Der VfB schüttelt das Aus in Europa einfach ab und überfährt den FC Augsburg in dessen Stadion mit 5:2. Auch wenn die Tore mitunter kurios und die zwei Gegentore unnötig waren, zeigt die Mannschaft eine beeindruckende Reaktion auf Donnerstag und die vielen anstrengenden Wochen vorher.
Wenn es eine Situation gibt, die sinnbildlich für die Haltung des VfB zum Spiel in Augsburg stand, dann war es diese: Chris Führich, seit Wochen in bestechender Form und zurecht für die Nationalmannschaft nachnominiert, hatte den Ball im Dribbling eigentlich schon verloren. Dachten alle, inklusive der Augsburger Verteidigung und Angelo Stiller, der schon die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Wenig später erhielt er den Ball von Führich um das Tor von Deniz Undav vorzubereiten. Denn Führich gab sich mit dem Ballverlust nicht zufrieden und holte sich das Spielgerät zurück. Ähnlich entschlossen agierten auch seine Mannschaftskollegen, so dass der VfB entgegen aller Unkenrufe die Patzer der Konkurrenz nutzte und bereits zur Halbzeit mit 3:0 in Führung lag. Das ist vor allem auch deshalb bemerkenswert, weil die Mannschaft erst drei Tage vorher nicht nur an Portos Matchwinner Diogo Costa, sondern auch an den eigenen Nerven gescheitert war, als es darum ging, den Ausflug nach Europa zu verlängern. Weder ließen sich die Brustringträger vom geplatzten Viertelfinaltraum runterziehen, noch arbeitete die schlechte Chancenverwertung am Donnerstagabend in den Köpfen. Auch wenn Finn Dahmen natürlich beim 1:0 auch ordentlich mithalf und damit nicht ganz an die Qualität seines portugiesischen Kollegen heranreicht.
Dennoch: Der VfB zeigte die richtige Reaktion. Auf das Aus im Europapokal, aber auch auf zahlreiche englische Wochen in Folge und die damit verbundenen Strapazen. Zeitweise, wie zum Beispiel beim von Niko Nartey elegant aufgelegten 2:0 durch Tiago Tomás oder beim 3:0, als Nartey die perfekte Flanke von Mittelstädt über die Linie drückte, spielte sich der VfB gar in einen Rausch. Und das gegen eine Mannschaft, die anders als beispielsweise Wolfsburg eine stabile Mittelfeld-Truppe ist, die vor allem zu Hause zuletzt schwer zu knacken war. Was sie auch in der zweiten Halbzeit andeutete, als sie sich massiv steigerte und zwei Anschlusstreffer erzwang, auf die der VfB aber wiederum auch direkt eine Antwort fand. Das wiederum ist ja eine bekannte Stärke unserer Mannschaft, die in den meisten Fällen immer noch eine Antwort auf die eigene Nachlässigkeit findet, die sie auch in Augsburg nach der Pause nicht abstreifen konnte. Aber man braucht dann halt auch die Qualität, um die gegnerischen Fehler zu nutzen. Wie die von Deniz Undav, der zwei Mal die Vorlage von Finn Dahmen dankbar annahm und beim 5:2 von Schlotterbeck im Abseits angespielt wurde und damit Demirovic das Tor auflegen konnte.
Es passte mal wieder alles
Es passte einfach mal wieder alles an diesem Sonntagabend, an diesem Spieltag. Durch den fulminanten Sieg klettert der VfB auf Platz 3 und hat jetzt eine bessere Tordifferenz als die jeweils drei Punkte zurückliegende Konkurrenz von SAP und Red Bull. Gar 15 Zähler beträgt der Vorsprung auf die erneut strauchelnde Eintracht, nimmt man den Unterschied in der Tordifferenz von sage und schreibe 21 Treffern hinzu, dann sind es sogar 16 Punkte Unterschied und das bei nur noch 21 zu vergebenden Punkten in den letzen sieben Spielen. Heißt: Der VfB hat am Sonntagabend nicht nur etwas fürs Selbstvertrauen getan, sondern ist auch kurz davor, das nächste Ticket nach Europa zu stempeln. Natürlich kommen in diesen Spielen noch Gegner wie Dortmund, München, Hoffenheim, Leverkusen und Frankfurt — und damit die gesamte direkte Konkurrenz außer Leipzig — auf uns zu und die Frage, in welchem Europapokal wir im Herbst starten, ist damit immer noch offen. Dennoch stellte der VfB jetzt schon entscheidende Weichen für die kommende Saison, und das bevor die Uhren auf Sommerzeit umgestellt werden.
Wie in der vergangenen Saison steht jetzt bis Saisonende nur noch eine englische Woche an — das Pokal-Halbfinale Ende April. Anders als vergangene Saison steht der VfB jetzt aber viel besser da und angesichts des Auftritts in Augsburg ist auch kein grundsätzlicher Einbruch zu erwarten. Die Mannschaft scheint sich diesbezüglich weiterentwickelt zu haben und muss jetzt vor allem daran arbeiten, die Zahl der unnötig gefressenen Gegentore runter und die der genutzten Großchancen heraufzuschrauben. Aber schon jetzt hat Deniz Undav so viele Tore erzielt wie in der gesamten Vizemeister-Saison. Schon jetzt kann der VfB die Saison im worst case auf Platz 8 beenden. Aktuell spielt der VfB nach eben jener Vizemeister-Saison die zweitbeste Spielzeit seiner Bundesliga-Geschichte. Und kann nach der wohlverdienten und benötigten Länderspielpause mit Volldampf Richtung Saisonfinale fahren. Der Kurs stimmt.
Titelbild: © Alexander Hassenstein/Getty Images