Am Freitagabend verliert der VfB gegen bis dahin punktlose Gladbacher das zweite Ligaspiel in Folge und das fünfte von sieben in dieser Saison. Mannschaft und Trainer ziehen aus dem guten Spiel am Dienstag komplett die falschen Schlüsse.
Ich dachte eigentlich, wir hätten das hinter uns. Diese Arroganzanfälle, wenn wir gegen starke Gegner gut gespielt haben und uns dann einbilden, wir hätten das allein wegen der Qualität und nicht wegen des an den Tag gelegten Einsatzes erreicht. Den wir dann im darauffolgenden Spieler gegen einen Außenseiter wieder vermissen lassen, weil die Qualität ja nach eigener Einschätzung reicht und man einen Tabellenletzten deswegen auf halber Arschbacke abfertigen kann. Sie reicht natürlich nicht und die Überheblichkeit unserer Mannschaft zieht sich ehrlich gesagt schon fast durch die ganze Saison. Und so läuft man dann trotz vieler frischer Beine fünf Kilometer weniger als ein Gegner, dem das Wasser bis zum Hals steht.
Dabei war doch eigentlich klar, wie es gehen kann, wie es gehen muss. Aggressives Pressing, Konzentration, gute Absicherung. All das hat gegen Atlético gut funktioniert. Eine Leistung, die man ohne Weiteres am Freitag hätte reproduzieren können, vor allem nach einer frühen Führung, die man nach einem Gladbacher Torwartfehler geschenkt bekam. Wenn man sich nicht für was Besseres hält. Die feinen Herren von Bad Cannstatt können auf der großen Bühne glänzen und den Stars von Atlético die Bälle weggrätschen, in der Liga schauen sie lieber aus sicherer Entfernung zu, wie ein 17jähriger die eigenen Mitspieler düpiert. So gesehen beim völlig verdienten dritten Tor der Borussia.
Die Gönner vom Wasen
Das Spiel war natürlich schon vorher den Bach runter gegangen. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison lässt man einen Gegner wieder ins Spiel kommen und reibt sich dann verwundert die Augen, dass dieser die teuren Geschenke der Gönner vom Wasen auch annimmt. Selbst in der ersten Pokalrunde beim Drittligisten aus Rostock legte man nach der Pause kurz die Füße hoch. Was man eben so an Wochenenden macht in der feinen Gesellschaft. Schon seit Wochen: Ob beim Nicht-Abseitstor von Bratislava, dem Lattentreffer von Paderborn oder auch gegen Köln. Die Lernkurve wird dabei zum Kreis: Immer wieder die gleichen Fehler, die gleichen Nachlässigkeiten, die gleiche Überheblichkeit.
Die sich die Mannschaft eigentlich nicht leisten kann. Zum Einen weil sie in dieser Saison noch rein gar nichts erreicht hat und man für Platz 4 in der Vorsaison und zwei Pokalfinals in Folge keinen Bonus kriegt. Weder in der Liga, noch in der Nationalmannschaft. Und zum Anderen, weil der VfB in der Entwicklung der letzten Jahre an einem entscheidenden Punkt steht. Erstmals seit seinem Amtsantritt muss Sebastian Hoeneß nicht nur keine Stammspieler ersetzen, sondern hat mit Spielern wie Prömel und Pejčinović seine Wunschspieler bekommen, um die Mannschaft weiterzuentwickeln oder mindestens auf dem erreichten Niveau zu halten. Mit Deniz Undav konnte ein zentraler Spieler der Mannschaft gehalten werden. Das alles geschah mit einem hohen finanziellen Aufwand. Trainer und Mannschaft stehen in der Verantwortung, diese hervorragenden Rahmenbedingungen auch zu nutzen.
Schließlich laufen im Jahr 2028 auch eine Reihe von Verträgen mit Leistungsträgern aus. Mit Leistungen wie denen am Freitagabend empfehlen sich nur die wenigsten für kostspielige Verlängerungen. Und noch weniger für Engagements bei Vereinen, die sportlich und finanziell vor dem VfB stehen und bei dem sich der eine oder andere vielleicht in Zukunft sieht. Ich werde jetzt nicht diese lächerliche Auto-Diskussion aufmachen, die völlig am Thema vorbeigeht, aber scheinbar geht es zu vielen in der Mannschaft gerade zu gut, gerade der zweiten Reihe, die sich am Freitagabend beweisen durfte und genauso versagte wie die Führungsspieler und Leistungsträger. Gerade wie diese. Denn auch wenn die Mannschaft am Freitag als Kollektiv versagte, kommt jenen Spielern, die die Mannschaft anführen sollten, was Leistung und Mentalität angeht, eine besondere Verantwortung zu, genauso wie dem Trainer.
Drecksarbeit fürs Scheinwerferlicht
Dass der bei vier Spielen in zehn Tagen rotieren muss, ist klar. Es gibt aber Spieler, die sind nun mal unverzichtbar, wie zum Beispiel Jeff Chabot, in dessen Abwesenheit Ramon Hendriks und Finn Jeltsch ziemlich überfordert waren. Dass Lorenz Assignon für Josha Vagnoman rein rutschte, war klar, es half jedoch nicht, das dieser völlig neben sich stand und vor sich mit dem jungen Leo Sauer keine Stütze hatte. Auch Atakan Karazor bewies erneut, dass er seinen Zenit langsam überschritten hat. Hätten diese Rotationsspieler Führungsspieler neben sich, an denen sie sich orientieren können, wäre das alles nicht so wild. Aber die standen entweder nicht auf dem Platz oder waren höchstens körperlich anwesend. Ein Deniz Undav kam in 35 Minuten auf einen Torschuss stellte sich anschließend — als Kapitän wohlgemerkt — nicht mal den Fragen der Journalisten. Ein Angelo Stiller spielte nicht nur ungewöhnlich viele Fehlpässe sondern war auch gegen den Ball kaum zu gebrauchen. Auch Maxi Mittelstädt und Chris Führich konnten keinen Unterschied machen. Wer auch nächste Saison unter der Woche im Scheinwerferlicht stehen will, muss eben auch am Wochenende die, pardon, Drecksarbeit machen.
Mit den Auftritten in vielen der letzten Spiele bringt sich die Mannschaft in eine prekäre Situation. Nicht nur, dass sie am Sonntagabend auf einem Abstiegsplatz stehen könnte, sie muss nun mitten in den englischen Wochen den Turnaround schaffen. Da ist das Pokalspiel eigentlich genauso irrelevant wie das Gastspiel bei Galatasaray in der Folgewoche. Kommenden Samstag geht es nach Leverkusen, danach kommt der SV Werder Füllkrug nach Stuttgart. Beides Spiele, die prädestiniert sind für dumme Fehler und absehbare Gegentore. Genauso wie es das Spiel am Freitag in der Zeit vor Hoeneß war — und aktuell scheinbar wieder. Wobei man auch in der vergangenen Saison beim 1:3 in Freiburg — auch nach einer Führung von Demirovic — eine solche Scheiß-Haltung an den Tag legte und die Spiele danach wieder ernsthafter anging. Das war aber am dritten Spieltag und nicht am am siebten. Nach diesem mittlerweile katastrophalen Saisonstart bedarf es in Bad Cannstatt einer ehrlichen Analyse, wie man die Saison retten und das große Potenzial, dass Mannschaft und Verein haben, nicht nicht vergeuden will.
Zum Weiterlesen: Der Vertikalpass nennt den Auftritt gegen Gladbach berechtigterweise Eine Unverschämtheit und kritisiert: “Der Auftritt war respektlos gegenüber allen, die im Stadion waren, und gegenüber den Fans und Mitgliedern, die diesen Club tragen.”
Titelbild: © Christian Kaspar-Bartke/Getty Images