Auch gegen Atlético kann der VfB nicht gewinnen — nicht mal in Überzahl. Das ist trotz zahlreicher Chancen aber wesentlich besser verkraftbar als letzten Samstag — wegen der Qualität des Gegners, vor allem aber wegen des überzeugenden Auftritts.
Na bitte, es geht doch: Der Verein für Bewegungsspiele ist auf internationaler Bühne in dieser Saison weiter ungeschlagen und wäre tabellarisch sogar auf Augenhöhe mit den Branchengrößen aus Paris oder Liverpool, wenn nur der Ball ein zweites Mal den Weg ins Tor gefunden hätte. Wobei man der Mannschaft nicht vorwerfen kann, dass sie es nicht versucht hätte: 22 Schüsse feuerte sie auf das Tor von Jan Oblak ab und es hätte, wie beim Kopfball von Jeff Chabot, nicht viel gefehlt, um an diesem Abend eine magische Champions-League-Nacht im Oktober vor 23 Jahren wieder auferstehen zu lassen. Vielleicht waren die Spieler mit dem Brustring nach dem Platzverweis gegen Madrids Hjulmand auch ein bisschen zu kontrolliert, weil ihnen im Hinterkopf immer noch diverse Konter-Gegentore der letzten Wochen herumspukten. Unterm Strich steht aber einen Punkt gegen eine Mannschaft, die in La Liga seit Jahren zur Spitze zählt und in der Königsklasse letztes Jahr bis ins Halbfinale vorstieß. Vor allem aber steht da ein reifer, hungriger Auftritt einer VfB-Mannschaft, die zuletzt den Eindruck erweckte, als sei sie sich ihrer Qualität all zu sicher.
Dass die alleine gegen Atlético nicht ausreichen würde, war von vornherein absehbar, weswegen man sich beim VfB endlich wieder auf seine Stärken besann: Hohes Pressing, direktes Spiel und konzentriertes Verteidigen. Auch das ist natürlich nicht über 90 Minuten durchzuhalten und der Ausgleich von Alvarez direkt nach der Pause reiht sich ein in eine lange Liste von absolut vermeidbaren weil kaum ernsthaft verteidigten Gegentoren. Aber bereits vor dem Platzverweis, der gegen eine Mannschaft dieser Qualität ja nicht unbedingt die gleichen Vorteile bringt wie gegen Konkurrenten in der Bundesliga, hatte die Mannschaft im Brustring bereits die Kontrolle einigermaßen zurück erlangt und leistete sich kaum die zuletzt so gefürchteten Aufbau- und Abspielfehler. Durch die Überzahl erhielt die Mannschaft dann zusätzlich Aufwind, der zwar nicht in drei Punkte mündete, aber immerhin den Gästetrainer so aus der Fassung brachte, dass der zwischendurch nicht nur außerhalb seiner Coaching-Zone, sondern sogar auf dem Platz stand.
Die Leistung übertragen
Getragen wurde die Mannschaft nicht nur von der atemberaubenden Choreographie in der Cannstatter Kurve vor Anpfiff, sondern erneut auch von einem bockstarken Chris Führich, genauso wie von einem Bilal El Khannouss, der ganz groß aufspielte, vorne überall zu finden war und sich nach 20 Sekunden fast dafür belohnt hätte. Nicht zu vergessen auch Angelo Stiller, der seinen guten Auftritt beinahe noch mit einem schönen Dropkick-Tor belohnt hätte, aber auch unabhängig davon immer wieder Lösungen fand. Dennis Seimen war in seinem Heim- und Champions-League-Debüt gar nicht so sehr gefordert wie befürchtet, auch weil sich seine Vorderleute fast keinen Lapsus erlaubten, sondern die Angriffe der Madrilenen größtenteils humorlos wegverteidigten. Abgesehen vom Gegentor musste man als Fan diesmal also nicht in Schnappatmung verfallen, weil einer unserer Spieler wieder etwas entsetzlich dummes angestellt hat. Denn das war ja schon in den letzten Spielen das Problem, die alle nicht wirklich schlecht waren, zum Teil aber auch nicht gut genug und bei denen wir zum einen Cleverness und zum anderen die unbedingte Gier vermissen ließen.
Mit sieben Punkten aus drei Spielen steht der VfB in der Champions League hervorragend da und jetzt vor der Aufgabe, diese Leistung auch in die Bundesliga zu übertragen. Schon am Freitagabend folgt das nächste Heimspiel und die nächste Drucksituation. Die Gladbacher sind zwar qualitativ nicht mit Atlético zu vergleichen, kommen aber mit dem ungeheuren Druck nach Stuttgart, die Serie von sechs Niederlagen zu Saisonbeginn endlich zu beenden. Der VfB hingegen muss unbedingt punkten, nachdem wir in Hamburg schon mindestens einen Zähler verschenkt haben. Anders als am Dienstag haben wir also einiges zu verlieren und müssen uns einer Mannschaft erwehren, die am Boden liegt und deswegen umso gefährlicher ist. Vielversprechend ist, dass weder Spieler noch Verantwortliche mit dem Unentschieden in der Champions League zufrieden waren. Jetzt müssen wir diese Unzufriedenheit endlich in eine höhere Trefferquote umwandeln um in dieser Woche ein weiteres Fußballfest im Neckarstadion zu feiern.
Titelbild: © Alex Grimm/Getty Images