le mich da ger­ne, die ers­te reel­le Chan­ce auf einen Titel seit 2007. Ja, ich weiß 2013, als wir Lab­ba­dia schon längst hät­ten ent­las­sen müs­sen und in Ber­lin auf die Tri­ple-Bay­ern tra­fen. Oder 2009, als wir wie­der die Bay­ern hät­ten schla­gen und auf einen Aus­rut­scher von VW hät­ten hof­fen müs­sen. Und nein, die Zweit­li­ga-Meis­ter­schaft und der Super­cup sind kei­ne (ernst­zu­neh­men­den) Titel. Man muss nur einen Blick auf den Brief­kopf des VfB zu wer­fen, um zu wis­sen, dass sich uns die­se Chan­ce nur etwa ein­mal alle zehn Jah­re bie­tet, wenn über­haupt. Wer­den sich die Top­mann­schaf­ten der Bun­des­li­ga nächs­te Sai­son wie­der gegen­sei­tig raus­ke­geln oder von einem Dritt­li­gis­ten aus dem Weg geräumt? Wer­den wir so bald wie­der die Qua­li­tät haben ins Fina­le vor­zu­sto­ßen? Viel­leicht. Aber die Chan­ce ist jetzt. Eine von weni­gen Chan­cen, wenn man auf die gan­zen 133,5 Jah­re Ver­eins­ge­schich­te blickt. Also reißt Euch zusam­men, seid heiß auf die­se his­to­ri­sche Chan­ce. So wie im Halb­fi­na­le. So wie in Turin.

Genau­so wie die Cham­pi­ons League-Rei­se nach Nord­ita­li­en wird die Rei­se nach Ber­lin für die VfB-Fans die da sind, etwas Beson­de­res sein. Und für die vie­len mehr, die (hof­fent­lich) auf dem Schloss­platz oder zu Hau­se vor dem Fern­se­her mit­fie­bern, wird die­ses Spiel etwas Beson­de­res sein. Weil wir jetzt auch nicht so häu­fig im Fina­le ste­hen (1954, 1958, 1986, 1997, 2007, 2013, 2025), als dass das für irgend­wen zur Gewohn­heit wer­den könn­te. Also hört auf so zu tun, als wür­de wegen einer, par­don, beschis­se­nen Rück­run­de hier schon wie­der alles den Bach run­ter gehen und als wäre das ja eh klar gewe­sen, dass Sebas­ti­an Hoe­neß mit sei­ner Mann­schaft in der Rück­run­de ein­bricht und dass Fabi­an Wohl­ge­muth nur zweit­klas­si­gen Ersatz ver­pflich­tet hat. Ja, es gilt nach­zu­bes­sern im Som­mer, vor allem in Sachen Sta­bi­li­tät. Und ja, es wirkt, als wür­de der VfB mal wie­der sei­nen Erfolg nicht kon­so­li­die­ren kön­nen. Aber wir ste­hen im Pokal­fi­na­le ver­dammt noch mal und wir haben anders als 2013 eine Mann­schaft, die nicht sport­lich und finan­zi­ell vorm Aus­blu­ten ist, son­dern eine mit Per­spek­ti­ve. Und ja, Bie­le­feld stürmt gera­de mit wehen­den Fah­nen in die zwei­te Liga. Das heißt aber nicht, dass man mit flau­em Gefühl im Magen und Zynis­mus auf den Lip­pen auf die­ses Pokal­fi­na­le bli­cken muss. Und auch wenn Sebas­ti­an Hoe­neß mit sei­ner Gene­ral­kri­tik an “den sozia­len Medi­en” viel­leicht bewusst übers Ziel hin­aus­ge­schos­sen ist — denn Fans sind Fans, egal ob sie gera­de einen Kom­men­tar auf Insta­gram tip­pen oder in der Kur­ve ste­he — dann soll­ten wir auch auf­pas­sen, dass wir nicht kom­plett in Fata­lis­mus ver­fal­len, nur weil es sich jetzt gera­de wie­der anfühlt wie in den letz­ten zehn Jah­ren. Ganz ehr­lich, rafft Euch mal und freut Euch auf Ber­lin. Wir haben die Chan­ce und wir wer­den sie nut­zen.

Zum Wei­ter­le­sen: Der Ver­ti­kal­pass beleuch­tet in zwei Tex­ten den emo­tio­na­len und den sport­li­chen Aspekt der aktu­el­len Kri­se.

Titel­bild: © Gun­nar Berning/Bongarts/Getty Images

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