Schon wieder kann der VfB nicht in Hoffenheim gewinnen — viel mehr noch: Er schlägt sich diesmal selbst und setzt einen beunruhigenden Trend fort.
Nach dem Heimsieg gegen Stavanger unter der Woche schrieb ich noch von der Balance, die der VfB schnellstmöglich finden muss: Zwischen offensivem Pressing und aufmerksamer Restverteidigung sowie zwischen dem Glauben an das eigene Können und der sich gelegentlich einschleichenden Überheblichkeit und der damit verbundenen Sorglosigkeit. Nun muss man natürlich festhalten, dass die ungeliebten Nachbarn aus dem Kraichgau — auch wenn sie in dieser Saison nicht in der Champions League antreten, ein ganz anderes Kaliber sind als der norwegische Meister. Der wiederum schon etwas anderes ist als ein Mittelklasse-Bundesligaverein wie Köln oder gar ein Drittligist wie Rostock. Heißt: Eine Niederlage am Technikmuseum an der A6 kann durchaus passieren, während Punktverluste gegen die anderen genannten Mannschaften wesentlich dramatischer gewesen wären. Aber: Hoffenheim ist auch nicht Bayern München, gegen die kaum ein Kraut gewachsen ist, will man nicht für ein Spiel seine gesamte Philosophie über den Haufen werfen — aber vielleicht selbst dann nicht. Mindestens ein Punkt wäre also drin gewesen in diesem Mal wieder zum Heimspiel mutierten Auswärtsspiel. Und vor allem: Eine Niederlage hätte nicht sein müssen.
Dass sie am Ende trotzdem zu Buche stand, lag vor allem daran, dass der VfB aus den letzten Spielen offenbar die falschen Schlüsse gezogen hat. Denn mal ganz unabhängig von der eigenen Chancenverwertung waren es ein verlorener Zweikampf von Maxi Mittelstädt 30 Meter vor dem Hoffenheimer Tor (!) und ein Fehlpass von Dzenan Pejcinovic in der gegnerischen Hälfte (!!), die dazu führten, dass der VfB die Heimreise ohne Punkte antrat. In beiden Fällen gelang es der Mannschaft nicht, schnell genug von Angriff auf Abwehr umzuschalten. Beim 1:0 kam Stiller nicht hinter Hlouzek her und hatte mit Prömel auch keinen defensiveren Partner, der die mitunter gegen den Ball auftretenden Schwächen des VfB-Regisseurs hätte kompensieren können. Beim entscheidenden 2:1 stand Stiller nach einem Foul von Ozan Kabak schon gar nicht mehr auf dem Platz. Dass Schiedrichter und VAR an diesem Tag in wichtigen Szenen genauso den Überblick verloren wie die Brustringträger im Umschaltverhalten, soll aber hier gar nicht das Thema sein. Sicher hätte eine korrekte Entscheidung auf Elfmeter das Spiel in unsere Richtung ziehen können. Die Probleme liegen aber tiefer, denn gefühlt war der VfB immer nur einen schlampigen Pass von einem weiteren Konter-Gegentor entfernt.
Vagnoman als Sinnbild
Es ist sicherlich auch nicht zielführend, die gegenwärtigen Defensivprobleme des VfB allein auf die Sechser-Position zurückzuführen, auch wenn Nachwuchstalent Yanik Spalt das Loch in der Mitte genauso wenig stopfen konnte wie Stiller. Aber es ist vielleicht bezeichnend aktuell, dass Sebastian Hoeneß konsequent auf den defensiver orientierten, im Spielaufbau dafür umso umständlicheren Atakan Karazor verzichtet, seine Mannschaft das offensive Pressing aber genauso konsequent durchzieht als stünde der Ex-Kapitän auf dem Platz. Vielleicht sind es auch nicht die Vorgaben des Trainers, die noch nicht zum Leistungsstand der Mannschaft passen, sondern ein Übermaß an Selbstorganisation, der das Team, bestehend aus immerhin sechs spät zurückgekehrten WM-Fahrern, noch nicht gewachsen ist. Zumindest nicht gegen Gegner einer gewissen Güteklasse, die sich besser gegen die Offensivpower des VfB wehren können. Ein bisschen sinnbildlich für die aktuelle Saisonphase steht Joshua Vagnoman, der mit der sehr sehenswerten Vorlage, die Maximilian Mittelstädt im zweiten Anlauf im Tor unterbrachte bereits den vierten Scorerpunkt in dieser Bundesliga-Saison sammelte: Offensiv sehr auffällig, gegen Bayern und Köln zwei Mal an der richtigen Stelle und in Hoffenheim auf seiner Seite sehr durchsetzungsstark. Defensiv jedoch kann er seine Physis nicht gewinnbringend einsetzen und der Grund, warum man ihn beinahe an Hull City abgegeben hätte, liegt in der fehlenden Beständigkeit. Am Ende war es nicht viel, was dem VfB zu einem Unentschieden fehlte — ein korrekter Elfmeterpfiff, eine richtige Entscheidung von Deniz Undav nach erneut starker Vorarbeit von Vagnoman -, aber irgendwie scheint die Mannschaft, wie vergangene Saison, noch nicht so richtig reingekommen zu sein in diese Saison.
Und dann kommt jetzt auch noch Dortmund. Und Undav und Pejcinovic haben in der Liga ja auch noch nicht getroffen. Und überhaupt. Immerhin hat sich Angelo Stiller nur eine Prellung zugezogen. Davon mal abgesehen tun wir gut daran, uns zu erinnern, dass die Saison noch lang ist, genauso wie die anstehende Länderspielpause. Zahlreiche Abstellungen werden zwar das gemeinsame Training wieder erschweren, vielmehr sollte aber das Trainerteam diese Zeit zur Reflektion nutzen. Wir haben offensichtlich eine immense Qualität im Kader und daran ändert auch ein möglicher weiterer Punktverlust gegen Dortmund nichts. Der Mannschaft gelingt es aber noch nicht immer, diese durchgängig auf den Platz zu bringen. Wenn das gelingt, schaffen wir es vielleicht auch, den Bayern nachzueifern, dem Gegner unser Spiel — und unser Pressing — aufzuzwingen und mögliche defensive Kollateralschäden unter Kontrolle zu kriegen. Bis dahin müssen wir cleverer und pragmatischer agieren — wie zum Beispiel Christian Ilzer und seine Mannschaft, die zum ersten Mal in dieser Saison eine Führung über die Zeit brachten und sich damit einen kompletten Fehlstart ersparten. Um von einem solchen zu sprechen ist es übrigens auch beim VfB noch viel zu früh. Schließlich warten nach der Länderspielpause mit Paderborn, dem HSV, Bratislava, Gladbach, nochmal Paderborn und Bremen Mannschaften gegen die wir die Bilanz wieder erheblich aufbessern dürften — wenn wir das spielen, was wir können.
Zum Weiterlesen: Der Vertikalpass sieht alles andere als “ein richtig gutes Auswärtsspiel” und stellt fest: “Die einzigen, die „ein richtig gutes Auswärtsspiel“ hinlegten, waren die VfB-Fans. Ihre Leistung deutlich besser als die der Spieler.”
Titelbild: © Alex Grimm/Getty Images